S. Lokatis u.a. (Hrsg.): 100 Jahre Kiepenheuer-Verlage

Cover
Titel
100 Jahre Kiepenheuer-Verlage.


Herausgeber
Lokatis, Siegfried; Sonntag, Ingrid
Erschienen
Anzahl Seiten
419 S., 105 SW-Abb.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anke Vogel, Institut für Buchwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Die Geschichte der Kiepenheuer-Verlage ist eine Geschichte des fortwährenden Neubeginns einerseits und einer großen Tradition andererseits. Sie wird in dem von Siegfried Lokatis und Ingrid Sonntag herausgegebenen Sammelband mit rund 40 Beiträgen beleuchtet. Zu den Autorinnen und Autoren gehören neben Buchwissenschaftlern, Germanisten und Wissenschaftlern weiterer Fachgebiete auch Branchenangehörige und Zeitzeugen. Darüber hinaus werden Quellen im Original wiedergegeben. Dieser Perspektiven- und Methodenmix ermöglicht eine facettenreiche Annäherung an die Kiepenheuer-Verlage, die sich im Verlauf von 100 Jahren an verschiedenen Orten mit verschiedenen Namen und Rechtsformen etablierten und sich mit den zuweilen (auch in ökonomischer Hinsicht) schwierigen Bedingungen in unterschiedlichen politischen Systemen arrangieren mussten: Während des Nationalsozialismus gingen Lektoren und Autoren ins Exil, ein Großteil der Verlagsproduktion wurde verboten und beschlagnahmt; nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Verlag geteilt und bekam die Auswirkungen des Kalten Kriegs sowie die Kulturpolitik der DDR zu spüren. Den eigentlichen Stammverlag Gustav Kiepenheuer ereilte schließlich nach einer turbulenten Phase in Folge der deutschen Einheit das gleiche Schicksal wie viele DDR-Verlage[1]: die Schließung.

Das Buch ist überwiegend chronologisch geordnet. Die erste Sektion beschäftigt sich mit den Anfängen des 1910 von Gustav Kiepenheuer gegründeten Verlags nicht nur als kultureller Institution, sondern auch als Wirtschaftsunternehmen, das schon früh mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Das Kapitel ist mit „Damals in Weimar“ überschrieben – ein Verweis auf den ersten Standort des Unternehmens wie auch auf eine der ersten, hochwertig gestalteten Publikationen des Verlags, dessen buchkünstlerische Ambitionen an der 1912 begonnenen, außerordentlich erfolgreichen „Liebhaber-Bibliothek“ sichtbar wurden.

„Die goldenen Zwanziger in Potsdam“ (wohin Kiepenheuer 1919 übersiedelt war) stellen diejenige Phase dar, in der der Verlag sich zu einem der wichtigsten des Expressionismus bzw. der Neuen Sachlichkeit entwickeln konnte. Dies bildet den Schwerpunkt des zweiten Kapitels. Zu den Autoren gehörten Bertolt Brecht, Anna Seghers, Leonhard Frank, Ernst Gläser, Hans Henny Jahnn, Joseph Roth, George Bernhard Shaw, Upton Sinclair, Carl Zuckmayer und Arnold Zweig. Eine besondere Bedeutung kommt den Lektoren des Kulturverlags zu: Von 1918 bis zu seinem Tod 1920 war zunächst Ludwig Rubiner für Gustav Kiepenheuer tätig; er konnte die Dramatiker Georg Kaiser und Ernst Toller an den Verlag binden. Ihm folgte Hermann Kasack, der das Unternehmen, das 1921 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war, jedoch 1925 verließ, weil sich die finanzielle Lage dramatisch verschlechterte. Fritz H. Landshoff[2] brachte als Lektor und Teilhaber 1926 nicht nur neues Kapital in den Verlag: Auf seine Empfehlung hin wurden auch Hermann Kesten (1927) und Walter Landauer (1928) als Lektoren aufgenommen, bevor 1929 der Umzug nach Berlin erfolgte. 1933 emigrierten Landshoff, Kesten und Landauer in die Niederlande, wo sie die wichtigsten Autoren von Kiepenheuer in den Verlagen Allert de Lange und Querido weiterhin betreuten und veröffentlichten.[3]

Das Kapitel zu „Kiepenheuer während der Zeit des Nationalsozialismus“ schildert die Bemühungen Gustav Kiepenheuers, das Fortbestehen des nach der Liquidation der AG bis 1934 neu gegründeten Verlags sicherzustellen, ohne sich nationalsozialistischen Themen und Ideen zu öffnen. Drei Viertel des Programms waren verboten und beschlagnahmt worden. Cornelia Caroline Funke, die sich an verschiedenen Stellen mit der wirtschaftlichen Situation des Verlags auseinandersetzt, wagt die These, dass es dem Unternehmen wirtschaftlich dennoch „nie besser gegangen ist als während des Zweiten Weltkrieges“ (S. 135). Immer wieder ließ sich Kiepenheuer auf große Wagnisse ein. Dies wird etwa anhand des Buchverbots deutlich, das Otto Pankoks Bilderzyklus „Die Passion Christi“ betraf. Im August 1944 sorgte die Reichsschrifttumskammer für die Schließung des Verlags.

Dies erleichterte dem gesundheitlich schwer beeinträchtigten Kiepenheuer die „Neuanfänge in Ost und West“ (wie das nächste Kapitel überschrieben ist). Noch vom sächsischen Hohenstein aus bat er 1945 seine ehemaligen Autoren, mit ihm in Kontakt zu treten. Mit Hilfe seiner langjährigen Mitarbeiterin Charlotte Ehlers, deren Bedeutung für Kiepenheuer ein Aufsatz von Sabine Röttig gewidmet ist, gelang es dem Verleger schnell, die Weiterarbeit in Berlin vorzubereiten. Zur offiziellen Wiederaufnahme der Verlagstätigkeit kam es 1946 in Weimar. Schnell sah sich der Verlag dort jedoch isoliert: Die Autorenakquise wie auch die Absatzmöglichkeiten waren beschnitten. Ein Teil des Verlags sollte deshalb zurück nach Berlin verlegt werden. Allerdings wurde eine Lizenz für die Britische Zone erst 1948 für die Gustav Kiepenheuer Verlag GmbH in Hagen ausgestellt; maßgeblich vorangetrieben hatte dies Joseph Caspar Witsch, der in den Westen geflüchtete ehemalige Leiter der „Thüringischen Landesstelle für Buch- und Bibliothekswesen“.

Das Kapitel „Wieder in Weimar“ beschäftigt sich mit dem Gustav Kiepenheuer Verlag unter der Leitung der Verlegerwitwe Noa Kiepenheuer. Als Privatverlag konnte sich das Unternehmen schließlich mit einem von der Verlegerin, die mittlerweile der SED nahestand, und dem Lektor Friedrich Minckwitz erarbeiteten Programm behaupten, obwohl wichtige Autoren an andere Verlage übertragen worden waren. Mit Witsch kam es zu heftigen, auch juristisch ausgefochtenen Auseinandersetzungen, die letztlich die völlige Trennung der Kiepenheuer-Verlage zur Folge hatten.[4]

Neben den bereits genannten Standorten in Hagen und Weimar gab es noch die „Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs GmbH in Berlin-Dahlem“ unter der Leitung von Maria Sommer, wo die Aufführungsrechte unter anderem von Günter Grass liegen (ein Briefwechsel zwischen Sommer und Grass ist im Sammelband enthalten). Der Verlag war zunächst auf Ehlers’ Anraten durch Witsch aufgekauft, dann jedoch an Sommer verkauft worden.

Das Kapitel „Kiepenheuer & Witsch in Hagen und Köln“ wird durch einen Aufsatz von Birgit Boge eingeleitet, die die Bedeutung Fritz H. Landshoffs beim Aufbau des Verlags untersucht. Für Witsch erwies sich die Zusammenarbeit als ertragreich: Auf Landshoffs Vermittlung ging nicht nur eine Kooperation mit Allert de Lange zurück, sondern auch der Kontakt zu zahlreichen (Exil-)Autoren. Nachdem Landshoff (auch finanziell) bei Kiepenheuer & Witsch eingestiegen war und zunächst Pläne geschmiedet wurden (Etablierung einer literarischen Zeitschrift, Begründung einer Buchgemeinschaft), verschlechterte sich das Verhältnis der beiden Männer zueinander. Schließlich wurde Landshoff von Witsch wieder aus dem Verlag gedrängt. Wie sich der Kalte Krieg auf die Verlagsarbeit auswirkte, wird einerseits anhand der Autorin Tami Oelfken verdeutlicht, die sich weder im Westen noch im Osten gut aufgehoben fühlte, andererseits anhand der durch Witsch unterstützten Verbreitung anti-kommunistischer Schriften.

Nach dem Tod Noa Kiepenheuers sorgte deren Tochter Eva Mayer dafür, dass der Weimarer Verlagsteil unter der Leitung des Cheflektors Friedemann Berger weitergeführt wurde. An einer Übernahme waren verschiedene Seiten interessiert. Schließlich erfolgte 1977 der Verkauf an den Kinderbuch-Verlag und die Gründung der „Kiepenheuer-Verlagsgruppe Leipzig und Weimar 1977–1990“ (Kapitelüberschrift) im Verbund mit den Verlagen Insel, Sammlung Dieterich und Paul List, die von der Hauptverwaltung Verlage treuhänderisch geführt wurde. Von 1979 bis 1990 wurde die Verlagsgruppe von Roland Links geleitet, der nicht nur mit kulturpolitischen Beschränkungen umgehen musste, sondern auch mit Rivalitäten zwischen den Verlagen.

Das letzte Kapitel „Gustav Kiepenheuer Verlag GmbH in Leipzig und Berlin“ stellt dar, wie der Verlag im Osten nach der deutschen Einheit in die Wirren der Privatisierung geriet, bevor er in die Aufbau-Verlagsgruppe integriert wurde. Stillgelegt wurde der Gustav Kiepenheuer Verlag schließlich im April 2010 – dieses abrupte Ende des traditionsreichen Kulturverlags spiegelt sich in der knappen Pressemeldung, die den Sammelband beschließt.

Als kleiner Schönheitsfehler dieser außerordentlich spannenden Verlagsgeschichte(n) könnte es angesehen werden, dass es aufgrund der multiperspektivischen Darstellung verschiedentlich zu Redundanzen kommt. Insgesamt bietet das Buch auf seinen über 400 Seiten jedoch eine Fülle von Informationen und Interpretationen, die dank des Personenregisters auch schnell zu erschließen sind. Die enge Verzahnung von Kultur-, Unternehmens- und Politikgeschichte, die in der Geschichte der Kiepenheuer-Verlage zusammentrifft, macht den Sammelband über den Kreis von Buch- und Literaturwissenschaftlern hinaus interessant.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu auch Christoph Links, Das Schicksal der DDR-Verlage, 2. Aufl. Berlin 2010.
[2] In Fritz H. Landshoffs Autobiografie ist auch seine Zeit beim Kiepenheuer-Verlag erwähnt: ders., Amsterdam, Keizersgracht 333, Querido-Verlag. Erinnerungen eines Verlegers, Berlin 2001.
[3] Zu den Auswirkungen des Exils auf Angehörige der Buchbranche liegt jetzt eine umfassende biographische Dokumentation vor: Ernst Fischer, Verleger, Buchhändler & Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933. Ein biographisches Handbuch, Elbingen 2011.
[4] Unter anderem mit den deutsch-deutschen Verlagsbeziehungen setzt sich auch der folgende Sammelband auseinander: Siegfried Lokatis / Mark Lehmstedt (Hrsg.), Das Loch in der Mauer. Der innerdeutsche Literaturaustausch, Wiesbaden 1997.