Cover
Titel
Die Ritter.


Autor(en)
Göttert, Karl-Heinz
Erschienen
Stuttgart 2011: Reclam
Anzahl Seiten
298 S.
Preis
€ 22,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Regina Schäfer, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Ganz explizit in der Tradition von Joachim Bumke nimmt Karl-Heinz Göttert auf rund 280 Seiten die Ritter in den Blick. Er hat damit mehr als doppelt so viele Seiten zur Verfügung wie der Historiker Joachim Ehlers in seinem 2006 veröffentlichten Überblicksband[1], den Göttert offenbar nicht kennt.

Bieten beide Darstellungen eine Einführung in die Geschichte der Ritter, könnten sie kaum unterschiedlicher in der Anlage sein. Karl-Heinz Göttert untergliedert den Band in 36 etwa gleich lange Kapitel. Dennoch schreibt er einen flüssigen, durchgehenden Text, der mit einer „ersten Orientierung“ beginnt und einem Epilog abschließt. Göttert geht es „um das Verständnis eines Lebensentwurfs mit seinen verschiedenen Facetten und zuletzt um die Frage, was davon trotz seines Untergangs noch in uns steckt bzw. was genau wir eigentlich überwunden haben (oder auch nicht)“ (S. 8f.). Dieses Thema möchte er nicht systematisch, sondern punktuell behandeln (S. 9). Bei den Quellen verzichtet er daher auf eine große Breite und wählt stattdessen Hauptwerke, „deren Inhalte besser bekannt sind, bzw. sich leichter vermitteln lassen“ (S. 9). Insbesondere die Epik wird ausführlich referiert und interpretiert, aber auch Spruchdichtung und Chroniken und ebenso Lyrik oder spätmittelalterlichen Autographien und Wappenrollen/Heroldsbücher zieht Göttert heran. Dabei geht er mehrfach so vor, dass er ein Thema, zum Beispiel die Schwertleite, zunächst an chronikalischen Quellen (insbesondere die Schilderungen des Mainzer Hoffest von 1184) erörtert, danach ein Kapitel zur Schwertleite in der Literatur anschließt (Kapitel 8 und 9).

Göttert möchte damit nach eigener Aussage keine Polarisierung „das historisch-reale Rittertum etwa im Gegensatz zum literarisch-fiktiven“ erreichen, sondern beide Quellengruppen seien „ungefähr gleichwertig berücksichtigt, wenn auch mit gutem Grund strikt auseinandergehalten“ (S. 8). Hinzu kommen als dritte Quellengruppe die bildlichen Darstellungen, die dem Band auch in großer Zahl beigefügt sind, wobei zwangsläufig die Reproduktionsqualität in dem kleinen Band eher durchschnittlich ist.

Dennoch kann man sich als Historiker des Eindrucks nicht erwehren, dass die literarischen Quellen deutlich überwiegen. Dies zeigt sich auch bei den Kapitelüberschriften, wenn höfische Freude in der Literatur, höfische Krisen in der Literatur, der ideale Hofmann Tristan nacheinander abgehandelt werden (Kapitel 24–26), Quellen wie Hofordnungen oder Urkunden aber nicht erörtert werden. Eine solche Schwerpunktsetzung als germanistischer Gegenentwurf zum Beispiel zum genannten Band von Ehlers wäre zwar durchaus auch begrüßenswert. Doch ergibt sich das Problem, ob die zentralen Fragen des Bandes – „Gab es tatsächlich diesen Ritter, der zum Wunschbild wurde, und wie ist er entstanden?“ (S. 15, und in Variationen auf dem Klappentext) – anhand dieser Schwerpunktsetzung bei den Quellen zu beantworten sind.

Dabei bringt Göttert interessante, neue Aspekte zur viel erörterten Ritterthematik, zum Beispiel zur Tradition der antiken Tugendlehre, in welcher das höfische Idealbild des Ritters steht (Kapitel 21: Antike Wurzeln höfischen Benehmens) oder zur Karikierung des Ritterbildes in Form des komischen Ritters.

Auf Fußnoten wurde – wie bei Einführungen durchaus üblich – verzichtet. Am Ende eines jeden Kapitels wird weiterführende Literatur genannt, wobei Göttert insbesondere die Klassiker (vor allem Duby, Keen, Bumke) und die einschlägigen Sammelbände (zum Beispiel Fleckenstein, Turnier; ders., Curialitas) anführt, die für ein breites Publikum allerdings auch am besten zu greifen sind. Leider bietet der Band auch kein Register, was gerade angesichts der intensiver behandelten Einzelwerke bedauerlich ist.

Die Darstellung liest sich eingängig und flüssig, auch wenn es Göttert zumindest für meinen Geschmack mit dem lockeren Ton etwas übertreibt und floskelhaft schreibt (allein auf S. 16: „Das gibt es auch sonst im Deutschen“, „auf jeden Fall“, „schon früher“ „und noch etwas macht die Sache kompliziert“, „gewissermaßen“). Den Klappentext („Aber hat es die Ritter wirklich gegeben? War das Mittelalter so, wie wir es in Kindertagen träumten? Ritter zu werden, das war immer, auch im hohen und späten Mittelalter, eine schöne Phantasie, ein Spiel. […]“; ähnlich auch auf der Rückseite des Einbandes) hat vermutlich der Verlag zu verantworten, wobei nicht ganz klar ist, auf welche Leserschaft hier gezielt wird.

Doch sollte man sich von dem reißerischen Klappentext nicht abschrecken lassen. Das Bändchen erörtert eine breite Palette von Aspekten zur Ritterproblematik – vom Wort Ritter bis zu den Ritterorden – und bietet zugleich einen guten Überblick über die mittelalterliche Literatur zu diesem Thema. Für ein breites Publikum ist es gut geeignet. All jenen, die sich für das soziale Phänomen des Ritters interessieren, sei der Band von Ehlers zur Ergänzung empfohlen.

Anmerkung:
[1] Joachim Ehlers, Die Ritter. Geschichte und Kultur, München 2006.