A. Ingenbleek: Die britische Gewerkschaftspolitik

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Titel
Die britische Gewerkschaftspolitik in der britischen Besatzungszone 1945–1949.


Autor(en)
Ingenbleek, Anja
Reihe
Düsseldorfer Schriften zur neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 84
Erschienen
Anzahl Seiten
612 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Till Kössler, Institut für Erziehungswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum

Die Jahre der Besatzung und des Wiederaufbaus nach 1945 bildeten einen besonderen Schwerpunkt der bundesdeutschen Gewerkschaftsgeschichtsschreibung der 1970er- und 1980er-Jahre. Die Forscher suchten nach verpassten Chancen gesellschaftlicher Erneuerung und debattierten, ob es Alternativen zur Gewerkschaftspolitik jener Jahre gegeben habe. Sie waren überzeugt, dass sich über eine Untersuchung des gewerkschaftlichen Wiederaufbaus wichtige Einsichten in die Ausformung der sozialen und politischen Ordnung der Bundesrepublik gewinnen ließen. Schon vor dem Ende des Kalten Kriegs verloren diese Debatten jedoch deutlich an politischer Sprengkraft. Es bildete sich unter Historikern ein weitgehender Konsens über die Bewertung der Gewerkschaftsgeschichte der Nachkriegsjahre heraus und jüngere Gewerkschaftshistorikerinnen und -historiker wandten sich verstärkt den Folgejahrzehnten zu.

Anja Ingenbleek widmet sich in ihrer umfangreichen Düsseldorfer Dissertation erneut der Entstehungsphase der bundesdeutschen Gewerkschaften und versucht über eine detaillierte Beschäftigung mit der Gewerkschaftspolitik der britischen Besatzungsmacht neue Perspektiven auf das nunmehr klassische Forschungsfeld zu gewinnen. Auf der Grundlage der umfassenden Quellenbestände der Besatzungsverwaltung untersucht Ingenbleek die britische Politik gegenüber den Arbeitnehmerorganisationen von den ersten Planungen im Zweiten Weltkrieg bis zur Gründung der Bundesrepublik. Äußerst detailliert beschreibt sie in fünf Kapiteln die Grundsätze und die Organisation der britischen Besatzungspolitik, die Debatten über den Umgang mit der deutschen Gewerkschaftsbewegung vor 1945, die Organisation und das Personal der Gewerkschaftspolitik, die britische Position gegenüber den grundlegenden Fragen des gewerkschaftlichen Neuaufbaus und schließlich die britische Politik gegenüber den gewerkschaftlichen Mitwirkungsforderungen in Wirtschaft und Politik.

Hinsichtlich der Themen und auch in ihrem vornehmlich organisations- und politikhistorischen Interesse bleibt Ingenbleek der älteren Forschung eng verbunden. Gesellschafts- oder kulturhistorische Aspekte des Themas interessieren sie kaum. Ihre Leistung besteht vor allem darin, systematischer als bisher die britische Gewerkschaftspolitik in ihren Voraussetzungen und ihrer Praxis darzustellen. Insbesondere in zwei Punkten vermag Ingenbleek bislang verstreute Einsichten zu bündeln. Erstens stellt sie schlüssig den Wandel der britischen Haltung gegenüber den Gewerkschaften dar, die sich in den Jahren 1945 und 1946 grundlegend veränderte. Während das Bekenntnis zu freien Gewerkschaften von Anfang an die gemeinsame Grundlage der britischen Politik bildete, stand anfangs die Mehrheit der Besatzungsoffiziere den gewerkschaftlichen Reorganisationsbestrebungen äußerst skeptisch gegenüber, da sie eine erneute nationalsozialistische beziehungsweise linkssozialistisch-antidemokratische Ausrichtung der Gewerkschaften befürchteten. Doch sehr bald erkannte die Besatzungsverwaltung den Wert der neuen Einheitsgewerkschaften als gesellschaftlicher Ordnungsfaktor und als Bollwerke gegen radikale Tendenzen in der Arbeiterschaft. Trotz einer neuen Bereitschaft, die Gewerkschaftsleitungen zu unterstützen, lehnte die Besatzungsmacht jedoch viele gewerkschaftliche Forderungen ab. Ingenbleek zeigt deutlich, dass nicht nur der Einfluss deutscher Emigranten, sondern auch derjenige der mächtigen britischen Gewerkschaften auf die Besatzungspolitik von Anfang an begrenzt war. Sie konnten zu keinem Zeitpunkt eine wirkliche Mitsprache in Gewerkschaftsangelegenheiten erlangen. Zweitens kann Ingenbleek nachweisen, dass die Umsetzung der Besatzungspolitik in den einzelnen Regionen der britischen Zone anfangs sehr wesentlich von den regionalen Besatzungsoffizieren abhing und je nach Person restriktiver oder toleranter ausfallen konnte. Welche längerfristigen Folgen für die deutsche Gewerkschaftsbewegung diese deutlichen Unterschiede hatten, bleibt allerdings weitgehend offen.

In der feingliedrigen, oft jedoch zu langatmigen Quellenauswertung geraten leider übergreifende Forschungsfragen häufig aus dem Blick. Die für das gewählte Thema grundlegende Frage nach dem längerfristigen Einfluss der britischen Politik auf die deutsche Gewerkschaftsentwicklung diskutiert Ingenbleek nur implizit. Dabei liefert die Arbeit durchaus Bausteine einer differenzierten, wenn auch keineswegs ganz neuen Antwort. Einerseits betont sie die normsetzende Macht der Besatzung auch in Gewerkschaftsangelegenheiten. Insbesondere konnten die Briten gegen heftige Widerstände der deutschen Gewerkschafter das Industrieverbandsystem gegen das Zentralverbandprinzip durchsetzen. Andererseits bemühten sich die britischen Besatzungsoffiziere jedoch in der Regel, den Anschein eines offenen Eingreifens zu vermeiden. Dadurch ergaben sich für die deutsche Seite Handlungsspielräume. So tolerierte die Besatzungsmacht trotz interner Bedenken die Gründung katholischer Gewerkschaften sowie unabhängiger Angestellten- und Beamtenverbände. Zudem scheiterte die britische Politik oft. So musste sie ihren zunächst hartnäckig verfolgten Plan aufgeben, eine rechtliche Kodifizierung der innerbetrieblichen Mitbestimmung zu verhindern und stattdessen freiwillige, von staatlicher Regulierung unabhängige Kooperationen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern durchzusetzen. Die begrenzte Durchsetzungskraft der Briten ergab sich nicht zuletzt aus einer gegenüber den USA schwächeren machtpolitischen Stellung. Ein Vergleich der britischen mit der bereits gut erforschten Gewerkschaftspolitik der US-amerikanischen Besatzungsmacht, der in der Studie fehlt, hätte an dieser Stelle weiteres Licht auf die Interaktion der beiden Besatzungsmächte werfen können.

Der Studie entwirft insgesamt ein schlüssiges Bild der Intentionen und der Praxis britischer Gewerkschaftspolitik und trägt zu einem besseren Verständnis der britischen Politik und ihrer Voraussetzungen bei. Doch wird die Lektüre der Arbeit wesentlich dadurch getrübt, dass es an einer übergreifenden Fragestellung fehlt, durch die die Ergebnisse mit aktuellen Debatten zur bundesdeutschen oder britischen Geschichte hätten verknüpft werden können. Welchen Beitrag eine Analyse der britischen Gewerkschaftspolitik zu gegenwärtigen Forschungskontroversen leisten könnte, diskutiert Ingenbleek nicht. Eine angesichts der Anlage der Studie nahe liegende kritische Auseinandersetzung mit den Konzepten der Westernisierung und der Liberalisierung fehlt beispielsweise vollständig. Die Autorin vertut damit die Chance, die Gewerkschaftsgeschichte in allgemeinhistorische Debatten einzubinden und neue Potentiale der Arbeiterbewegungsgeschichte für die Geschichte der Bundesrepublik auszuloten.

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Veröffentlicht am
20.10.2011
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