Chr. Heusch: Die Macht der memoria

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Titel
Die Macht der memoria. Die ‚Noctes Atticae‘ des Aulus Gellius im Licht der Erinnerungskultur des 2. Jahrhunderts n. Chr.


Autor(en)
Heusch, Christine
Reihe
Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte 104
Erschienen
Berlin 2011: de Gruyter
Anzahl Seiten
XIV, 482 S.
Preis
€ 119,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Ursin, Institut für Altertumswissenschaften, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Heusch stellt in den ‚Noctes Atticae‘ des Aulus Gellius die memoria als roten Faden heraus und liefert so eine Gesamtinterpretation dieses äußerst disparaten Werkes. Die Gellius-Forschung war bisher selektiv an ihren Gegenstand herangegangen, indem sie sich einzelnen Kapiteln oder besonderen Aspekten im Gesamtwerk widmete.[1] Insofern bildet Heuschs Untersuchung, die gedruckte Fassung ihrer 2009 eingereichten Habilitation, einen für Gellius gänzlich neuen Zugang. Heusch formuliert in ihrem fußnotenbegeisterten Theoriekapitel (S. 13–22) den Anspruch, mit der Philologie als Grundlage eine interdisziplinär ausgerichtete kultur- und literaturwissenschaftliche Untersuchung zu liefern (S. 403f.).

Heusch verwendet als zugrundeliegendes Analyseraster Jan und Aleida Assmanns Konzept des kulturellen Gedächtnisses.[2] Die Arbeit reiht sich somit ein in den zunehmenden Strom althistorischer Untersuchungen, die Begriffe wie Gedächtnis und Erinnerung als (durchaus kritikwürdige) Ausgangsbasis nutzen. Die eine Linie der Forschung wählt dabei den diachronen Zugang, der im Wesentlichen der Rezeptionsgeschichte verpflichtet ist.[3] Die andere Linie, der auch Heusch zuzurechnen ist, wählt den synchronen Zugang, der ein ausgewähltes Werk mit Hilfe des zeitgenössischen Kontextes verstehen und erklären will.

Der Gedanke, den Zugang zu einem Autor primär über seinen Kontext zu erlangen, anstatt textimmanent zu arbeiten, ist nicht neu. Doch bei Gellius ist es mehr als angebracht, diesen Zugang in besonderer Weise zu betonen, da bei Zitatensammlungen der textimmanente Zugang wegen der geringen Sichtbarkeit des Autors defizitär ist. Insofern ist die Frage nach den gesellschaftlichen Umständen umso dringlicher, da sie überhaupt erst den Bedarf an solchen Texten erzeugen. So ist es auch nur folgerichtig, dass Heusch neben „Aspekte[n] der memoria in der römischen Kultur“ (S. 23–47) auch das „Bildungskonzept der ‚Noctes Atticae‘ im Schnittpunkt griechischer und römischer Traditionen“ (S. 303–402) im 2. Jahrhundert n.Chr. in den Blick nimmt. Da die philologische Analyse aber Grundlage ihrer Arbeit ist, sucht Heusch direkt nach den „Spuren und Formen der memoria in den ‚Noctes Atticae‘ des Gellius“ (S. 49–189).[4] Somit interessieren sie vor allem die Etymologien (S. 83–97), die jene in der Sprache eingeprägten Spuren der Vergangenheitsbezüge zu Bewusstsein bringen. „Die Sprache zeigt paradigmatisch für die gesamte literarisch-kulturelle Ausrichtung der ‚Noctes Atticae‘: Die Rückwendung zur Vergangenheit bedeutet keine Abkehr von der Gegenwart, sondern dient ihrer Bereicherung.“ (S. 244) Deswegen haben wir es hier auch nicht mit einem restaurativen Bildungs- und Literaturkonzept zu tun; im Gegensatz zu den Griechen finden wir beim Römer Gellius keine Abwehrhaltung oder Opposition zu den bestehenden Verhältnissen.

Heusch will sich in der Frage des kulturellen Austauschs zwischen Griechen und Römern in der Kaiserzeit aber nicht wirklich festlegen: Auf der einen Seite betont sie eine Art antiker Globalisierung, die sich in der Hellenisierung des Westens und der Romanisierung des Ostens zeige (S. 203). Auf der anderen Seite kommt sie beim Vergleich des lateinischen Archaismus mit dem griechischen Attizismus zu dem Schluss, dass beide zwar eine Präferenz für Autoren der Vergangenheit und eine bewusst daran orientierte Sprachpflege hegen, der Attizismus aber mit der Hinwendung zur Vergangenheit die als deprimierend empfundene politische Realität der Griechen in der Kaiserzeit zu kompensieren versucht, während der Archaismus nur eine von mehreren Strömungen ist und das archaische Idiom in Zeiten politischer Blüte wiederbelebt (S. 246). Die Bewegung zur Einheit des Imperiums ist also nicht so eindeutig, wie sie es zuvor dargestellt hatte. Gleichwohl prägen Bilinguismus und Bikulturalität die ‚Noctes Atticae‘ wesentlich (S. 205–229), wie Heusch nicht nur am code switching des Gellius, sondern auch anhand seiner Protagonisten wie Favorinus eindrucksvoll belegt. Jedoch ist es nicht unproblematisch, jenen hellenisierten Gallier Favorinus als Beispiel für die Mischkultur von Griechen und Römern heranzuziehen.

Als Funktionen der memoria kann Heusch mit Rückgriff auf Aleida Assmann plausibel zwei Bereiche aufdecken: Erstens hat sie eine Speicherfunktion, die auf einer individuellen sowie einer kollektiven Ebene angesiedelt ist. Es soll an abgerissene Traditionen wieder angeknüpft und in diachroner Hinsicht Kontinuität hergestellt werden (S. 99). Gellius will sich selbst einen Wissens- bzw. Literaturvorrat anlegen (NA praef. 2) und ein Hilfsmittel zur Festigung des Gedächtnisses erstellen (NA praef. 16). Daneben kann Heusch aber auch die Bedeutung der Gedächtniskünstler für Gellius herausstellen, die er sehr bewundert. Die zweite Funktion der memoria besteht für Heusch darin, in synchroner Hinsicht kulturelle bzw. soziale Abgrenzung herzustellen. So wendet sich Gellius offensichtlich gegen ungebildete Berufstätige (NA praef. 19f.), weshalb Heusch eigens ein Kapitel zum otium einschiebt (S. 306–327). Somit hat das Werk auch eine identitätsstiftende Funktion durch soziale Distinktion (S. 98).

Heusch hat eine anregende, sehr textnahe Gellius-Monographie vorgelegt, die mit ihren Ergebnissen einen neuen Baustein zum Verständnis der kaiserzeitlichen Literatur, Bildung und Kultur bietet. Sie hält sich nicht lange mit Theoriediskussionen auf, sondern schreitet sofort zur Tat, was ihrem Anliegen dienlich ist. Gellius hat sich damit, so wie zunehmend auch andere Autoren der frühen und hohen Kaiserzeit, für das Erinnerungsparadigma als fruchtbar erwiesen. Zunehmend werden diese Werke, die man bisher einzig als Überlieferer älterer Texte geschätzt hatte, als Dokumente ihrer Zeit gelesen. Dahinter steht wohl die Überlegung, dass sie über ihre eigene Zeit bisweilen mehr als über die Epoche aussagen, über die sie eigentlich sprechen.

Anmerkungen:
[1] So zum Beispiel Leofranc Holford-Strevens / Amiel Vardy (Hrsg.), The Worlds of Aulus Gellius, Oxford 2004.
[2] Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 1999; Aleida Assmann, Erinnerungsräume, Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 1999.
[3] Hierfür ist ein gutes Beispiel Michael Jung, Marathon und Plataiai. Zwei Perserschlachten als „lieux de mémoire“ im antiken Griechenland, Göttingen 2006.
[4] Der zu rezensierende Band ist weitgehend frei von Druckfehlern außer unglücklicherweise ausgerechnet im Inhaltsverzeichnis, wo es bei Kapitel 3 heißt: „Spuren und Formen der memoria in den ‚Noctes Atticae‘ de [sic!] Gellius“.

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Veröffentlicht am
26.03.2012
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