Cover
Titel
Von Helden und Opfern. Eine Geschichte des Volkstrauertags


Autor(en)
Kaiser, Alexandra
Reihe
Campus Historische Studien 56
Erschienen
Frankfurt am Main 2010: Campus Verlag
Anzahl Seiten
462 S., 42 SW-Abb.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jan-Henrik Meyer, Department of History and Area Studies, Aarhus Universitet

Forschungen über Erinnerungskultur, Geschichtspolitik, Erinnerungsorte und nationale Gedenktage gehören spätestens seit den 1990er-Jahren zu den beliebtesten Themenfeldern nicht nur der deutschen Geschichtswissenschaft. Dass dabei der Volkstrauertag bis vor kurzem keiner gründlichen Untersuchung unterzogen wurde, ist umso verwunderlicher. Dieser seit der Weimarer Republik bestehende Kriegstoten-Gedenktag, der von einem privaten Verein, dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) seit den 1920er-Jahren veranstaltet wird, ist in Werken über Gedenkkultur und -politik oft nur am Rande erwähnt worden.[1] Die wissenschaftliche Nichtbeachtung führte dazu, dass der VDK lange Zeit dem Volkstrauertag eine weit positivere Tradition zuschreiben konnte[2], als es angemessen erscheint angesichts der revanchistischen Tendenz dieses Gedenktags in der Weimarer Republik und der Rolle führender Vertreter des Volksbunds bei dessen müheloser Umgestaltung in den nationalsozialistischen „Heldengedenktag“.

Erst jetzt liegt mit Alexandra Kaisers Arbeit „Von Helden und Opfern“ eine umfangreiche, umfassende – und sehr gelungene – Geschichte des Volkstrauertags vor. Das Buch basiert auf einer im Rahmen des Tübinger Sonderforschungsbereichs „Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit“ entstandenen kulturwissenschaftlichen Dissertation. Indem die Autorin auf die Traditionslinien in Ritual und Deutung des Sterbens im Krieg aufmerksam macht[3], leistet sie einen wichtigen und engagierten Beitrag zur aktuellen politischen Debatte angesichts der neuen Aktualität der Sinnstiftung des Soldatentodes. Einige dieser Traditionen haben seit der deutschen Einheit eine Bestärkung erlebt, wie Kaiser am Beispiel der Neuen Wache und des neuen Ehrenmals der Bundeswehr im Bendlerblock deutlich macht. Ihre zentrale These ist, dass die Flexibilität des Rituals eine wichtige Voraussetzung für den „Erfolg“ und die Fortexistenz des Volkstrauertags über alle Wechselfälle der deutschen Geschichte hinweg war. Während mittels der Wortbeiträge neue Deutungen eingebracht werden konnten, sorgte die Mehrdeutigkeit der symbolischen Bestandteile des Rituals dafür, dass ältere Deutungen von „Volksgemeinschaft“ und militärische Traditionen weiterhin transportiert wurden (S. 405-408).

Kaiser profitiert davon, dass sie auf vielfältige konzeptionelle und methodologische Überlegungen in einem reifen Forschungsfeld zurückgreifen kann, aber auch Desiderate erkennt. Die Studie kombiniert sehr innovativ die Erforschung politisch-institutioneller Entwicklungen und die Analyse von Ritual und Medialisierung auf der Basis von Film-, Bild-, Ton- und Textquellen. Dabei kommt der Autorin die kulturwissenschaftliche und ethnologische Ausbildung sehr zugute. Zwar enthält ihre Einleitung nur eine sehr knappe Skizze theoretischer und methodologischer Fragen, doch diskutiert Kaiser solche Probleme jeweils sehr kompetent im Rahmen der Anwendung von Konzepten und Methoden im Verlauf der Darstellung, was sehr leserfreundlich ist.

Kaiser gelingt es so, auf vielfältige Art und Weise die Inszenierung und Gedenkpolitik am Volkstrauertag einzufangen, der ja vor allem durch das jährlich wiederkehrende Ritual in den Dörfern und Städten Breitenwirkung entfaltete. Methodisch sehr einleuchtend stellt sie der Entwicklung auf der nationalen Ebene vergleichend drei regionale Fallstudien gegenüber (zu München, Stuttgart, Hannover). Da die Gesellschaften dieser Städte im Hinblick auf Konfession, Konservatismus und regionale Identität unterschiedlich waren, können die so gewonnenen Erkenntnisse als einigermaßen repräsentativ für ganz Deutschland gelten. Natürlich wäre auch ein Blick auf kleinere Gemeinden jenseits der Großstädte wünschenswert gewesen, hätte aber einen für die Dissertation kaum zumutbaren weiteren Forschungsaufwand bedeutet und wiederum die Vergleichbarkeit der Fälle in Frage gestellt.

In elf inhaltlichen Kapiteln stellt Kaiser neben der Geschichte des vom VDK getragenen Volkstrauertags auch alternative Gedenkprojekte dar. Dazu gehörten in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg die Pläne für republikbejahendes Gedenken von Reichskunstwart Edwin Redslob und die Gedenkfeier der Reichsregierung zur zehnjährigen Wiederkehr des Kriegsbeginns am 3. August 1924 sowie nach dem Zweiten Weltkrieg der Gedenktag für die Opfer des Faschismus bzw. die Nationalen Gedenktage des Deutschen Volkes (1950–1952). In beiden Fällen waren diese Projekte allerdings nicht von Dauer. Die Gegenüberstellung ist sehr hilfreich, denn sie macht nicht nur die Kontingenz der historischen Entwicklung deutlich, sondern ermöglicht es zugleich, die „Erfolgsbedingungen“ des Volkstrauertags herauszuarbeiten.

Dessen Geschichte gliedert Kaiser in mehrere Phasen. Zwar entstand der Volkstrauertag bereits in der frühen Weimarer Republik; dort wurden auch wegweisende Grundlagen für die weitere Entwicklung der Sinngehalte und der Symbolik gelegt – beispielsweise durch einen Termin in der Zeit vor Ostern, der nationale Auferstehung suggerieren sollte. Aber erst ab Mitte der 1920er-Jahre „wurzelte“ sich das Ritual „ein“ – mit Feierstunden, Kranzniederlegungen und der medialen Vermittlung im Radio. Anhand der regionalen Fallstudien macht Kaiser deutlich, dass trotz aller rhetorischen Beschwörung der „Volksgemeinschaft“ in der Weimarer Republik kein national einheitlicher Feiertag begangen wurde. Die Termine differierten nach regionalen und konfessionellen Bedürfnissen; zudem war der VDK keineswegs überall Träger der Veranstaltungen. Eine Vereinheitlichung in Ritual, Termin und Sinngebung brachte erst der nationalsozialistische „Heldengedenktag“, der mit einem zentralen Staatsakt aufwartete. Ein neues Ritual stand dabei im Vordergrund, das Kaiser kompetent aus Wochenschauen, Pressefotografie und Berichterstattung heraus analysiert. Still ordnete Hitler in der Neuen Wache die Schlaufen der riesigen Kränze, die nunmehr – für die Zeitgenossen visuell ansprechend – von Soldaten hineingetragen wurden. Offenbar machten die Nationalsozialisten hier Anleihen bei italienisch-faschistischen Vorbildern (S. 203). So öffnet Kaiser den Blick auf transnationale Übernahmen ritueller Elemente.

Sie argumentiert, dass die Vereinheitlichung der Formen im „Heldengedenktag“, die medial weit stärker verbreitet wurden als noch in der Weimarer Republik, ein Standardrepertoire an Riten bereitgestellt habe, das sich dann – nach einigen Experimenten mit anderen Formen während der 1950er-Jahre – ab den 1960er-Jahren verfestigt habe (S. 264). Der Inhalt jedoch wandelte sich vom Heldengedächtnis in Weimar und der NS-Zeit hin zu einem Opfergedächtnis. Anhand des Textes der Totenehrung, die ab 1954 meist von einem Politiker gesprochen wurde (S. 270), zeigt Kaiser, wie sich die Gruppe derer, die in das Gedenken einbezogen wurden, zu allen „Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ erweiterte, wie sich also Opfergedächtnis und Schuldgedächtnis vermischten.

Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts beobachtet Kaiser nun eine Re-Heroisierung des Volkstrauertags. Uniformen und das von einem Militär-Trompeter dargebotene Soldatenlied „Ich hatt’ einen Kameraden“, das nicht nur Trauer ausdrückt, sondern auch der Sinnstiftung des soldatischen Opfertodes diente (S. 88) – als Sterben für den Kameraden und das Volk –, sind seit 2001 wieder akzeptierte Bestandteile des Rituals in der zentralen Feierstunde im Reichstagsgebäude geworden – wie bereits vor dem Zweiten Weltkrieg. Es wird interessant sein, die Gedenkpraxis in den kommenden Jahren weiter zu beobachten, zumal nach der Aussetzung der Wehrpflicht und dem damit wohl einhergehenden Abschied vom Ideal des Staatsbürgers in Uniform. Alexandra Kaisers kritische und umsichtige Analysen schärfen dafür den Blick.

Anmerkungen:
[1] Etwa bei Aleida Assmann / Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit – Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999, S. 208-211. Der Verfasser dieser Besprechung hat selbst eine Magisterarbeit über die Reden zum Volkstrauertag bzw. Heldengedenktag 1922–1989 geschrieben; Humboldt-Universität zu Berlin 2001, <http://www.jhmeyer.gmxhome.de/texte/meyer_2001.pdf> (07.01.2011).
[2] Zum Beispiel VDK (Hrsg.), Schicksal in Zahlen. Informationen zur Arbeit des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., 6. Aufl. Kassel 2000. Auf der Website des VDK liest man allerdings in jüngster Zeit selbstkritische Töne etwa zum Jahr 1933: <http://www.volksbund.de/kurzprofil/chronik/?id=18> (07.01.2011). Dies mag bereits eine Reaktion auf Alexandra Kaisers Forschungen sein.
[3] Für einen ähnlichen epochenübergreifenden Ansatz vgl. die religionswissenschaftlich fundierte Arbeit von Insa Eschebach, Öffentliches Gedenken. Deutsche Erinnerungskulturen seit der Weimarer Republik, Frankfurt am Main 2005, rezensiert von Dariuš Zifonun, in: H-Soz-u-Kult, 08.06.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-2-171> (11.01.2011).