S. Broadberry u.a. (Hrsg.): Economic History of Modern Europe

Cover
Titel
The Cambridge Economic History of Modern Europe. Vol. 1: 1700-1870; Vol. 2: 1870 to the Present


Herausgeber
Broadberry, Stephen; O’Rourke, Kevin H.
Erschienen
Anzahl Seiten
XIV, 329 + XVIII, 368 S.
Preis
€ 48,66
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sibylle Lehmann, Seminar für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte, Universität zu Köln

Das Buch behandelt die europäische Wirtschaftsgeschichte von ca. 1700 bis 2000 in zwei Bänden. Der erste Band beschäftigt sich mit dem Zeitraum von 1700 bis 1870, der zweite mit 1870 bis 2000. Jeder Band enthält einzelne Kapitel verschiedener Autoren, die sich mit den in der quantitativen Wirtschaftsgeschichte dominierenden Themen beschäftigen: Wachstum und Konjunktur, die Bedeutung und Entwicklung einzelner Sektoren, Entstehung und Bedeutung von Städten, Ausbildung und Bedeutung von Institutionen und die Entwicklung von Lebensstandards. In jedem Kapitel werden dabei ökonomische Grundlagen mit dem neuesten Stand der Datenlage in Bezug gebracht und interpretiert.

Der erste Band gliedert sich in drei Teile: Der erste beschäftigt sich mit dem aggregierten Wachstum und seinen Determinanten. Hier werden zunächst Wachstumsentwicklungen und theoretische Modelle skizziert und verknüpft, angefangen mit dem Malthusianischen Modell über den Bruch mit dem Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und Lebensstandards bis hin zu modernem Wachstum. In weiteren Kapiteln werden die Ursachen dieser Entwicklung thematisiert: der demographische Wandel, Bedeutung von Institutionen und Integration. Der zweite Teil geht einen Schritt tiefer und betrachtet disaggregiertes Wachstum in den Sektoren Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen separat. Im dritten Teil werden explizit die Auswirkungen auf die Lebensstandards, Urbanisierung, die Bedingungen und Ursachen für starke regionale Einkommensunterschiede und Unterschiede zwischen Europa und Asien diskutiert.

Der zweite Band beschäftigt sich mit den gleichen Themen für den späteren Zeitraum, ist aber übergeordnet nach Phasen gegliedert. Die erste Periode reicht von 1870 bis zum Ersten Weltkrieg, die zweite umfasst die Weltkriege und die Zwischenkriegszeit und der dritte Zeitraum erstreckt sich von den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bis ins Jahr 2000. Diese Aufteilung scheint sinnvoll, da sich die Perioden ökonomisch stark unterscheiden: die Zeit zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg war insgesamt durch starke Marktintegration, durch steigende Handelsvolumen, durch Migrations- und Kapitalflüsse gekennzeichnet. Die zweite Phase während und zwischen den Kriegen war eine Zeit starker ökonomischer Desintegration, Depression und Divergenz. Die dritte Phase nach dem Zweiten Weltkrieg war geprägt durch Reintegration und starkes – allerdings besonders phasenabhängiges – wirtschaftliches Wachstum. Für jede Phase werden wirtschaftliche Integration, aggregiertes und sektorales Wachstum und die Entwicklung von Bevölkerung und Lebensstandards in separaten Kapiteln behandelt.

Das Buch hat zwei wesentliche Merkmale, die es von anderen Arbeiten zu diesem Thema unterscheiden und damit zu einem einmaligen und unverzichtbaren Werk machen. Als erstes sei hier der komparative Ansatz erwähnt. Es existiert zwar eine Reihe von Arbeiten zu einzelnen Ländern, und auch vereinzelte komparative Ansätze wie zum Beispiel die vielbändige und ausführliche „Cambridge Economic History of Europe“, oder die 2010 erschienene „An economic History of Europe“ von Gunnar Persson[1], aber ein gesamteuropäischer Überblick, der sich auf alle ökonomische Aspekte bezieht, fehlte bisher. Die Darstellung der Entwicklung Europas seit dem 17. Jahrhundert mit seinen Wachstumszyklen, Handelsmustern, Migrations- und Kapitalbewegungen, institutionellen Veränderungen und Auswirkungen all dieser Bewegungen auf Lebensstandards, Zeiten der Konvergenz und Divergenz, und die dominierenden Erklärungen hierfür ist ein ambitioniertes Projekt und für einzelne Autoren kaum zu leisten. Und das macht die zweite wesentliche Besonderheit dieses Buches aus: Die Herausgeber Broadberry und O’Rourke haben sich für jedes Kapitel der europäischen Entwicklung ein bis drei ausgewiesene Fachleute ins Boot geholt, die sich trotz der Dominanz einzelner Länder stark bemühen, den komparativen Ansatz in jedem Kapitel aufrechtzuerhalten. Dies macht das Buch nicht nur zu einem ausgesprochenen Lesevergnügen, weil jedes einzelne Kapitel von ausgesuchter Qualität ist, es bietet darüber hinaus auch den aktuellsten Stand der Forschung und auch der Datenlage der europäischen Wirtschaftsgeschichte. Gerade der letzte Aspekt macht es zu einem unverzichtbaren Nachschlagewerk für jeden europäischen Wirtschaftshistoriker und zur Pflichtlektüre für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Die Herausgeber weisen das Buch explizit als Lehrbuch für Studenten auf Bachelorniveau aus. Aufbau und Struktur sind geeignet, um es als Grundlagentext für eine über zwei Semester gehende Einführung in die europäische Wirtschaftsgeschichte zu nutzen. Gerade die explizite Verknüpfung von volkswirtschaftlicher Theorie mit historischen Gegebenheiten macht es für angehende Volkswirte zu einem spannenden Lehrbuch, das hilft, erlerntes ökonomisches Wissen an konkreten Beispielen zu vertiefen und die Entwicklung Europas ökonomisch zu interpretieren. Allerdings wird für Studenten auf diesem Niveau oft zu viel theoretisches und historisches Wissen vorausgesetzt. Ökonomische Theorien, die den Kapiteln zugrundeliegen, werden oft nur angerissen. Für Studenten, die mit der Materie nicht vertraut sind, dürfte es in manchen Kapiteln schwer sein, die Informationen richtig einzuordnen, zu bewerten und gelegentlich sogar, sie zu verstehen. Das ist natürlich bei der Länge des beobachten Zeitraumes, wie auch der Vielzahl der behandelten Aspekte nicht überraschend. Die Kapitel sind allerdings, geschuldet der großen Anzahl an Autoren, recht heterogen in dieser Hinsicht.

Zusammenfassend ist dieses Buch ein gutes Einstiegsbuch für Studenten, ein umfassendes Nachschlagewerk für Dozenten der Ökonomie und Wirtschaftsgeschichte und eine unverzichtbare Lektüre für jeden quantitativen Wirtschaftshistoriker.

Anmerkung:
[1] Gunnar Persson, An Economic History of Europe, Cambridge 2010.

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Veröffentlicht am
10.08.2011
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