A. Michalczyk: Heimat, Kirche und Nation

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Titel
Heimat, Kirche und Nation. Deutsche und polnische Nationalisierungsprozesse im geteilten Oberschlesien (1922-1939)


Autor(en)
Michalczyk, Andrzej
Reihe
Neue Forschungen zur Schlesischen Geschichte 19
Erschienen
Köln 2011: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
306 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Felicitas Söhner, Fernuniversität Hagen

Gut 90 Jahre nach dem Plebiszit und bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Oberschlesien veröffentlicht Andrzej Michalczyk eine auf das lokale Alltagsleben im oberschlesischen Raum fokussierte Untersuchung. Der ehemalige Stipendiat der Möllgard-Stiftung und Doktorand des Max-Weber-Kollegs in Erfurt lehrt derzeit Geschichte Ostmitteleuropas am Historischen Institut der Universität Bochum. In seiner neuen Publikation vergleicht er die Auswirkungen polnischer und deutscher Nationalitätenpolitik in den Jahren 1922 bis 1939. Hierbei interessiert er sich vor allem für die Mikroebene des Alltags. Michalczyk zeigt unter anderem auf, dass die auf einer Makroebene erzeugten und auch funktionierenden Feindbilder den auf der Mikroebene existierenden Wahrnehmungen keineswegs entsprechen müssen. Michalczyk nähert sich auf dieser „untersten“ Ebene der Rolle der katholischen Kirche im Verhältnis der Bevölkerungsgruppen im deutschen wie im polnischen Teil des Industriereviers und zeigt dabei auf, wie das Leben der Gemeinde teilweise von Nationalisierungsprozessen überlagert wurde. Dabei verweist er auf die Schwierigkeit, die Rolle der Kirche zu generalisieren, da deren Position jeweils vom individuellen Verhalten des jeweiligen Amtsträgers vor Ort abhängig war.

In „Heimat, Kirche und Nation“ befasst sich Michalczyk mit der Problematik von politischen sowie kirchlichen Feiern und Identitäten in der Region Oberschlesien, die in den Fokus der jeweiligen Nationalbewegung gerieten. Nach einem einleitenden Vorwort widmet er sich der thematischen Einführung und Fragestellung. Betont wird die Notwendigkeit eines differenzierten methodischen Zugangs in einer vergleichenden Alltags- und Mikrogeschichte, bei der ein enger Quellenbezug von essentieller Bedeutung sei.

Nach einer mit zeitgeschichtlichen Einordnungen versehenen Übersicht über die Nationalisierungsprozesse im preußischen Oberschlesien des „langen“ 19. Jahrhunderts[1] beschreibt Michalczyk Identitätsangebote und –praktiken, dabei zuvorderst Rolle und Auswirkungen politischer Feiern. Als wichtiges Mittel staatlicher Instrumentalisierungspolitik (S. 84) sollten sie alljährlich an die nationale Zugehörigkeit erinnern und diese in den jeweiligen Bevölkerungsteilen verinnerlichen. Der seitens der Politik forcierte „Oberschlesienmythos“, der beiderseits keinen Raum für Kompromisse bot und innenpolitisch auf Machtsicherung sowie außenpolitisch gegen den nationalen Nachbarn gerichtet war, interpretiert er als für den politischen Dialog destruktiv. In der Bevölkerung Oberschlesiens als „Region der kulturellen Durchmischung“ (S. 105) konstatiert Michalczyk eine deutliche Resistenz gegenüber nationalpolitischer Mobilisierung, welche auf die intendierte Schwarz-Weiß-Malerei nicht ansprach.

Im weiteren Verlauf betrachtet Michalczyk die Rolle der oberschlesischen Kirchlichkeit, die seines Erachtens großes Informationspotential hinsichtlich der Erforschung der oberschlesischen Alltagswirklichkeit bietet. Hier widmet er sich vor allem dem Stellenwert von Sprache in den kirchlich-religiösen Praktiken. Während der oberschlesische Alltag von einer „Zweisprachigkeit ohne ideologische Bedeutung“ (S. 159) geprägt war, fand in kirchlichen Feiern die jeweilige Hochsprache Verwendung. So nahm „das ‚literarische‘, also dialektfreie Polnisch […] in Oberschlesien festliche Züge an und wurde meist in Zeitungen, Kalendern, sakralen Handlungen sowie religiösen und patriotischen Liedern verwendet“ (S. 160). In den Zwischenkriegsjahren habe das identitätsgenerierende Moment sowie Konfliktpotential von Sprache vor allem in der jungen Bevölkerungsschicht beständig zugenommen. Dennoch blieb für den Großteil der Oberschlesier die Verwendung von Dialekt oder Sprache ohne politische Bedeutung.

Michalczyk widmet sich im Folgenden dem Verhältnis von Nation und Religion. Zwar sprachlich heterogen, war Oberschlesien konfessionell fast homogen. Während es der katholischen Kirche bis zum Ersten Weltkrieg gelang, die nationalen Spannungen vom religiösen Raum fernzuhalten, wurde dies in den Jahren der Zwischenkriegszeit zunehmend schwieriger. Dies wird anhand der Fronleichnamsprozessionen beschrieben, deren Bedeutung Michalczyk vielmehr als Gelegenheit der feierlichen Repräsentation im öffentlichen Raum denn als das Vertreten katholischer Glaubensprinzipien interpretiert. Hier sei im Untersuchungsbereich der Wojewodschaft Schlesien ab dem Jahr 1926 eine Häufung von nationalistisch begründeten Konflikten zu beobachten, die sich jedoch vor allem im städtischen Milieu abspielten. Der Mangel an geeigneten Quellen aus dem ländlichen Raum könnte laut Michalczyk darauf deuten, dass in diesen Gebieten die slawophone Bevölkerung zahlenmäßig im Übergewicht war und auch dort im Unterschied zum urbanen Raum ein stärkerer sozialer Zusammenhalt in der örtlichen Gemeinschaft vorhanden gewesen sei (vgl. S. 180).

In der Provinz Oberschlesien lassen sich, wie herausgearbeitet wird, ähnliche Wahrnehmungsmuster kirchlich-öffentlicher Prozessionen feststellen. Auch hier waren die religiösen Umzüge von hoher gesellschaftlicher Bedeutung. So kam es nur in Einzelfällen zu nationalistisch geprägten Konflikten in der Öffentlichkeit, was sich mit der Machtergreifung der NSDAP auch nicht schlagartig änderte. Erst seit Mitte der 1930er-Jahre nahmen gezielte Maßnahmen seitens der Partei zu, die sie störenden Prozessionen an den Rand zu drängen. Mit der Zeit sind die polnische Sprache wie auch die kirchlichen Umzüge aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Dies führte jedoch innerhalb der Bevölkerung weniger zu einem Umdenken, sondern vielmehr zu „Unmut und zu einer NS-kritischen Haltung“ (S. 203).

Im polnischen wie deutschen Oberschlesien stellt Michalczyk komplementäre Verhältnisse fest. Während sich in der Wojewodschaft Schlesien der Nationalitätenkampf vor allem im urbanen Raum bemerkbar machte, waren in der Provinz Oberschlesien die Konflikte vermehrt ein ländliches Phänomen. Insgesamt sei eine politische Einflussnahme eher dann zu beobachten gewesen, wenn die im kirchlichen Raum verwendete Sprache den Verdacht der Illoyalität erregte. Dennoch duldeten in beiden Bereichen die Machthaber es nicht, wenn die staatlicherseits propagierten „Prinzipien eines ethnisch-sprachlichen Nationalismus“ (S. 204) auf öffentliche Weise ignoriert wurden.

Durch eine Fallstudie auf Mikroebene zeigt Michalczyk auf, dass sich in dieser Zeit die katholische Religionszugehörigkeit ungeachtet des massiven Drucks als nationenübergreifende Gruppenidentität erhalten konnte. Am Beispiel der Pfarrgemeinde Bielschowitz im polnischen Oberschlesien demonstriert er, dass es trotz der Kontroversen, die zwischen der Gemeinde und dem deutschgesinnten Pfarrers auftraten, nicht zur grundsätzlichen Ablehnung des Priesters durch seine polnischen Gemeindemitglieder kam. Hier betont Michalczyk allerdings geschlechtsspezifische Unterschiede; während sich die Männer eher an der nationalen Zugehörigkeit orientierten, legten sich die Frauen stärker auf die religiöse Identität fest. Insgesamt aber könnte anhand der gewählten Fallbeispiele der Anspruch erhoben werden, „repräsentative und für jede andere Gemeinde in Oberschlesien zutreffende Ergebnisse zusammengetragen zu haben“ (S. 242). Dennoch ließen sich anhand der Erkenntnisse auch Rückschlüsse auf Charakteristika anderer lokaler Räume dieses Untersuchungsfeldes ziehen. Michalczyk konstatiert, dass sich der Nationalismus im Oberschlesien der Zwischenkriegszeit nur schwer etablieren konnte und sich in den Fallstudien auf lokaler Ebene „Strategien der Resistenz und der Ablehnung gegenüber den Nationalisierungsprozessen“ (S. 243) erkennen ließen. In den untersuchten Räumen hätten die Einwohner sehr flexibel auf die jeweilige Nationalisierungspolitik reagiert und sich dieser angepasst, sie jedoch gleichzeitig als zeitlich begrenzt wahrgenommen. Das von Michalczyk beschriebene Verhalten der Oberschlesier lässt sich als situationsbezogener, anpassungsfähiger Pragmatismus bezeichnen. Zugleich weist er schließlich darauf hin, dass in den von ihm untersuchten Fällen nur rudimentär Anzeichen eines grenzüberschreitenden Regionalbewusstseins aller Oberschlesier erkennbar seien, da der Fokus vielmehr auf die engere Heimat gerichtet war.

Mit seiner Publikation hat Michalczyk eine aussagekräftige Analyse vorgelegt, die sich eingängig mit ritualisierten Gruppenverhalten im kirchlichen Raum befasst. Seinem Ziel, sich über den Umweg des Außeralltäglichen an den oberschlesischen Alltag heranzutasten und dabei sowohl den polnischen wie den deutschen Teil der Region Oberschlesien vergleichend darzustellen, ist der Verfasser mehr als gerecht geworden. Durch seine komparative Untersuchung der Grenzregion leistet Michalczyk einen wertvollen Beitrag zur Diskussion über religiös-politische Identitätskonstruktionen im europäischen Kontext. Er öffnet dem Leser in einer facettenreichen Mikrostudie einen tiefgehenden Blick auf Oberschlesien in der Zwischenkriegszeit und zeigt, dass das Leben im Grenzgebiet statt des üblich dargestellten gelebten Patriotismus in der Realität geprägt war von vielfältiger Durchmischung und kultureller Begegnung.

Anmerkung:
[1] Weiterführende Informationen finden sich in: Juliane Haubold-Stolle / Bernard Linek, Górny Śląsk wyobrażony. Wokół mitów, symboli i bohaterów dyskursów narodowych, Dom Współpracy Polsko-Niemieciej [Imaginiertes Oberschlesien. Mythen, Symbole und Helden in den nationalen Diskursen], Opole 2005; Heidi Hein-Kircher / Jarosław Suchoples / Hans Henning Hahn, Miejsca pamięci, mity i stereotypy w Europie [Orte der Erinnerung, Mythen und Stereotypen in Europa], Wrocław 2008; Tagungsbericht Kirchen und Gruppenbildungsprozesse deutscher Minderheiten in Europa 1918-1933. 02.05.2008-03.05.2008, Backnang, in: H-Soz-u-Kult, 29.07.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2201> (04.07.2011); Tagungsbericht Region – Industrie – Zuwanderung. Oberschlesische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert. 27.11.2009-28.11.2009, Kattowitz/Katowice, in: H-Soz-u-Kult, 25.01.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2966> (04.07.2011).

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27.07.2011
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