U. Küppers-Braun u.a. (Hrsg.): Frauenkonvente

Cover
Titel
Katholisch – Lutherisch – Calvinistisch. Frauenkonvente im Zeitalter der Konfessionalisierung


Herausgeber
Küppers-Braun, Ute; Schilp, Thomas
Reihe
Essener Forschungen zum Frauenstift 8
Erschienen
Anzahl Seiten
197 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michaela Bill-Mrziglod, Institut für Katholische Theologie, Universität Koblenz-Landau

Der vorliegende Sammelband ist das wegweisende Ergebnis der achten gemeinsamen Tagung des „Essener Arbeitskreises zur Erforschung der Frauenstifte“ und der Katholischen Akademie des Bistums Essen im November 2009, die sich dem Thema der Frauenkonvente im Zeitalter der Konfessionalisierung gewidmet hatte. Positiv an der Konzeption des Tagungsbandes ist das bewusste Umgehen einer epochalen Grenzziehung hervorzuheben, um Wandel in der „Krisenzeit der Konfessionalisierung“ (S. 7) sichtbar zu machen. Der Band schließt in Bezug auf Frauenkonvente eine Forschungslücke, ein Bereich, in dem es noch immer an Untersuchungen mangelt. Ein Diskussionsschwerpunkt ist die veränderte Rolle der Frauen im Luthertum, die schließlich auf alle Konfessionen wirkte. Und doch spielte in letzter Konsequenz die Frage der Jungfräulichkeit in katholischen Frauenklöstern wie in protestantischen Damenstiften eine wichtige Rolle. Die einzelnen Beiträge eröffnen neue Perspektiven auf die Frage nach der Konfessionalisierung in religiösen Frauengemeinschaften.

Der erste Beitrag von Ute Küppers-Braun geht auf die Ursachen dafür ein, dass die katholische Konfession im Stift Essen trotz mehrmaliger Brüche beibehalten wurde. Vor dem Hintergrund der Einführung des Luthertums in Essen, das gerade von der Bevölkerung begrüßt worden sei, hätten sich die Fürstäbtissinnen und später außerstiftische Kräfte um eine Rekatholisierung des Stifts bemüht. Küppers-Braun zeigt, dass die Ausrichtung des Konvents jedoch weniger von konfessionellen Fragen als vielmehr von materiellen Interessen des Adels und der Oberschichten abhing. Die Rekatholisierung habe nicht aus rein religiösen Gründen stattgefunden, sondern sei vielmehr durch äußere Zwänge bewirkt worden. Ihre These, dass es sich bei vielen Frauenstiften, ähnlich wie im Essener Fall, weniger um konfessionell-religiös ausgerichtete Gemeinschaften als vielmehr um von äußeren Interessen beeinflusste Adelsinstitute handelte, überzeugt. Eine konfessionelle Einordnung der Äbtissinnen fällt auch aus diesem Grund bisweilen schwer.

Clemens Bley geht der von der Forschung bislang unberücksichtigten Frage nach, aus welchen Gründen die Reformation im Reichsstift Quedlinburg angenommen wurde und welche Folgen sich daraus ergaben. Durch den Wegfall des liturgischen Totengedenkens, das lange den Hauptzweck des Stifts ausmachte, habe diesem die Legitimationsgrundlage gefehlt. Bley spricht in diesem Zusammenhang zunächst von einem „Bruch“ (S. 52), was er am Ende jedoch als „kein so großer Bruch“ (S. 68) wieder relativiert. Unter Rückgriff auf die Geschichte und die Tradition des Stifts sowie auf reichsrechtliche Aspekte legt Bley den Umgang der Äbtissin mit dem Legitimationsdefizit anschaulich dar. Auch hier wird deutlich, dass bei der Einführung der Reformation nicht primär konfessionell-religiöse Gründe, sondern vielmehr macht- und territorialpolitische Motive eine Rolle spielten. Der Beitrag bietet keine konkrete Antwort auf die Frage nach der Einstellung der einzelnen Stiftsdamen zu den äußerlichen Neuerungen. Bley geht jedoch davon aus, dass die Reformation auch innerlich angenommen wurde, dass es den Frauen aber nur unter Beibehaltung der Jungfräulichkeit möglich gewesen sei, Herrschaft auszuüben, auf der Basis einer „Legitimation durch Tradition“ (S. 67). Dies bestätige sich durch ein Zweites: Das „historische Gedenken“ (S. 60) an König Heinrich I., der in der Krypta der Quedlinburger Stiftskirche begraben liegt und als kaiserlicher Gründer des Stifts anerkannt wurde, habe dem Stift ein ungeheures Prestige nach außen verschafft und den materiellen und rechtlichen Fortbestand gesichert.

Birgit Heilmann widmet sich in ihrem Beitrag den Reliquiarienschätzen des Kanonissenstifts Gandersheim, die den protestantischen Bildersturm überstanden. Auch nach dem vollständigen Übertritt des Stifts zum lutherischen Glauben 1593 hätten die mittelalterlichen Schätze hier keineswegs an Bedeutung verloren, während andernorts materiell nutzbare Gegenstände ehemaliger Klosterschätze bald schon aus Geldnöten veräußert worden seien. Obwohl man im Stift Gandersheim die Reliquienverehrung selbst ablehnte, habe man keine Reliquien herausgegeben. Die Reliquien seien trotz konfessioneller Umorientierung weiterhin aufbewahrt worden, da das Traditions- und Legitimationsbewusstsein der Stiftsdamen als Teil des kulturellen Gedächtnisses des Konvents weiterhin bestanden habe. Dies belegt einmal mehr, dass der protestantische Umgang mit dem mittelalterlichen Erbe durchaus ambivalent – „Traditionsobjekt versus ‚papistisches‘ Kultobjekt“ (S. 85) – sein konnte.

Einen anderen Akzent setzt Teresa Schröder. Sie belegt publizistische Tätigkeiten protestantischer Frauen, die der „Domestizierungs“-These einiger Forscher/-innen widersprechen.[1] Am Beispiel der Landgräfin Anna Sophia von Hessen-Darmstadt, seit 1681 Äbtissin des kaiserlich freiweltlichen Stifts Quedlinburg, und ihrer bereits 1658 veröffentlichten Meditations- und Andachtsschrift „Treuer Seelenfreund“ macht Schröder auf die Verwendung katholischen und frühpietistischen Gedankenguts in einer lutherischen Schrift aufmerksam. Ihrer These, dass Frauen im religiös-politischen Bereich Möglichkeiten zu öffentlichem Wirken nutzten, ist zuzustimmen, wobei Schröder die Grenzen der Handlungsspielräume Anna Sophias als Pröpstin eines lutherischen Stifts nicht in ihrem weiblichen Geschlecht, sondern in ihrer heimlich betriebenen Konversion zum katholischen Glauben sieht. Aufschlussreich wäre es gewesen zu fragen, ob sich Parallelen zwischen dem „Treuen Seelenfreund“ und Erbauungsbüchern von Zeitgenossen/-innen nicht nur auf evangelischer (wie Johann Arndt, Catharina Regina von Greifenberg), sondern auch auf katholischer Seite nachweisen lassen. Die Deutung des Erbauungsbuches als „überkonfessionelles Medium“ (S. 95), das auch zunehmend für die schriftstellerische Tätigkeit von Frauen attraktiv wurde, bleibt ein wichtiges und zukunftsweisendes Forschungsergebnis, an das anzuknüpfen gilt.

Einen besonders anregenden Beitrag liefert Thomas Schilp, der die Dreikonfessionalität der Frauengemeinschaft Clarenberg bei Dortmund-Hörde im 16. und 17. Jahrhundert untersucht. Am Beispiel dieses aus einem Klarissenkloster hervorgegangenen Stifts fragt Schilp nach den Ursachen des konfessionellen Wandels. Äußerst plausibel ist Schilps Analyse der Statuten, anhand derer er belegt, dass anti-katholische Bestrebungen im Konvent und späteren Stift als „weitgehend innere Entwicklung“ (S. 124) zu verstehen sind. Auch die ausführliche Untersuchung der „Gedächtnisurkunde“ von 1522, die zum Teil gewaltsame Veränderungen erfahren habe, verweist auf innere Wandlungen. Es ist ein dezidiertes Anliegen des Autors, einen Anstoß für zukünftige vergleichende Untersuchungen zu geben.

Katharina Talkner untersucht in ihrem Beitrag den Widerstand gegen beziehungsweise die Zustimmung zur Reformation in Frauengemeinschaften mittels unterschiedlicher nicht-theologischer Glaubensvollzugsformen. Als Beispiel dient ihr das Kirchenlied, insbesondere der Mariengesang „Salve Regina“. Durch Beibehaltung katholischer Marien- und Heiligengesänge hätten sich verschiedene Frauenkonvente im Norden Deutschlands teils mehrere Jahrzehnte den neuen lutherischen Klosterordnungen widersetzt. Dennoch konnten die Nonnenklöster letztlich in evangelische Damenstifte umgewandelt werden. Die Autorin vertritt die ansprechende These, dass für den langsamen inneren Wandlungsprozess auch das Liedgut eine Rolle spielte, was an der Fülle lutherischer Liedhandschriften spätestens seit dem 17. Jahrhundert abzulesen sei. Durch ihre detaillierte Untersuchung solcher Liedhandschriften macht sie deutlich, dass dem Kirchenlied in der Reformation eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zukam.

Thomas Spohn beleuchtet das Alltagsleben in westfälischen Damenstiften in nachreformatorischer Zeit. Der reich bebilderte Beitrag liefert einen Einblick in die Herausbildung der individualisierten Lebensweise aus den einstmals gemeinschaftlichen Vollzügen, ablesbar an der Entwicklung der Profanbauten. Durch das vermehrte Bauen separater Häuser seit Mitte des 17. Jahrhunderts sei aus dem Gemeinschaftsleben ehemaliger Klöster ein individuell gestaltetes Leben der einzelnen Stiftsdamen geworden. Dies sei ursächlich weniger auf die Reformation denn auf den seit dem 16. Jahrhundert zunehmenden Wunsch nach Privatheit zurückzuführen. Hinsichtlich des Alltagslebens liefert der Beitrag einen wichtigen Einblick in die „individuelle Selbstversorgungs-Landwirtschaft“ (S. 163) der Stiftsdamen, die mit dem Bezug eigener Häuser einherging. Auch die Bewohnerinnen, ihr Personal und die Ausstattung der Häuser sind Thema des Beitrags.

Anne Conrad macht schließlich auf die Schwierigkeiten katholischer Frauen im 17. Jahrhundert aufmerksam, jesuitisch ausgerichtete aktiv-kontemplative Frauengemeinschaften ohne Klausur zu gründen, was oftmals zu Auseinandersetzungen mit der kirchlichen Hierarchie führte. Wichtig ist der Hinweis, dass am ehesten diejenigen katholischen Frauengemeinschaften bestehen bleiben konnten, die sich „in einer rechtlichen Grauzone bewegten“ (S. 190). Dass die Frauen dabei durchaus unterschiedliche Wege einschlugen, wird am Beispiel der Schwestern Anne und Françoise de Xainctonge deutlich. „Grauzonen“ wurden genutzt, um sich selbst zu verwirklichen, gesellschaftliches Prestige zu erfahren und politisch Einfluss zu nehmen.

Ein Verdienst des Bandes ist der transdisziplinäre und mikrohistorische Zugang zu einem bislang eher randständigen Forschungsgebiet. Auch der Konfessionen übergreifende, vergleichende Ansatz ist positiv zu würdigen. Der Band stellt insgesamt eine wichtige Grundlage für weitere Forschungen zu diesem Thema dar und lässt auf eine weitere Beschäftigung des Arbeitskreises mit der Frühen Neuzeit hoffen.

Anmerkung:
[1] Schröder verweist hier unter anderem auf Inge Mager, Die Rolle der Frauen in der Reformation, in: Karl Georg Kaster / Gerd Steinwascher (Hrsg.), V.D.M.I.Æ. Gottes Wort bleibt Ewigkeit. 450 Jahre Reformation in Osnabrück, Bramsche 1993, S. 143-154; Roland H. Bainton, Frauen der Reformation. Von Katharina von Bora bis Anna Zwingli. Zehn Portraits, Gütersloh 1996. Speziell zum Begriff der „Domestizierung“ verweist sie auf Lyndal Roper, Das fromme Haus. Frauen und Moral in der Reformation, Frankfurt am Main 1995, S. 13 ff.

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06.07.2011
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