J. N. Sinha: Science, War and Imperialism

Cover
Titel
Science, War and Imperialism. India in the Second World War


Autor(en)
Sinha, Jagdish N.
Reihe
Social Sciences in Asia 18
Erschienen
Anzahl Seiten
278 S.
Preis
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Georg Berkemer, Humbolt-Universität Berlin

Ein Buch zur Wissenschaftsgeschichte Südasiens in der Zeit des Zweiten Weltkriegs bis in die Jahre nach der Unabhängigkeit wäre eine willkommene Ergänzung zum gängigen Lektüre-Repertoire. Der Titel des vorliegenden Werkes verspricht dies zu tun, aber leider hält der Text nicht das, was ein Blick auf den Einband verspricht. Es geht nicht um Wissenschaftsgeschichte, sondern um Organisationsgeschichte.

Die Einleitung lässt noch hoffen, denn dort sinniert der Autor über das alte Sprichwort, dass der Krieg der Meister aller Ding sei, zumindest was den wissenschaftlich-technischem Fortschritt betrifft. Dazu werden neben Clausewitz weitere Klassiker bemüht, und ohne weitere Belege insbesondere Deutschland als Quelle neuer Technologien im Zweiten Weltkrieg genannt.

Was fördert der Krieg: wirklich Wissenschaft oder doch nur systemrelevante Technologie? Es existieren keine Forschungen, mit denen der Autor seine Behauptung belegen könnte, und es wäre in der Tat auch schwer zu beweisen, dass ein so komplexes Phänomen wie „der Krieg“ tatsächlich als treibende Kraft hinter der Entwicklung der Menschheit steht. Leichter überprüfbar, und wohl auch plausibler als Argument der longe duree, wäre es zu behaupten, dass strukturelle gesellschaftliche Krisen im Allgemeinen, und Konflikte um sozialen und materiellen Gewinn im Besonderen, Anreize zu Entwicklung von Wissenschaft und Technik lieferten. Schließlich ist einerseits, sobald es einen bürokratisch organisierten Wissenschaftsbetrieb gibt, die Konkurrenz der darin Handelnden um knappe Ressourcen und soziales Prestige Grund genug zur Hinwendung zu gesellschaftlich positiv bewerteten Arbeitsfeldern. Im Krieg geschieht dies zudem immer mit mehr oder weniger Zwang, wie Manhattan Project, Enigma und deutsche High-Tech-Zwangsarbeit an der V2 beweisen. Andererseits ist auch die kapitalistische Wirtschaft ohne „Fortschritt“ in jedem denkbaren Sinn nicht vorstellbar und bietet Anreize, die der Krieg nicht liefern kann. So könnte man als Gegenspekulation zu dem von unserem Autor aus alter Zeit übernommenen Szenario auch behaupten, dass ohne die umfassende Macht der militärisch-politischen Apparate die Welt womöglich weniger Wasserstoffbomben und Hungertote, dafür mehr Mondkolonien, und ebenso viele Computer, Farbfernseher und Gentherapien hätte.

Allerdings wäre anstatt Clausewitz ein Rekurs zum Beispiel auf Luhmann oder auf politologische Entscheidungstheorien als Einleitung und Grundgerüst des Buches nützlich gewesen. Dies hätte dem vorliegenden Werk einen Platz in aktuellen Geschichtsdiskursen eröffnet und dem Leser ein interessantes Gedankengerüst bereitgestellt. Leider verweigert der Autor jegliche theoretische Aussage und wiederholt stattdessen Propaganda-Klischees und Sprechblasen psychologischer Kriegsführung. Sollte Clausewitz als einführende These gedacht gewesen sein, dann muss festgestellt werden, dass diese in den folgenden Kapiteln nicht wieder erscheint.

Es folgen auf die Einleitung fünf Kapitel und eine Conclusion mit durchweg konventioneller Vergangenheitsbeschreibung. In etwa 200 Seiten Text und 80 Seiten Anhängen präsentiert der Autor eine Erzählung der fatalen Folgen der britischen Politik der kolonialistischen Ausbeutung Indiens unter besonderer Berücksichtigung der Folgen auf dem Sektor der Forschung und deren Implementierung während des Zweiten Weltkriegs und im Prozess der Unabhängigkeit. Man erfährt: trotz vorhandener Forscher von Weltniveau gibt es in Südasien keine Forschungslandschaft, Bemühungen dahingehend werden systematisch unterdrückt, strategische Technologien und Industrien ersticken in britischer Bürokratie oder werden verboten. Forschungseinrichtungen werden für einige anwendungsorientierte Disziplinen wie zum Beispiel den Gesundheitssektor, für Agrarwissenschaft, Naturfasern und Lederverarbeitung errichtet. Wer dabei neben dem steinigen indischen Weg zur forschungspolitischen Unabhängigkeit auch ein Wort zu Pakistan sucht, tut das vergeblich. Innerhalb der indien-zentrierten Narrative wird dann fast ausschließlich die Perspektive des Indian National Congress vertreten. Hier merkt der Autor jedoch zu Recht an, dass seine Quellenbasis wegen der noch immer bestehenden Geheimhaltung in manchen Archiven sowie der aufwändigen Archivreisen begrenzt sein musste. Die Menge der zitierten unveröffentlichten Materialien ist entsprechend minimal und auf die beiden gängigen Archive in Delhi und London und auf englischsprachige Texte beschränkt. Dies ist zu bedauern, denn es existieren weitere Archivbestände (USA, Japan, Ex-UdSSR, China), die ein wesentlich ausgewogeneres Bild auf die Debatte dieser Zeit um die britische Forschungspolitik und strategische Technologie in Südasien zugelassen hätten.

So muss der Autor zwangsläufig dem Material folgen, das staatlich bestallte Herausgeber aus den Archiven der Alliierten und Indiens selektierten und für die Öffentlichkeit aufarbeiteten. Hier bestimmt die Faszination der Bürokratie für ihr eigenes Wirken den Blick. Es besteht in den Archivalien ein Bias zu Gunsten der Organisationsgeschichte, welchen der Autor treulich und ohne Abweichung ins Kritische wiedergibt. So reduziert sich der Wert des Buches auf die Geschichte jener – meist kurzlebigen – Versuche der Briten, das zuvor systematisch angelegte Defizit an Industrie und Wissenserzeugung in Südasien im Kriege zu kompensieren. Wie halbherzig dies geschah, zeigt der Konflikt zwischen britischer Administration und Gesandten der USA um die Schaffung von Grundlagen für eine Produktionsbasis für die zum Krieg gegen Japan in China und Burma so dringend benötigte Kriegstechnik, etwa die Affäre um private indische Nachbauten von US-Flugzeugen in Bangalore. Diese Geschichte von British Red Tape versus American Strategic Demands kann man aber auch schon in dem Klassiker von Johannes Voigt[1] nachlesen, auf dessen indische Ausgabe sich der Autor ausführlich stützt. Quantitativ und im Sinne der Luzidität steht das fünfte Kapitel „Science for Reonstruction“ im Zentrum des Buches. Hier geht es um die Debatte über ein Indien in der Nachkriegszeit, ein Thema zu dem Sinha schon in den 1990er-Jahren ausführlich publiziert hat.

Wer sich auskennt, findet die kleine Liste der britischen Komitees und Missionen im Anhang nützlich. Einheimische Gegenorganisationen und Unterstützungsgremien sowie die Missionen der USA und Kontakte mit der Guomin Dang fehlen leider.

Als Fazit lässt sich sagen, dass Spezialisten der Organisationsgeschichte hier einen Fundus von Material vorfinden, das als Grundlage eigener Forschung dienen kann. Dass Sinha darüber hinaus begeisterte Leser finden wird, ist zu bezweifeln.

Anmerkung:
[1] Johannes Voigt, Indien im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 1978.