P. Cartledge (Hrsg.): Responses to Oliver Stone’s Alexander

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Titel
Responses to Oliver Stone’s Alexander. Film, History, and Cultural Studies


Herausgeber
Cartledge, Paul; Rose Greenland, Fiona
Reihe
Wisconsin Studies in Classics
Erschienen
Anzahl Seiten
VII, 370 S.
Preis
$ 26,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Juraske, Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik, Universität Wien

Nachdem die Prestigeantikfilmproduktionen der 2000er-Jahre „Gladiator“ (2000) und „Troy“ (2004) schon in fachhistorischen Sammelbänden [1] besprochen wurden, liegt nun mit Paul Cartledges und Fiona Rose Greenlands Sammelband „Responses to Oliver Stone’s Alexander: Film, History, and Cultural Studies“ eine umfassende historische Auseinandersetzung mit dem ambitionierten Werk des kontrovers diskutierten dreifachen Academy-Award-Preisträgers Oliver Stone [2] vor, welches den Erfolg der Vorgängerproduktionen nicht wiederholen und erst im DVD-Geschäft die hohen Produktionskosten von 160 Millionen Dollar decken konnte.[3] Die zwölf in fünf Sektionen gruppierten Beiträge, verfasst von renommierten Fachleuten der filmischen Antikenrezeption wie Jon Solomon, Kim Shahabudin und Monica Silveira Cyrino sowie von an der Produktion beteiligten Althistorikern wie Robin Lane Fox und Lloyd Llewellyn-Jones, spiegeln eine breite Palette unterschiedlicher Themen rund um die Produktion wider. Abgerundet wird die Publikation durch ein Nachwort von Oliver Stone (S. 337–352), in welchem der Regisseur zu diversen Kritikpunkten Stellung nimmt.

Nach einer ausreichenden Einführung der Herausgeber (S. 3–14) eröffnen im ersten Teil Joanna Paul mit „Oliver Stone’s Alexander and the Cinematic Epic Tradition“ (S. 15–35) und Jon Solomon mit „The Popular Reception of Alexander“ (S. 36–51) die Auseinandersetzung mit den Problemen der Vor- und Postproduktion, die zum finanziellen Misserfolg des Films an der Kinokassa führten. Im Gegensatz zu den anderen Beiträgen bettet Jon Solomon den Antikfilm in das gesamte Filmschaffen Stones ein (S. 44–47) und zeigt, dass der Regisseur schon vor „Alexander“ (2004) in seinen Produktionen direkte Bezüge auf die Antike herstellte. Im zweiten Abschnitt „Precursors of Alexander“ beschäftigt sich Robin Lane Fox, der historische Hauptberater der Produktion, mit dem 1949 uraufgeführten Theaterstück „Adventure Story“ von Terence Rattigan (S. 55–91) zum makedonischen König, welches Parallelen zum 55 Jahre später entstanden Film aufweist. Kim Shahabudin behandelt mit Robert Rossens „Alexander the Great“ (1956) die einzige Hollywoodvorgängerproduktion (S. 92–116), die wegen der Negation entscheidender Elemente der Genretradition beim Publikum auf Unverständnis stieß.

Der anschließende dritte Abschnitt „Alexander’s Intimates: Sexuality and Gender“ bildet mit vier Beiträgen den Hauptteil der Untersuchung, wobei alle Beiträge die Kritik an Stones stereotypem Umgang mit unterschiedlichen Aspekten von Sexualität im Film eint. Über die Behandlung der klassischen griechischen Konzeption von Homosexualität nähert sich Marilyn Skinner Alexanders Sexualität im Film an (S. 119–134). Die Olympias-Spezialistin Elizabeth D. Carney dekonstruiert in ihrem Beitrag (S. 135–167) die unzulänglichen stereotypen Vorstellungen Stones in Bezug auf die Hauptprotagonistinnen, eine Schwäche des Regisseurs, die sich in seinem gesamten filmischen Schaffen zeigt. Mit den Auswirkungen auf den Film durch das Casting von Hollywood-bad boy Colin Farrell setzt sich Monica Silveira Cyrino in ihrer Betrachtung (S. 168–182) auseinander. Dabei vergleicht die Autorin Farrell mit Russell Crowe und Brad Pitt, den Hauptprotagonisten der Genrevorgängerfilme, und zeigt den elementaren Unterschied zur Interpretation der Hauptfigur bei Stone: „Both of these ancient epic heroes undergo the full range of experience in the course of their cinematic narratives, from adversity to triumph to cathartic death, and thus both films invite the audience to identify with the characters as heroes. In contrast, the disjointed plot of Alexander confuses the audience and obstructs their access to him as a character.“ (S. 178) Von der Titelfigur zu Hephaistion wechselt Jeanne Reames in ihrem Beitrag (S. 183–216), wobei sie sich eindringlich mit den relevanten antiken Quellen auseinandersetzt und die Diskrepanz zwischen antikem Befund und filmischer Darstellung aufzeigt.

Den vierten Teilabschnitt „Alexander’s Dream: Macedonians and Foreigners“ eröffnet Thomas Harrison (S. 219–242) mit einer Aufzählung der Schwächen der Darstellung Oliver Stones, wobei sein Hauptkritikpunkt in der unreflektierten Übernahme des positivistischen Alexanderbildes William W. Tarns liegt, welches Stone in seiner Konstruktion der Titelfigur den ausgewogeneren Betrachtungen von Ernst Badian und Albert Brian Bosworth vorzieht. Lloyd Llewellyn-Jones spürt in seinem Abschnitt (S. 243–281) der filmischen Darstellung der Perserinnen sowie der allgemeinen Konzeption des Orients nach, wobei Stone in der Meinung des Autors vor allem bei der Darstellung des Harems den stereotypen europäischen Vorstellungen aufsitzt, die schon Edward Said in seinem 1978 erschienen Buch „Orientalism“ demaskierte.

Im letzten Abschnitt 5 „Ways of Viewing Alexander“ spürt Verity Platt in „Viewing the Past: Cinematic Exegesis in the Caverns of Macedon“ (S. 285–304) der Ikonographie Oliver Stones nach und zeigt vom Regisseur beabsichtigte Verbindungen zu „Le mépris“ (1963) und zu „Fellini – Satyricon“ (1969) auf, die letztendlich die Heterogenität des Films weiter unterstreichen. John F. Cherry wendet sich in Anlehnung an die Kinoproduktion „Alexander“ (2004) dem Phänomen des Blockbusters im musealen Bereich zu und untersucht die finanzkräftigsten internationalen Ausstellungen mit Alexander-Bezug vom Ende der 1970er-Jahre bis 2007 in Nordamerika, Europa, Australien und Japan (S. 305–336). Im Anschluss an die Ausführungen von Regisseur Oliver Stone runden die Kurzbiographien der Autoren und Autorinnen (S. 353–356) sowie ein umfassender Index (S. 357–370) die Publikation ab.

Die Bandbreite der behandelten Themen macht den vorliegenden Sammelband zu einer wichtigen Bereicherung für den Forschungsbereich Antike und Film. Die Beteiligung von Oliver Stone schafft eine fruchtbare Auseinandersetzung, die sowohl für interessierte Laien als auch für den didaktischen Einsatz in der Lehre interessant erscheint. Zwar ist in manchen Beiträgen (so bei Solomon oder Platt) eine stärkere Bezugnahme zur Geschichte des Mediums vollzogen worden, doch hätte die Berücksichtigung dieser Ebene die Beiträge noch stringenter werden lassen. Einziges Manko ist das völlige Fehlen von Abbildungen sowie genauen Zitaten von Filmsequenzen aus der Produktion, sofern diese überhaupt Erwähnung finden.

Anmerkungen:
[1] Martin M. Winkler (Hrsg.), Gladiator. Film and History, Malden 2004; Martin M. Winkler (Hrsg.), Troy. From Homer’s Iliad to Hollywood Epic, Malden 2007.
[2] Zum Geschichtsverständnis von Oliver Stone siehe Robert B. Toplin, Oliver Stone’s USA. Film, History and Controversy, Lawrence 2000 sowie Jan Distelmeyer, Autor macht Geschichte. Oliver Stone, seine Filme und die Werkgeschichtsschreibung, München 2005.
[3] Siehe auch die entsprechenden Alexander-relevanten Artikel von Angelos Chaniotis, Ivana Petrovic und Anja Wieber in Irene Berti / Marta García Morcillo (Hrsg.), Hellas on Screen. Cinematic Receptions of Ancient History, Literature and Myth, Stuttgart 2008 sowie Gideon Nisbet, Ancient Greece in Film and Popular Culture, Exeter 2006, S. 112–135.

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Veröffentlicht am
20.12.2010
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