B. Hammes: Ritterlicher Fürst und Ritterschaft

Cover
Titel
Ritterlicher Fürst und Ritterschaft. Konkurrierende Vergegenwärtigung ritterlich-höfischer Tradition im Umkreis südwestdeutscher Fürstenhöfe 1350–1450


Autor(en)
Hammes, Barbara
Reihe
Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B: Forschungen 185
Erschienen
Stuttgart 2011: Kohlhammer Verlag
Anzahl Seiten
XXXVIII, 406 S.
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maximilian Krüger, Seminar für Neuere Geschichte, Universität Mannheim

Was ist das Rittertum? Diese Frage stellte bekanntermaßen bereits François Louis Ganshof[1] in einem gleichnamigen Aufsatz. Eine einfache Antwort auf diese zumindest augenscheinlich unbedarfte Frage geben zu wollen, erschiene vermessen. Und bestünde der absurde Vorwurf, man könne nichts Nennenswertes oder Substanzielles über das Rittertum beitragen, würde das vorliegende Buch von Barbara Hammes den Gegenbeweis erbringen.

Zum Wesen des Rittertums scheint es zu gehören, dass es eine erstaunliche Langlebigkeit und Vitalität, unterbrochen von Zeiten konjunkturellen Wandels, aufweist. Dass das Rittertum des Früh- und Hochmittelalters nicht mit dem Rittertum des Spätmittelalters gleichzusetzen ist, dürfte Konsens sein. Aufbauend auf diesem Merkmal des Rittertums wendet sich die Arbeit, die als Dissertation aus dem Teilprojekt „Könige und Fürsten des Spätmittelalters und ihre Erinnerungskulturen“ der Universität Gießen hervorging, einem ganz speziellen Aspekt der Erinnerungskultur zu: dem der fürstlichen Vergegenwärtigung ritterlich-höfischer Kultur. Der Aufbau der vorliegenden Studie folgt der traditionellen Gliederung in drei Hauptkapitel, in denen Barbara Hammes zunächst unter der Überschrift „Medialität: Vergegenwärtigung ritterlich-höfischer Tradition am Fürstenhof“ eine Vielzahl von Traditions- und Überrestquellen (unterteilt in die Sektionen Realien, Handlungen und Denkmäler) betrachtet. Im daran anschließenden zweiten Hauptkapitel wendet sie sich der titelgebenden Thematik von „Traditionskonkurrenz: Ritterschaft und ritterlicher Fürst“ zu. Das dritte Hauptkapitel folgt der Frage nach der „Zuschreibung und Aberkennung von Ritterlichkeit“.

Das Wesen des Rittertums und der Hofkultur des Spätmittelalters zu erfassen und richtig zu deuten, ist eine Herausforderung, besonders wenn man mit absoluten Kategorien wie Blüte, Verfall und Wiederbelebung konfrontiert wird. Die Auffassung Johan Huizingas von einer nostalgisch-wirklichkeitsfremden Ritterromantik[2] oder die Konzeption der zwei Ritterrenaissancen von Werner Paravicini[3] teilt Barbara Hammes nicht, konstatiert sie doch den Absolutheitsanspruch, den der Renaissancebegriff in sich trägt, nämlich die mehr oder weniger vollständige oder dauerhafte Wiederbelebung von etwas, was die Zeitgenossen als mit deutlichem Abstand wahrgenommene Epoche betrachten würden.

Auch die neuere Forschung sieht in der Bewahrung von ritterlichen Traditionen kein konservatives Festhalten, sondern ein bewusstes Anknüpfen, vielmehr Kontinuität als eine nostalgisch-wirklichkeitsfremde Ritterrenaissance. Zweifellos ist im Spätmittelalter eine Wiederbelebung ritterlicher Formen attestierbar, doch ist sie, wie Barbara Hammes es formuliert, weniger retrospektiv-romantisch als dynamisch-gegenwartsbezogen. Die Frage nach dem Verhältnis von Tradition und Innovation innerhalb von Praktiken wie der Festkultur, wie sie hier dargelegt wird, lässt sich nur unzureichend (aufgrund der dürftigen Quellenlage) beantworten. Ebenso, ob so etwas wie das bewusste Anknüpfen an vergangene Zeiten, also eine Wiederbelebung zwischenzeitlich verschwundener Handlungen, sofern es so etwas um 1400 gab, existent war. Barbara Hammes tendiert zu einer „grundsätzlichen Kontinuität bei (mehr oder weniger) starker Standarisierung“ (S. 92), wenngleich auch hier differenziert werden muss. Im Ergebnis erkennt sie für das 15. Jahrhundert keine grundsätzliche Abweichung hinsichtlich der Qualität und Quantität der ritterlich-höfischen Festkultur, dafür aber zweifelsohne eine (nach 1400) verstärkte Vergegenwärtigung und Selbstthematisierung durch theatralische Inszenierungen ritterlich-höfischer Traditionen.

Barbara Hammes stellt somit den Topos der Ritterrenaissancen, die sie im Übrigen erst für die Zeit nach 1500 anerkennt, zurück und konzentriert sich in ihrer Fragestellung darauf, wie ritterlich-höfische Tradition im Spätmittelalter von unterschiedlichen sozialen Gruppen vergegenwärtigt wurde. Untersucht wurden hierbei drei ausgewählte südwestdeutsche Fürstenhöfe, nämlich der Pfalzgrafenhof in Heidelberg, der Hof der fürstengleichen Grafen von Württemberg in Stuttgart, der badische Markgrafenhof, und daran anknüpfend das Verhältnis von Fürsten und Adel, insbesondere des niederen Adels am Hof und in seiner Umgebung. Hierbei wird besonders die Interaktion der sozialen Gruppen als Träger einer ritterlichen Kultur oder ritterlich-höfischen Identität neben dem Fürsten betont und gefragt, auf welche Weise das Selbstbild des Fürsten dadurch beeinflusst wurde. Zudem wird in einem weiteren Untersuchungskriterium die zeitliche Dimension betrachtet, nämlich wie Tradition durch Erinnerungsträger beibehalten, weiterentwickelt oder wiederbelebt wurde.

Durchgehend wird der deutsche Raum in den Fokus gestellt. Es erfolgen keine Vergleiche mit anderen europäischen Höfen, abgesehen von Heiratsverbindungen mit italienischen Edeldamen oder englischen Königstöchtern – wobei Barbara Hammes attestiert, dass die südwestdeutschen Höfe im kulturellen Sinne den westeuropäischen ein halbes Jahrhundert hinterherhinkten, was aber durch die einheiratenden Frauen in vielfältigem Sinne kompensiert wurde. Wenn auch hier ein einseitiger Kulturtransfer stattfand, sieht dies bei der ritterlich-höfischen Tradition anders aus, da sie zwischen den Höfen beständig neu ausgehandelt wurde. Im Zuge der eigentlichen Ausgangsfrage nach der Vergegenwärtigung wird der Schwerpunkt auf bildliche und rituelle Repräsentationsmuster, also den Traditionsmedien wie Realien, Handlungen und Denkmäler, gesetzt. Dieser Abschnitt der Untersuchung ist besonders hervorzuheben – insbesondere die anschaulich illustrierten Kapitel über Siegel, Grabmäler und Dedikationsbilder –, denn die Bildanalysen sind detailliert und verraten eine aufmerksame Beobachtungsgabe.

Der letzte Untersuchungsgegenstand ist zugleich einer der bemerkenswertesten. Barbara Hammes zeigt, dass auch andere Herangehensweisen offenstehen, sich dem Rittertum anzunähern, nämlich das Wesen des Rittertums nicht an Idealen zu messen. Ausgehend von der Frage, was unter Ritterlichkeit um 1400 zu verstehen ist, wendet sie sich von den propagierten und idealisierten Forderungen der höfischen Tugend-Kataloge (aus Literatur und Didaktik) ab und wählt den handlungsorientierten Ansatz. Nicht den Parzival Wolframs von Eschenbach, sondern Urkunden und Chroniken sind ihre Quellen, aus denen sich Zuschreibungen und Aberkennungen des realen Rittertums aufgrund von ritterlichen Taten oder Missetaten entnehmen lassen.

Gewiss, Barbara Hammes erhebt nicht den Anspruch, das Rittertum an sich erklären zu wollen, dennoch ermöglicht der von ihr gesetzte Schwerpunkt auf regional verwurzelte Fürstentümer, verbunden mit einer zeitlichen Begrenzung, Antworten auf die Frage nach dem Rittertum zu finden. Das ist ihr in dieser Darlegung zweifelsfrei gelungen.

Anmerkungen:
[1] François Louis Ganshof, Was ist das Rittertum?, in: Arno Borst (Hrsg.), Das Rittertum im Mittelalter, Darmstadt 1976, S. 130–142.
[2] Johan Huizinga, Herbst des Mittelalters. Studien über Lebens- und Geistesformen des 14. und 15. Jahrhunderts in Frankreich und den Niederlanden, Stuttgart 1961, S. 370.
[3] Werner Paravicini, Die ritterlich-höfische Kultur des Mittelalters, München 1999, S. 40–45.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.11.2011
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