R. Jaworski u.a. (Hrsg.): Erinnern mit Hindernissen

Cover
Titel
Erinnern mit Hindernissen. Osteuropäische Gedenktage und Jubiläen im 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts


Herausgeber
Jaworski, Rudolf; Kusber, Jan
Reihe
Mainzer Beiträge zur Geschichte Osteuropas 4
Erschienen
Münster 2011: LIT Verlag
Anzahl Seiten
292 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Elke Fein, Universität Freiburg

Das Thema Erinnerungskulturen ist inzwischen zum Dauerbrenner der Geschichts- und Sozialwissenschaften avanciert. Besonders interessant ist dabei stets die Beobachtung des Wandels von Gedenk- und Erinnerungspraktiken in Kontexten gesellschaftlicher und systemischer Transformationsprozesse. Diesem Fragenkomplex widmet sich der kompakte, von Rudolf Jaworski und Jan Kusber herausgegebene Band im Blick auf ein knappes Dutzend osteuropäische Gesellschaften im 20. und 21. Jahrhundert.

Der Band umfasst elf durchweg flüssig geschriebene Beiträge, die in ihrer Mehrheit aus einer 2007 am Mainzer Institut für Europäische Geschichte veranstalteten Tagung über die sich wandelnden Gedenkpraktiken und -strategien im Osten Europas hervorgingen. Die Autorinnen und Autoren, zuvorderst Historiker/innen sowie eine Soziologin und eine Ethnologin/Kulturanthropologin, sind überwiegend renommierte Expert/innen auf ihren Gebieten. Von den Beiträgen befassen sich drei mit Russland bzw. der Sowjetunion, drei mit Polen und je einer mit dem Baltikum, der Slowakei, Ungarn und Rumänien. Dabei stehen in der Regel einzelne Jubiläen und Erinnerungsorte in ihrem Wandel über zumeist mehrere Jahrzehnte im Zentrum.

Die Bandbreite reicht von viel diskutierten (und viel untersuchten) Gedenktagen, wie dem des Kriegsendes oder der Oktoberrevolution in der Sowjetunion, über klassische Konfliktfelder, etwa rund um alte versus neu eingeführte Feiertage in Mittelosteuropa oder im Spannungsverhältnis zwischen kommunistischem Regime und Katholischer Kirche in Polen, bis hin zu (zumindest in der westlichen Forschung) bislang weniger beachteten Stadtjubiläen in der russischen Provinz. Damit deckt der Band mit überwiegend beeindruckender Detailkenntnis und durchweg interessant zu lesendem Reichtum an Differenzierung ein großes Spektrum an Erinnerungskonflikten und -szenarien ab. Diese werden von den Autor/innen durchweg überzeugend auf ihre jeweiligen Funktionen, Brüche und inneren Widersprüche hin analysiert. Der Gewinn liegt dabei insbesondere in der „dichten Beschreibung“ der Entwicklung einzelner Erinnerungskontexte und ihrer konkreten Akteurskonstellationen und Phänomenologien. Daher lesen sich doch manche der auf überwiegend hohem, konstantem Niveau verfassten Darstellungen sehr kurzweilig, auch wenn dabei übergeordnete Erkenntnisse nicht immer überraschend ausfallen (Erinnerung als Identitäts- und Traditionsbildung usw.).

Ebenso wie zuvor die Tagung formuliert freilich auch der Sammelband ausdrücklich das Ziel, vergleichende Perspektiven auf die entsprechenden Erinnerungspraktiken zu werfen. So fragen Jaworski und Kusber in ihrem einleitenden Beitrag nach allgemeinen Entwicklungslinien, Bestimmungsfaktoren und Mechanismen der Erinnerung. Da liegt es nahe, im Ergebnis gewisse synthetisierende Antworten auf diese Forschungsfragen zu erwarten, umso mehr vor dem Hintergrund des illustren Autor/innenkreises.

Die im Grunde einzig nennenswerte Schwäche des Bandes liegt denn auch – wie so oft bei vergleichbaren Sammelbänden – darin, die Ergebnisse nicht zusätzlich auch systematischer – also tatsächlich vergleichend – ausgewertet und entsprechend aufbereitet zu haben. So werden die Herausgeberfragen von den meisten Autor/innen letztlich vor allem für ihre jeweiligen Themenfelder adressiert, und auch dies zuweilen weniger systematisch als zwischen den Zeilen der überwiegend dichten, auf die Darstellung im Detail fokussierten Einzelbeiträge. Fragen wie die nach übergeordneten Entwicklungslinien, Bestimmungsfaktoren und Mechanismen der Erinnerung oder gar nach theoretisch-methodischen Implikationen für die Erinnerungsforschung bleiben dagegen unterm Strich weitgehend offen. Hier wäre eine abschließende Synthese wünschenswert gewesen, ebenso wie gewisse, zumindest resümierende methodische Reflektionen – umso mehr als in der Erinnerungsforschung seit einiger Zeit zunehmend über neue heuristische Perspektiven im Sinne eines „turns“ oder einer „dritten Welle“ in der theoretisch-methodischen Entwicklung dieses Forschungsfeld debattiert wird.