G. Mohr: Jüdische Lebenswelten in der Markgrafschaft Baden-Baden

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Titel
"Neben, mit Undt bey Catholischen". Jüdische Lebenswelten in der Markgrafschaft Baden-Baden 1648-1771


Autor(en)
Mohr, Günther
Erschienen
Köln 2011: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
682 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michaela Schmölz-Häberlein, Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

In den 1980er-Jahren – insbesondere 1988, als sich die Reichspogromnacht zum 50. Mal jährte – begannen zahlreiche Lehrer, mit ihren Schulklassen die jüdische Vergangenheit ihrer Gemeinden zu erforschen. Diese sogenannten „Barfußhistoriker“ ersetzten mangelnde Professionalität oft durch bewundernswertes Engagement. Diesem Kreis engagierter Laien ist wohl auch der Autor der vorliegenden Studie zuzurechnen, der bis zu seiner Pensionierung im gymnasialen Schuldienst des Landes Baden-Württemberg tätig war. Durch die Beschäftigung mit der Zeit des Nationalsozialismus für die jüdische Geschichte der ehemaligen Markgrafschaft Baden-Baden sensibilisiert, wandte sich Mohr dem „Reiz einer historisch kaum erschlossenen frühneuzeitlichen Region und Herrschaft“ (S. 18) zu und erforschte deren jüdische Lebenswelten. Mit diesem Thema wurde er von Heiko Haumann vor 20 Jahren als Doktorand angenommen und konnte seine Arbeit schließlich im Jahre 2009 an der Universität Basel einreichen.

Mohr adaptiert Haumanns lebensweltlich orientierten, mikrohistorischen Ansatz, der historische Akteure ins Zentrum der Betrachtung stellt und von individuellen Befunden aus zu Erkenntnissen auf der strukturellen Ebene zu gelangen versucht. Während der langen Entstehungszeit der Studie wertete der Verfasser in akribischer Kleinarbeit vor allem Bestände des Badischen Generallandesarchivs Karlsruhe aus. Besonders verdienstvoll ist die systematische Erschließung des Bestandes 61, der die Protokolle der baden-badischen Zentralbehörden (Geheimer Rat, Hofrat, Hofkammer), die Amts-, Kauf- und Kontraktenprotokolle der Markgrafschaft sowie Eheabreden umfasst, und des Bestandes 74 (Baden Generalia). Ergänzend wurden Akten aus dem Stadtarchiv Bühl und aus lokalen Kirchenarchiven herangezogen.

Die Arbeit gliedert sich in 17 Kapitel. Einleitend wird die Forschungslage dargestellt (Kapitel 1). Anhand eines biographischen Zugangs behandelt Mohr den Hoffaktor und Judenschultheiß Hajum Flörsheim (Kapitel 2). Anschließend beschäftigt er sich mit Aspekten der Schutzaufnahme von Juden in Baden-Baden (Kapitel 3). Das Kapitel über Juden im Wirtschaftsleben thematisiert die Bereiche Kreditvergabe, Viehhandel und Kramwarenhandel sowie die Rolle von Hofjuden und jüdischen Handelskonsortien bei der Belieferung der Armeen während der zahlreichen Kriege des späten 17. und 18. Jahrhunderts (Kapitel 4). Ein Kapitel zu jüdischen Häusern beschäftigt sich mit dem Kauf und Verkauf von Immobilien, deren Lage innerhalb der jeweiligen Gemeinden und dem christlich-jüdischen Zusammenleben (Kapitel 5). Darauf folgt das Thema Besteuerung, wobei die wichtigsten von den Juden erhobenen Abgaben wie Geleit, Pflastergeld und Abzugsgeld behandelt werden (Kapitel 6). Kapitel 7 analysiert die Vermögensentwicklung der Juden während des Untersuchungszeitraums, Kapitel 8 beschäftigt sich mit Delinquenz und Kapitel 9 mit Gewalt von sowie gegen Juden. Anschließend behandelt Mohr die christlichen Stereotype, die gegenüber den Juden vorgebracht wurden (Kapitel 10). Kapitel 11 thematisiert die Rolle der Landjudenschaft und der jüdischen Funktionsträger gegenüber der Obrigkeit. In Kapitel 12 werden Aspekte des religiösen Lebens wie das Schächten, die Bedeutung koscheren Weins, das jüdische Erbrecht, Schulen und Synagogen sowie die innerjüdische Rechtsprechung betrachtet. Kapitel 13 versucht mithilfe der Kapitaltheorie Pierre Bourdieus eine Annäherung an die Lebensgeschichte von Joseph und Löw Elias, die neben einem Ladengeschäft auch im überregionalen Handel mit Getreide, Tuchen, Juwelen und anderem aktiv waren. „Unzuchtsfällen“ innerhalb der jüdischen Minderheit sowie zwischen Christen und Juden und deren Folgen für die Betroffenen wird in Kapitel 14 anhand zweier Beispiele nachgegangen. Kapitel 15 widmet sich dem Thema Konversionen. Abschließend wird der besonders gut dokumentierte Fall der Konversion einer Tochter des Hofjuden Hajum Flörsheim zum Katholizismus thematisiert (Kapitel 16). Mohr schlägt damit auch den Bogen zur Biographie des Vaters, die das Buch eröffnet.

Positiv hervorzuheben ist, dass nun erstmals eine detaillierte Darstellung zur Geschichte der jüdischen Minderheit in der Markgrafschaft Baden-Baden während der Frühen Neuzeit vorliegt. Problematisch ist jedoch, dass die Markgrafschaft gleichsam als ein isolierter Raum behandelt wird, dessen wirtschaftliche und politische Entwicklung losgelöst von derjenigen des Alten Reiches betrachtet wird. Die Problematik der territorialen Kleinkammerung des Oberrheingebiets und die sich daraus möglicherweise ergebenden Ansiedlungschancen und Handlungsspielräume jüdischer Menschen werden nicht analysiert. Ebenso wenig werden aktuelle Diskussionen über Methoden und Fragestellungen jüdischer Geschichte in der Frühen Neuzeit aufgegriffen. Begriffe wie „Kapitalien“ oder „Habitus“ werden ohne weitere Kontextualisierung gebraucht. Auch die Ergebnisse neuerer Forschungen zu den beiden 1771 vereinigten Markgrafschaften Baden-Baden und Baden-Durlach, insbesondere André Holensteins Studien zur ‚guten Policey’ und Herrschaftspraxis[1], sowie zu Minderheiten und Sondergruppen im südwestdeutschen Raum[2] bleiben weitgehend unberücksichtigt. Dabei hätte gerade der Vergleich mit anderen südwestdeutschen Territorien eine bessere Kontextualisierung der empirischen Befunde ermöglicht. Die mittlerweile sehr umfangreiche Forschung zum Hofjudentum, zur Alltags-, Rechts- und Sozialgeschichte der frühneuzeitlichen Juden, zum Supplikenwesen und zu Ego-Dokumenten wurde weitgehend ignoriert.

Generell muss festgehalten werden: Wo einschlägige Werke in den Fußnoten erwähnt werden, lässt der Text nicht erkennen, dass sie auch wirklich rezipiert wurden. Die Schlussfolgerungen zum Antijudaismus der Markgrafen und zur christlich-jüdischen Koexistenz erscheinen mir angesichts der Quellenbasis zu weitreichend, denn die Protokolle und Akten der Zentralbehörden spiegeln vor allem die obrigkeitliche Perspektive auf lokales Geschehen wider. Um die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort zu rekonstruieren, müssten etwa Nachbarschaftsverhältnisse, Handels- und Kreditbeziehungen oder Konflikte auch anhand von Akten der unteren Verwaltungsebenen untersucht werden. Warum der Autor konsequent die Vertreter der Juden vor der Obrigkeit als Anwälte bezeichnet und dabei die Schreibweise „Anwälde“ (ebenso wie im Falle von Vergantungen die Schreibweise „Vergandung“) bevorzugt, erschließt sich dem Leser nicht.

Angesichts der gravierenden Defizite im Hinblick auf die Einordnung der Befunde in die allgemeine Geschichte der Markgrafschaft und in den Forschungsstand zur jüdischen Geschichte im Heiligen Römischen Reich liegt der Nutzen des ungemein detaillierten Buches vor allem darin, dass es eine Materialgrundlage für weitere Forschungen zum jüdischen Leben in der Markgrafschaft Baden-Baden bietet.

Anmerkungen:
[1] André Holenstein, „Gute Policey“ und lokale Gesellschaft im Staat des Ancien Régime. Das Fallbeispiel der Markgrafschaft Baden(-Durlach), Tübingen 2003.
[2] Vgl. etwa Rolf Kießling (Hrsg.), Judengemeinden in Schwaben im Kontext des Alten Reiches, Berlin 1995; ders. / Sabine Ullmann (Hrsg.), Landjudentum im deutschen Südwesten während der Frühen Neuzeit, Berlin 1999; Sabine Ullmann, Nachbarschaft und Konkurrenz. Juden und Christen in den Dörfern der Markgrafschaft Burgau 1650 bis 1750, Göttingen 1999; Mark Häberlein, Minderheiten, Obrigkeit und Gesellschaft in der frühen Neuzeit. Integrations- und Abgrenzungsprozesse im süddeutschen Raum, St. Katharinen 2001; André Holenstein / Sabine Ullmann, Nachbarn, Gemeindegenossen und die anderen. Minderheiten und Sondergruppen im Südwesten des Reiches während der frühen Neuzeit, Epfendorf 2004; Irmgard Schwanke, Fremde in Offenburg. Religiöse Minderheiten und Zuwanderer in der frühen Neuzeit, Konstanz 2005.