H. Fischer: Picture Coverage of the World

Cover
Titel
Picture Coverage of the World. Pulitzer Prize Winning Photos


Autor(en)
Fischer, Heinz-Dietrich
Reihe
Pulitzer Prize Panorama 2
Erschienen
Berlin 2011: LIT Verlag
Anzahl Seiten
XVIII, 244 S., 115 SW-Abb.
Preis
€ 89,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Malte Zierenberg, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Wer sich für das Verhältnis von Visualität und Geschichte interessiert, den wird der Titel des Buches von Heinz-Dietrich Fischer aufmerken lassen. Nicht nur, dass ihr seit Walter Benjamin und mit Blick auf die Möglichkeiten technischer Reproduktion ein besonderer Status zugewiesen wurde, macht die Fotografie ja zu einem besonderen Gegenstand für Historiker/innen. Wichtig ist auch ihre Qualität, als ikonische Verdichtung sowohl zeitgenössisch wie auch im kulturellen Gedächtnis der Mediengesellschaft Sinn zu strukturieren. Herausragende Fotografien haben über ihre Verbreitung in Zeitungen, Zeitschriften und in vielen anderen Medien seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert den Raum des Sichtbaren maßgeblich mitbestimmt. Und sie konnten dies tun, weil sie Geschichten erzählten und Deutungen einprägsam in einer Momentaufnahme bündelten – ohne für Umdeutungen vollkommen verschlossen zu sein. Die ikonischen Fotografien des 20. Jahrhunderts lassen sich - neben ihrem unmittelbaren Nachrichtenwert - in diesem Sinn auch als Siglen kollektiver Vorstellungen, Ängste und Hoffnungen lesen. Dabei ist die Frage mittlerweile vielfach thematisiert worden, welche Eigenschaften ein Bild eigentlich haben und welche Bearbeitungs-, Rezeptions- und Adaptionsschritte es durchlaufen muss, um zur Ikone aufzusteigen. Einig sind sich die Autoren jedoch nicht. Die aufgestellten Kriterienkataloge – von den spezifisch ästhetischen Qualitäten einzelner Aufnahmen bis hin zur intermedialen Weiterverwendung – weisen eine verwirrende Vielfalt von Bedingungsfaktoren auf, die sich in Teilen decken, aber mit unterschiedlichen Begriffen benannt werden und damit geeignet sind, für eine gewisse Unübersichtlichkeit zu sorgen.[1]

Fischer hat an solchen Fragen kein Interesse. Der Bochumer Kommunikationswissenschaftler beschränkt sich auf eine Zusammenstellung seines Materials, das er mit wenigen Anmerkungen kontextualisiert. Der Band gibt einen Überblick zu jenen Aufnahmen, die zwischen 1942 und 2010 mit dem Pulitzer-Preis für Fotografie ausgezeichnet wurden.[2] Der aus Ungarn stammende amerikanische Großverleger und Politiker Joseph Pulitzer, dem eine wichtige Rolle beim Aufstieg jenes neuen, auf Sensationen setzenden Journalismus zugefallen war, hatte in seinem Testament die Gründung einer Journalistenschule und die Ausschreibung eines Preises für herausragenden Journalismus verfügt. Der Preis wird seit 1917 in unterschiedlichen und im Laufe der Zeit wechselnden Kategorien (heute insgesamt 21) vergeben. Die Kategorie „Fotografie“ kam erst im Jahr 1942 hinzu. Die Gründe für diese späte Aufnahme bleiben allerdings im Dunkeln, wie Fischer anmerkt (S. 1).

Der Band hat den Charakter einer schlichten Sammlung. Schmucklos gehalten, mit je einer – in der Wiedergabe häufig recht dürftig ausfallenden – Schwarz-Weiß-Abbildung auf der rechten Buchseite sowie einem knappen Text zum Anlass der Aufnahme und zum Fotografen auf der linken Seite, mustert der Band chronologisch die Siegerfotos. Bis zum Jahr 1986 gab es nur eine einzige Frau unter den Gewinnern – und das war mit Virginia Schau eine Amateurfotografin. Dieser Umstand ist symptomatisch für die Geschlechterordnung im Pressebildgewerbe, wo – nach wie vor – überwiegend Männer den Bildern hinterherjagen und Frauen sie anschließend (als Bildredakteurinnen etwa) sortieren und bearbeiten.

Doch solche Ergebnisse muss der Leser sich selbst aus dem Band heraussuchen. Eine Analyse, eine übergreifende Deutung wird nicht angeboten. Interessant hätte werden können, dass Fischer in den erläuternden Kommentaren auf die Unterlagen der Pulitzer-Preis-Jurys zurückgreift. Diese im Laufe der Zeit unterschiedlich besetzten Gremien aus bis zu fünf Experten unterbreiteten ihre Vorschläge (die sich zunächst auf Einzelbilder beziehen konnten, ab 1955 dann auch auf Bilderstrecken, ein Oeuvre, größere Projekte oder auch die originelle Verwendung von Material durch eine Redaktion) wiederum einem 19-köpfigen „Advisory Board“, dem Vertreter unterschiedlicher Medienunternehmen angehörten. An dieser Stelle wäre vielleicht jenes spezifische „Wissen“ eines professionellen Feldes ausfindig zu machen gewesen, auf dessen Basis Fotografen, Redakteure, Wissenschaftler und Verleger ihre Standards diskutierten. Das, was bei vielen Arbeiten zum ikonischen Bildmaterial des 20. Jahrhunderts und auch in einer Langzeitperspektive zu wenig beachtet wird, nämlich die (Vor-)Strukturierungsleistungen von Akteuren und Institutionen im Bereich der professionellen Bilderwirtschaft, hätte hier eine Klammer jenseits der Chronik bieten können. Das wäre überaus spannend gewesen. Denn der seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert maßgeblich von Pressefotografien mit konstituierte Sichtbarkeitsraum der Mediengesellschaften wurde in vielfältigen Produktions- und Selektionsschritten hergestellt. Die Praktiken, das Wissen und die Selbstverständnisse der handelnden professionellen Bildakteure wären da ein lohnender Ansatzpunkt. Und der Pulitzer-Preis mit seiner immensen Reputation und Strahlkraft würde ein gutes Fallbeispiel abgeben. Fischers spärliche Hinweise von jeweils einem Absatz zur Jurybegründung reichen dafür aber nicht aus. Vielleicht gab auch das allein hinzugezogene Material der „Pulitzer Prize Collection“ nicht mehr her, das sich vor allem – zumindest in den hier vorgestellten Auszügen – in eher redundant klingenden Phrasen ergeht („captured the moment“ etc.).

So bleibt wenig: Die Reproduktion des Materials ist – das ist sicher eine Kostenfrage – von schlechter Qualität. Den exorbitant hohen Preis für ein Taschenbuch dieser Aufmachung rechtfertigt das wirklich nicht. Insgesamt mag Fischers Buch geeignet sein, beim Blättern noch einmal über den „Negativismus“ als Nachrichtenfaktor nachzudenken oder über Susan Sontags Überlegungen in „Das Leiden anderer betrachten“ (München 2003)[3] – schließlich machen Fotografien von Gewalthandlungen, Opfern und Katastrophen einen Großteil der Pulitzer-Preisträgerfotos aus, ergänzt durch einige Sportmotive (der Abschied der Baseball-Legende „Babe Ruth“ im Yankee Stadium aus dem Jahr 1949 etwa), Bilder von Rettungsaktionen oder solche, die soziale Spannungen in den USA dokumentierten. Dabei fällt zudem auf, dass die Bildhaushalte des 20. Jahrhunderts stark national geprägt waren. Der Pulitzer-Bilder-Kosmos ist jedenfalls ein US-amerikanischer, der sich zum Beispiel nur bei einem halben Dutzend Aufnahmen mit jener Auswahl deckt, die Eingang in Gerhard Pauls Sammlung „Das Jahrhundert der Bilder“ gefunden haben. Diese Einsicht ist aber nicht wirklich neu – und sie wird von dem Band auch nicht selbst angeboten.

Anmerkungen:
[1] Vgl. den Überblick bei Elke Grittmann / Ilona Ammann, Ikonen der Kriegs- und Krisenfotografie, in: dies. / Irene Niverla (Hrsg.), Global, lokal, digital. Fotojournalismus heute, Köln 2008, S. 296-325. Aus historischer Perspektive Gerhard Paul, Das Jahrhundert der Bilder. Die visuelle Geschichte und der Bildkanon des visuellen Gedächtnisses, in: ders. (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder, Bd. 2: 1949 bis heute, Göttingen 2008, S. 14-39, insbes. S. 29ff. Rezensiert von Wolfgang Ullrich, 14.8.2009: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-3-129> (28.7.2011).
[2] Was die Qualität der Abbildungen angeht, ist man allerdings ungleich besser bedient mit Cyma Rubin / Eric Newton (Hrsg.), Capture the Moment. The Pulitzer Prize Winning Photos, New York 2003, dem Katalog zu einer Ausstellung der Pulitzer-Fotos, die seither mehrfach gezeigt wurde. Ebenfalls von besserer Reproduktionsqualität und mit eingehenden Informationen aus Fotografenperspektive versehen ist der Band des ehemaligen Leiters der Foto-Abteilung der Associated Press: Hal Buell, Moments. The Pulitzer Prize-Winning Photographs, New York 2002, der allerdings lediglich eine Auswahl versammelt.
[3] Susan Sontag, Das Leiden anderer betrachten, München 2003. Rezensiert von Ulrike Jureit, 18.3.2004: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-1-164> (28.7.2011).

Redaktion
Veröffentlicht am
12.08.2011
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