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Titel
Amerika. Mensch und Masse in Amerika / Amerika - Leben und Denken / Amerika-Tagebuch


Autor(en)
Huizinga, Johan
Erschienen
München 2011: Wilhelm Fink Verlag
Anzahl Seiten
380 S.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Krumm, Die Schreibwerkstatt, Universität Duisburg-Essen

Johan Huizinga (1872-1945) gehört bis heute zu den prominentesten Vertretern der niederländischen Geschichtswissenschaft. Seine Studien „Herbst des Mittelalters“, „Erasmus“ und „Homo Ludens“ erreichten schon zu seinen Lebzeiten vielfache Neuauflagen, Übersetzungen in etliche Sprachen und gehören heute zu den Klassikern der modernen Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts. Bisher nur in Auszügen ins Deutsche[1] übersetzt waren seine Studien über die Vereinigten Staaten von Amerika aus den Jahren 1918 und 1927. Diese Lücke ist nun mit dem vorliegenden Titel geschlossen worden.

Huizinga war Zeit seines Lebens der kleinen Form des Textes zugetan. Seine Bücher gleichen häufig Sammlungen von in sich geschlossenen Essays zu einem übergeordneten Thema. Auch der Thematik Amerika näherte er sich in „Mensch en menigte in Amerika“ und „Amerika levend en denkend“ nicht mit einer systematischen Abhandlung, sondern war darum bemüht, die für ihn neue Gesellschaftsform der Vereinigten Staaten unter verschiedenen Aspekten zu beleuchten. Gerade die Entstehungszeit der beiden Schriften, 1917/18 mit dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg und 1926/27 in einer ersten Phase beginnender Dominanz innerhalb der internationalen Beziehungen, machen die geschilderten Eindrücke besonders bemerkenswert.

Der Band bietet neben den beiden Veröffentlichungen ebenso eine Übersetzung des erst 1993 von Anton van der Lem edierten Tagebuchs[2], das Huizinga während seiner Amerikareise führte. Alle drei Texte in einem Band zusammenzuführen, ist insofern sehr lobenswert, als die im Tagebuch gesammelten Eindrücke eine gute Ergänzung zu den Abhandlungen bieten und die Herkunft gewisser Ansichten erhellen.

„Von Anbeginn stehen in der Geschichte der Vereinigten Staaten die großen ökonomischen Interessen und Streitfragen als Motive des politischen Kampfes im Vordergrund“ (S. 18) – aus dieser gewonnenen Grundüberzeugung heraus beschreibt Huizinga in „Menschen und Masse in Amerika“ die Entwicklungen der amerikanischen Gesellschaft, oftmals mittels der von ihm identifizierten Gegensätze wie „Individualismus und Assoziation“ oder „Staatsinn und Geschäftsgeist“, wie die Überschriften zu zwei der vier Essays lauten. Er bemühte sich, mit der europäischen Sichtweise auf Amerika zu brechen und ihre Voreingenommenheit zu identifizieren, indem er fundamentale Unterschiede benennt, zum Beispiel dass „Konservatismus und Demokratie […] in Amerika keine Gegensätze“ (S. 125) seien. So konstatiert er für sich selbst, wenn nicht gar für ganz Europa, an einer Stelle: „Wir, die wir die Zukunft nicht kennen, haben kein Recht, über Amerikas Ideale den Stab zu brechen.“ (S. 137) Sein zweites Buch entstand unter den Eindrücken seiner vierwöchigen Amerikareise und ist, vielmehr als eine bloße Studie, ein Zeitzeugnis. Was er über die gesellschaftliche Entwicklung schreibt, ist zuweilen überraschend übertragbar auf noch heute zu beobachtende Phänomene, insbesondere wenn es um die Schilderungen von Forschung und Universitätsorganisation geht, die Bereiche, in denen Huizinga selbst ausgewiesener Experte war.

Die von Annette Wunschel besorgte Übersetzung vermittelt insgesamt einen guten ersten Eindruck von Johan Huizingas Sichtweise auf die Vereinigten Staaten. Sie ist flüssig zu lesen und gibt die lebendige, bildreiche Sprache gut wieder, die dem aus den Sprachwissenschaften kommenden filigranen Rhetoriker Huizinga zu eigen war. Dieser Vorzug geht zu Lasten einiger Ungenauigkeiten, die die Bedeutung einzelner Ansichten für das Gesamtwerk teilweise verschleiern. Huizinga verwendet zum Beispiel zur Beschreibung der Verselbstständigung organisierten Gemeinschaftslebens die Begriffe „machinaliseering“ (auf die wirtschaftliche Produktion bezogen), „verwerktuigelijking“ (auf das Gemeinleben bezogen) und „mechaniseering“ (auf die gesamte Kultur bezogen)[3], die von Wunschel mit „Mechanisierung“ (S. 59), „Automatisierung“ (S. 57) und „Rationalisierung“ (S. 55) übersetzt wurden. Die „mechaniseering“ als negativer Aspekt der modernen Kulturentwicklung geht bei Huizinga zurück auf die deutsche Kulturkritik des 19. Jahrhunderts[4] und kehrt ebenso in seinen kulturkritischen Abhandlungen wieder. Da in diesen Auffassungen die Begriffe „Mechanismus“ und „Organismus“ sich diametral gegenüberstehen, greift die Übersetzung mit „Rationalisierung“ hier nicht weit genug, da sie die von Huizinga übernommene Ansicht der den Menschen gegen seine organische Natur allmählich beherrschenden Organisationsmaschinerie in ihrer Breite nicht wiedergibt. Ebenso hätte der Unterschied zwischen den niederländischen Begriffen „cultuur“ und „beschaving“, zwei in Huizingas Werk zentrale Ausdrücke, die beide gewöhnlich mit dem deutschen „Kultur“ übersetzt werden, eines eingehenderen Kommentars bedurft.

Zum Nachwort von Thomas Macho gibt es wesentlich mehr zu kommentieren, als der hier veranschlagte Raum es zulässt. Die Auswahl der behandelten Aspekte und Stationen von Huizingas Biografie ist zuweilen nicht schlüssig, wie zum Beispiel die ausführliche Schilderung seines Verhältnisses zum nationalsozialistischen Deutschland (S. 362-365) kaum in Bezug zu seinen Amerikastudien steht. Anstelle des Hinweises auf Aby Warburg (S. 349f.), mit dem Huizinga sich eigentlich nur am Rande in zwei Rezensionen beschäftigte, wäre eine intensivere Erläuterung seines Bezuges zu den von ihm im Text erwähnten Jacob Burckhardt (S. 21) und Ernst Troeltsch (S. 23) hilfreich gewesen, denn Huizinga gibt hier durchaus gewichtige Kommentare im Kontext seines Gesamtwerkes ab. Ebenso verhält es sich mit dem von ihm identifizierten „Spielelement“ (S. 50) der Kultur, ein Konzept, das sich schon 20 Jahre vor „Homo Ludens“ in der Amerikaschrift als bemerkenswert ausgeprägt zeigt.

Amerika zwang Huizinga die von ihm bis dato eher gering geschätzten wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Faktoren für die Entwicklung seiner Gegenwart als maßgeblich zu betrachten, obwohl ihm gerade die modernen Wissenschaften der Soziologie oder auch der Psychologie stets suspekt waren.[5] Dies wirkte sich auf seine Auffassungen von geschichtswissenschaftlicher Methodik nachhaltig aus. In diesem Sinne verband ihn eine Art Hassliebe mit Amerika. Seine Skepsis gegenüber demokratisch-kapitalistischen Gesellschaftssystemen nahm mit diesen Erfahrungen ebenso stärkere Konturen an, was wiederum wichtig für die Deutung seiner Kulturkritik der 1930er-Jahre ist, da sie eben nicht nur die faschistischen und kommunistischen, sondern auch die demokratischen Länder in Teilen einschloss. Wie gewichtig diese Faktoren letztlich waren, mag unterschiedlich bewertet werden, doch gewiss sind diese Informationen zentral für das Verständnis des vorliegenden Textes.

Aber genauso macht Macho einige durchaus wichtige und nicht immer geläufige Anmerkungen zum Verständnis von Huizingas Ansichten, zum Beispiel, dass man nicht „nach mittelalterlichen ‚Vorbildern‘ für Huizingas Amerika“ (S. 351) suchen solle, sie ebenso wenig im Sinne einer „Kulturkritik“ zu deuten habe (S. 352) und dass sein Urteil stets vom „Zweifel an den eigenen Vorurteilen“ (S. 359) begleitet wurde.

Übersetzung und Nachwort dieser Ausgabe haben somit ihre Schwächen in der mangelnden Kontextualisierung der Schriften im Hinblick auf Huizingas Gesamtwerk. Hier wäre wohl eine intensivere Auseinandersetzung mit dem aktuellen Forschungsstand hilfreich gewesen, um zumindest Hinweise auf gewisse Zusammenhänge und Problematiken zu geben. Mit diesen Einschränkungen lässt sich dennoch ein positives Resümee zu diesem lobenswerten Unterfangen ziehen, die drei Amerikaschriften Huizingas auf Deutsch in einem Band zu veröffentlichen. Ein Namensregister sowie die Übersetzung der von Huizinga in der Originalsprache behaltenen, vornehmlich französischen Zitate erleichtern die Handhabung um ein Vielfaches. Die USA der „Roaring Twenties“ durch die zurückhaltenden, abwägenden und um Gleichgewicht bemühten Augen des Niederländers zu betrachten, wird für nahezu jeden Historiker eine gewinnbringende Lektüre sein.

Anmerkungen:
[1] Johan Huizinga, Amerikanischer Geist, in: Ders., Wege der Kulturgeschichte, München 1930, S. 357-377; entspricht Kapitel 2 von „Amerika levend en denkend“.
[2] Johan Huizinga, Amerika Dagboek. 14 april – 19 juni 1926, Bezorgd door Anton van der Lem, Amsterdam/Antwerpen 1993.
[3] Johan Huizinga: Mensen en menigte in Amerika, in: Ders.: Verzamelde Werken, Bd. 5 (Cultuurgeschiedenis III), Haarlem 1950, S. 268-417, S. 290f, S. 292, S. 295.
[4] Léon Hanssen, Johan Huizinga en de troost van geschiedenis. Verbeelding en rede, Amsterdam 1996, S. 88.
[5] Johan Huizinga, Im Schatten von Morgen. Eine Diagnose des kulturellen Lebens unserer Zeit, Bern 1936, S. 136.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.02.2012
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