Titel
Die abwesende Republik.


Autor(en)
Barbu, Daniel
Erschienen
Berlin 2009: Frank & Timme
Anzahl Seiten
364 S.
Preis
€ 39,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maria Bara, Klosterneuburg/Kierling

Bei der vorliegenden Studie von Daniel Barbu, 1957 in Bukarest geboren, Professor und Direktor des Instituts für Politische Studien der Universität Bukarest, handelt es sich um die deutsche Übersetzung von Republica absentă, das 2004 in rumänischer Sprache erschienen ist. Da Rumänien auch nach seinem EU-Beitritt international nur marginal wahrgenommen wird, ist es sehr zu begrüßen, dass dieses Buch nun auch dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht wurde.

Am Inhaltsverzeichnis fällt als erstes auf, dass die Kapitelüberschriften zu einem großen Teil als Fragen formuliert sind: „Die Wiederkehr des Politischen? – Wie war das möglich? – Die letzte Ideologie? – Wie gerecht ist der Rechtsstaat?“ Mehrere Überschriften sind zwar mit einem Fragezeichen versehen, aber sprachlich nicht als Frage formuliert. Bereits aus dieser Art der Formulierung spricht die Unsicherheit, die Instabilität, die die rumänische Transformation, den Zusammenbruch des Ceausescu-Regimes und die Jahre danach, kennzeichnet. Der Autor analysiert in seiner Studie die jüngere rumänische Vergangenheit seit dem Sturz des kommunistischen Regimes. Er bezeichnet den Regimewechsel in Rumänien, der vor Ort meist einfach „die Revolution“ genannt wird, als eine „umgekehrte Revolution mit dem Gesicht zur Vergangenheit“ (S.9); diese Bezeichnung wäre legitim, da im Fall Rumäniens im Gegensatz zu den großen Revolutionen Amerikas, Frankreichs und Russlands der Staatssozialismus durch ein Regime der liberalen Demokratie ersetzt wurde, das ihm chronologisch und logisch vorangegangen war. Überdies hätten die postkommunistischen Gesellschaften die Erinnerung an den Totalitarismus wie einen kulturellen Bruch behandelt und sozial funktionalisiert. In ironischer Umkehr des berühmten Marx-Zitates bezeichnet Barbu den Sieg der liberalen Demokratie über den Staatssozialismus in Rumänien als einen Prozess, in dem die Demokratie ihren Expropriateur expropriiert. Und in genau diesem Vorgang der Expropriation sieht er die titelgebende „abwesende Republik“ am deutlichsten hervortreten.

Nach Barbu befindet sich die rumänische Gesellschaft immer noch in der Phase des Postkommunismus und hat bis heute keine demokratischen Formen zur Behandlung der Probleme der Gegenwart gefunden. Selbst 20 Jahre nach der Revolution sei die Politik des Landes stärker von Kontinuität zur totalitären Vergangenheit als von Bruch gekennzeichnet. Von dieser Feststellung ausgehend zieht sich die Frage, welche Kräfte die Transformation Rumäniens vorantreiben oder behindern und wie verbunden sich die Gesellschaft nach wie vor mit ihrer totalitären Vergangenheit fühlt, als roter Faden durch das Buch. In diesem Zusammenhang wird das Verhältnis der Politik zur Gesellschaft in der kommunistischen Zeit und während der Transformationsperiode analysiert.

In der Frage nach der politischen Rolle des rumänischen Volkes („Wer sind die Rumänen?“) sieht Barbu das Kernproblem der rumänischen Transformation. Er analysiert ihre politische Anerkennung und wirft die Frage auf, ob „die Rumänen“ nur ein Volk seien oder ob sie auch eine eigene politische Gesellschaft im Sinne einer politeia oder einer res publica bilden. Offiziell und rein rechtlich wäre diese Frage mit einem Hinweis auf die Verfassung von 1991 beantwortet: Die Verfassung machte klar, dass die Bürger dem Staat nicht vorausgehen. Die Gemeinschaft der Bürger (republica) ist in der Verfassung nicht einmal als politisches Subjekt des neues Grundgesetzes vorgesehen. Diese Aussagen der neuen rumänischen Verfassung vergleicht Barbu mit den Verfassungen anderer europäischer Länder und stellt fest, dass Rumänien damit nicht allein dasteht. Auf Basis seiner Verfassung kann Rumänien nicht einmal eindeutig als Republik beschrieben werden, sondern lediglich als ein Staat mit Territorium, Grenzen, Bürgern, Flagge, Nationalfeiertag, Hymne, Staatssprache, Hauptstadt, Regierungsform und öffentlichen Autoritäten. Rumänien erscheint also nicht als juristisches Produkt des souveränen Willens der Bürger, die sich in einer Republik konstituieren; im Gegenteil, es handelt sich um einen Staat, der seine Bürger auf positivem Wege hervorbringt, der ihnen Rechte einräumt und Pflichten auferlegt. Eine rumänische Mehrheitsethnie wird in eine rumänische Nation transformiert. Der postkommunistische Staat ist daher keine Republik, sondern wird besser als „abwesende Republik“ beschrieben. Rumänien und andere einst totalitäre Staaten haben, so Barbu, gewissermaßen den Irrtum des Kommunismus wiederholt, indem sie die Doppelfunktion des Staates als ausschließlicher Träger des Politischen einerseits und als einziger Verleiher sozialer Rollen andererseits beibehielten.

Barbus Buch will keine umfassende Darstellung der rumänischen Transformation sein: Es möchte vielmehr von einem ethnisch-politischen Standpunkt aus eine Beschreibung der sozialen Akteure und der Rahmenbedingungen geben, die den politischen Ideen und Praktiken in der Transformationsphase Rumäniens von 1990 bis 2000 Stabilität geben konnten. In dieser Periode erfolgte eine Beschleunigung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierung, die in Rumänien als gleichbedeutend mit Europäisierung und europäischer Integration angesehen wurde.

Der methodologische Ansatz Barbus steht den Ideen der klassischen politischen Philosophie näher als jenen der zeitgenössischen politischen Wissenschaft. Dieser „klassische“ Zugang erscheint dem Autor geeigneter, weil damit die verschiedenen Meinungen zu den gemeinsam zu treffenden Entscheidungen über ta politika (die öffentlichen Angelegenheiten) zusammenfassend analysiert werden können. Dagegen sieht er die Methoden der modernen Politikwissenschaft dadurch belastet, dass diese bis heute explikative und taxonomische Ambitionen einer Naturwissenschaft hat, wodurch sie mehr mit ihrem methodologischen Instrumentarium beschäftigt sei als mit dem politischen Leben selbst und sich zu sehr auf statistisch Erfassbares beschränkt (S. 14). Ein solch deskriptives Herangehen eignet sich nach Ansicht des Autors aber weniger gut zur Analyse, als ein explizit normatives. Barbu plädiert daher mit Norberto Bobbio für die „Sanftmut“ der politischen Wissenschaftler und sieht es als seine Aufgabe, die Normen des gemeinschaftlichen Lebens zu verstehen, verständlich zu machen und der Gesellschaft ihre eigene Subjektivität entgegenzuhalten; er kritisiert die Arroganz von Experten, die zu sehr an ihre eigenen Analysen und Voraussagen glauben. Dabei möchte er den Blick auf Ereignisse lenken, die als Momentaufnahmen von Gesellschaftsprozessen bezeichnet werden können und analysiert diese aus ethnisch-politischer und moralphilosophischer Perspektive.

Obwohl der Leser sich intensiv mit der neueren Geschichte Rumäniens und seines totalitären Regimes auseinandersetzen muss, liest sich das Buch nicht schwierig. Der Übersetzerin Larisa Schippel ist es gelungen, Barbus Werk in einer deutschen Wissenschaftssprache wiederzugeben, die auch dem Leser, der nicht auf Rumänien spezialisiert ist, die Thematik erschließt. Es bleibt zu hoffen, dass das Buch auch in seiner deutschen Übersetzung, „seinen Platz in der deutschen Sprache und wissenschaftlichen Kultur finden kann“ (S. 19), wie Daniel Barbu in seiner Einleitung wünscht.

Redaktion
Veröffentlicht am
Autor(en)
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension