J. Plamper u.a. (Hrsg.): Rossiskaja Imperija Tschuwstw

Cover
Titel
Rossiskaja Imperija Tschuwstw [Russländisches Imperium der Gefühle]. Podchody k kulturnoi istorii emozi


Herausgeber
Plamper, Jan; Schachadat, Schamma [Schahadat, Schamma]; Eli, Mark [Elie, Marc]
Reihe
Nautschnaja biblioteka
Erschienen
Anzahl Seiten
512 S.
Preis
ca. € 8,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexandra Oberländer, Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen

Im Unterschied zu vielen anderen „turns“ der letzten Jahre ist der „emotional turn“ relativ schnell im Forschungsmainstream aufgenommen worden. Russlandhistoriker/innen wussten bereits sehr früh Substantielles zu diesem neuen Forschungsgebiet beizutragen.[1] Spätestens seit Jan Plamper, Dilthey-Fellow im Arbeitsbereich „Geschichte der Gefühle“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Schamma Schahadat (Tübingen) und Marc Elie (Moskau) im April 2008 eine Konferenz zu „Emotions in Russian History“ am Deutschen Historischen Institut in Moskau organisierten, ist die Geschichte der Gefühle auch in Russland selbst angekommen.

Der vorliegende russischsprachige Sammelband ist das Ergebnis jener Moskauer Konferenz. Auch wenn viele der Beiträge bereits auf Englisch vorliegen, ist dies kein Mangel des vorliegenden Bandes. Schließlich ist sein Zielpublikum die russische akademische Welt, für die es etwa in der russischen Provinz noch immer zum Alltag gehört, kaum englischsprachige Publikationen oder gar (online-)Zeitschriften aus dem Ausland zur Verfügung zu haben. Insofern gebührt den Herausgebern des Bandes der Verdienst, dem russischen Publikum aktuelle englischsprachige Forschung zugänglich gemacht zu haben. Zu diesen Beiträgen gehören Auszüge aus Robert Edelmans mehrfach ausgezeichnetem Buch über den Moskauer Fußballverein Spartak und Ronald Sunys leicht revidierter, klassischer Aufsatz über „Affective Communities“.[2] Auf die Leserrezeption des ebenfalls prämierten Beitrags von Adi Kuntsman über Homosexualität im sowjetischen Gulag kann man besonders gespannt sein.[3] Schließlich geht es ihr um die Dekonstruktion von Homophobie, die von den politischen Häftlingen gegen die vermeintlich kriminellen Lagerinsassen gepflegt wurde. Laut Kuntsman führte die Homophobie gepaart mit Ekel zur Dehumanisierung der kriminellen Häftlinge. Diese Entmenschlichung wiederum verträgt sich nur schwer mit dem Nimbus, mit dem vor allem in der Dissidentenszene politische Häftlinge in der Sowjetunion geehrt und verehrt wurden bzw. werden.

Die Emotionen, die in diesem Band verhandelt werden, sind vielfältig: Freude und Ekstase, Heimweh und Melancholie, Hass und Wut, Ehre und Scham, Rausch und Angst, Ekel und Trauer. Manche der Artikel widmen sich ausschließlich einer Emotion oder einem Affekt – eine Differenz, die auch in diesem Sammelband oft betont, aber in der Analyse selten eingeholt wird. Andrei Zorin (Oxford/Moskau) schreibt anhand der Reisetagebücher von Nikolai Karamsin eine transnationale Geschichte des Heimwehs und der Einsamkeit im 18. Jahrhundert. Wie Russland lernte „europäisch zu fühlen“ (S. 130) ist implizit auch Thema in Vera Dubinas (Moskau/Mainz) Beitrag. Sie interpretiert das Heimweh russischer Internatsschüler des 19. Jahrhunderts, das sich vor allem in grenzenloser Langeweile ausdrückte. Beide Artikel beschreiben die adlige russische Gesellschaft als einen Ort der Sehnsucht, wobei dieser Gesellschaft weniger bewusst war, wonach sie sich sehnte, vielmehr hingegen, dass sie sich nach etwas sehnte.

Gefühle nicht als alltägliche Begleiterscheinung, sondern vielmehr als dezidierter Ausbruch aus dem Alltag sind ein prominentes Thema dieses Sammelbandes. Ekstase beim Tanz (Irina Sirotkina/Moskau), frenetische Reaktionen des Theaterpublikums (Olga Kupzowa/Moskau) oder Scham und Schuld anlässlich des Attentates auf den Zaren im März 1881 (Julija Safronowa/Sankt Petersburg) spüren diesen Gefühlen in Zeiten des Ausnahmezustandes nach. Gerade die Beiträge der russischen Historiker/innen zeigen, wie sehr internationale Debatten mittlerweile auch in Russland verankert und doch zugleich auf wenige Standorte (Moskau, Sankt Petersburg und Tscheljabinsk) beschränkt sind.

Einig sind sich alle Beitragenden über die soziale Konstruktion von Gefühlen. Manche der Beiträger/innen versuchen, sich dezidiert zur Auseinandersetzung zwischen Barbara Rosenwein („emotional communities“) und William Reddy („emotional regime“) zu positionieren. Für Leser/innen, die mit den theoretischen Grundannahmen der Emotionsforschung nicht recht vertraut sind, führt Jan Plamper in seiner Einleitung sehr gründlich in die Geschichte der Emotionen ein.[4] Die Gliederung des Sammelbandes allerdings folgt nicht der Frage nach diesen theoretischen Schulen, sondern sortiert die Beiträge nach Prinzipien wie „Rausch“ oder „Persönliche Beleidigungen“. Eine Gliederungsweise, die an den jeweiligen methodischen Ansätzen orientiert gewesen wäre, hätte sicherlich auch Vorteile gehabt, da sich die Sortierung der Artikel nicht immer erschließt.

Wie jeder Sammelband hat auch dieser seine Höhen und Tiefen. Diejenigen Artikel, die bereits in Peer-Reviewed Journals erschienen sind, lesen sich auch in der russischen Übersetzung zum Teil wesentlich besser als originär russische Beiträge, die ein solches Peer-Review-Verfahren nicht durchlaufen haben. Es gehört zu den undankbareren Geschäften des akademischen Alltages, Sammelbänden Kohärenz zu verleihen, zumal wenn in ihnen sehr unterschiedliche historische Schulen, wie die russische und die „westliche“, vereint werden. Gleichwohl ist dieser Sammelband ein wichtiger Beitrag zur theoretischen und inhaltlichen Annäherung.

Anmerkungen:
[1] Catriona Kelly, Refining Russia. Advice Literature, Polite Culture, and Gender from Catherine to Yeltsin, Oxford 2001; Arpád von Klimó / Malte Rolf (Hrsg.), Rausch und Diktatur. Inszenierung, Mobilisierung und Kontrolle in totalitären Systemen, Frankfurt am Main 2006; Mark D. Steinberg, Melancholy and Modernity. Emotions and Social Life in Russia between the Revolutions, in: Journal of Social History 41:4 (2008), S. 813-841; Mark D. Steinberg / Valeria Sobol (Hrsg.) Interpreting Emotion in Russia and Eastern Europe, DeKalb 2011 [im Druck].
[2] Robert Edelman, Spartak Moscow. A History of the People’s Team in the Workers’ State. Ithaca 2009; Ronald Grigor Suny, The Empire Strikes Out. Imperial Russia, ‚National’ Identity, and Theories of Empire, in: ders. / Terry Martin, A State of Nations. Empire and Nation-Making in the Age of Lenin and Stalin, New York 2001.
[3] Adi Kuntsman, „With a Shade of Disgust“. Affective Politics of Sexuality and Class in Memoirs of the Stalinist Gulag, in: Slavic Review 68:2 (2009), S. 308-328.
[4] Siehe dazu auch Jan Plamper, The History of Emotions. An Interview with William Reddy, Barbara Rosenwein, and Peter Stearns, in: History and Theory 49 (2010), S. 237-265.