M. Perrenoud: Banquiers et diplomates suisses

Cover
Titel
Banquiers et diplomates suisses (1938-1946).


Autor(en)
Perrenoud, Marc
Erschienen
Lausanne 2011: Editions Antipodes
Anzahl Seiten
543 S.
Preis
37,00 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans Ulrich Jost, Abteilung Geschichte, Universität von Lausanne

Zu Beginn des Jahres 1942 erklärte der italienische Außenminister, die Schweiz sei „l’unico nostro banchiere“ (S. 329), und die deutsche Botschaft in Bern hob in einem Telegramm vom 1. Juil desselben Jahres „die Rolle der Schweiz als Gold- und Devisenwechselstube des Reiches“ (S. 365) hervor. Wie die Schweiz zu dieser Position kam und wie dabei eine aus Bankiers, Spitzenbeamten und Nationalbankdirektoren gebildete Polykratie enstand, wird in dieser Genfer Dissertation aus dem Jahre 2008 dargestellt.

Der Autor Marc Perrenoud (geboren 1956) arbeitet seit den 1980er-Jahren für die Diplomatischen Dokumente der Schweiz.[1] Von 1997 bis 2001 war er zudem leitender Mitarbeiter der vom Bundesrat eingesetzten Unabhängigen Expertenkommission Schweiz–Zweiter Weltkrieg (UEK). Er hat während dieser langen Forschungstätigkeit zahlreiche wegweisende Artikel und Studien verfasst, die sich nun auch in dieser umfang- und materialreichen Dissertation widerspiegeln. Im Zentrum steht die Geschichte des schweizerischen Finanzplatzes und seines politischen Hintergrundes in den 1930er-Jahren und während des Zweiten Weltkriegs. Es handelt sich um eine Gesamtschau, die breiter angelegt ist, als die bisher zu diesem Thema publizierten Studien.

Das erste Kapitel gibt eine Einführung in den Stand der Forschung und diskutiert die sich in den letzten zwei Jahrzehnten herausgeschälten Fragestellungen in Bezug auf die Bedeutung der wirtschaftlichen und finanziellen Außenbeziehungen der Schweiz. Zu Recht weist der Autor darauf hin, dass trotz der heute umfangreichen Literatur zur Geschichte der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges die Finanzbeziehungen immer noch weitgehend im Dunkeln liegen. Am Schluss dieses einleitenden Kapitels gibt der Autor mit der Biographie von Walter Stucki (1888-1963), der als Spitzenbeamter von 1917 bis 1960 einer der zentralen Akteure dieses „polykratischen Systems“ (S. 466) war, einen ersten konkreten Einblick in die angezeigte Problematik. Man hätte vielleicht, um auch die Finanzwelt mit einer Persönlichkeit zu charakterisieren, die Biographie des allmächtigen Chefs des Credit Suisse, Adolf Jöhr (1878-1953), anfügen können.

Experten schätzen die Auslandsguthaben der Schweiz vor dem Ersten Weltkrieg auf 10 bis 17 Milliarden Franken, eine Summe, die dem zwei- bis dreifachen des Bruttosozialproduktes entspricht. Perrenoud versucht im 2. Kapitel die Entwicklung dieser Anlagen zu verfolgen. Dies ist insofern nicht einfach, als die Banken sich damals weigerten, einigermaßen verwertbare Angaben herauszugeben (und auch heute diesen sensibeln Bereich kaum der Forschung zugänglich machen). Perrenoud legt dennoch einen brauchbaren Überblick vor. Es fällt dem Leser allerdings nicht immer leicht, die Bedeutung der verschiedenen monetären Angaben zu erfassen, und man wünschte sich gelegentlich Referenzzahlen (wie zum Beispiel das Volkseinkommen), um die verschiedenen Finanztransaktionen besser gewichten zu können. Die Entwicklung des schweizerischen Finanzplatzes präfiguriert übrigens nicht nur die schweizerische Außenpolitik, sondern auch die innenpolitischen Strategien. Etwas verkürzt gesagt lässt sich festhalten, dass die finanziellen Diensleistungen die wichtigste Trumpfkarte bildete, mit der die Schweiz erfolgreich die Krise der 1930er-Jahre und den Zweiten Weltkrieg überstand.

Im dritten Kapitel beschreibt Perrenoud, mit Schwerpunkt 1930er-Jahre, die verschiedenen Akteure und Strategien. Er weist auch darauf hin, wie die im Ersten Weltkrieg gemachten Erfahrungen aufgenommen und für die Politik während des Zweiten Weltkrieges umgesetzt wurden. Ein Abschnitt fasst außerdem Entstehung und Funktion des Bankgeheimisses zusammen. Anfänglich bestanden zwischen der Bundesverwaltung und den Banken beträchtliche Differenzen, doch spätestens mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges entwickelt sich eine die Banken begünstigende Zusammenarbeit. Die internationale Lage führt die Kreditinstitute gewissermaßen unter den Schutzschirm des Staates, dank dem sie ihre Position bewahren und am Ende des Krieges erfolgreich neu ins Auslandgeschäft einsteigen konnten. Dabei verfestigte sich, als Abwehr- und Vertuschungsinstrument, das geradezu beschwörend vorgetragene Begriffspaar Bankgeheimnis und Neutralität.

In Kapitel 4 und 5 werden die Beziehungen zu Deutschland respektive Frankreich vertieft. Trotz nationalsozialistischer Herrschaft gelang es der Schweiz, bei den Kompensationsabkommen mit Deutschland relativ gute Bedingungen auszuhandeln, wobei hier vor allem die Handelsabteilung des Volkswirtschaftsdepartements eine wichtige Rolle spielte. Die Schweiz passt sich jeweils auch der Expansionspolitik des Dritten Reiches an. So begrüßte man im Milieu der Finanzen den Anschluss Österreichs, während die Protektorate Mähren und Böhmen ohne viel Aufhebens in die deutsch-schweizerischen Abkommen integriert wurden. Die Beziehungen zu Frankreich waren geprägt durch die Rolle der Schweiz als Tresor für französische Steuerflüchtlinge, die schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert beträchtliche Summen in die Schweiz transferierten. Frankreich bezog aber zugleich umfangreiche Kredite und bildet somit für die Schweizer Banken eines der wichtigsten Aktionsfelder. Die Finanzbeziehungen mit Frankreich werden weniger ausführlich behandelt, als jene zu Deutschland. Eine nach der Redaktion von Perrenoud’s Dissertation veröffentlichte Studie füllt nun diese Lücke weitgehend aus.[2]

Die Kapitel 6 und 7 behandeln das Jahr 1940 und die nachfolgende Anpassung der helvetischen Finanzwelt an das neue vom Dritten Reich dominierte Europa. In diesem Teil kommt deutlich zum Ausdruck, dass die Finanzdienstleistungen die wirksamsten Waffen zur Verteidigung schweizerischer Interessen bildeten. Der Schweizer Franken, in Europa nun praktisch die einzige frei konvertierbare Währung, stärkte die Schweiz als internationalen Finanzplatz. Dabei half auch die in Basel ansässige Bank für internationalen Zahlungsausgleich mit, die den gesamten Krieg über funktionsfähig blieb und gewissermaßen eine die beiden Kriegslager verbindende Drehscheibe bildete. Verständlicherweise war in dieser Phase die Verhandlungskompetenz der Bundesverwaltung gefordert. Verschiedene Sonderkommissionen wie beispielsweise die Ständige Delegation für Wirtschaftsverhandlungen oder die Sektion für Rechtswesen und private Vermögensinteressen bewirtschafteten erfolgreich den Außenhandel und die Finanzbeziehungen. Mit Deutschland wurde am 9. August 1940 ein Handelsvertrag unterzeichnet und ein Clearingkredit gewährt, der am Ende des Krieges 1,1 Milliarden Franken (ein Zehntel des schweizerischen Bruttosozialprodukts) betrug. Hinzu kam dann die Annahme von Gold der Reichsbank – darunter auch Raubgold – mit dem das Dritte Reich zu dringend benötigten Devisen kam. Die Bedeutung dieser Transaktionen lässt sich allein an der Tatsache erkennen, dass die Schweiz 77 Prozent des von der Reichsbank verschobenen Goldes übernahm. Dieser Teil der Geschichte ist bekanntlich durch schon umfangreiche Publikationen dokumentiert, und der Autor selber hat im Rahmen der UEK diese Thematik eingehend erforscht.[3] Wenn wir hier auch einen umfassenden Einblick in die komplizierten Finanzbeziehungen erhalten, so hatte ich doch gelegentlich den Eindruck, dass die beinahe überbordenen Detailkenntnisse den Autor gehindert haben, eine leicht lesbare und mit klaren Literaturhinweisen versehene Zusammenfassung zu schreiben.

Die Beziehungen zu den Alliierten (Kp. 8 und 9) werden etwas knapper dargestellt, wobei vor allem die Jahre 1944-1946 im Brennpunkt stehen. Hier stehen ebenfalls beträchtliche finanzielle Interessen im Spiel, wobei die USA und Großbritannien der Schweiz wegen deren Gold- und Tarngeschäften mit Misstrauen begegnen. Entsprechende Kritik war schon 1943 auf der diplomatischen Ebene vorgebracht worden, und in der Folge mussten dann auch die anstehenden Probleme in großem Maße von den Schweizer Spitzenbeamten angegangen werden. Ihnen gelang dabei ein verwegenes Doppelspiel, indem sie bis zum Kriegsende und trotz massivem Druck der Alliierten die Geschäfte mit Deutschland aufrecht erhalten konnten und so für den Neuanfang mit dem Nachkriegsdeutschland vorteilhafte Voraussetzungen schufen. Perrenoud gibt einige treffende Beispiele, wie 1945 die Angleichung an die Forderungen der Sieger ohne allzu große eigene Verluste gelang. Die Zusammenarbeit von Banken und Verwaltung dieser Jahre bildete eine wichtige Grundlage für die weitere, bis heute reichende Entwicklung des helvetischen Finanzplatzes.

Eine Gesamtwürdigung der Arbeit Perrenoud’s ist nicht einfach. Die gewaltigen Detailkenntnisse und das breite Wissen können nicht genug hoch gewürdigt werden. Dennoch bedauert man gelegentlich einen gewissen Mangel an zusammenfassenden Orientierungen, die dem mit dieser Materie und den komplexen helvetischen Verhältnissen wenig vertrauten Leser den Zugang erleichtern würden.

Anmerkungen:
[1] <www.dodis.ch> (16.11.2011).
[2] Janick Marina Schaufelbühl, La France et la Suisse ou la force du petit. Évasion fiscale, relations commerciales et financières (1940-1954), Paris 2009.
[3] Neben dem Bd. 13 der UEK, Marc Perrenoud u.a., La place financière et les banques suisses à l’époque du national-socialisme, Zürich 2002, siehe auch Bd. 10: Martin Meier u.a., Schweizerische Aussenwirtschaftspolitik 1930-1948 (Titel der UEK-Publikationen: <www.uek.ch/de/index.htm> (16.11.2011)).

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Veröffentlicht am
22.11.2011
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