R. A. Mentzer u.a. (Hrsg.): Censure and Exclusion

Cover
Titel
Dire l’interdit. The Vocabulary of Censure and Exclusion in the Early Modern Reformed Tradition


Herausgeber
Mentzer, Raymond A.; Moreil, Françoise; Chareyre, Philippe
Reihe
Brill’s Series in Church History 40
Erschienen
Anzahl Seiten
359 S.
Preis
€ 99,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Jaser, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden

Zum 500. Geburtstag des Genfer Reformators Johannes Calvin im Jahr 2009 sangen Teile des deutschsprachigen Feuilletons wieder einmal ein Ständchen ganz eigener Art: Der Jubilar sei ja eigentlich ein „Ayatollah von Genf“ und „Religionsterrorist“ gewesen, dessen „Eifern um Gottes Ehre“ am Bewertungsmaßstab der Gegenwart schlicht als inakzeptabel einzustufen sei. Den deutlich ausgewogeneren Ergebnissen der zahlreichen internationalen Ausstellungen, Konferenzen und Publikationen konnte die feuilletonistische Fallbeilrhetorik hingegen nur wenig abgewinnen, wenn sie nicht gar mit Bausch und Bogen als willfährige Theologenapologetik abgetan wurden.[1] Allerdings fanden sich auch in Reihen der Fachwissenschaft – namentlich Volker Reinhardt – Stimmen, die speziell die Genfer Kirchenzuchtpraxis unter das Verdikt einer „Tyrannei der Tugend“[2] stellten und damit nolens volens verzerrenden Lesarten Vorschub leisteten. Im europäischen Vergleich ist hingegen das gängige Bild einer rigoros-kompromisslosen Moralkontrolle im reformierten Lager nicht länger in Stein gemeißelt. Wenn die hier versammelten, auf eine 2007 in Avignon veranstaltete Tagung zurückgehenden Fallstudien sich konsequent und gewinnbringend eines mikrogeschichtlichen Zugriffs bedienen und den konkreten, lokalen und regionalen Rahmenbedingungen und Vollzugsgrenzen reformierter Disziplinierungs- und Exkommunikationsprozeduren nachgehen, räumen sie aber nicht nur mit solcherlei pauschalen wie zählebigen historischen ‚Wahrheiten‘ auf. Vielmehr gelingt ihnen mit dem ausgewogenen Blick auf die Akteure wie auch Objekte der Kirchenzucht, auf deren jeweilige Handlungsspielräume, -zwänge, Leitinteressen und Kompromisslinien auch eine Ergänzung zur traditionellen Sozialdisziplinierungsforschung Oestreichscher Prägung, die sich vorwiegend mit dem Kontroll- und Regulierungsgeschehen ‚von oben nach unten‘ beschäftigte.[3]

Gliederung und Inhalt des perspektivenreichen Bandes seien hier rasch referiert: Nach einer kurzen Einleitung von Raymond A. Mentzer und Françoise Moreil sind die englisch- und französischsprachigen Einzelbeiträge zu reformierten Gemeinden in Genf, den Niederlanden, dem Waadtland, England, Ungarn, Schottland und, allen voran, Frankreich in vier thematische Blöcke unterteilt:

1. „Women confront the Consistory“: Hier beschäftigen sich Suzannah Lipscomb, Judith Pollman und Karen Spierling mit dem komplexen, oftmals ambivalenten Verhältnis von Frauen zu den reformierten Konsistorien in Südfrankreich, den Niederlanden und Genf. Spezifisch weibliche Strategien, die patriarchalischen Kontrollinteressen der Konsistoriumsmitglieder geschickt für eigene Zwecke einzuspannen, stehen hier genauso im Raum wie die eigentümliche Attraktivität reformierter Kirchenzucht auf unverheiratete Frauen und Witwen, die sich von diesem Regulierungsschirm eine Absicherung ihres labilen Ehrkapitals erhofften.

2. „The Uses and Function of Censure“: Um den Funktionslogiken der Sanktionen – Abendmahlsausschluss und Exkommunikation – in verschiedenen Kontexten auf die Spur zu kommen, beleuchtet zunächst Philippe Chareyre die Strafpraxis französischer Konsistorien gegen reformierte Pastoren, die sich kaum von der Vorgehensweise gegen gewöhnliche Gemeindemitglieder unterschied und ebenfalls zumeist auf eine schnelle Reintegration hinauslief. Während Serge Brunets Beitrag zur Struktur südwestfranzösischer Konsistorien thematisch in andere Richtungen ausfranst, geht Andrew Spicer der Exkommunikationspraxis in reformierten Flüchtlingsgemeinden auf englischem Boden nach, wobei vor allem in den 1560er- und 1570er-Jahren das Exkommunikationsrecht der lokalen anglikanischen Bischöfe ein Spezifikum der Exulantenkirchen bildete. Zum krönenden Abschluss dieser Sektion zeichnet Nicole Staremberg Goy die Debatten nach, die sich im zwinglianischen Berner Waadtland des 18. Jahrhunderts um Fragen der Moralkontrolle entspannen, verbunden mit der Forderung nach Einführung des Exkommunikationsrechtes, das den Konsistorien gemäß den staatskirchlichen Bestrebungen Berns bisher verwehrt worden war.

3. „The Application of Discipline in Protestant Lands“: Wie die Fallstudien in dieser Sektion eindeutig belegen, variierten die Disziplinierungsmechanismen der reformierten Kirchen in ihrer zeitlichen und räumlichen Erstreckung. Während Robert Kingdon in Genf zur Zeit Calvins ungeachtet einiger kritischer Stimmen von einer breiten Anhängerschaft für die reformierte Kirchenzucht gerade in Flüchtlingskreisen – darunter sogar Wiedertäufer! – ausgeht, zeichnet Salomon Rizzo in einer Langfristperspektive von 1605 bis 1781 die Konjunkturen der vor dem Genfer Konsistorium verhandelten Gegenstände nach. Am Beispiel der reformierten Gemeinden Ungarns um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert gelingt Graeme Murdock ein faszinierender Einblick in die Rahmenbedingungen, Verfahrensweisen und Effektivitätschancen einer Exkommunikationspraxis, die im reformierten Vergleichsmaßstab ein außergewöhnliches Maß an rhetorischer Dramatisierung aufweist. Mit Blick auf die schottischen Reformierten geht Margo Todd der geringen Neigung von kirk-sessions und Presbyterien auf den Grund, die Einhaltung moralischer Standards mit Exkommunikationen zu erzwingen.

4. „The French Case“: Die letzten vier Beiträge des Bandes sind aus unterschiedlichen zeitlichen und räumlichen Blickwinkeln dem französischen Reformiertentum gewidmet. Dabei reflektiert Edwin Bezzina die eher zögerliche Kirchenzucht des reformierten Konsistoriums im bikonfessionellen Loudon am Ende des 16. Jahrhunderts, während Didier Ponton am interessanten Fall von Saintonge zu zeigen vermag, welche Rolle Zensur und Exkommunikation bei der Neuaufrichtung der reformierten Gemeinde Mitte des 18. Jahrhunderts spielten. Den oftmals langwierigen und mühevollen Verfahrensgang von der Entdeckung der Verfehlung bis zur Exkommunikation zeichnet Françoise Moreil in anschaulicher Weise anhand von vier südfranzösischen Konsistorien des 17. Jahrhunderts nach. Michelle Magdelaine gelingt schließlich am Fallbeispiel von Sainte-Marie-aux-Mines im Elsass ein Kabinettstück über die Spielräume und Begrenzungen der reformierten Kirchenzucht in einem Raum, der politisch, sprachlich und konfessionell gespalten war. Den Abschluss des Bandes bilden eine konzise Zusammenfassung von Christian Grosse sowie ein Personen- und Ortsregister.

Trotz der geographischen Spannbreite des europäischen Vergleichs – negativ ist nur das Fehlen eines reformierten Reichsterritoriums zu verbuchen – und der Disparität rechtlicher, (konfessions-)politischer und sozialer Ausgangs- und Rahmenbedingungen sind die Ergebnisse der Fallstudien überraschend einmütig: Jenseits des gängigen Repressions- und Rigiditätsklischees tritt die reformierte Kirchenzucht hier zuallererst als horizontaler Interaktionsraum zwischen Konsistorien und Gemeinden und eben nicht als vertikaler Oktroi in Erscheinung. Erst nach einem zuweilen Monate oder auch Jahre dauernden Prozess der Aushandlung, des „travailing“ (S. 225) mit den Sündern (zum Beispiel in Form von ‚weichen‘ Maßnahmen wie Hausbesuchen) zogen die Konsistorialherren Sanktionen überhaupt in Betracht. Der Akzent auf dieser mündlich-informellen, mithin also in den Konsistorialquellen kaum sedimentierten Dimension reformierter Moralkontrolle hat auch methodologische Konsequenzen: So teilen die Autoren die von Judith Pollmann vor Jahren formulierte Skepsis gegenüber einer verabsolutierten quantitativen Erfassung der Disziplinierungsaktivitäten.[4] Als durchgängiges Ergebnis der verschiedenen Fallstudien ist überdies zu werten, dass die Anwendungsfrequenz von Abendmahlsausschluss und Exkommunikation außerhalb Genfs keineswegs, wie früher in der Forschung üblich, überschätzt werden darf: „The astounding numbers of suspensions and excommunications in Geneva during Calvin’s lifetime may well be atypical“ (S. 8), heißt es entsprechend in der Einleitung. Das gilt umso mehr in plurikonfessionellen Regionen, in denen das Konversionsrisiko jeden leichtfertigen Umgang mit solchen Distanzierungsinstrumenten von vornherein verbat.

Kritisch ist allerdings zu konstatieren, dass die reformierte Spielart von Zensur und Exkommunikation im vorliegenden Band reichlich traditionsenthoben daherkommt. Das liegt vor allem an der ohnehin eher dürftig geratenen Einleitung, die auf den biblischen, patristischen und mittelalterlichen Wurzelgrund der Züricher und Genfer Neuansätze mit keiner Silbe eingeht. Lediglich Margo Todd skizziert mit groben Strichen die vorreformatorischen Verhältnisse, belässt es aber beim indes nur punktuell belegten Generalverdacht eines durchgängigen „Catholic abuse“ (S. 222) des geistlichen Schwerts. Um mögliche Kontinuitäten und Diskontinuitäten der Exkommunikationspraxis über die Schwelle der Reformation hinweg jenseits verdächtig glatter Umschlagserzählungen ermessen zu können, müsste sich aber zunächst einmal die Spätmittelalterforschung von einigen Handbuchklischees verabschieden und den innovativen Pfaden des vorliegenden Sammelbands zuwenden: Lokale und regionale Differenzierungen und Kontextualisierungen wären dabei genauso konsequent einzufordern wie etwa der Blick auf die Nachfragedimension, die zur Erklärung der spätmittelalterlichen Exkommunikationsfrequenz bisher völlig ausgeblendet wurde. Eingedenk aller institutionellen und konfessionskulturellen Unterschiede wäre eine stärkere interepochale Zusammenarbeit gerade dort fruchtbar zu machen, wo im mikrohistorischen Fokus Spielräume und Grenzen kirchlicher Disziplinierung sichtbar werden und eingeschliffene Deutungsmuster aufgebrochen werden können.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu mit den entsprechenden Belegen Christoph Strohm, Medien, Themen und Ertrag des Calvin-Jubiläums 2009, in: Archiv für Reformationsgeschichte 102 (2011) (im Druck), bes. S. 323f.
[2] Volker Reinhardt, Die Tyrannei der Tugend. Calvin und die Reformation in Genf, München 2009.
[3] Vgl. zur Komplementarität dieser Perspektiven Heinz Schilling, Disziplinierung oder „Selbstregulierung der Untertanen“? Ein Plädoyer für die Doppelperspektive von Makro- und Mikrohistorie bei der Erforschung der frühmodernen Kirchenzucht, in: Historische Zeitschrift 264 (1997), S. 675-692.
[4] Judith Pollmann, Off the Record: Problems in the Quantification of Calvinist Church Discipline, in: Sixteenth Century Journal 33 (2002), S. 423-438.

Redaktion
Veröffentlicht am
14.06.2011
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