J.G. Cook: Roman Attitudes Toward the Christians

Cover
Titel
Roman Attitudes Toward the Christians. From Claudius to Hadrian


Autor(en)
Cook, John Granger
Reihe
Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 261
Erschienen
Tübingen 2011: Mohr Siebeck
Anzahl Seiten
XV, 363 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Andreas Gerstacker, Historisches Seminar, Universität Leipzig

John Cook hat sich mit dieser Studie das Verdienst erworben, ein altes und vielfach beackertes Feld noch einmal neu und mit großer Gründlichkeit umgepflügt zu haben. Die Einstellung der Römer zum Christentum hat die moderne Forschung sowohl in den Altertumswissenschaften als auch in der Kirchengeschichte bereits seit langem beschäftigt und es gibt kaum einen Stein, der noch nicht von allen Seiten betrachtet wurde. Dementsprechend ist es fast unmöglich, grundlegend Neues zu diesem Thema zu schreiben, ein Problem, das Cook auch offen einräumt (S. 1). Dennoch kann es wichtig sein, noch einmal auf aktuellem Stand eine detaillierte Analyse der Quellen und eine kenntnisreiche Diskussion der Forschung zu bieten. Das wurde dem Rezensenten bewusst, als er als Althistoriker an einer Tagung aus dem Feld der neutestamentlichen Wissenschaft teilnahm. Dort hörte er einen renommierten Fachvertreter sagen, dass ja durch den berühmten Christenbrief des Plinius (epist. 10,96) bekannt sei, dass es eine Opferpflicht für Christen gegeben habe. Nun ist das genau nicht, was in besagtem Brief steht. Vielmehr waren es gerade diejenigen, die leugneten, Christen zu sein, die zum Erweis ihrer Wahrhaftigkeit die Opfer vollziehen sollten. Bekenner wurden unmittelbar abgeführt – ohne Opfer. Diese Begebenheit zeigt, wie sehr eine gründliche und zugängliche Aufarbeitung auch bereits bekannten Materials von Nöten sein kann. Umso erfreulicher ist es, dass die Studie von Cook, selbst von Haus aus Theologe, in einer Reihe publiziert wurde, die zum eisernen Bestand der neutestamentlichen Wissenschaft gehört. Es steht zu hoffen, dass durch diese klare und gut lesbare Zusammenschau den diskutierten Texten und den damit verbundenen Problemen Gehör verschafft und das interdisziplinäre Gespräch weiter befördert wird. Darüber hinaus bietet Cook eine sorgfältige und frische Interpretation altbekannter Texte, die auch dem mit der Materie grundsätzlich vertrauten Leser einigen Gewinn verspricht.

Cook gliedert seine Studie chronologisch nach den Kaisern, über deren Einstellung den Christen gegenüber antike Quellen Substantielles zu berichten haben. Nach einer allgemeinen Einleitung beginnt er mit „Claudius and the Christians“ (S. 11–28), wo er nach einleitenden Bemerkungen zum Verhältnis des Kaisers zum Judentum vor allem die bekannten Texte zu Maßnahmen gegen Juden/Judenchristen(?) in Rom (Apg. 18,2; Suet. Claud. 25,4; Cass. Dio 60,6,6; Oros. 7,6,15–16) untersucht. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Suetons Chrestus wohl mit (Jesus) Christus gleichzusetzen ist (S. 19), und Sueton sich auf Vorkommnisse der Art bezieht, wie sie die Apostelgeschichte für die Verkündigung des Paulus in Synagogen bezeugt (S. 22). Außerdem hält er die Datierung bei Orosius in das neunte Jahr des Claudius für korrekt und meint, dass die Schilderung bei Cassius Dio einer früheren Maßnahme des Claudius gilt (S. 26–27).

Daraufhin wendet sich Cook in einem längeren Kapitel „Nero and the Christians“ (S. 29–111) zu. Dieses soll etwas ausführlicher vorgestellt werden, um exemplarisch die Arbeitsweise des Autors aufzuzeigen. Zuerst behandelt Cook pagane Quellen zu Nero, hier vor allem IG VII 2713, wo aus Dankbarkeit für die Gewährung von Freiheit für Achaia ein sehr positives Nerobild gezeichnet wird. Dann diskutiert er kommentarartig und in großer Ausführlichkeit den berühmten Tacitustext zum Brand Roms (ann. 15,44). Dabei behandelt er unter anderem die Frage nach dem verantwortlichen Magistrat, nach der (Un)Schuld der Christen am Feuer, nach der Bedeutung von flagitium, der von superstitio, nach den Geständnissen der Christen, nach dem textkritischen Problem convicti oder coniuncti (fehlerhaft S. 40: „coniuincti“ [sic]), nach der gewählten Prozessform, nach der Bedeutung des odium humani generis und nach den verhängten Strafen sowie den damit verbundenen textkritischen Problemen. Anschließend betrachtet er Hinweise auf diese Verfolgung bei Sueton (Nero 16) und bietet einen interessanten Überblick zu der instruktiven Stelle Cass. Dio 52,35,3–6, einem Auszug aus der Maecenasrede, sowie zur Frage von Apostasie und mos maiorum. Dann wendet er sich christlichen Quellen zur neronischen Verfolgung zu. Wichtig ist hier vor allem die Diskussion des institutum Neronianum bei Tertullian (nat. 1,7,8–9) und der Frage, ob es eine kaiserliche Gesetzgebung zur Christenfrage gegeben hat. Cook versteht das institutum zu Recht als Bezugnahme „to Nero’s actions against the Christians and not to law“ (S. 96) und steht der Existenz eines neronischen Christengesetzes richtigerweise mit Skepsis gegenüber. Zuletzt bespricht er die Martyrien des Petrus und des Paulus sowie das Verhältnis der von Tacitus berichteten Situation in Rom zum Markusevangelium und zur Johannesoffenbarung.

Im nächsten Kapitel untersucht Cook dann „Domitian and the Christians“ (S. 112–137). Nach einführenden Überlegungen zur „Imperial Ideology“ (S. 112–117) behandelt er die Frage, ob es eine domitianische Christenverfolgung gab (S. 117–136). Als Ergebnis hält er fest, dass es unter der Herrschaft Domitians sicherlich Bedrängnisse für Christen gegeben haben kann, aber keine von Seiten des Kaisers initiierte Verfolgung. Vielmehr habe Domitian „some elite Romans who were sympathetic to Judaism“ (S. 136) verfolgt, woraus spätere christliche Autoren eine Verfolgung von Christen gemacht haben. Zuletzt deutete Cook Konsequenzen dieser Ergebnisse für die Datierung des 1. Petrusbriefes und der Johannesoffenbarung an.

Es folgt ein sehr umfangreiches Kapitel über „Trajan and the Christians“ (S. 138–251). Hier führt er die Leser zuerst in die Karriere des Plinius und die Umstände seines berühmten Briefwechsels mit Trajan über die Christen ein. Darauf folgt erneut ein ausführlicher kommentarartiger Durchgang durch den Text der beiden Briefe entlang historischer und philologischer Fragen. Daraufhin wendet er sich dem 1. Petrusbrief und der Frage nach darin eventuell zu findenden Hinweisen auf Christenverfolgungen sowie erneut der Johannesoffenbarung zu.

Kapitel 5 gilt dann Hadrian und seinem Verhältnis zu den Christen (S. 252–280). Hier steht naturgemäß das bekannte Reskript dieses Kaisers an den Statthalter der Provinz Asia C. Minucius Fundanus im Mittelpunkt. Edmund Groag und Timothy D. Barnes folgend betrachtet er das Reskript als authentisch und sieht darin im Wesentlichen eine Bestätigung und Präzisierung des von Trajan angeratenen Vorgehens.

Zum Ende bietet Cook vor der Zusammenfassung der Ergebnisse (S. 290–293) noch einen kurzen Ausblick auf „Christian Attitudes toward Pagans and Jews“ im 4.–6. Jahrhundert n.Chr., als das römische Reich christlich geworden war (S. 281–290). Dieser kurze Abschnitt ist nach Meinung des Rezensenten etwas unglücklich und überflüssig. Statt der bisherigen ausführlichen Diskussion findet sich nur ein äußerst knapper, schlaglichtartiger Überblick über Ereignisse dieser Zeit. Letztlich wird hier, anders als im Hauptteil, kaum etwas von der Komplexität der Zusammenhänge deutlich und das gezeichnete Bild ist sehr oberflächlich.

Zu den Stärken der Studie gehört unbestreitbar die breite Quellenbasis bis hin zu zahlreichen epigraphischen Belegen, auf die sich Cook stützt, sowie die nüchterne und detaillierte Interpretation dieser Quellen. Außerdem bietet er eine ausführliche Diskussion der einschlägigen Literatur zu den jeweiligen Fragen. Der umfangreiche Fußnotenapparat bietet reichlich Material für die weitere Arbeit an einzelnen Aspekten des Themas.

Kritisch anzumerken ist neben gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten bei Einzelheiten einiger Interpretationen unter anderem, dass trotz der großen Stofffülle die eine oder andere Lücke bleibt. So hat der Rezensent zum Beispiel eine Diskussion der Frage vermisst, ab wann und warum die römischen Behörden Christen und Juden deutlich unterschieden. Scheint es, dass zur Zeit des Claudius diese Unterscheidung noch nicht getroffen wurde, werden beide Gruppen unter Nero doch schon klar auseinander gehalten. Zum anderen gibt es in der sehr umfangreichen Bibliographie doch die eine oder andere Fehlstelle, so zum Beispiel wichtige Beiträge von Jacques Moreau[1], Friedrich Vittinghoff[2], Joachim Molthagen[3] oder Dieter Flach[4]. Zuletzt: Die Konzentration auf den Kaiser, die hohe Beamtenschaft sowie die Frage nach dem offiziellen Vorgehen der Behörden hat unverkennbar Vorteile für die Darstellung und hat auch inhaltlich ihr Recht. Allerdings gerät dadurch die im Titel anklingende und auch für Cook sehr wichtige Frage nach der allgemeinen Haltung zum Christentum mitunter etwas aus dem Blick. Hier ist nach wie vor die Arbeit von Robert L. Wilken als Ergänzung unverzichtbar.[5]

Insgesamt hat Cook eine sehr gründlich erarbeitete und sehr lesenswerte Studie vorgelegt, die allen sehr empfohlen werden kann, die sich mit dem Verhältnis des frühen Christentums zum römischen Reich befassen.

Anmerkungen:
[1] Jacques Moreau, La Persécution du Christianisme dans l’Empire romain, Paris 1956; deutsch: Die Christenverfolgung im römischen Reich, 2. Aufl., Berlin 1971.
[2] Friedrich Vittinghoff, „Christianus sum“. Das Verbrechen von Außenseitern der römischen Gesellschaft, in: Historia 33 (1984), S. 331–357.
[3] Joachim Molthagen, Die ersten Konflikte der Christen in der griechisch-römischen Welt, in: Historia 40 (1991), S. 42–76; ders., Die Lage der Christen im römischen Reich nach dem 1. Petrusbrief – Zum Problem einer domitianischen Verfolgung, in: Historia 44 (1995), S. 422–458.
[4] Dieter Flach, Die römischen Christenverfolgungen, in: Historia 48 (1999), S. 442–464.
[5] Robert L. Wilken, The Christians as the Romans Saw Them, 2. Aufl., New Haven 2003; deutsch: Die frühen Christen – Wie die Römer sie sahen, Graz 1986.

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16.06.2014
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