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Titel
Die Erfindung der Erinnerung. Deutsche Kriegskindheiten im Gedächtnis der Gegenwart


Autor(en)
Heinlein, Michael
Reihe
Sozialtheorie
Anzahl Seiten
204 S.
Preis
€ 24,80 €
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Barbara Stambolis, Neuere und Neueste Geschichte, Universität Paderborn

Seit etwa zehn Jahren werden Angehörige der zwischen 1930 und 1945 Geborenen als Kriegskindergeneration ‚gelabelt‘. Sie stehen im Mittelpunkt der medialen wie auch wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Besonders anlässlich der 60. Wiederkehr des Kriegsendes schien das Interesse an ihren ‚Zeitzeugen‘-Berichten einen Höhepunkt erreicht zu haben: Kriegskinder kamen miteinander ins Gespräch, fanden Aufmerksamkeit von Seiten Jüngerer und vor allem: sie wurden öffentlich wahrgenommen. In der Wochenzeitung DIE ZEIT hieß es treffend, die Erinnerung sei offenbar „ein Hund, der dem Gebot des Vernünftigen nicht immer pariert. Sie sucht sich die Objekte der Emotion und die Anlässe des Erzählens selbst.“ Und weiter: „Es war, als hätte jemand eine Schleuse geöffnet.“ [1] Genau dieses Phänomens nimmt sich Michael Heinlein in seiner soziologischen Dissertation an, die in überarbeiteter Form soeben erschienen ist.

Heinlein untersucht diesen Erinnerungsboom und fragt, warum diese Altersgruppe, von der oft als „Generation“ gesprochen wird, eine derart große Aufmerksamkeit zuteil werde. Ihr Erinnern werde geradezu zu einer „öffentlich ausgelebten Lust“ (S. 14), in deren Zuge „emotionsgeladene Erzählungen“ – von Flucht- und anderen Leidenserfahrungen – den Blick auf die NS-Zeit zu dominieren begännen. Der Begriff des Traumas spiele in diesen Zusammenhängen in geradezu unzulässiger Weise eine zentrale Rolle, denn viele Kinder hätten die Folgen des Zweiten Weltkriegs „nur am Rande erlebt“, nur eine Minderheit wurde – so der Autor unter Berufung auf Nicholas Stargardt – „dauerhaft traumatisiert“ (S. 15). Um die Frage individueller oder kollektiver Traumata geht es Heinlein allerdings nicht vorrangig, sondern darum, „die Dynamik des gegenwärtigen Umbruchs in der Erinnerungslandschaft“ (S. 18) zu verstehen. Dass wir uns an einer erinnerungskulturellen Schwelle befinden, ist unbestritten. Mit anderen Worten: Menschen, die eigene Erinnerungen an das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg haben, sind ‚in die Jahre gekommen‘; das kommunikative Gedächtnis ist, wie man weiß, auf drei bis vier Generationen angelegt. In der Tat stellt sich die Frage: Was geschieht im Zusammenhang mit Erfahrungen und Erinnerungen der genannten Erlebensgeneration zwischen Erzählen, Deuten, Formen, Prägen und Tilgen?

Heinlein wendet sich zunächst der Frage nach der Konstituierung der Kriegskindergeneration als Erfahrungs- und Erinnerungsgemeinschaft zu. Durch breite Angebote, ihre Erfahrungen zu kommunizieren, würden die Kriegskinder gewissermaßen zur Erinnerung „verleitet“, und das heißt auch angeleitet. Als Beispiele dienen dem Autor unter anderem die 2000/2001 vom Ruhrlandmuseum Essen durchgeführte Ausstellung „Maikäfer flieg …“ sowie der Frankfurter Kriegskinderkongress 2005, an dem Wissenschaftler sowie zahlreiche Zeitzeugen teilnahmen. Zu Recht verweist er auf eine Flut von Erinnerungsliteratur, in Form von Autobiographien und Interviews, Internetplattformen und anderem mehr: Kriegskinder äußern sich, sehen sich bestätigt durch den Austausch mit anderen und werden nicht zuletzt medial mit ihren Erfahrungen ernst genommen.

Im zweiten Teil seiner Arbeit steht der Trauma-Begriff im Mittelpunkt, der etwa der Homepage des Vereins kriegskind.de zufolge „zum entscheidenden Definitionskriterium von Kriegskindheit“ avanciert sei (S. 86). Seine intensive und fast schon inflationäre Verwendung berge eine Reihe von Gefahren, so Heinlein; er stütze Opfernarrative und könne erinnerungs- und identitätspolitisch spannungsreich wirksam werden. Sprengstoff ergebe sich in diesem Zusammenhang nicht zuletzt deshalb, weil der geradezu „obsessive“ (S. 30) Memory-Boom in Deutschland stattfinde.

Nicht zuletzt trage die Forschung (insbesondere die Forschungsgruppe weltkriegs2kinder und das an der Ludwig-Maximilians-Universität München angesiedelte Projekt Kriegskindheit) dazu bei, die Kriegskinder als Generation gleichsam zu generieren oder besser zu erfinden. Als Akteure nennt Heinlein – eng vernetzte – Wissenschaftler, die zugleich Forscher und Kriegskinder sind und ihre lebensgeschichtlichen Erfahrungen offen in ihre Untersuchungen einfließen lassen. Heinlein schreibt ihnen einen erheblichen Einfluss bei der Konstruktion der Kriegskindergeneration zu. Er bezieht sich auf zahlreiche Veröffentlichungen (unter anderem Hartmut Radebolds) und stützt seine Ausführungen auf neun leitfadengestützte Interviews (unter anderem mit Jürgen Zinnecker, Insa Fooken, Michael Ermann, Harald Kamm und Helga Spranger).

Die Interviews wären für den Leser des Buches zweifellos von Interesse gewesen, gerade weil sie einen wissenschaftsgeschichtlichen Aspekt berühren, der in Heinleins Dissertation keine Rolle spielt. Dass der Rekurs auf wie auch immer im einzelnen genau zu bezeichnende traumatische Erfahrungen mit intensiven Selbststilisierungen Betroffener als „Opfer“ einhergeht, ist, so jedenfalls mein Eindruck, nicht unbedingt zwingend und durch entsprechende Untersuchungen bzw. Befragungen auch nicht unbedingt zu belegen.[2]

Eine Anmerkung zum Wissenschaftsverständnis der Interviewten und ihrer Zünfte sei an dieser Stelle gestattet: Unter Historikern und auch Vertretern anderer Wissenschaftsdisziplinen wie beispielsweise der Soziologie galt es lange als fragwürdig, die Person des Forschenden in irgendeiner Weise hinter ihren Forschungen sichtbar werden zu lassen. „Von uns selber schweigen wir“, betitelte etwa Hans Kohli (Jahrgang 1942) treffend einen Beitrag zur Geschichte der Soziologie.[3] Gerade in der Kriegskinderforschung wird aber sichtbar: Wenn sich Wissenschaftler selbst als Zeitzeugen und damit Zeitgenossen wahrnehmen, müssen sie feststellen, dass sie geschichtlichen Einflüssen ausgesetzt sind. Sie sind an Entwicklungen beteiligt, denen sie sich nicht entziehen können, sind möglicherweise zufällig und folgenreich Katastrophen ausgeliefert gewesen, über die sie dann später geforscht haben. Sie müssen sich sodann fragen, wie es um ihre ‚Objektivität‘ oder ihr Streben nach distanziert kritischer Betrachtung der ‚Geschichte‘ bestellt ist, um die sie sich um der Seriosität ihres Faches und der Qualität ihrer Arbeit willen stets bemühen.[4]

Die Einbeziehung weiterer generationeller Verortungs- bzw. Selbstverortungsmöglichkeiten für die zwischen 1930 und 1945 Geborenen in den letzten Jahren hätte manche Aussage vielleicht doch ein wenig stärker differenziert: Besonders die mit dem Erinnerungsjahr 2008 noch einmal besonders intensiv – auch generationell – historisierten 1960er-Jahre und die Ereignisse 1967/68 sowie deren Folgen seien hier genannt.[5]

Ob die um 1940 Geborenen als traumatisierte Kriegskinder in ein – nationales oder gar europäisches – kollektives Gedächtnis eingehen werden, wird sich erst noch zeigen; und so wäre zu wünschen, dass der Autor sich zu einem späteren Zeitpunkt des Themas „Kriegskinder revisited“ annehmen möge. Micha Brumliks Plädoyer, die Erfahrungen der Kriegskinder-Generation in einer Weise in das kollektive Gedächtnis einzubinden, in der sichtbar bleibt, dass die zwischen 1930 und 1945 geborenen Deutschen nicht die Opfer eines Völkermordes gewesen seien, sondern die Leidtragenden der Taten vor allem ihrer Väter, findet offenbar Widerhall.[6] Viele Frauen und Männer beispielsweise, die ihre Väter kriegsbedingt kaum oder gar nicht kennengelernt haben, haben heute wohl in erster Linie den Wunsch, die Gräber ihrer Väter ausfindig zu machen, um verspätet zu trauern und sich verabschieden zu können, was ihnen als Kinder nicht möglich war. In der Generation der Kriegsenkel scheinen auch keineswegs Opferdiskurse zu dominieren. In der FAZ hat zum Beispiel kürzlich der Schriftsteller Johannes Gelich (Jahrgang 1969) über seine Reise auf der Suche nach seinem 1945 in einem Gefangenenlager an der Wolga-Mündung verstorbenen Großvater berichtet und darin seine Einsicht am Ende der Reise betont, es gehe nicht nur darum, Bescheid zu wissen, wo der Großvater beerdigt sei oder überhaupt ein Grab zu finden, sondern darum, sich unterwegs die Dimensionen von Leid und Trauer im Zusammenhang mit den Grauen des Zweiten Weltkriegs zu vergegenwärtigen.[7]

Anmerkungen:
[1] Ulrich Greiner, Der Hund Erinnerung, in: Die Zeit, Nr. 46 vom 4.11.2004, S. 1.
[2] Beispielsweise Barbara Stambolis: Vaterlose Töchter. Von der Gerda-Henkel-Stiftung gefördertes aktuelles Forschungsprojekt.
[3] Barbara Stambolis, Leben mit und in der Geschichte. Deutsche Historiker Jahrgang 1943, Essen 2010, dort zum Thema „Selbsthistorisierung“ zitiert: Martin Kohli, Von uns selber schweigen wir. Wissenschaftsgeschichte als Lebensgeschichten, in: Wolf Lepenies (Hrsg.), Geschichte der Soziologie. Studien zur kognitiven, sozialen und historischen Identität einer Disziplin, Band 1, Frankfurt am Main 1981, S. 428-465.
[4] Lutz Niethammer, Ego-Histoire? Und andere Erinnerungsversuche, Wien 2002, S. 167-192: Auf der Suche nach verlorenen Texturen. Ein fiktives Interview. Vgl. auch: John Brewer, New Ways in History, or, Talking about my Generation, ebd., S. 27-46.
[5] Vgl. Stambolis, Leben mit und in der Geschichte.
[6] Vgl. Micha Brumlik, Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen, Berlin 2005.
[7] Johannes Gelich, Nach Ostland wollen wir reiten, Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 181 vom 7. August 2010.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.11.2010
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/