M. Bauks (Hrsg.): Zur Kulturgeschichte der Scham

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Titel
Zur Kulturgeschichte der Scham.


Herausgeber
Bauks, Michaela; Meyer, Martin F.
Reihe
Archiv für Begriffsgeschichte, Sonderheft 9
Erschienen
Anzahl Seiten
232 S.
Preis
€ 98,00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Veronika Magyar-Haas, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Zürich

Zahlreiche Publikationen und interdisziplinäre Tagungen der letzten Jahre nähern sich dem Phänomen „Scham“ aus theologischen, (moral)philosophischen, psychoanalytischen und sozialwissenschaftlichen Perspektiven, zunehmend aber auch aus historischer, kultur- und literaturwissenschaftlicher Sicht. Dabei wird die Mehrdimensionalität und Vielschichtigkeit dieses nicht bloß psychologischen, sondern zunächst sozialen Phänomens ersichtlich und zugleich auch die Problematik, die analytisch und empirisch dennoch nicht hinreichend erschlossene „Scham“ ‚an sich‘ zu erfassen. Auf dieses Desiderat reagierte die vom Institut für Kulturwissenschaft der Universität Koblenz Landau 2009 veranstaltete Vortragsreihe „Zur Kulturgeschichte der Scham“. Der Anspruch des gleichnamigen Tagungsbandes sei, so die Herausgeberin Michaela Bauks und der Herausgeber Martin F. Meyer, die Bereitstellung von Material und Reflexionen zu einer Kulturtheorie der Scham, ohne diese jedoch selber bereits liefern zu können. Zu diesem Anliegen leisten die meisten der zwölf, nahezu durchgängig chronologisch angeordneten, philosophisch, soziologisch, kultur- und literaturwissenschaftlich ausgerichteten Abhandlungen einen erheblichen Beitrag. Der interdisziplinäre Sammelband ermöglicht Einblicke in die Vielfalt der Schamanlässe, indem er überwiegend anregend und kritisch auch die Problematik von Übersetzungen thematisierend begriffsgeschichtlich längst überfällige Differenzierungen und Abgrenzungen (Scham/Schuld, Scham/Ehre) systematisch vornimmt und ideengeschichtlich bedeutsame, in dem deutschsprachigen Schamdiskurs sowohl als klassisch geltende (Kant, Scheler) als auch eher vernachlässigte Positionierungen (Hume, Kierkegaard) analysiert. In dem Band erfahren zwar sowohl die Sexualscham als auch die dubiose Differenzierung zwischen Schuld-/Schamkulturen eine explizite Berücksichtigung, doch wird erfreulicherweise die Debatte nicht auf die beiden Aspekte verengt.

Dass Scham nicht auf den sexuellen Aspekt reduziert werden kann, zeigen mehrere Beiträge auf. So argumentiert Michaela Bauks, die in ihrem Beitrag „Nacktheit und Scham in Genesis 2-3“ (S. 17-34) die soziale Konnotiertheit und Relationalität des Beschämt-Seins nachweist, dass in der alttestamentlichen und antik jüdischen Literatur eine direkte Verbindung zwischen Nacktheit/Sexualität und Scham nicht aufzeigbar ist. Auch zwischen Sexualität und Erkenntnis sieht Bauks in Genesis 2 keinen unmittelbaren Zusammenhang. Scham beziehe sich vielmehr auf das Wissen um die Differenz zu Gott und zueinander, um die eigene Fehlbarkeit und Verletzbarkeit. Der Philosoph und Mitherausgeber Martin F. Meyer (S. 35-54) beleuchtet neben der eher mit Sexualität konnotierten „weiblichen Scham“ in Homers Odyssee primär die enge Verknüpfung zwischen Scham und Ehrverlust im klassisch griechischen Denken anhand von Sequenzen aus dem frühgriechischen Epos Ilias. Mit Hesiod und Platon zeigt Meyer auf, inwiefern Scham das emotionale, subjektive Pendant von Recht, dieses wiederum die objektive Gestalt des Normbewusstseins sei. Wie im christlich-mittelalterlichen Denken Scham anthropologisch fundiert wurde, analysiert Jörn Müller in dem Aufsatz „Scham und menschliche Natur bei Augustinus und Thomas von Aquin“ (S. 55-72). Kennzeichnend bei beiden Positionen seien die Bipolarität von „Geist“ und „Fleisch“ und die starke Verknüpfung zwischen Scham und Schuld bzw. Reue und Scham. Nach dem 14. Buch des „De civitate Dei“ von Augustinus sei die Geschlechtsscham erst in der postlapsarischen Natur vorhanden, sodass nicht Nacktheit, sondern die „Entmachtung des Willens als Steuerungsinstanz“ (S. 58) als Schamanlass fungiere. Dem Begriff der sexuellen Scham und ihrer Bedeutung für das Selbst-Werden bei Kierkegaard widmet sich Jürgen Boomgaarden in dem Artikel „Das Wissen in der Unwissenheit“ (S. 137-156). Im Fokus seiner Analyse steht anhand des Sündenfalles das Verständnis der Angst, im Bezug zu den Phänomenen Sexualität, Scham und Erotik. In der angsterfüllten Scham, in der gefühlten Unfreiheit erst werde der Mensch auf sich selbst aufmerksam. Die zeitliche Dimension des Selbstwerdens im Sinne einer existentiellen Bewegung diskutiert Boomgaarden derart anregend, dass man zu Kierkegaards Werken geradezu getrieben wird.

Die Auslegung der Scham wird anhand weiterer philosophischer Positionierungen aus unterschiedlichen Perspektiven vorgenommen. So verortet Rudolf Lüthe in seinem Aufsatz „Der diskrete Charme der Scham“ (S. 73-83) „Pride“ und „Humility“ als kaum beachtete, jedoch systematische Ankerpunkte in Humes Philosophie. Durch die eher postulierte als begründete Gleichsetzung von „humility“ und Scham scheint die in anderen Beiträgen beachtliche semantische Sensibilität hier etwas verlorenzugehen. Lüthe legt dar, dass bei Hume Scham primär kein religiöses, vielmehr ein soziales Phänomen sei, welches von der Verankerung des Einzelnen in einer „kultivierten Sozialität“ (S. 83) zeuge. In Anlehnung an Kant eröffnet der Philosoph Werner Moskopp einen anspruchsvollen „Versuch über die Transzendentalität der Scham“ (S. 119-135), bei welchem er über das Verhältnis von Scham und Denken reflektiert. Er verortet dann Scham als „eine Art intentionales Zwischenphänomen“ und plädiert für eine Kultivierung dieses Gefühls, welche „zur Bestätigung der Vernunftbestimmtheit“ (S. 135) führe. Allerdings stellt sich bei diesem ambitionierten Projekt doch die Frage, aus welchen Gründen Moskopp Scham nicht zu Schuld abgrenzt. Mit der philosophischen Anthropologie Max Schelers setzt sich Eduard Zwierlein in seinem Beitrag „Scham und Menschsein“ (S. 157-176) auseinander, in welcher der Scham als „Monopol des Menschen“ (S. 156), als „Humanspezifikum“ (S. 162) eine zentrale Bedeutung zukommt. Nach Scheler könne nur der Mensch erröten, und der Grund des Errötens sei er selbst, das „existentiale Ungenügen an sich selbst“ (S. 166).

Eine Bereicherung für den Band wäre eine fundierte Auseinandersetzung mit der Perspektive begründet ausgewählter französischer Philosoph/innen gewesen, wo bei der Thematisierung der Scham gerade nicht das Anthropologische betont wird. Dies vermag der wenig ertragreiche und bis in die Unterscheidungen und Zitate hinein stark auf Micha Hilgers rekurrierende Beitrag von Ulrike Bardt „Der Begriff der Scham in der französischen Philosophie“ (S. 105-118) kaum zu leisten, da es ihr schlicht darum geht, Hilgers Thesen nochmals zu „belegen“ (S. 117).

Die Relevanz des erwähnten „Ungenügens“ wird im Rahmen des Beitrages „Die Gewalt der Scham“ (S. 195-216) von Axel T. Paul in einer differenten Form aufgegriffen. Der Soziologe diskutiert eingangs „das Problem der Historizität menschlicher Gefühle“ anhand des „Prozeß der Zivilisation“ von Norbert Elias sowie der Kritik von Hans-Peter Duerr. In seiner Analyse greift Paul auf die bei Seidler und Hilgers prominent vertretene genetische Psychoanalyse zurück, um Scham als „emotionale Reaktion auf ein Kompetenzdefizit“ (S. 204) zu erfassen und dadurch das Verhältnis von Scham und Gewalt anders beleuchten zu können. Christina-Maria Bammel fokussiert in ihrem Beitrag „Zur Relevanz der Scham im Theater und dramatischen Denken“ (S. 217-232) in Anlehnung an Jozef Tischner die Verwobenheit der „dramatischen Strukturen der Existenz“ (S. 219) mit der Schamerfahrung. Mit den Konzeptionen von Friedrich Nietzsche und Helmuth Plessner zeichnet sie den Menschen als Schauspieler nach, wobei der Unterschied zwischen Nietzsches eher standesspezifischer und Plessners anthropologischer Argumentation nicht diskutiert wird.

Auf die „Wirkungsgeschichte der Unterscheidung von Scham- und Schuldkulturen“, zu deren Differenzierung Ruth Benedicts „armchair-ethnologische“ Studie über Japan Vorschub leistete[1], geht der Soziologe und Politikwissenschaftler Clemens Albrecht (S. 177-193) ein und erklärt den Erfolg dieser fragwürdigen Unterscheidung damit, dass die Ethnologin eine Anthropologie kultureller Differenz in einer Epoche der Angleichung politischer und sozialer Ordnungen gezeichnet habe. Scharfsichtig zeigt Albrecht auf, inwiefern der heutige universalistische Multikulturalismus im Sinne einer Anthropologie der Gemeinsamkeit ebenfalls „von einem gegenläufigen realhistorischen Prozeß begleitet“ sei und mit einer „breit angelegten Re-Ethnisierung der Welt“ (S. 193) einhergehe.

Eher unterbeleuchtet lässt der Sammelband die politische Dimension der Scham und ihren Bezug zu Macht. Diese Aspekte werden am ehesten in dem eindrucksvollen Beitrag von Michael Meyer zu „Scham und Schande in der Frühen Neuzeit Englands“ (S. 85-103) aufgenommen. Meyer expliziert den bei Foucault vernachlässigten Aspekt der Geschlechtsspezifizität des Diskurses der Sexualität im 17. Jahrhundert, welchen er mittels der Analyse des puritanisch orientierten Verhaltensratgebers von Brathwaite plausibilisiert. Anhand von Shakespeares „Measure for Measure“ (1604) rekonstruiert Meyer die Aushöhlung der Wirkung öffentlicher, eher auf Verleumdung basierender Schandrituale, welche zwar von den Mächtigen instrumentalisiert werden, jedoch kaum Scham, Reue oder Verhaltensänderung erzielen konnten.

Nahezu alle Beiträge, die leider keinen expliziten Bezug zueinander herstellen, zeigen den Facettenreichtum dieses kaum fassbaren Phänomens eindrücklich auf. Die behandelten Thematiken eignen sich sehr gut als Eckpfeiler einer kulturübergreifenden Analyse von Scham. Dabei stellt sich die Frage, ob die angestrebte Kulturtheorie der Scham die ausdifferenzierten Problematiken nicht erneut verengt. Auch der Hinweis Michael Meyers, dass „allgemeine Bestimmungen der Scham“ nicht ausreichen, „um deren historisch und kulturell spezifische Ausprägungen zu verstehen“ (S. 89), deutet auf die Problematik einer differenzsensiblen Kulturtheorie hin, welche weiterhin eine zu leistende Aufgabe darstellt.

Anmerkung:
[1] Ruth Benedict, The Chrysanthemum and the Sword. Patterns of Japanese Culture, Boston 1946.

Redaktion
Veröffentlicht am
22.02.2012
Redaktionell betreut durch
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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