Z. V. David: Czech National Awakening

Cover
Titel
Realism, Tolerance, and Liberalism in the Czech National Awakening. Legacies of the Bohemian Reformation


Autor(en)
David, Zdeněk V.
Reihe
Woodrow Wilson Center Press
Erschienen
Anzahl Seiten
479 S.
Preis
€ 54,16
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jiri Koralka, Prag/Tábor

Das Buch des amerikanischen Historikers tschechischer Herkunft Zdeněk V. David ist mit großer Empathie geschrieben. Seit vielen Jahren bemüht sich der Washingtoner Autor mit mehreren Aufsätzen in amerikanischer und tschechischer Sprache, die historische Bedeutung des böhmischen Utraquismus, das heißt der gemäßigten Mittelströmung innerhalb der böhmischen Kirchenreformation des 15. Jahrhunderts, zu belegen. Die Bezeichnung der Utraquisten und der utraquistischen Kirche leitet sich vom heiligen Abendmahl „sub utraque specie“, in beiderlei Gestalt (Brot und Wein), ab. Als charakteristische Wesenszüge des gemäßigten Utraquismus bezeichnet David Toleranz, intellektuelle Offenheit, empirischen Realismus und Universalismus, auch vorwiegend stadtbürgerliches, nichtaristokratisches Plebejertum.

Zdeněk V. David weist nun auch in seiner Monographie darauf hin, dass die böhmischen Utraquisten des 15. und 16. Jahrhunderts eine Mittelstellung innerhalb der Entwicklung des Christentums in Europa zwischen dem römischen Katholizismus und dem deutschen Protestantismus einnahmen. Einerseits erkannten die gemäßigten Utraquisten die Kontinuität der katholischen Kirche in Böhmen an, obgleich sie die Machtpolitik des römischen Papsttums ablehnten, andererseits waren sie nicht bereit, den Prinzipien der Lutherschen Reformation zu folgen. Sie waren Befürworter der religiösen Toleranz und vertraten den Grundsatz der Meinungsfreiheit in theologischen Angelegenheiten. Sie folgte dem Vorbild des in Konstanz 1415 auf dem Scheiterhaufen verbrannten böhmischen Reformators Jan Hus, den sie als einen Heiligen verehrten. Es ist ihnen gelungen, im Kuttenberger Kompromiss von 1485 für Böhmen ein solches Ausmaß der religiösen Freiheit durchzusetzen, wie es in keinem zeitgenössischen Land der Fall war. Utraquistische Schriftsteller des 16. Jahrhunderts verurteilten alle Kriege und jedweden Gebrauch von Gewaltmethoden in Sachen der Religion. Wegen ihrer geistigen Offenheit und Toleranz wurden die Utraquisten manchmal der unmoralischen Handlung und des Mangels an Prinzipien beschuldigt, Zdeněk V. David aber sieht im Gegenteil deren historische Stärke in ihrer Toleranz und Mäßigung.

Als Zentralthema des Buchs erscheint der große Einfluss des böhmischen Utraquismus des 16. Jahrhunderts auf die österreichisch-böhmische katholische Aufklärung des späten 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, welche die politischen und sozialen Ideale des Utraquismus wiederentdeckt hat. Die meisten Ideen des Utraquismus wurden dann durch die Vermittlung des liberalen Katholizismus in den Anfängen der modernen Nationsbildung der Tschechen übernommen. David spricht von einer „glücklichen Ehe“ (happy marriage) zwischen der katholischen Aufklärung und dem utraquistischen Vermächtnis, die vor allem die politische Kultur im positiven Sinn beeinflusste. Die Sprache soll in dieser Entwicklung eine untergeordnete Rolle gespielt haben, obgleich Nach- und Neudrucke vieler tschechischsprachiger Werke der Utraquisten vom 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts auch zur Erneuerung und Bereicherung der tschechischen Sprache seit dem Ende des 18. Jahrhunderts beigetragen haben. Als zentrale Persönlichkeiten der Symbiose werden im Buch zwei Prager Universitätsprofessoren, Karl Heinrich Seibt (1735–1806) und Bernard Bolzano (1781–1848), bezeichnet. Von einer breiteren europäischen Perspektive aus, würdigt David die österreichisch-böhmische katholische Aufklärung als ein wichtiges Verbindungsglied zwischen der irenischen Kultur des böhmischen Utraquismus, die eine Aussöhnung aller Christen anstrebte, und der liberalen politischen Kultur in den folgenden Jahrzehnten.

Im Zusammenhang mit berühmten Streit zwischen dem Soziologen Tomáš Garrigue Masaryk (1850–1937) und dem Historiker Josef Pekař (1870–1937) um den „Sinn der böhmischen Geschichte“ neigt David eher zur Auffassung Masaryks, allerdings mit dem Vorbehalt, dass der entscheidende Einfluss der böhmischen Reformation auf die spätere Zeit nicht in der strengen „Unitas Fratrorum“ (Brüderunität), sondern im toleranten Utraquismus gelegen habe. Nicht einmal die katholische Gegenreformation nach 1620 konnte die Wirkung des böhmischen Utraquismus völlig unterbrechen. Die neu gedruckten utraquistischen Schriften hatten gegen Ende des 18. Jahrhunderts einen noch größeren Widerhall als zur Zeit ihrer Entstehung, paradoxerweise jedoch nicht in religiöser, sondern in säkularer Hinsicht, im Einklang mit den Reformbestrebungen Kaiser Josephs II.

Merkwürdig und in der bisherigen Fachliteratur nicht üblich ist die verhältnismäßig positive Einschätzung des verbreiteten Anti-Hegelianismus in den tschechischen philosophischen Betrachtungen vor der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach Davids Ansicht hing diese Einstellung mit der Resistenz der österreichisch-böhmischen katholischen Aufklärung gegen den deutschen Idealismus zusammen, gegen Herder, Kant und Hegel, im Unterschied zum zeitgenössischen Denken der Polen sowie der deutschen oder auch der slowakischen Lutheraner. Zdeněk V. David zeigt kein Verständnis für die These, dass die tschechische philosophische Literatur um die Mitte des 19. Jahrhunderts unterentwickelt war. Sie habe weniger der Hauptströmung der deutschen idealistischen Philosophie gefolgt und war vielmehr vom englischen und schottischen realistischen Denken beeinflusst.

Das Buch überrascht durch das riesige Ausmaß der benutzten Literatur, vor allem von Büchern und Aufsätzen tschechischer Historiker, Philosophen, Literaturhistoriker und Theologen seit dem 16. Jahrhundert bis in die neueste Zeit. Der Anmerkungsapparat umfasst 135 Seiten, das Quellen- und Literaturverzeichnis weitere 61 Seiten, zusammen also nimmt die Auseinandersetzung mit der bisherigen Forschung mehr als zwei Fünftel des Buches ein. David äußert sich kritisch nicht nur gegenüber sozialökonomischen Auffassungen der marxistischen und quasimarxistischen historischen Literatur, sondern auch gegenüber den meisten deutschen oder amerikanischen und anderen Autoren, die seiner Meinung nach die entscheidende Rolle der Sprache in der Herausbildung moderner Nationen überschätzen.

Zdeněk V. David hofft, eine sowohl in der internationalen als auch in der tschechischen Forschung bisher nicht genug berücksichtigte Entwicklungslinie in der neuzeitlichen Geistesgeschichte Mitteleuropas entdeckt zu haben. Jedoch verfolgt er seinen Grundgedanken sehr einseitig und unterschätzt oder übersieht gar andere Tendenzen, die in der modernen Nationsbildung in Mitteleuropa eine vielleicht noch größere Rolle spielten. Schon der Begriff „national awakening“ (národní obrození, nationale Wiedergeburt) im Haupttitel des Buchs (anstatt „nation-building“) deutet eine Unterschätzung gesellschaftsgeschichtlicher Aspekte an. Das hier anzuzeigende Buch ist mithin zweifelsohne anregend, in seiner Grundauffassung indes nicht ganz überzeugend.

Redaktion
Veröffentlicht am
12.09.2011
Beiträger
Redaktionell betreut durch