J. Smith u.a. (Hrsg.): Khrushchev in the Kremlin

Cover
Titel
Khrushchev in the Kremlin. Policy and Government in the Soviet Union, 1953–64


Herausgeber
Smith, Jeremy; Ilic, Melanie
Reihe
BASEES/Routledge Series on Russian and East European Studies, 73
Erschienen
London 2010: Routledge
Anzahl Seiten
249 S.
Preis
£90.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katharina Uhl, St Antony's College, Oxford University

Obwohl sich die osteuropäische Geschichte in den letzten Jahren verstärkt der Epoche zuwendet, in der Nikita Sergejewitsch Chruschtschow an der Spitze von Partei und Staat in der Sowjetunion stand, fällt es schwer ein aktuelles Überblickswerk zu nennen, das die wichtigsten Bereiche von Politik, Gesellschaft und Kultur der Jahre zwischen 1953 und 1964 abdecken würde. Zur Einführung ist es üblich, Donald Filtzers Monographie oder das Kapitel von Stephan Merl aus dem “Handbuch der Geschichte Russlands” zu empfehlen.[1] Der Sammelband von Jeremy Smith und Melanie Ilic hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, unter Berücksichtigung der neu erschienenen Sekundärliteratur und auf Basis von groß angelegten Archivrecherchen die Schlüsselbereiche von Chruschtschows Politik zu beleuchten. Das Interesse sowohl der hier versammelten Beiträge als auch des Zwillingsbandes “Soviet State and Society Under Nikita Khrushchev“[2], die beide Teil eines Forschungsprojekts des Zentrums für Russische und Osteuropäische Studien an der Universität Birmingham sind, konzentriert sich besonders auf die Rolle, die der Staats- und Parteiführer Nikita Chruschtschow für die Periode gespielt hat. Hier wird versucht, ausgehend vom biographischen Ansatz „erstens den Charakter der Politik zwischen 1953 und 1964 zu überdenken und zweitens genauer einzelne Bereiche der Politik zu untersuchen und Erklärungen sowohl für die Errungenschaften als auch die Fehlschläge zu suchen“ (S. 3).

Die zwölf Beiträge des Sammelbands sind so angeordnet, dass zunächst der Führungsstil Chruschtschows, die klientelistischen Beziehungen und die politische Machtverteilung innerhalb der leitenden Organe beschrieben werden, während sich die weiteren Beiträge mit einigen der zentralen Bereiche chruschtschowscher Politik befassen. Einige wesentliche Aspekte ziehen sich wie ein roter Faden durch die meisten Kapitel und werden in den verschiedenen thematischen Kontexten verortet. So befassen sich fast alle Beiträge mit der Entstalinisierung und ihren Folgen und Nebeneffekten: Die Abkehr vom stalinistischen System machte einen neuen Umgang mit abweichendem Verhalten nötig und verhalf Lenin und vermeintlich leninschen Ideen zu neuer Popularität. In den einzelnen Kapiteln kommt dabei entweder der neue Führungsstil der sogenannten „kollektiven Führung“ oder die angestrebte Dezentralisierung von Entscheidungsprozessen in Politik und Wirtschaft oder schließlich die Wiederbelebung des utopischen Projekts vom Aufbau des Kommunismus zur Sprache.

Ian Thatcher zeigt in seinem Beitrag zum Führungsstil Chruschtschows, dass die Vorstellungen, die der Erste Parteisekretär von seiner eigenen Rolle als Staats- und Parteichef hatte, stark von leninistischen Prinzipien geprägt waren. Diese siedelten die Macht vor allem bei der Partei an und betrachteten Entscheidungen als Ergebnis kollektiver Diskussionen in den entsprechenden Organen. Chruschtschow selbst war allerdings unfähig, sich an diese Konzepte zu halten. Gründe dafür sieht Thatcher vor allem in der Konfrontation mit realen Schwierigkeiten im wirtschaftlichen Bereich, die Chruschtschow nur mit harter Hand lösen zu können glaubte, und in der Erwartungshaltung seiner Umgebung, die an einen autoritären Führungsstil gewohnt war. Nikolai Mitrokhin betrachtet einen anderen Aspekt der Herrschaftssicherung: Chruschtschow gelang es, sowohl in der Ukraine als auch in Moskau einflussreiche Netzwerke aus loyalen Anhängern um sich zu formieren, die die Basis für seinen Aufstieg zur Macht bildeten. Ein anderes entscheidendes Gremium für Chruschtschows Machtsicherung war das Zentralkomitee der KPdSU, deren Entwicklungslinien Aleksandr Titov in seinem Beitrag nachzeichnet. An den verschiedenen Umstrukturierungen dieses Organs zeigt sich der Konflikt zwischen den Idealen der Entstalinisierung und der Realität: Dezentralisierung, Antibürokratiekampagnen und die Revitalisierung der Partei gerieten bald in Konflikt mit der Notwendigkeit, sich verstärkt wirtschaftlichen Verwaltungsaufgaben widmen zu müssen.

Robert Hornsbys Beitrag zum Dissens unter Chruschtschow ist der erste, der sich nicht direkt auf die Person Chruschtschows konzentriert, sondern auf die Auswirkungen, die seine politischen Schritte und ideologischen Weichenstellungen auf die Gesellschaft hatten, wenn es darum ging, abweichendes Verhalten zu verorten. Nach einer anfänglichen Phase der Unsicherheit im Umgang mit politischem Dissens und panischen ad-hoc-Kampagnen gegen jugendliche Unruhestifter stellte sich Anfang der 1960er-Jahre ein gewisser Pragmatismus ein, der unter Breschnew andauern sollte. Ein anderer Bereich, in dem Chruschtschows Politik als Weichenstellung für die späte Sowjetunion diente, zeigt sich in dem neuen Zugang zu Nationalitäten der Sowjetunion und zu den Ostblockstaaten, mit dem sich die Beiträge von Jeremy Smith und Katalin Miklossy beschäftigen. Beide Beiträge machen deutlich, wie wichtig die Haltung der örtlichen Parteifunktionäre für erfolgreiche Politik war und wie sehr der ideologische Imperativ beschränkt wurde von pragmatischen Erwägungen und notwendigen Reaktionen auf konkrete Probleme.

Ein ähnliches Bild ergibt sich für die sownarchosy-Reformen, die in den Beiträgen von Nataliya Kibita und Valery Vasiliev beleuchtet werden. Diese wirtschaftlichen Reformen trugen zwar zur Dezentralisierung bei und brachten den Sowjetrepubliken mehr Freiraum, verpassten es aber, die wirtschaftliche Effizienz zu steigern und schwächten den Einfluss der Zentrale in Moskau. Auch Sari Autio-Sarasmos Beitrag verweist auf eine Schwachstelle der sowjetischen Wirtschaft: auf den chronischen Mangel an eigener Technologie. Um trotzdem auf der internationalen Bühne mithalten zu können und aufgrund Chruschtschows „technological utopianism“ (S. 143), fand ein ausgedehnter Import westlicher Technologie in die Sowjetunion statt, der auch nach Chruschtschows Abtritt anhielt. Das enttäuschende Kapitel von John Westwood über die Entwicklung der Eisenbahn in der Sowjetunion und in Großbritannien beschäftigt sich ebenfalls mit dem Import von Technologie, versäumt es aber, diese Thematik mit einem der relevanten Themenfelder zu verbinden.

Ein Beispiel dafür, welche Rolle die utopistischen Pläne des Kremlherrn spielten, ist das Phänomen der Dateninflation. Am Beispiel des Gebiets Rjasan beschreibt Oleg Khlevniuk, wie eine regionale Parteiführung mit Betrug und Fälschung auf die utopischen Kampagnen zur Steigerung der Fleischproduktion reagierte. In der Folge nahm Chruschtschow seinen Kampf gegen den Parteiapparat auf, der schließlich zu seinem Sturz führen sollte. In einem letzten Kapitel vergleichen R.W. Davies und Melanie Ilic die Wohnungsbaupolitik Chruschtschows in den 1930er- und in den 1950er-Jahren. Ihr nicht allzu überraschendes Ergebnis ist, dass sich die Industrie der 1930er-Jahre auf die Schwerindustrie konzentrierte, während Chruschtschow in den 1950er-Jahren den Wohnungsbau an die Spitze seiner sozialpolitischen Agenda stellte.

Dieses letzte Kapitel ist typisch für die meisten Beiträge des Sammelbandes, die zwar eine Fülle von Material analysieren, in ihren Schlussfolgerungen aber meist das wiederholen, was im Großen und Ganzen schon bekannt ist. Zudem erstaunt es, dass der Kalte Krieg nur einmal in Bezug auf den Technologietransfer explizit erwähnt wird, Kulturpolitik komplett ausgeblendet wird, während Sozialpolitik nur in Form des Wohnungsbauprogramms angesprochen wird. Die meisten Beiträge konzentrieren sich auf die 1950er-Jahre und liefern lediglich einen Ausblick auf die 1960er-Jahre, die dann meist als Übergangsphase zur Breschnew-Ära gesehen werden. Berücksichtigt man den Zwillingsband “Soviet State and Society Under Nikita Khrushchev“, werden die Themenbereiche breiter und auch der zeitliche Rahmen entspricht mehr dem eines Handbuchs zur Chruschtschow-Ära. Trotzdem scheint es, dass sich die Autoren des vorliegenden Sammelbandes eher für das Scheitern als für die Errungenschaften der Chruschtschowschen Reformen interessieren. Die meisten Beiträge verweisen immer wieder auf die Enttäuschung, die die Betroffenen erlebten, wenn eine Reform oder ein Aspekt der Entstalinisierungspolitik scheiterte. Die Aussage des Sammelbandes scheint zu sein, dass die Akkumulation dieser negativen Erfahrungen schließlich zu Chruschtschows Sturz und dem Ende des Tauwetters führte. Nichtsdestotrotz macht der Band eine Fülle von Material zugänglich und bearbeitet die gewählten Themen fundiert und detailliert. Einzelne Kapitel werden sicherlich den Lehrbetrieb bereichern und als Standardtexte zu der einen oder anderen Reform oder zum Führungsstil Chruschtschows gelesen werden.

Anmerkungen:
[1] Donald Filtzer, Die Chruschtschow-Ära. Entstalinisierung und die Grenzen der Reform in der UdSSR. 1953-1964, Mainz 1995; Stephan Merl, Entstalinisierung, Reformen und Wettlauf der Systeme. 1953-1964, in: Stefan Plaggenborg (Hrsg.), Handbuch der Geschichte Russlands. Band 5. 1945-1991. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion, Stuttgart 2002, S. 175-318.
[2] Melanie Ilic / Jeremy Smith (Hrsg.), Soviet State and Society under Nikita Khrushchev, London / New York 2009.

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Veröffentlicht am
14.10.2011
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