S. Sand: Ernest Renan: On the Nation and the ‘Jewish People’

Cover
Titel
On the Nation and the ‘Jewish People’.


Autor(en)
Sand, Shlomo; Renan, Ernest
Erschienen
London, New York 2010: Verso
Anzahl Seiten
128 S.
Preis
€ 12,47
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Dieter Langewiesche, Seminar für Neuere Geschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Dieses 2009 zunächst in französischer Sprache erschienene schmale Buch enthält neben einem Essay Sands (The Unclassifiable Renan, S. 3-35) in englischer Übersetzung die berühmten Rede Ernest Renans „Qu'est-ce qu'une nation?“ von 1882 und seinen Vortrag „Le Judaïsme comme Race et comme Religion“ von 1883. Keine Studie über die Nation dürfte sich mit der Resonanz messen können, die Renans Rede gefunden hat und weiterhin findet. Sie steht im Original und in Übersetzungen gedruckt und im Internet auch frei zugänglich zur Verfügung. Der andere Vortrag hat nicht die gleiche Aufmerksamkeit erhalten. Doch auch er wurde noch im Jahr der ersten Veröffentlichung ins Deutsche übersetzt und das französische Original ist wie viele andere Texte Renans im Internet greifbar.[1] Man wird also sagen dürfen, dass mit dem erneuten Druck dieser beiden Texte keine Lücke gefüllt wird. Es bleibt der einleitende Essay, in dem einige Wirkungslinien Renans verfolgt werden, die Sand in seinem vieldiskutierten Buch „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ in breiteren Zusammenhängen analysiert hat. Die Radikalität, mit der er in diesem Buch das „postzionistische Meisternarrativ“[2] auf die Deutung der jüdischen Geschichte bis in die Gegenwart anwendet, spricht auch aus dem Essay. Es geht darum, die Dekonstruktion des Leitbildes Nation, wie sie in der internationalen Nationalismusforschung seit langem üblich ist, auf die jüdische Geschichte zu übertragen.

Der Einleitungsessay setzt mit Edward Said ein, der Renan als einen Wortführer im Feld des „Orientalism“ porträtiert hat. Sand stimmt zu, betont aber, dass Renan seine Vorstellungen über die kulturelle Hierarchie von Rassen in der Geschichte verändert hat. Genauer ausgeführt wird jedoch nicht, was er Renans „significant retreat from the racialist conceptions“ (S. 13) nennt.

An Renans Nationsvortrag hebt Sand als „impressive theoretical advantage“ die Betonung der Willensnation als „a historical construct specific to the modern age“ hervor (S. 19). Doch zugleich begrenzt er Renan darauf. Was Renan über die Vergangenheit sagt als ein Gewaltgehäuse, in dem die Nation geformt wurde und aus dem man nicht einfach aussteigen könne, wird nicht erörtert. Es scheint nicht in die Deutungslinie zu passen, die Sand zu Benedict Anderson und Ernest Gellner zieht.

Im Judaismusvortrag Renans sieht Sand einen Ausgangspunkt für eine nicht-zionistische Deutung der jüdischen Geschichte, die er über Raymond Aron bis in die Gegenwart verfolgt. Wer sich in die mehrfachen Perspektivenwechsel des jüdischen Geschichtsverständnisses seit dem 19. Jahrhundert nicht schon eingelesen hat, erhält in dem Teil des Essays, der sich darauf bezieht (S. 23-35), wenig Hilfe. Um Sands Position kennenzulernen, muss man dann doch zu seinem Buch „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ greifen. Sand sieht sich in einer Deutungstradition, die er auf Renan zurückführt, wenngleich sie in ihm gewiss nicht ihre Wurzel hat: Das Judentum der Gegenwart könne nicht mehr als Abstammungseinheit und auch nicht als Nation im modernen Sinne verstanden werden. Wer das bestreite, so Renan, habe „the task of the nineteenth century … to break down all ghettos“ (S. 100) nicht begriffen. Es gebe zwar noch „Jewish types“ (S. 96) – der Plural ist Renan wichtig, denn es geht um die Prägekraft der sozialen Welt, nicht um biologische Formung, wenngleich Renan auch hier von „the israelite race“ (S. 100) spricht. Auf ihr und den „Typen“, die aus ihr in den unterschiedlichen sozialen Umwelten hervorgegangen sind, kann jedoch in Renans Verständnis von moderner Nation keine jüdische Nation aufbauen. Es sei denn, dies würde Renans Nationsverständnis durchaus entsprechen, Juden schließen sich in einem Staat zusammen und bekennen sich zu ihm als ihrem Nationalstaat.

Diese Möglichkeit, an Renan anzuschließen, erörtert Sand nicht. Ihm geht es darum, in Renan eine Vorstellung von Nation und von Judentum freizulegen, welche das zionistische Verständnis vom „jüdischen Volk“ dementiert. Sand wirbt für die pluralistische Position, die er an Texten des 19. und 20. Jahrhunderts diskutiert und mit Blick auf die Gegenwart antizionistisch zuspitzt. Deshalb endet sein Essay mit dem Hinweis, es sei „a bitter irony of history“ (S. 35), dass die pluralistischen Deutungen, die in den Debatten der Vergangenheit entwickelt worden sind, sich nicht durchgesetzt haben, sondern in israelischen molekularbiologischen Labors nach „marks of a DNA common to all the ‚children of Israel‘“ (S. 35) gesucht werde.

Anmerkungen:
[1] Ernest Renan, Das Judenthum vom Gesichtspunkte der Rasse und der Religion, Basel 1883. Das französische Original ist im Internet u.a. auf „openlibrary“, der Nationsvortrag auf Französisch, Englisch oder Deutsch an vielen Stellen einzusehen. Beide Texte bietet in deutscher Übersetzung diese Sammlung: Ernest Renan, Was ist eine Nation? Und andere politische Schriften, Wien-Bozen 1995. Das französischen Original in: Œuvres Complètes de Ernest Renan. Tome 1. Édition définitive établie par Henriette Psichari, Paris 1947, S. 887-906 (Nation), S. 935-944 (Judaïsme).
[2] Die Herausgeber Michael Brenner, Anthony Kauders, Gideon Reuveni und Nils Römer ordnen in ihrer Textsammlung „Jüdische Geschichte lesen. Texte der jüdischen Geschichtsschreibung im 19. und 20. Jahrhundert“ (München 2003) alle Texte vier Meisternarrativen zu: dem emanzipatorischen, dem autonomistischen, dem zionistischen und dem postzionistischen.

Redaktion
Veröffentlicht am
02.05.2011
Redaktionell betreut durch