Cover
Titel
Kirchliche Akademien in der Bundesrepublik Deutschland. Gesellschaftliche, politische und religiöse Selbstverortungen


Autor(en)
Mittmann, Thomas
Reihe
Geschichte der Religion in der Neuzeit 4
Erschienen
Göttingen 2011: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
264 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Schulte-Umberg, Institut für Europäische Geschichte, Mainz

Seit einigen Jahren wird auch in der deutschen Geschichtswissenschaft – nachdem die Ideengeschichte zeitweise etwas vernachlässigt wurde oder gar als überholt galt – der Kontinent der Ideen wieder vermessen.[1] Interessiert man sich für Ideen auch in ihren überindividuellen Entstehungskontexten, dann bilden Foren, auf denen debattiert wurde, einen möglichen Untersuchungsschwerpunkt.[2] Im Raum der Kirchen und konfessionellen Kulturen in Nachkriegsdeutschland dürfen in dieser Hinsicht die zahlreichen kirchlichen Akademien höchste Aufmerksamkeit beanspruchen.[3] Ihre Gründung war kein Selbstzweck, wie der im Rahmen der Bochumer DFG-Forschergruppe „Transformation der Religion in der Moderne“[4] entstandenen Studie Thomas Mittmanns zu den kirchlichen Akademien beider großer Konfessionen von den 1950er-Jahren bis heute durchgängig zu entnehmen ist.

Nach den Worten eines Akademieleiters aus dem Jahr 1955 ging es darum, „neue Wege und Formen zu finden, um dem heutigen Menschen nahezukommen“ (S. 55). Die Formulierung weist auf ein empfundenes und tatsächliches Defizit hin: Der „heutige“, moderne Mensch war auf tradierten Wegen offenbar nicht mehr zu erreichen und schien seine konfessionelle Bindung zu verlieren. Akademien sollten daher – neben ihrer Funktion als Schulungsort vor allem für kirchliche Amtsträger – Foren sein, die einen neuen Zugang zur Konfession und Religion ermöglichten. Wie und mit welchen Inhalten dies geschah, kann in der Sprache einer sozialwissenschaftlich geschulten kirchlichen Zeitgeschichtsforschung „durch eine relationale Abbildung von strukturellen und diskursiv-semantischen Transformationen“ untersucht werden (S. 10). Ein so entstehendes Gesamtporträt kann „die Entwicklung des religiösen Feldes in der Bundesrepublik […] beschreiben“ (ebd.), wird dabei aber – angesichts der Vielfalt der Akademielandschaft nicht verwunderlich – „multiple und widersprüchliche Wandlungsprozesse“ betonen (S. 11). Man kann es auch so formulieren: Eine durchaus strukturierte Erzählung zu den Personen, Ideen und Geschehnissen in und um die Akademien verspricht einen aufschlussreichen Beitrag zur Geschichte der kirchlich-konfessionellen Kulturen im Nachkriegsdeutschland.

Mittmann sieht seine Vorgehensweise als Erweiterung eines sozialstrukturellen Ansatzes, der in kirchenhistorischen Untersuchungen bisher dominiert habe. Demgegenüber sei zu beachten, Kirche sei „in der modernen Gesellschaft […] immer auch ein semantisch-diskursives Konstrukt, dessen Gestalt zu jeder Zeit neu verhandelt wird“ (S. 10). Zwar dürften auch heutzutage zahlreiche Kirchenvertreter ein entschiedenes „Nein“ zu rufen versucht sein und auf unverhandelbare Glaubensinhalte verweisen. Doch würden selbst sie ihre Botschaft in der Regel so zu formulieren versuchen, dass das heutige Publikum sie verstehen kann. Akademien bieten einen Raum dafür; sie sind in diesem Sinne Orte der „Selbstmodernisierung“ (S. 10) und „Selbstverortung“ (siehe den Untertitel des Buchs).

Bevor es um Form und Inhalt der Diskurse geht, bietet Mittmann in Kapitel I seiner Studie getrennt nach Konfessionen in chronologischer Reihenfolge eine Institutionen- und Personengeschichte evangelischer und katholischer Akademien von den Anfängen in den 1950er-Jahren bis heute. Die Kapitel II, III und IV zeichnen die Diskurse nach. Im Zentrum des zweiten Kapitels steht die Frage, ob und wie im Raum der Akademien ein politischer Handlungsauftrag gesehen wurde. Dies wird anhand der zeitgenössisch prägenden Themen – unter anderem Deutschland- und Sicherheitspolitik, Frieden, „Dritte Welt“, Umwelt, Rolle der Frau – schlüssig erzählt. Von der Form her ist dabei vor allem für die evangelische Seite ein Wandel zum Dialog festzustellen, der mehr oder minder die tradierte Form des Belehrens ausschließt und tendenziell als offenes Gespräch zwischen gleichrangigen Partnern gesehen werden kann. In Kapitel III hebt der Autor die Funktionalisierung kirchlichen Handelns hervor – die Kirchen suchten nach Möglichkeiten, sich als Dienstleister anzubieten. Besonders lesenswert sind die Ausführungen, wie beide Kirchen den Diskurs über den Islam und seine gesellschaftliche Verortung majorisieren konnten. An dieser Stelle wird allerdings fraglich, ob die Kirchen auf Entwicklungen nur reagieren oder Diskurse eventuell immer noch inhaltlich (mit)bestimmen können.

In Kapitel IV beschreibt Mittmann, wie einem zunehmenden Bedeutungsverlust von Kirchen im Allgemeinen wie der Akademien im Besonderen durch ein Eingehen auf die Erfordernisse des Markts gegengesteuert werden sollte. Eventkultur, eine säkulare Sprache und die Suche nach außerkirchlicher Religiosität erschienen einer Vielzahl von Akteuren unterschiedlichster Couleur seit den späten 1960er-Jahren als geeignet. (In der Tat kann ja, wie vom Rezensenten erlebt, im Rahmen eines Seminars zum Beispiel der Film „Chocolat“ [UK / USA 2000] auf seine verborgene religiöse Semantik hin analysiert werden, und es können die während des Seminars angebotenen Speisen und Getränke mit einem Schokoladentouch versehen werden.) Zum Schluss der Studie wird eine knappe Zusammenfassung geboten, die die Rolle der Akademien als Orte der „Selbstmodernisierung“ zwecks „Relevanzsicherung des christlichen Glaubens in der modernen Gesellschaft“ benennt (S. 228). Im Konfessionsvergleich werde allerdings deutlich, wie die katholische Seite durchgängig und im Prinzip bis heute eine eigene konfessionelle Identität bewahrt und auf dieser Basis auch mit einem sehr viel stärkeren politischen und gesellschaftlichen Gestaltungsanspruch agiert habe.

Quantitativ gesehen liegt das Hauptgewicht der Studie auf der evangelischen Seite. Das mag insofern gerechtfertigt sein, als mit der 2004 als Buch erschienenen Dissertation von Oliver M. Schütz zumindest für die drei Jahrzehnte nach Kriegsende für die katholischen Akademien eine umfassende, vorrangig institutionengeschichtliche Studie vorliegt, deren Pendant für die evangelischen Akademien eher schmaler ausfällt.[5] Vorrangig erscheint allerdings, dass, wie Mittmann ausführt, Form und Inhalt der Diskurse im katholischen Raum eingehegt werden konnten, es der (Amts-)Kirche also gelungen sei, Leitlinien und Grenzen zu setzen und durchzusetzen. Damit wird eine jüngst von Norbert Lüdecke in einem äußerst instruktiven Aufsatz vorgetragene These bestätigt, die für den weiteren Gang der kirchlichen Zeitgeschichtsforschung anregend sein könnte.[6] Diese Forschung hätte sich unter anderem stärker mit interkonfessionellen Transfers zu beschäftigen – eine Perspektive, die in Mittmanns Studie nur am Rande anklingt. Zu berücksichtigen wäre mit Blick auf die katholische Seite und besonders die Amtskirche aber die Frage, inwieweit die medial vermittelte Darstellung von Einheit und Geschlossenheit den tatsächlichen Verhältnissen entsprach.

Angesichts des Umfangs und der ausgewerteten Quellen sollte Thomas Mittmanns Studie nicht unter dem Anspruch gelesen werden, eine Gesamtdarstellung der Personen, Geschehnisse und Diskurse in und um die Akademien beider Konfessionen von 1950 bis heute zu bieten. Gemessen am selbst gesetzten Ziel wäre jedoch zu bemerken, dass die sinnvolle und notwendige Verschränkung von sozialstrukturellem und diskursanalytischem Ansatz nicht recht gelungen erscheint – beide stehen eher unvermittelt nebeneinander. Doch werden für die Forschung zur kirchlichen Zeitgeschichte nach 1945 manche Anregungen gegeben, deren bedeutendste wohl die Frage nach den diskursprägenden (Eliten-)Netzwerken ist. Diese umfassend nachzuzeichnen wäre ein vielversprechendes Vorhaben[7], das angesichts der zu bewältigenden Methodenprobleme und der Materialfülle indes die Möglichkeiten eines einzelnen Forschers übersteigt. Vielleicht findet sich ja in der heutzutage geforderten und geförderten Verbundforschung ein „Principal Investigator“, der sich eines solchen Vorhabens mit seinen MitarbeiterInnen annimmt.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Lutz Raphael (Hrsg.), Ideen als gesellschaftliche Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit. Beiträge für eine erneuerte Geistesgeschichte, München 2006 (rezensiert von Friedrich Kießling, 3.8.2006: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-083> [11.05.2011]). 2007 wurde die „Zeitschrift für Ideengeschichte“ gegründet: <http://www.z-i-g.de> (11.05.2011).
[2] Vgl. aus anderer Perspektive auch Nina Verheyen, Diskussionslust. Eine Kulturgeschichte des „besseren Arguments“ in Westdeutschland, Göttingen 2010 (rezensiert von Jens Elberfeld, 4.3.2011: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-1-159> [11.05.2011]).
[3] Eine erste Untersuchung zu zwei konfessionellen Akademien bietet Axel Schildt, Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre, München 1999, S. 111-165.
[4] <http://www.fg-religion.de> (11.05.2011).
[5] Oliver M. Schütz, Begegnung von Kirche und Welt. Die Gründung katholischer Akademien in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1975, Paderborn 2004; Rulf Jürgen Treidel, Evangelische Akademien im Nachkriegsdeutschland. Gesellschaftspolitisches Engagement in kirchlicher Öffentlichkeitsverantwortung, Stuttgart 2001.
[6] Norbert Lüdecke, Humanae Vitae, in: Christoph Markschies / Hubert Wolf (Hrsg.), Erinnerungsorte des Christentums, München 2010, S. 534-546.
[7] Welche Möglichkeiten dies bietet, zeigt exemplarisch Olaf Blaschke, Geschichtsdeutung und Vergangenheitspolitik. Die Kommission für Zeitgeschichte und das Netzwerk kirchenloyaler Katholizismusforscher 1945–2000, in: Thomas Pittrof / Walter Schmitz (Hrsg.), Freie Anerkennung übergeschichtlicher Bindungen. Katholische Geschichtswahrnehmung im deutschsprachigen Raum des 20. Jahrhunderts. Beiträge des Dresdener Kolloquiums vom 10. bis 13. Mai 2007, Freiburg i.Br. 2010, S. 479-521.