W. Bleek: Friedrich Christoph Dahlmann

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Titel
Friedrich Christoph Dahlmann. Eine Biografie


Autor(en)
Bleek, Wilhelm
Erschienen
München 2010: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
472 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Muhlack, Historisches Seminar, Universität Frankfurt am Main

Von Friedrich Christoph Dahlmann (1785-1860) lassen sich verschiedene Geschichten erzählen, die jeweils in große Zusammenhänge führen. Im Vordergrund steht der Politiker von nationaler Ausstrahlung: der Initiator und Sprecher der deutschen Verfassungsbewegung in Schleswig-Holstein in den Jahren 1815 bis 1829; der Mitgestalter des Hannoverschen Staatsgrundgesetzes von 1833; der Anführer der Göttinger Sieben, die 1837 gegen dessen Aufhebung protestierten; der Kämpfer für Freiheit und Einheit während der deutschen Revolution von 1848/49. Zum Politiker kommt der politische Denker, der mit seiner „Politik“ (1835) das in Deutschland vielleicht einzige „klassische“ Werk dieser Gattung hervorgebracht hat. Zuletzt ist auf den Geschichtsschreiber zu verweisen, der durch seine „Geschichte von Dännemark“ (1840-43) sowie seine Bücher zur englischen und französischen Revolution (1844 und 1845) der neueren Historiographiegeschichte angehört. Man hat Dahlmann in allen diesen Hinsichten, sei es in übergreifenden oder speziellen Darstellungen, gewürdigt. Es sei nur erinnert an die frühe politische Biographie aus der Feder Heinrich von Treitschkes (1864)[1], an die Editionen der „Politik“ von Otto Westphal (1924)[2] über Manfred Riedel (1968)[3] bis zur jetzt maßgeblichen von Wilhelm Bleek (1997)[4] und an neuere Beiträge über Dahlmann als Historiker von Hermann Heimpel (1958)[5] und Reimer Hansen (1972 und 2010/2011).[6] Jeder dieser Autoren führt zugleich vor, dass sich die verschiedenen Geschichten über Dahlmann im Grunde nicht getrennt erzählen lassen, sondern immer wieder zueinander in Beziehung gesetzt werden müssen. Es ist daher folgerichtig, wenn es Wilhelm Bleek jetzt unternommen hat, über das jeweils Spezielle oder Einzelne hinaus eine Gesamtschau Dahlmanns zu versuchen, und zwar in der einzigen dafür geeigneten Form, nämlich in der der Biographie. Der emeritierte Bochumer Professor für Politikwissenschaft ist dazu nicht nur durch seine Ausgabe der „Politik“, sondern durch viele weitere Studien zu Dahlmann und dessen Umfeld bestens gerüstet.

Bleek ist nicht der erste Dahlmann-Biograph. Er baut vielmehr auf der zweibändigen Biographie von Anton Springer auf, die schon in den Jahren 1870 und 1872 erschienen ist, aber bis heute hohen empirischen Wert besitzt und geradezu darauf angelegt ist, künftigen Autoren den Weg zu bereiten.[7] Das dem ehrenvollen Andenken Dahlmanns gewidmete Werk des Bonner Kunsthistorikers, der mit Dahlmann kollegial verbunden und befreundet war, stellte alle äußeren Daten zu Leben und Werk zusammen und teilte in diesem Rahmen Auszüge aus den im Nachlass vorzufindenden Quellen, namentlich der Korrespondenz, mit, verstand sich also als möglichst umfassende Materialsammlung, die einer kommenden Darstellung als Grundlage dienen konnte, ihr jedenfalls an historiographischer Qualität nichts vorwegnahm, und entsprach damit einem im 19. Jahrhundert verbreiteten literarischen Typ. Bleek hat den nächsten Schritt getan und diese Materialsammlung nicht nur durch weitere Quellenstudien ergänzt, sondern zu einer eigentlichen Biographie fortgebildet, die zugleich eine Bilanz aus der ganzen bisherigen Einzelforschung zu ziehen sucht.

Bleek hält sich an die Chronologie von Leben und Werk, nicht ohne von Mal zu Mal Ausblicke oder auch Rückblicke einzuschieben, die dem Ganzen systematischen Zusammenhalt geben. Auf jeder Stufe geht es darum, die Person mit ihrem Milieu zu verknüpfen; es soll deutlich werden, dass zwischen beiden Wechselbeziehungen herrschen: dass Dahlmann aus Umständen kommt, auf die er selbst mehr und mehr einzuwirken sucht, dass er also nicht einfach eine durch bestimmte Situationen determinierte und insoweit „repräsentative“ Figur ist, sondern, bei aller Prägung durch gegebene Verhältnisse, eine durchaus selbständige Rolle spielt, durch die er seinerseits ein Teil der Verhältnisse wird. Ein Hauptaugenmerk gilt dabei den Personenbeziehungen, in denen Dahlmann jeweils steht; man erfährt, was er anderen verdankt und was er für andere bedeutet. Der Zusammenhang der Biographie Dahlmanns ergibt sich für Bleek aus der Logik der sich in diesen dialektischen Prozessen vollziehenden Entwicklung. Er besteht ihm in der Einheit von Theorie und Praxis, von Gelehrsamkeit und politischer Aktion, von Geschichte und Politik, die Dahlmann als „politischer Professor“ vertritt und verkörpert. Im Mittelpunkt steht dabei das Ideal eines wohlgeordneten, institutionell ausbalancierten Rechts- und Verfassungsstaates, das der Politiker durchsetzen will, das der politische Denker begründet und das der Historiker aus der Geschichte ableitet, aber so, dass jeder der drei gewissermaßen die beiden anderen in sich enthält. Gleichwohl hält sich Bleek von gewaltsamer Synthesenbildung fern; er lässt vielmehr den verschiedenen Bereichen ihr eigenes Recht; er koordiniert, statt zusammen zu zwingen. Bleek stellt mit alledem nicht nur heraus, wie sehr dieser „politische Professor“ mit seinen ebenso vielfältigen wie gleichgerichteten Aktivitäten seine Zeit bewegt hat, sondern lässt auch keinen Zweifel daran, dass er ihnen grundsätzlich immer noch Aktualität zubilligt und dass sein Interesse an Dahlmann nicht zuletzt aus dieser Erwartung oder Überzeugung resultiert.

Es entspricht der Anlage dieses Buches und der Natur der Sache, dass es Bleek fern liegt, unser bisheriges Wissen über Dahlmann sozusagen auf den Kopf zu stellen. Im Gegenteil: Es geht ihm gerade auch darum, die gesicherten Ergebnisse der einschlägigen Forschungsliteratur zu verarbeiten, und man kann hinzufügen, dass ihm das mit großer Kennerschaft gelingt. Aber neu ist nicht nur, dass Bleek, ausgehend von seiner klaren biographischen Fragestellung, mit seinem „ganzen“ Dahlmann eine Integrationsleistung erbringt, die mehr als die Summe ihrer Teile ist und damit ganz für sich steht. Neu ist auch, dass er in diesem Kontext zugleich alles Einzelne anders als bisher zur Disposition stellt. Es gibt nichts, was Bleek nicht von Grund auf neu durchdacht und präzisiert hätte; auch bisher schon Bekanntes wird nicht einfach wiederholt, sondern gleichsam neu geschaffen. Jedenfalls erreicht unser Erkenntnisstand über Dahlmann mit diesem Buch ein vorher nicht da gewesenes Niveau, und es ist nicht das geringste Verdienst Bleeks, dass so in Zukunft Diskussionen möglich werden, wie sie ohne eine solche „Vorarbeit“ schlechterdings nicht geführt werden könnten. Dazu gehört, dass er die Dinge immer wieder auf einen Punkt bringt, der förmlich dazu einlädt, noch ein Stück weiterzugehen und sozusagen eine letzte Konsequenz zu ziehen.

Ein signifikantes Beispiel soll das verdeutlichen. Es ist ein besonderer Erkenntnisgewinn dieses Buchs, dass Bleek, gestützt auf die jüngere Forschung, aber doch mit neuer Emphase, die kaum zu überschätzende Rolle der Geschichte bei Dahlmann vor Augen führt. Es handelt sich nicht einfach darum, dass Dahlmann Historiker war und dass dies auch für den politischen Denker und für den Politiker Bedeutung hatte. Worum es vielmehr geht, ist, dass die Geschichte für ihn das Medium ist, in dem sich sein Denken und Handeln vorzugsweise bewegt. Sie ist die sein Leben und Werk bestimmende Macht, hinter die im Grunde nichts zurückführt. Der Politiker, der politische Denker, der Geschichtsschreiber: Sie alle berufen sich auf sie als letzte Instanz und haben darin ihren eigentlichen Vereinigungspunkt. Dahlmann lässt sich damit einem großen Phänomen seiner Zeit zuordnen: dem Prozess der Historisierung, der, unter dem Eindruck der Französischen Revolution, seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zumal in Deutschland alle Lebenswelten zu durchdringen beginnt. Eine seiner Ausprägungen ist die Entstehung der modernen Geschichtswissenschaft, der, wie Bleek einleuchtend zeigt, auch Dahlmann zugerechnet werden muss. Andererseits schreibt Bleek diesem auch die Fortführung der traditionellen „historia magistra vitae“ zu, durch die er ihn vom Historismus im Stile Rankes unterschieden sieht, und er gibt unumwunden seine Sympathie für diese Haltung zu erkennen. Freilich bringt er selbst Argumente bei, die die „historia magistra vitae“ Dahlmanns eher im Lichte des modernen historischen Denkens erscheinen lassen und damit wiederum an Autoren wie Ranke heranrücken, dem Dahlmann auch durch seinen eigentümlich unpolitischen Habitus gleicht. Jedenfalls bleibt es dabei, dass Dahlmann am Prozess der Historisierung teilhat, und wenn dabei Spannungen oder Widersprüche auftreten, so sind das doch nur weitere Antriebskräfte für diesen Prozess selbst, der auch heute noch nicht zum Abschluss gekommen ist und hinter den auch heute nicht zurückgegangen werden kann.

Eine letzte Bemerkung: Dieses überaus lehrreiche Buch ist zugleich vortrefflich geschrieben. Bleek versteht glänzend zu erzählen; man folgt den oft dramatischen Wendungen und Windungen dieses Lebens mit nie nachlassender Spannung. Alles ist klar und verständlich; die konkrete Anschauung kommt immer vor der Abstraktion, ohne an gedanklicher Schärfe zu verlieren. Selbst das Schwierigste wird vollkommen durchsichtig. Mit wenigen Worten werden präzise Hintergrundinformationen geliefert. Exkurse arten nirgends zu Abschweifungen aus, die den Zusammenhang des Ganzen sprengen. Man kann sagen: Die Sache, um die es geht, wird, im wahrsten Sinne des Wortes, „ansprechend“; wissenschaftlicher und literarischer Anspruch kommen zur Deckung; Erkenntnisgewinn und ästhetischer Genuss fallen zusammen.

Anmerkungen:
[1] Heinrich von Treitschke, F. C. Dahlmann. Freiburg 1864, in: Ders., Aufsätze, Reden und Briefe, hrsg. v. Karl Martin Schiller, Bd. 1, Meersburg 1929, S.509-582. Vgl. auch Treitschkes Nachruf auf Dahlmann in: Preußische
Jahrbücher 7 (1861), S. 185-203.
[2] F. C. Dahlmann, Die Politik auf den Grund und das Maß der gegebenen Zustände zurückgeführt, hrsg. v. Otto Westphal (Klassiker der Politik, Bd. 12), Berlin 1924.
[3] Friedrich Christoph Dahlmann, Die Politik, hrsg. v. Manfred Riedel, Frankfurt am Main 1968.
[4] Friedrich Christoph Dahlmann, Die Politik, hrsg. v. Wilhelm Bleek (Bibliothek des deutschen Staatsdenkens, Bd. 7), Frankfurt am Main / Leipzig 1997.
[5] Hermann Heimpel, Friedrich Christoph Dahlmann und die moderne Geschichtswissenschaft, in: Jahrbuch 1957 der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, Göttingen 1958, S. 60-92. Vgl. auch ders., Zwei Historiker. Friedrich Christoph Dahlmann und Jacob Burckhardt, Göttingen 1962. Hierher gehört auch: Karl Dietrich Bracher, Altliberalismus: Politik und Geschichte bei Dahlmann, in: Ders. Das deutsche Dilemma. Leidenswege der politischen Emanzipation, München 1971, S. 41-63 u. 440-442.
[6] Reimer Hansen, Friedrich Christoph Dahlmann, in: Deutsche Historiker, Bd,. 5, Göttingen 1972, S. 27-53; ders., Geschichtliche Bedeutung und Aktualität des Historikers Friedrich Christoph Dahlmann. Rückblick und Würdigung aus Anlass seines 150. Todestages, Sonderdruck aus: Grenzfriedenshefte 1 (2011).
[7] Anton Springer, Friedrich Christoph Dahlmann, 2 Bde., Leipzig 1870-1872.