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Titel
Adolf Sommerfeld - Andrew Sommerfield. Bauen für Berlin 1910-1970


Autor(en)
Kress, Celina
Anzahl Seiten
286 S., 288 Abb.
Preis
€ 39,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Paul Sigel, Institut für Kunst- und Musikwissenschaften, Technische Universität Dresden

Verweise auf Adolf Sommerfeld fehlen in keiner Überblicksdarstellung zur frühen Architektur der Moderne in Deutschland, und sein von Walter Gropius und Adolf Meyer entworfenes und 1921 fertig gestelltes Berliner Wohnhaus ging in die Architekturgeschichte ein. Mit seinem rustikalen Erscheinungsbild erinnerte das Holzblockhaus an die Prairie Houses Frank Lloyd Wrights. Die Innenausstattung mit ihren Holzschnitzarbeiten von Joost Schmidt, den Buntglasfenstern von Josef Albers oder den Sesseln von Marcel Breuer demonstrierte wiederum eindrucksvoll die expressionistische und am Handwerk orientierte Frühphase der Weimarer Bauhausarbeit: Das Haus und seine Ausstattung gerieten zum Leistungsbeweis dieser frühen Phase. Doch anders als dieses im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gesamtkunstwerk rückten sein Bauherr, sein Lebenswerk und seine Biographie erst in den letzten Jahren in den Vordergrund.

1986 hatte Karin Wilhelm bereits grundlegendes zu Sommerfeld publiziert und dessen vielfältige Tätigkeitsbereiche aufgezeigt.[1] 1987 verwies Annemarie Jaeggi im Rahmen ihrer Untersuchungen zur Planungs- und Baugeschichte der Großsiedlung Onkel-Toms-Hütte auf die zentrale Rolle Sommerfelds als Terrainentwickler und Bauunternehmer.[2] Sie verwies auch auf Sommerfelds Kooperation mit Erich Mendelsohn und Richard Neutra beim Bau jener vier Wohnhäuser in der Berliner Onkel-Tom-Straße von 1923, die zu den frühesten Beispielen sachlich-kubischer Architektur in Berlin zählen und deren Planungs- und Baugeschichte auch in jüngeren Publikationen weiter thematisiert wurden.[3] Die Rolle Sommerfelds als Kooperationspartner von Walter Gropius sowie seine Bedeutung als Förderer der frühen Bauhausarbeit legte wiederum Winfried Nerdinger in seiner Monografie zu Gropius von 1996 ausführlich dar.[4]

Dennoch griffen diese Studien lediglich Aspekte des Lebens Sommerfelds auf, zahlreiche sonstige Projekte und Zusatzinformationen gerieten dabei in Vergessenheit. Diese Lücke schließt nun die grundlegende Publikation der Architekturhistorikerin Celina Kress. Das Buch basiert auf ihrer 2008 abgeschlossenen Dissertation und bietet erstmals eine umfassende Darstellung von Leben und Werk Sommerfelds, das ebenso für die Architektur- und Städtebaugeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als auch hinsichtlich der zeitgeschichtlichen Dimension dieser Biografie von Interesse ist. Denn der 1886 in Kolmar/Posen geborene Sommerfeld war auf Grund seiner jüdischen Herkunft gezwungen, Deutschland 1933 zu verlassen und damit auch seine Firmengruppe aufzugeben. Nach Zwischenaufenthalten in Frankreich und Palästina erfolgte 1938 der Umzug nach England, wo Sommerfeld seinen Namen in Andrew Sommerfield änderte und am Aufbau eines neuen Unternehmens arbeitete. Erst nach 1945 und dem Abschluss der Restitutionsverhandlungen konnte Sommerfeld erneut in Deutschland sowie in der Schweiz tätig werden, wo er 1954 seinen Wohnsitz nahm und 1964 in Baden starb.

Sommerfeld hatte nach einer Zimmermannslehre 1910 eine erste Firma gegründet und sich während des Ersten Weltkrieges auf die Entwicklung von Holzkonstruktionen für Hallenbauten spezialisiert, deren Baumaterial aus eigens angekauften Sägewerken geliefert wurde. Nach Kriegsende rückte der Wohnungsbau in den Vordergrund. Mit Bautypen für den kostengünstigen seriellen Holzhausbau, der unter anderem im Zuge deutscher Reparationsleistungen gegenüber Frankreich und Belgien sowie beim Bau von Notunterkünften für Kriegsflüchtlinge bei Thessaloniki Verwendung finden sollte, sicherte sich Sommerfeld eine einflussreiche Position in der deutschen Bauwirtschaft. Vor allem der Erwerb mehrerer Terraingesellschaften im südwestlichen Berliner Stadtgebiet sowie der „Allgemeinen Häuserbau-Actien-Gesellschaft“ (AHAG) ermöglichten es dem Bauunternehmer, sich ab Anfang der 1920er-Jahre als Big Player der Berliner Stadtentwicklung zu profilieren.

Kress erzählt die Stationen der Biografie Sommerfelds in chronologisch gegliederten, zumeist an den großen Bauprojekten orientierten Kapiteln. Architektur- und städtebaugeschichtlich rückt sie dabei die zentralen Themen Sommerfelds – Rationalisierung im Bauen sowie Ausbau und infrastrukturelle Aufwertung suburbaner Wohnquartiere – in das Zentrum ihrer Betrachtungen. Im Blick auf die Kooperation mit Gropius wird die Suche Sommerfelds nach kreativen Partnern deutlich, mit denen er die Entwicklung von Grundtypen für eine serielle Produktion von Wohnraum zu forcieren suchte. Obwohl die großen Erwartungen an die Früchte dieser Kooperation letztlich nicht erfüllt werden konnten, blieb Sommerfeld für Gropius ein wichtiger Partner. Er unterstützte nicht nur die erste Bauhausausstellung 1923 sowie das gleichzeitig realisierte Weimarer Musterhaus am Horn finanziell, sondern er ermöglichte 1928 auch die USA-Reise des Ehepaares Gropius und förderte 1929 Gropius’ Experimente mit Stahlhäusern.

Mit seiner Beteiligung am Bau der Waldsiedlung Zehlendorf ‚Onkel-Toms-Hütte‘ sicherte sich Sommerfeld eine entscheidende Rolle bei einem der prominentesten Wohnungsbauprojekte der Weimarer Republik. Durch die Kooperation mit der genossenschaftlichen Wohnungsbaugesellschaft GEHAG fand Sommerfeld einerseits einen geeigneten Partner für die Bebauung eines großen Teils seiner Terrainbesitzungen. Andererseits gelang es, sein Unternehmen in die Bautätigkeiten der von Stadtbaurat Martin Wagner dezidiert geförderten genossenschaftlichen Wohnungsbauprogramme einzubinden. Die nach Plänen von Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg ab 1926 errichtete Siedlung konnte darüber hinaus durch den von Sommerfeld bereits vor 1926 geplanten Ausbau der U-Bahnstrecke an das innerstädtische Nahverkehrsnetz angebunden werden, wodurch von Anfang an ein entscheidender infrastruktureller Nachteil zahlreicher suburbaner Quartiere vermieden werden konnte. Das Gesamtprojekt der Großsiedlung rief jedoch auch vehemente Kritik an der formalen Gestalt und dem Konzept des Massenwohnungsbaus im bürgerlichen Ambiente Zehlendorfs hervor. Mit der unmittelbar benachbarten Versuchssiedlung am Fischtalgrund der Wohnungsbau-AG GAGFAH entstand dann ab 1928 eine programmatische Gegenthese, sichtbar in der demonstrativen Gegenüberstellung von Zeile und Einzelhaus, von Flachdach und steilem Satteldach. Doch die Geschichte der programmatischen Architekturstatements in Zehlendorf beinhaltet, wie Kress betont, noch eine besondere Pointe, da die Präsentation der Siedlung am Fischtalgrund mit einer Ausstellung zum Thema „Bauen und Wohnen“ verbunden wurde, auf der wiederum Sommerfelds AHAG in Zusammenarbeit mit Gropius und László Moholy-Nagy ihre Positionen zu Rationalisierung und Typisierung im Wohnungsbau präsentieren konnte.

Ein weiterer konsequenter Schritt in diese Richtung gelang Sommerfeld durch die sich anschließende Kooperation mit der GAGFAH und deren Chefarchitekten Hans Gerlach bei Siedlungsbauten in der Merseburger Region von 1928 und 1929, deren Schüttbetonkonstruktion durch den Einsatz eines eigens vom Sommerfeld-Konzern entwickelten „Bauschiffs“ zu einem eindrucksvollen Beispiel industrieller Bauproduktion wurde. Mit der Terrainentwicklung in Kleinmachnow verfolgte Sommerfeld wiederum andere Ziele.[5] Zwar blieb er mit der Konzeption von Musterbauten für die serielle Bauentwicklung seiner Unternehmensstrategie treu, doch die Erschließung des Terrains für den Bau von Einfamilienhäusern mit Satteldach und partieller Holzverschalung sprach eine andere Klientel an, die mit der programmatischen Projektbezeichnung ‚Bürgerhaussiedlung‘ gezielt beworben werden sollte. Das ab 1932 realisierte Konzept erwies sich als außerordentlich erfolgreich und ausbaufähig, so dass der Bau der Bürgerhäuser auch nach Sommerfelds Flucht und der Enteignung seiner Betriebe während der NS-Diktatur weiterentwickelt wurde.

Neben der gründlichen Aufarbeitung der Biografie Sommerfelds, seiner Unternehmensgeschichte und seiner kaum zu überschätzenden Bedeutung für die Entwicklung suburbaner Wohnsiedlungen überzeugen in der Publikation von Celina Kress vor allem die grundlegenden Ausführungen zur bislang vernachlässigten Relevanz der privaten Terrainentwicklung in der Weimarer Republik.[6] Sommerfelds Kooperationen mit einer Reihe der bedeutendsten Architekten seiner Zeit, sein Einsatz für Typisierung und serielle Bauproduktion, aber auch sein Gespür für unterschiedlichen Nutzergruppen angepasste Angebote sowie sein unternehmerisches Geschick, das es ihm ermöglichte, mit den zentralen Akteuren der Baupolitik der Weimarer Republik zu kooperieren, werden in der Publikation von Kress eindrucksvoll deutlich. Die Arbeit wertet neben der relevanten Literatur auch den Nachlass Sommerfelds sowie die projektbezogenen Bestände des Berliner Landesarchivs und zahlreicher anderer Archiv aus und bindet ihre Erkenntnisse in eine überzeugende, stringente und vorzüglich bebilderte Gesamtdarstellung ein.

Anmerkungen:
[1] Karin Wilhelm, Adolf Sommerfeld, in: Bauwelt, 77, 1986, H. 34, S. 1258-1267.
[2] Annemarie Jaeggi, Waldsiedlung Zehlendorf „Onkel Toms Hütte“, in: Norbert Huse (Hrsg.), Vier Berliner Siedlungen der Weimarer Republik, 2. Aufl. Berlin 1987, S. 137-158.
[3] Werner Durth / Paul Sigel, Baukultur. Spiegel gesellschaftlichen Wandels, Berlin 2009, S. 203 ff.
[4] Winfried Nerdinger, Der Architekt Walter Gropius. Zeichnungen, Pläne und Fotos aus dem Busch-Reisinger-Museum der Harvard University Art Museums, Cambridge/Mass. Und dem Bauhaus-Archiv Berlin, 2. erw. u. durchges. Auflage Berlin 1996.
[5] Zu Kleinmachnow vgl. auch die bereits 2006 erschienene Studie: Nicola Bröcker / Celina Kress, Südwestlich siedeln. Kleinmachnow bei Berlin – Von der Villenkolonie zur Bürgerhaussiedlung, 2. Aufl. Berlin 2006.
[6] Das Thema rückt allerdings in den letzten Jahren in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses, vgl. etwa die Untersuchungen von Christoph Bernhardt zur Kooperation von gemeinwirtschaftlichen und privaten Bauentwicklern: ders., Vom Terrainhandel zur Weimarer Städtebaukoalition. Unternehmen und Unternehmer im Berliner Eigenheimbau von 1900 bis 1930, in: Heinz Reif (Hrsg. in Zusammenarbeit mit Moritz Feichtinger), Berliner Villenleben. Die Inszenierung bürgerlichen Wohnens am grünen Rand der Stadt um 1900, Berlin 2008, S. 71-91.

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Veröffentlicht am
20.01.2012
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