E. F. Provenzo u.a. (Hrsg.): The Textbook as Discourse

Cover
Titel
The Textbook as Discourse. Sociocultural Dimensions of American Schoolbooks


Herausgeber
Provenzo, Jr., Eugene F.; Shaver, Annis N.; Bello, Manuel
Erschienen
New York 2011: Routledge
Anzahl Seiten
368 S.
Preis
€ 45,82
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Michèle Hofmann, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Bern Email:

Der von Eugene F. Provenzo, Jr., Annis N. Shaver und Manuel Bello herausgegebene Reader versammelt 15 Beiträge zur Funktion von Lehrbüchern im US-amerikanischen Bildungswesen. Diese überwiegend historisch ausgerichteten Artikel, die insgesamt den Zeitraum vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart abdecken, werden ergänzt durch ein Vorwort und eine kurze Einleitung der Herausgeber sowie eine Bibliographie. Letztere stellt den Versuch dar, die wichtigsten englischsprachigen Quellen zur amerikanischen Lehrbuchforschung zu versammeln. Lediglich drei Beiträge wurden (von den Herausgebern selbst) für diesen Band geschrieben. Alle anderen wurden zuvor bereits anderweitig publiziert und sind zu einem großen Teil älteren Datums. Insgesamt untermauern die zusammengestellten Texte John Issets Aussage zur amerikanischen Schulbuchforschung: „There is a reasonably strong tradition of analysis of textbooks in the US.“[1]

Der Reader ist als Lehrbuch konzipiert. Jeder der 15 Artikel wurde von Provenzo, Shaver und Bello mit einer Inhaltsübersicht, der Kernaussage sowie Reflexionsfragen versehen. Die Herausgeber weisen zwar auf den Bestimmungszweck des Sammelbandes als Lehrbuch hin, erläutern aber nicht, an wen sich die Publikation richtet und in welchem Unterrichtskontext sie eingesetzt werden kann. Das Lehrbuch setzt außerdem viel Wissen voraus, insbesondere was die Kenntnis der amerikanischen (Schul-)Geschichte betrifft.

Einleitend legen die Herausgeber die dem Buch zugrundeliegende These dar: „[T]extbooks, interpreted within the flow of history, can provide the researcher with important insights about the nature and meaning of American culture, and the social and political discourses in which it is engaged.“ (S. vii) Diese These verbinden sie mit dem Diskurskonzept von Michel Foucault, welches das theoretische Modell für den Reader darstellt. Die Erläuterungen hierzu beschränken sich allerdings auf Verweise zum ‚diskursiven Feld‘ und zur Frage ‚Was ist ein Autor?‘ (S. vii). Da die Artikel größtenteils nicht für diesen Sammelband geschrieben wurden, bilden These und Diskurskonzept folglich eine nachträglich von Provenzo, Shaver und Bello konstruierte konzeptionelle Klammer. Während die These für die versammelten Beiträge zentral ist, ist nicht nachvollziehbar, warum zusätzlich Foucaults Diskurskonzept herangezogen wird. Die Texte gehen mit wenigen Ausnahmen nicht von diesem aus. Überdeutlich wird der fehlende Zusammenhang bei zwei Beiträgen, die selbst älter sind als das Konzept von Foucault.[2] Hier stellt die im Nachhinein konstruierte Bezugnahme schlechthin einen Anachronismus dar. Erklären lässt sich die von den Herausgebern mit Nachdruck postulierte Berufung auf Michel Foucaults Diskurstheorie mit dem Stellenwert des französischen Philosophen in den USA. Sylvain Meyet, der in seiner Dissertation die Foucault-Rezeption untersuchte, hält fest: „Foucault is an icon in the States.“[3] Gleichzeitig hat der Diskursbegriff in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten im wissenschaftlichen Bereich eine unübersehbare Konjunktur erfahren. Die Versuchung, diesem „akademischen Trend“[4] zu folgen, ist somit groß.

Der Sammelband zeichnet sich durch eine große thematische Vielfalt aus, auch was die in den einzelnen Artikeln analysierten Schulbücher betrifft. Nebst Geschichts- und Lesebüchern, denen besondere Beachtung zukommt, finden Geographie-, Gesellschaftskunde-, Mathematik- und Naturkundelehrmittel Berücksichtigung. Die Beiträge gehen davon aus, dass sich gesellschaftliche Entwicklungen in Schulbüchern widerspiegeln. Dabei lassen sich zwei Vorgehensweisen unterscheiden:

1) Die Mehrheit der Texte untersucht Schulbuchinhalte innerhalb von sozialen, religiösen, politischen und wirtschaftlichen Kontexten – wobei die Kontextualisierung unterschiedlich profund ausfällt. Zugespitzt formuliert stellen diese Beiträge Bestandsaufnahmen von Lehrbuchinhalten dar. Sie verstehen Schulbücher als konsensuale Dokumente, und zwar insofern, als sich darin die großen gesellschaftlichen Diskurse punktgenau abbilden würden. Der Aufsatz ‚Images of Women in Textbooks 1880-1920‘ von Joan N. Burstyn und Ruth R. Corrigan geht etwa der Frage nach, inwiefern sich die Veränderungen der Frauenrolle in den Lehrmitteln des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts widerspiegeln. Manuel Bello und Annis N. Shaver analysieren die Darstellung der Symbolfigur Christoph Columbus in Geschichtsbüchern seit den 1870er-Jahren – um nur zwei Beispiele zu nennen.

2) Demgegenüber stellen einzelne Texte den Einfluss von gesellschaftlichen Entwicklungen respektive die Einflussnahme von sozialen Gruppierungen auf Schulbuchinhalte dar. Hier steht nicht wie bei den anderen Beiträgen der Buchinhalt als Ergebnis im Zentrum, sondern der Entstehungsprozess dieses Inhalts. Das Schulbuchwissen wird als umkämpftes Feld verstanden, auf das verschiedene Akteure einzuwirken versuchen. Thomas Höhne hat dies folgendermaßen beschrieben: Die heterogenen Akteure (zum Beispiel Verlage, Eltern, Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen) trachten nach größtmöglicher Einflussnahme und bilden ein komplexes Netz aus Kräfteverhältnissen. Daraus resultiert ein Konsens, der temporär und zeitgeistig orientiert ist, das heißt er ändert sich und es kommt zu Verschiebungen, die sich wiederum in den Wandlungen des Schulbuchwissens widerspiegeln.[5] Ein interessantes Beispiel für dieses Verständnis von Schulbuchforschung stellt der Beitrag ‚Brown-ing the American Textbook. History, Psychology, and the Origins of Modern Multiculturalism‘ von Jonathan Zimmermann dar. Zimmermann untersucht die Einflussnahme der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung auf Schulbuchinhalte. Der Kampf gegen rassistische Lehrbuchtexte, den die Vertreter der Bürgerrechtsbewegung im Norden der USA führten, blieb in den 1940er- und frühen 1950er-Jahren mehrheitlich erfolglos. Gleichzeitig gelang es der „weißen“ Mehrheitsbevölkerung in den Südstaaten zu verhindern, dass Darstellungen, die sie als „anti-Confederate“ bezeichnete und die zum Beispiel die Sklaverei oder die Zeit der Reconstruction betrafen, Erwähnung in den Schulbüchern fanden. Der Brown-vs.-Board-of-Education-Entscheid des Obersten Gerichtshofs von 1954 stellte einen Wendepunkt dar. Der Gerichtsentscheid sprach zwar das Curriculum nicht an, gleichwohl bezogen die Befürworter ihn rasch auch auf diesen Bereich und warnten davor, dass „segregierte“ Schulbücher für Kinder aus ethnischen Minderheiten schädlich seien. Nach Brown vs. Board of Education und besonders in den 1960er-Jahren wurde die „mentale Gesundheit“ von Kindern afroamerikanischer Herkunft zu einem zentralen und zugleich erfolgreichen Argument im Kampf gegen rassistische Schulbücher. Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass auch andere Minderheiten Änderungen der Lehrbuchinhalte verlangten. Im Gegenzug wurde dieselbe psychologische Rhetorik von den „Weißen“ verwendet, um gegen Schulbuchrevisionen anzukämpfen. Sie warnten davor, dass zu viele Texte über Sklaverei, Segregation oder den Genoziden an der indigenen Bevölkerung Nordamerikas der psychischen Verfassung ihrer Kinder schaden würden.

Insgesamt enthält der Sammelband also durchaus einige aufschlussreiche Beiträge aus dem Bereich der amerikanischen Schulbuchforschung. Provenzo, Shaver und Bello gelingt es auch, diese durch eine einleitend erläuterte These zu verbinden. Weniger überzeugend ist hingegen ihr Versuch, einen Zusammenhang mit dem Foucaultschen Diskurskonzept herzustellen.

Anmerkungen:
[1] John Issitt, Reflections on the study of textbooks, in: History of Education 33 (2004), S. 683-696, hier S. 695.
[2] Hierbei handelt es sich einerseits um den Artikel ‚Values Expressed in American Children’s Readers 1800-1950‘ von Richard Decharms und Gerald H. Moeller, der 1962 erstmals publiziert wurde, und andererseits um ein Kapitel aus William Edward Burghardt Du Bois’ „classic work Black reconstruction in America“ (S. 74). Das Buch des führenden Vertreters der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung erschien zum ersten Mal 1935.
[3] Sylvain Meyet, Understanding the „American“ Michel Foucault. Towards a sociological analysis of theories? Paper presented at the annual meeting of the The Midwest Political Science Association, Palmer House Hilton, Chicago, Illinois, April 15, 2004, in: All Academic, <http://www.allacademic.com/meta/p82951_index.html> (14.12.2011).
[4] Achim Landwehr, Historische Diskursanalyse (Historische Einführungen, Bd. 4), Frankfurt am Main 2008, S. 9.
[5] Thomas Höhne, Über das Wissen in Schulbüchern – Elemente aus einer Theorie des Schulbuches, in: Eva Matthes / Carsten Heinze (Hrsg.), Das Schulbuch zwischen Lehrplan und Unterrichtspraxis (Beiträge zur historischen und systematischen Schulbuchforschung), Bad Heilbrunn 2005, S. 65-93, hier S. 68.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.02.2012
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/