O. Wenskus: Umwege in die Vergangenheit

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Titel
Umwege in die Vergangenheit. Star Trek und die griechisch-römische Antike


Autor(en)
Wenskus, Otta
Reihe
Comparanda 13
Erschienen
Innsbruck 2009: StudienVerlag
Anzahl Seiten
268 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Juraske, Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik, Universität Wien

Mit der nun vorliegenden Monographie „Umwege in die Vergangenheit: Star Trek und die griechisch-römische Antike“ der Innsbrucker Klassischen Philologin Otta Wenskus wird zum ersten Mal eine umfassende Einzelstudie zur Rezeption antiker Mythen und Stoffe in einer der erfolgreichsten Science-Fiction-Serien überhaupt vorgestellt. Dabei stellt schon die Menge des Forschungsmaterials mit fünf TV-Serien – „Star Trek“ (1966–1969), „Star Trek: The Next Generation“ (1987–1994), „Star Trek: Deep Space Nine“ (1993–1999), „Star Trek: Voyager“ (1995–2001) und „Star Trek: Enterprise“ (2001–2005) –, der Trickfilmserie „Star Trek: The Animated Series“ (1973–1974), 11 Kinofilmen (zuletzt „Star Trek“, 2009) und über 100 Romanen die Autorin vor erhebliche Anstrengungen, die diese aber zu meistern weiß. Wenskus definiert „Antikerezeption“ in ihren Vorbemerkungen als eine bewusste „Rezeption der griechisch-römischen Antike, besonders der Literatur, der Ikonographie und der Philosophie“ (S.10). Gleichfalls von entscheidender Bedeutung für die Verfasserin ist, wie die Rezipienten der Filme selbst auf die filmische Verwendung der Antike reagierten (S. 17). Damit verdeutlicht Wenskus das entscheidende Erfolgsgeheimnis des Star-Trek-Franchise: die aktive Partizipation der Fans an der Entwicklung der Serie(n).

Nach einem Vorwort (S. 7) und den kurzen Vorbemerkungen (S. 8–10) bildet Abschnitt II „Umfang und Wirkung der Antikerezeption in Star Trek“ (S. 11–223) den Hauptteil der Untersuchung. Dieser ist in zehn unterschiedlich große Unterkapitel gegliedert. Der erste Teilabschnitt A „Alter Orient und Archäologie“ (S. 11–14) setzt sich mit der Orientrezeption im Star-Trek-Universum auseinander, welche sich der genreüblichen stereotypen Dämonisierung des Orients verschließt. Den eigentlichen Untersuchungsbereich eröffnet Wenskus in Unterkapitel B „Die Griechisch-römische Antike und die neuzeitliche Literatur bei Star Trek: Grundsätzliches“ (S. 15–43) mit einführenden Erläuterungen. Dabei setzt sich die Verfasserin mit Fragen der Autorschaft auseinander, die sie über die Buch- und Drehbuchautoren auf alle beteiligten Personen ausweitet, die Beiträge zum Text und zur Ausstattung leisten; sie sieht also im endgültigen Text immer das Produkt einer Gemeinschaftsleistung (S. 29). Grundsätzlich gliedert sie die Rezeption antiker Motive in eine direkte und in eine indirekte Linie [1], letztgenannte beeinflusst durch die angelsächsische Tradition der Römerdramen Shakespeares als wichtigster Quelle. Dabei erfolgt die Verwendung der Antike weniger über den Text selbst als über Gegenstände und Namen (S. 32). Durch den zeitlichen Abstand zu den Nachfolgeserien erweist sich die Rezeption antiker Motive in der Originalserie „Star Trek“ (1966–1969) unreflektierter und für den Laien wesentlich leichter erkennbar als in den späteren Produktionen (S. 32).

Der folgende Teilabschnitt C „Punktuelle Antikerezeption durch handelnde Personen und/oder Autoren“ (S. 43–87) setzt sich mit der Verwendung von antiken Namen und der Nutzung von Griechisch und Latein sowohl im Dialog als auch in der geschriebenen Sprache auseinander, wobei Latein als Sprache der Wissenschaft im Star-Trek-Universum angewandt wird. An der interplanetarischen Sternenflotten-Akademie, der Kaderschmiede des führenden Offizierskorps, wird so Latein als Pflichtfach gelehrt, wenn auch das lateinische Motto der Ausbildungsstätte ex astris scientia – inspiriert durch das Motto der Apollo-13-Mission ex luna scientia – falsch gebildet ist (S. 65). Des Weiteren untersucht Wenskus den Einsatz der lateinischen Sprache bei der Titelgebung der einzelnen Folgen, der verhältnismäßig hoch ausfällt (S. 71), die Verwendung von punktuellen Zitaten – hier wieder mit Schwerpunkt auf den Arbeiten Shakespeares –, die Kreation von lateinischen Pseudozitaten sowie die Exemplarreihen historischer Vor- oder Schreckensbilder. Die letztgenannten Aufzählungen sortiert die Autorin in drei Kategorien, die sie mit zeitlichen Hilfskonstruktionen datiert: „sehr lange her“, „18.–20. Jahrhundert“ und „später“ (S. 84). Das folgende Unterkapitel D „Antike literarische Genera und ihre formalen Charakteristika“ (S. 87–95) setzt sich mit der Bedeutung von „Drama“ (S. 87–93), „sonstiger antiker Dichtung“ (S. 93f.) und „Fabel“ (S. 94f.) für die Produktionen auseinander. Abschnitt E untersucht die Verwendung von Aspekten der literarisch-philosophischen Tradition der Antike (S. 96–98).

Großer Spielraum wird mit dem Abschnitt F „Mythen und Götter“ (S. 98–172) der antiken Mythologie eingeräumt. Wenskus erörtert hier die Reflexion der Mythen, den spielerischen Einsatz von mythischen Personen in Zitaten sowie die Verwendung moderner Mythen über die Antike in den jeweiligen Serien und Kinofilmen. Dabei ist die Odysseerezeption in „Star Trek: Voyager“ (1995–2001) von fundamentaler Bedeutung, schildert der Grundplot der Serie doch die Reise der am anderen Ende der Galaxie gestrandeten USS Voyager nach Hause (S. 105f.). Reizvoll erscheint die Beschäftigung der Autorin mit der Darstellung der Altertumswissenschaften in den Serien selbst, personifiziert in der Figur der Altphilologin Carolyn Palamas (S. 120). Zur Mythenadaption im Star-Trek-Universum stellt Wenskus abschließend fest: „die Antikerezeption wirkt sich fast nur dann qualitätssteigernd aus, wenn sie so raffiniert bzw. so geschickt dosiert ist, dass sie dem überwiegenden Teil des Publikums nicht als solche auffällt […] oder wenn es sich nicht um bewusste Antikerezeption handelt“ (S. 165).

Die folgenden drei Abschnitte H „Antike Heilkunst und Naturwissenschaft“ (S. 173–175), I „Der hippokratische Eid“ (S. 175–180) und J „Antike Philosophie“ (S. 180–197) betrachten die Verwendung von antiker Medizin und Gedankenlehre. Im Bereich der Philosophie zeigt sich eine klare Konzentration auf einzelne antike Vertreter und Schulen wie Sokrates, Platon, Aristoteles und die Stoa. Den Hauptteil beschließt die Adaption historischer Motive im Kapitel K „Antike Geschichte“ (S. 198–224), wobei der Schwerpunkt auf Griechenland und Rom liegt. Im Gegensatz zur römischen Geschichte spielt dabei Griechenland nur eine geringe Rolle; einzig Herodots kultureller Relativismus findet im Star-Trek-Universum seinen Niederschlag bei der Darstellung fremder Zivilisationen (S. 200f.). Den wichtigsten Bezugspunkt bildet das Römische Imperium: einerseits als transformierte Kulisse in einzelnen Folgen, anderseits in Form von römischen Versatzstücken und Motiven in den Gesellschaftsentwürfen der handlungsimmanenten außerirdischen Vulkanier, Romulaner oder Cardassianer (S. 208–217). Der im Antikfilmgenre unvermeidliche saluto romano (S. 215) [2] findet ebenso Berücksichtigung wie die Verwendung der Gladiatur in der Originalserie, die – den Historienproduktionen folgend – kaum den spärlichen antiken Quellen entspricht, sondern einerseits durch die Bildwelten der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts und andererseits durch Vorgängerfilme wie „Spartacus“ (1960) beeinflusst ist (S. 219 u. 221–224). Die Untersuchung wird durch Kapitel III „Schluss und Ausblick“ (S. 224f.) sowie eine Bibliographie (S. 228–233) und eine kommentierte Auswahl der behandelten Star-Trek-Fernsehfolgen (S. 234–242) abgeschlossen. Drei Indizes, die nach Titeln (S. 243–250), Personen (S. 250–259) sowie Sachen, Orten und Begriffen (S. 259–266) geordnet sind, runden die Publikation ab.

In ihrer akribischen Behandlung der unterschiedlichen Facetten der Rezeption antiker Themen in einem Produkt der Populärkultur ist Otta Wenskus trotz des umfangreichen Quellenmaterials eine überaus fundierte Darstellung gelungen, die durch eine Fülle an Querverweisen und Vergleichen zu überzeugen weiß. Gerade die Auseinandersetzung mit Inhalten, die über den Tellerrand der Klassischen Altertumskunde hinausblicken, machen diese Publikation über die Grenzen des Rezeptionsfaches hinaus so wichtig und vielseitig einsetzbar, gerade im Bereich der schulischen oder universitären Didaktik.

Anmerkungen:
[1] Zur vermittelten intermedialen Tradition, der Übernahme eigenständiger nicht filmischer Vorlagen, vgl. Martin Lindner, Rom und seine Kaiser im Historienfilm, Frankfurt am Main 2007, S. 91.
[2] Zur Verwendung des saluto romano in „Star Trek“ (1966–1969) vgl. Martin M. Winkler, The Roman Salute. Cinema, History, Ideology, Columbus 2009, S. 169f.

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Veröffentlicht am
22.11.2010
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