D. Jajeśniak-Quast: Stahlgiganten in der sozialistischen Transformation

Cover
Titel
Stahlgiganten in der sozialistischen Transformation. Nowa Huta in Krakau, EKO in Eisenhüttenstadt und Kunčice in Ostrava


Autor(en)
Jajeśniak-Quast, Dagmara
Reihe
Studien zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Ostmitteleuropas 20
Erschienen
Wiesbaden 2010: Harrassowitz Verlag
Anzahl Seiten
349 S.
Preis
€ 54,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Hübner, Berlin

Es geht um drei Stahlwerke. Entstanden sind sie nach dem Zweiten Weltkrieg als Nowa Huta in Polen, Eisenhüttenkombinat Ost in der DDR und als Neue Klement-Gottwald-Hütte in der Tschechoslowakei. Daran wäre nichts Besonderes, zumal alle drei als geradezu idealtypisch für den Nachvollzug des sowjetischen Industrialisierungsmodells gelten können. Aus heutiger Sicht verdient es indes Aufmerksamkeit, dass die Werke unter dem Dach der Arcelor/Mittal Group, des derzeit größten Stahlkonzerns, noch immer existieren und wettbewerbsfähig produzieren. So falsch können die in den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren getroffenen Standort- und Investitionsentscheidungen also nicht gewesen sein. Wie die Werke symbolisieren auch die mit ihnen aus dem Boden gestampften Städte, die Wohnorte der Stahlwerker, Nowa Huta bei Kraków, Stalinstadt beim alten Fürstenberg bzw. seit 1961 Eisenhüttenstadt und Kunčice als Ortsteil von Ostrava bis in die Gegenwart wirtschafts- und gesellschaftspolitische Intentionen ihrer Entstehungszeit. Den Zeitgenossen wurden sie als die ersten sozialistischen Städte der Volksrepublik Polen, der DDR und der ČSR präsentiert.

Dagmara Jajeśniak-Quast beschreibt in dem Buch, der bearbeiteten Version ihrer im Jahr 2005 an der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder verteidigten Dissertation, die Standortsuche, den Aufbau der Werke und Städte, die Anwerbung von Arbeitskräften, die Arbeitsbedingungen und die Lebenspraxis der Beschäftigten, die wirtschaftliche Entwicklung und die Außenhandelsbeziehungen der drei Stahlproduzenten vom Zeitpunkt ihres Entstehens bis in die 1960er-Jahre. Ihr Versuch, dies alles in einer vergleichenden Perspektive zu bündeln, ist gelungen. Das verdient umso mehr Beachtung, als die Quellenlage sehr heterogen, teils auch schlecht ist. Jajeśniak-Quast hat das Problem bemerkenswert kreativ bewältigt, indem sie neben einer unterschiedlich ergiebigen Aktenüberlieferung auch entlegene, bisher kaum beachtete Dokumente aus dem Archiv der Neuen Akten in Warschau, dem Staatsarchiv Kraków, dem Kreisarchiv Opava, dem Zentralen Staatsarchiv Prag und selbstverständlich aus den jeweiligen Unternehmensarchiven zutage förderte, in beeindruckendem Umfang „graue“ Literatur, Sekundärliteratur und Filme auswertete und auf die Expertise von Archivaren und Werksmitarbeitern zurückgriff. Der Schwerpunkt des Vergleichs liegt auf Nowa Huta und EKO Eisenhüttenstadt, das tschechische Kunčice dient – weil nicht so gut dokumentiert – streckenweise als tertium comparationis.

Einleitend verweist Jajeśniak-Quast auf die Methoden und Ergebnisse der in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren an der Viadrina geleisteten Transformationsforschung. Im Hinblick darauf lässt sich die im Buchtitel verwendete Formel von der „sozialistischen Transformation“ durchaus als Referenz und Sachbezug verstehen. Gleichwohl tauchen Fragen auf, wenn die Anfänge des – mit Einführung – in insgesamt sieben Kapiteln beschriebenen Transformationsprozesses „auf das Ende der Verstaatlichung der Schlüsselindustrie in den Jahren 1947/48 und den Anfang der ersten langjährigen Wirtschaftspläne im Jahr 1949“ (S. 20) datiert werden, während das Ende der Transformation zu Beginn der 1960er-Jahre mit der Entscheidung der Eigentumsfrage im gesamtgesellschaftlichen Maßstab erreicht worden sein soll. Das zielt eindeutig auf makroökonomische Zusammenhänge, doch bezogen auf die Geschichte der Werke wirkt diese Periodisierung nicht sehr überzeugend. Auch die daran anschließende Rechnung erscheint etwas einfach: „So kann man die Periode der sozialistischen Transformation auf zirka 15 Jahre eingrenzen. Dieser Übergang zum Sozialismus ist insofern mit der marktwirtschaftlichen Transformation vergleichbar, denn auch dieser Prozess dauerte etwa 15 Jahre. Der Übergang zur Marktwirtschaft begann 1989/90 und gilt mit der EU-Mitgliedschaft im Jahr 2004 für Polen und Tschechien als abgeschlossen.“ (S. 20) Das ist insofern pikant, als es gerade einmal fünf bis sechs weiterer Jahre bedurfte, um die EU ins Dilemma von Staatspleiten, „Rettungsschirmen“ und massiven politischen Interventionen in die Märkte zu treiben. Aber das nur nebenbei.

Die Verwendung des Transformations-Begriffs erfüllt im gegebenen Zusammenhang ihren Zweck – im Sinne von Entwicklung, Veränderung usw. So allgemein ließe sich auch eine „sozialistische Transformation“ verstehen. Viel gewonnen ist damit nicht, allerdings fragt man sich, warum es nach dem Selbstverständnis der historischen Akteure nicht um eine Transformation, sondern um eine sozialistische Revolution ging. Dieser Aspekt hätte mehr Aufmerksamkeit verdient.

Die einzelnen Kapitel bieten ein im Vergleich der drei Industriestandorte ausdifferenziertes und zugleich plastisches Bild vom Baugeschehen über die Beschäftigungssituation und die politisch induzierten Mobilisierungsmaßnahmen mitsamt den dabei entstehenden Konflikten bis hin zum Produktionsprozess und den damit verbundenen wirtschaftlichen Aspekten wie Investition, Produktion, Absatz, Rohstoffversorgung und Technologietransfer. Man erfährt vieles über die positiven und problematischen Seiten des RGW-Handels. Besonderes Augenmerk legt Jajeśniak-Quast auf die Frage nach den historischen Kontexten der drei „Stahlgiganten“. Da geht es vor allem um die Kriterien der Standortwahl sowie um den Bezug zur Sowjetunion und ihrem Industrialisierungsmodell. Ebenso wichtig ist der Verweis auf die bereits während der Vorkriegszeit erfolgten Planungen und teils auch Investitionen. An diesen komplexen Zusammenhängen setzt der Begriff der Pfadabhängigkeit an. Unter der Perspektive der Standortbedingungen und Technologie werden starke Kontinuitätsmomente deutlich. Überhaupt sind die Wege industrieller Entwicklung von massiven technologischen Leitplanken flankiert, deren Existenz Jajeśniak-Quast ebenso betont wie das Wirken länderspezifischer Transformationsmuster. Die Resultate indes glichen sich auffallend.

Eine Antwort auf die wichtige Frage nach dem sowjetischen Einfluss beim Bau und der Entwicklung dieser drei Werke fällt differenziert aus: Im Hinblick auf das Investitionsgeschehen war er in Nowa Huta am größten, auch beim EKO in Eisenhüttenstadt zeigte er sich, wobei gerade dieses Werk in der Folge die stärkste Einbindung in den RGW-Handel erfuhr, in Kunčice blieb der sowjetische Einfluss eher schwach, nicht zuletzt, weil dort die Standort-Kontinuität am stärksten war. Alle drei Produzenten deckten einen dringenden Nachkriegsbedarf, doch in der Folge traten technologischer Rückstand gegenüber westlichen Stahlerzeugern und hohe Produktionskosten als Symptome der „gescheiterte(n) Integrationsgeschichte Ostmitteleuropas“ (S. 308) hervor. Gleichwohl sprach zumindest in den Anfangsjahren manches für die Übernahme des „sowjetischen Modells“, wie Jajeśniak-Quast betont. Tatsächlich erschien es angesichts der Kriegszerstörungen und unter den Bedingungen des Kalten Krieges geradezu zwingend, dem Ausbau der Schwerindustrie Vorrang zu geben. Dies galt umso mehr, als die sowjetische Seite mit dem starken Argument aufwarten konnte, der Sieg der UdSSR im Zweiten Weltkrieg sei zu einem erheblichen Teil der Stalinschen Brachialindustrialisierung zu verdanken.

Das, was die zeitgenössische Terminologie in den Begriff der „sozialistischen Industrialisierung“ fasste, wird von Jajeśniak-Quast in verschiedenen Facetten von der Investitionsentscheidung bis zum Arbeitsalltag beschrieben, und dies in einer aus den Zeitumständen heraus entwickelten, historisierten Perspektive. Dazu gehört es auch, zwischen „sowjetischem Modell“ und jeweiliger historisch bedingter Pfadabhängigkeit ein Spannungsverhältnis aufzuzeigen. Dies ist eine wesentliche Stärke des Buches. Rund 100 Abbildungen, Grafiken und Tabellen bereichern den Text. Alles in allem erwartet den Leser ein informativer und gut geschriebener Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Polens, der DDR und der ČSR in den 1950er- und 1960er-Jahren.