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Titel
In den Feldern des Wissens. Studiengang, Fach und disziplinäre Semantik in den Geschichts- und Staatswissenschaften (1780-1860)


Autor(en)
Manhart, Sebastian
Reihe
Wittener kulturwissenschaftliche Studien 9
Erschienen
Anzahl Seiten
645 S.
Preis
€ 68,00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Alban Frei, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Zürich

Die Wissenschaftsgeschichte hat ihr Spektrum in der letzten Dekade sichtbar erweitert, nicht zuletzt durch die Öffnung zur Wissensgeschichte.[1] Mit dieser Entwicklung geht eine stärkere Theoretisierung des Gegenstandes einher, in deren Kontext auch Sebastian Manharts Arbeit über die Geschichts- und Staatswissenschaften des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts eingereiht werden kann. Manhart verfolgt in seiner Untersuchung zwar eher einen der klassischen Stränge der Wissenschaftsgeschichte, nämlich die Disziplinengeschichte, allerdings mit einem Disziplinenbegriff, der in gewisser Hinsicht auch (historisches) Wissen außerhalb der Wissenschaft einzubeziehen versucht. Seine ambitionierte Studie – die überarbeitete Version einer 2006 angenommen Dissertation – ist zudem in die begriffsgeschichtlichen Anstrengungen der Wissenschaftsgeschichte einzuordnen, die in den letzten Jahren erfreulicherweise an Konturen gewonnen hat.[2]

Den Ausgangspunkt von Manharts theoretischen Überlegungen bildet eine inhaltliche Präzisierung zentraler wissenschaftsgeschichtlicher Begriffe wie „Fach“, „Studiengang“ oder „Disziplin“, wobei die Definition des Disziplinbegriffes zu der eigentlichen theoretischen Innovation Manharts führt: dem Konzept des disziplinär-semantischen Feldes. Seine Feldkonzeption erweitert dabei den in der Wissenschaftsforschung bereits erprobten Feldbegriff[3] um eine systemtheoretische und eine semantische Dimension. Im disziplinär-semantischen Feld sollen nicht nur Inhalte und Strukturen nachvollzogen werden, sondern auch Semantik, Organisation und Institution, Habitualisierung, die Eigenlogik des Feldes, kommunikative Strategien und Prozesse im und auch politische und kulturelle Einflüsse auf das Feld. Dieser umfassende und integrative Feldbegriff soll es erlauben, „allgemeingültige Aussagen über längere Abschnitte der Disziplinengeschichte treffen zu können“ und „die disziplinengeschichtliche Forschung auch für die allgemeine Wissenschaftsgeschichtsschreibung und die Wissenschaftssoziologie“ anschlussfähig zu machen (S. 19). Untersucht werden sollen mithilfe dieses theoretischen Konzepts die „Verwissenschaftlichung der Geschichtsschreibung, die Herausbildung ihrer Fachlichkeit, […] die organisatorische Stabilisierung, […] die periodisierende Abfolge von Aufklärungshistorie und Historismus“ mit der Absicht, „[…] eine neue Perspektive auf die Geschichte der Geschichtswissenschaft und die wissenschaftlichen Formen des historischen Denkens“ zu konstruieren (S. 53).

Der Untersuchungsgegenstand ist also das „historische Denken“, welches nicht nur in der engeren Geschichtswissenschaft, sondern auch in anderen Bereichen der philosophischen Fakultät, im speziellen der „Staatswissenschaft“ analysiert wird. In der begrifflichen Unterscheidung Manharts stehen Disziplinen zunächst für einen losen Zusammenhang von Methoden, Theorien und Metaphern, für bestimmte, auch durch personelle Interessen geprägte Sichtweisen auf die Welt. Der Fachbegriff steht hingegen für den institutionell-organisatorischen Verbund an einer Universität, situationsabhängig und kulturell-politisch variabel. Erst eine ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stattfindende Engführung von Fach und Disziplin führe zu „disziplinären Dispositiven“, welche die Universitäts- und Wissenschaftsstrukturen seither bestimmen (S. 607). Das disziplinär-semantische Feld der Geschichtswissenschaft ist unter dieser theoretischen Prämisse folglich als breiter Zusammenhang zu sehen, in welchen eben auch die Staats- oder Kameralwissenschaften mit einzubeziehen sind.

In der folgenden mehrperspektivischen Betrachtung exemplifiziert Manhart seine Theorie des disziplinär-semantischen Feldes am Beispiel der Verflechtungen und Überlappungen der Geschichts- und Staatswissenschaften, dies in bewusster Abgrenzung zu einer vergleichenden Betrachtung der Geschichtswissenschaften mit den Philologien, weil die Nähe zur Philologie „hinlänglich“ bekannt sei, wie Manhart zu Recht bemerkt (S. 131). Nach der Darlegung seines theoretischen Konzeptes (Kapitel 1) werden die institutionellen Strukturen des historischen Denkens aufgrund von Studienplänen, Vorlesungsverzeichnissen (Kapitel 2.1), mit Blick auf die Kameral- und Staatswissenschaften (Kapitel 2.3. und 2.4.) und in Hinblick auf bedeutende Vertreter des historischen Wissenszusammenhangs (Kapitel 2.5.) erläutert. Zudem wird plausibel dargelegt, dass der Erfolg der jeweiligen Studiengänge mit dem Einsatz der Abgänger im Lehrerberuf (Kapitel 2.2) zusammenhing, bzw. wie der Misserfolg der Staatswissenschafts-Studienabgänger bei den von den Juristen dominierten staatlichen Verwaltungsstellen zu einem sukzessiven Abbau der staats- und kameralwissenschaftlichen Studiengänge führte (Kapitel 2.6.).

In den Kapiteln drei bis fünf stehen zuerst Eigenlogik, methodische Entwicklungen und die Veränderung des Wissenschaftsverständnisses im Vordergrund (Kapitel 3), danach werden die semantischen Strukturen, Metaphern und Analogiebildungen des historischen Denkens analysiert (Kapitel 4) und schließlich der Lebensbegriff als Leitsemantik des disziplinär-semantischen Feldes der Geschichts- und Staatswissenschaft und in gewisser Weise auch der Wissenschaften überhaupt (Kapitel 5) vorgeschlagen. Im abschließenden sechsten Kapitel, das etwas isoliert von den bisherigen Teilen steht, stellt Manhart einige grundsätzliche Überlegungen zu den Folgen und Ambivalenzen des Wissens bzw. der Vermehrung des Wissens an. Mit der Einsicht, dass es Folgen für die Gegenwart und die Zukunft hat, wie man die Vergangenheit interpretiert, schiebt er eine Art Selbstreflexion über den Umgang und die Folgen des Wissens ein. Diesen Überlegungen zu einer „Historisierung der Gegenwart“ (S. 517) und ihren nicht zuletzt politischen Konsequenzen folgt ein kurzes und stringentes Schlusswort.

Zu den Stärken der vorliegenden Arbeit gehört die durch die analytische Trennung von Disziplin und Fach bedingte Erweiterung des Blickwinkels auf das wissenschaftliche historische Denken und Arbeiten. Für die Zeitspanne zwischen Aufklärungshistorie und Historismus ist es sicherlich sinnvoll, historisches Denken außerhalb bekannter Pfade zu untersuchen. Die Verbindung mit den Staats- und Kameralwissenschaften scheint hier insofern eine geglückte Wahl zu sein, als dass sich in Verbindung mit diesen Fächern einige zentrale Methoden, Theorien und auch wissenschaftssemantische Ausprägungen des historischen Denkens nachvollziehen lassen und sich dadurch nicht zuletzt die dem Historismus gelegentlich attribuierte Theorieferne widerlegen lässt (S. 252).

So ist beispielsweise der von Manhart rekonstruierte Wechsel von einer mechanistischen (Kapitel 4.1) zu einer organischen Betrachtungsweise (Kapitel 4.2) des Staates für die Geschichtswissenschaft von Bedeutung, weil damit eine rein deskriptive Beschreibung des Staates einer verstehenden weicht. In der Auseinandersetzung der Geschichte mit Staatstheorien und Politik entwickelte sich eine Methodik, die unter anderem mit Droysen schließlich zum Signum der Geschichtswissenschaft wurde: Nicht Inhalt und Theorie, sondern Betrachtungsweise und Methode charakterisieren die wissenschaftliche Identität der Geschichtswissenschaft (S. 267f.). Die wissenschaftssystematischen Folgen einer organizistischen, an den Naturwissenschaften orientierten Betrachtung des Staatswesen rückt den Menschen in den Fokus historischer Untersuchungen, an die Stelle einer mechanistischen Sukzession tritt das komplexere Verständnis eines zirkulären Organismus. Manhart beschreibt diesen Wechsel mit der Etablierung einer neuen Leitsemantik des „Lebens“ im disziplinär-semantischen Feld der Geschichts- und Staatswissenschaften (Kapitel 5) und versucht über Themenkomplexe wie „Freiheit“ oder „Bildung“ die geistesgeschichtlichen und philosophischen Entwicklungen jener Zeit in seine Überlegungen zu integrieren. Die damit verbundenen Ausführungen zu Leibniz, Kant und Fichte (Kapitel 4.5.) oder auch zu Jean Paul (Kapitel 4.6.) sowie die Betrachtungen zur „Historisierung und Ideenlehre“ (Kapitel 5.1) erweitern zwar das Untersuchungsspektrum, gehen aber zu Lasten der Stringenz. Eine strengere Fokussierung auf den Untersuchungsgegenstand – die Geschichte der Geschichtswissenschaft – hätte der mit rund 650 Seiten ziemlich umfangreichen Dissertation zweifellos gut getan.

So ist das integrale Theoriedesign Stärke und Schwäche zugleich. Die Weiterentwicklung systemtheoretischer Ansätze zu einem Konzept des disziplinär-semantischen Feldes, das in der Lage ist, sowohl Kommunikationsweisen wie auch semantische Bestände prozessual zu betrachten, lässt einerseits Schlüsse über längere Zeitdauer zu und bricht dadurch mit den klassischen Epocheneinteilungen von Aufklärungshistorie und Historismus. Es ist andererseits in der Lage, auf unerwartete Kontinuitäten in der Wissenschaft hinzuweisen; dies geschieht nicht zuletzt in Abgrenzung zu Kuhns Paradigmenansatz (S. 606). Generell lässt sich aber die Frage aufwerfen, ob es sinnvoll ist, eine theoretische Perspektive zu verfolgen, deren konsequente Umsetzung dazu führt, dass der Untersuchungsgegenstand derart entgrenzt wird, dass man als Leser manchmal Schwierigkeiten hat, der Argumentation zu folgen. Wenn letztlich pansemiotische Begriffe wie „Organismus“, „Leben“ oder „Freiheit“ die Leitsemantik des disziplinären Feldes definieren, ist dies in der Argumentation zwar schlüssig (und mit zahlreichen Zitaten und Paraphrasierungen ausgiebig belegt), aber nicht immer erkenntnisfördernd.

Die Untersuchung bietet dennoch einige interessante Ansatzpunkte. Insbesondere die Bemühungen um begriffliche Schärfe in der Wissenschaftsgeschichte und der Mut zu einer eigenständigen theoretischen Konzeption sind beachtenswert; die Arbeit sei demnach ausdauernden und an systemtheoretischen Überlegungen interessierten Lesern durchaus zur Lektüre empfohlen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. beispielsweise: Jakob Vogel, Von der Wissenschafts- zur Wissensgeschichte. Für eine Historisierung der „Wissensgesellschaft“, in: Geschichte und Gesellschaft 30, Heft 4 (2004), S. 639-660.
[2] Zum Beispiel: Michael Egger / Matthias Rothe (Hrsg.), Wissenschaftsgeschichte als Begriffsgeschichte. Terminologische Umbrüche im Entstehungsprozess der modernen Wissenschaften, Bielefeld 2009.
[3] Pierre Bourdieu, Vom Gebrauch der Wissenschaft. Für eine klinische Soziologie des wissenschaftlichen Feldes, Konstanz 1998; Fritz K. Ringer, Felder des Wissens. Bildung, Wissenschaft und sozialer Aufstieg in Frankreich und Deutschland um 1900, Weinheim 2003.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.01.2012
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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