Z. Breier u.a. (Hrsg.): Freiheit, ach Freiheit…

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Titel
Freiheit, ach Freiheit…. Vereintes Europa – geteiltes Gedächtnis


Herausgeber
Breier, Zsuzsa; Muschg, Adolf
Erschienen
Göttingen 2011: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
247 S.
Preis
€ 16,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Schmale, Institut für Geschichte, Universität Wien

Ein Buch von knapp 250 Seiten mit annähernd 40 Beiträgen von vier bis sechs Seiten Länge lässt sich nicht resümieren. Auch ist klar, dass es hier nicht um Forschung und Einordnung in eine Forschungslandschaft gehen kann. Es geht um Beiträge zu einer aktuellen Diskussion, die viele Berührungspunkte zwischen Wissenschaft, Populärwissenschaft und politischem öffentlichen Diskurs aufweist.

Der Band dokumentiert die Vortragsreihe „Doppelgedächtnis: 20 Jahre Mauerfall – 20 Jahre europäische Freiheit“ sowie die Konferenz „Erinnerung für die Zukunft“ (Berlin, Februar 2008/April 2010). Beide Veranstaltungen lagen in der Verantwortung von Zsuzsa Breier und wurden von der von ihr gegründeten Gesellschaft „Dialog-Kultur-Europa/Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa e.V.“ ausgerichtet. Die Autorinnen und Autoren kommen aus Politik und Diplomatie, aus der Wissenschaft – oft aus beiden Bereichen zugleich – sowie aus Medien, Literatur und anderen Institutionen.[1] Es handelt sich somit um Entscheidungsträger/innen, um Persönlichkeiten mit Einfluss, denen zugehört wird, wenn sie reden, um Persönlichkeiten, die Themen setzen.

Da auf H-Soz-u-Kult in der Regel wissenschaftliche Publikationen bzw. ausgesprochene Forschungspublikationen besprochen werden, sollte dies vorausgeschickt werden, um keine falschen Erwartungen an dieses Buch zu wecken. Etliches zum europäischen Gedächtnis, seinen Gemeinsamkeiten, Trennungen, Spaltungen, Defiziten und Leistungen ist genauer und differenzierter in der reichen facheinschlägigen wissenschaftlichen Literatur zu finden. Der Band zieht sein Interesse vielmehr aus dem Ensemble von Autor/innen und sollte, wissenschaftlich betrachtet, eher als Primärquelle, im Grunde als Sammlung von Zeitzeugenaussagen zum Thema des europäischen Gedächtnisses angesehen werden.

Inhaltlich wird die Ost-West-Teilung des europäischen Gedächtnisses fortlaufend thematisiert, vielfach wird ein gewisses Bedauern, manchmal auch Unverständnis für das angebliche Unvermögen des Westens, die Erinnerungsprioritäten im ehemaligen Ostblock zu verstehen und aufzugreifen, geäußert. Durchgängig wird angemahnt, die Aufarbeitung der kommunistischen Diktaturen nicht gegen die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen aufzurechnen oder auszuspielen. Die Frage nach dem Vergleich von Nationalsozialismus, Faschismen und Stalinismus bzw. allgemeinem Kommunismus scheint öfters auf. Vergleich als Erkenntnismethode ist dabei ebenso unstrittig wie die Unzulässigkeiten von Relativierungen mittels Vergleich. Völlig neue Positionen oder überraschende Einsichten enthält der Band nicht. Dass die einen Vorträge Anfang 2008, die anderen im Frühjahr 2010 gehalten wurden, ist den Texten anzumerken, kann aber im Sinne der Betrachtung des Bandes als „Primärquelle“ von Zeitzeugenaussagen durchaus willkommen sein. Es stecken darin Momentaufnahmen der Lage in Europa zu diesen beiden Zeitpunkten.

Die Publikation kann zum Anlass genommen werden, ein paar weiterführende Überlegungen anzustellen: Die Autor/innen gehen im Allgemeinen von öffentlichen und offiziellen Visualisierungen (Denkmalserrichtung, Museen etc.) sowie von politischen Zeichensetzungen im Zusammenhang von Erinnerungs- und Gedächtnisarbeit aus. Der Bezug ist hier immer kollektiver Natur – die Staatsbevölkerung als Ganzes oder nur in Teilen. Nur am Rande, ohne Vertiefung, wird der Umstand der individuellen Erinnerung angesprochen. Mit dem Hinweis auf eine mögliche Unterscheidung zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis ist es jedoch nicht getan. Die Schwierigkeit eines „europäischen“ Gedächtnisses resultiert letztlich aus der Individualität von Erfahrung und Erinnerung. Gewiss lässt sich jede individuelle Persönlichkeit dieser oder jener sozialen Gruppe, einem Kollektiv zuordnen, aber das hebt die individuelle Erfahrung und die individuelle Erinnerung nicht auf. Niemand findet sich so einfach in den öffentlich erinnerten und thematisierten Großgruppen wieder.

Die oft thematisierte Trennlinie zwischen Täter und Opfer kann durchaus scharf sein, sehr häufig ist sie es nicht. Viele Menschen fanden in den sozialistischen Regimen Erwartungserfüllung und zugleich Restriktionen und Druck. Beides lag oftmals in derselben Person oder in der engsten Familie beisammen. Der Umstand transnationaler Familien nach 1945 wird in dem Buch vollständig übergangen: Diese sind Faktum und Symbol einer auch gemeinsamen Geschichte Europas nach 1945. Nur Brüche und Trennlinien zu sehen, ist zu einfach und widerspricht den Fakten. Bevor eine zu geringe Beachtung der Erinnerung an die Verbrechen unter dem Kommunismus angeklagt wird, sollte der vor 1989 existierende gemeinsame europäische Gedächtnisraum beachtet werden. Den gab es neben den getrennten Räumen. Wenn sich nach 1989 Gedächtnisräume getrennt entwickelt haben, so wäre das im Licht der vor 1989 bestehenden Gedächtnislandschaft zu prüfen – über die weniger gesprochen und geschrieben wird.

Unklar bleibt in dem Band, was eigentlich ein „europäisches“ Gedächtnis sein soll. Die Geschichten sind millionenfach verschieden. Zumeist lassen sich nur Teilgemeinsamkeiten feststellen. Gesamteuropäisch war der Holocaust – und das stellt mit einen Grund dar, warum das Holocaustgedächtnis, dessen Ausbildung mehrere Jahrzehnte gedauert hat, so zentral ist. Das kann aber weder infrage gestellt noch mit anderen gedächtniswürdigen Aspekten verglichen werden. Wenn Erfahrungen und Erinnerungen millionenfach verschieden sind, so kann das Ziel nur in der Herstellung von Kohärenz in Bezug auf das Erinnern der jüngeren Geschichte bestehen.

Die Schwierigkeiten mit „europäischer“ Erinnerung und Gedächtnis rühren vielleicht auch von unterschiedlichen Interpretationen der Geschichte seit 1945 her. Bei kritischer Sicht war die Freiheit im Westen eine relative, eine allgemeine Freiheit kann – diese Möglichkeit sollte in der Diskussion nicht außer Betracht bleiben – wahrscheinlich nur mittelfristig das Produkt der europäischen Transformation seit 1989 sein. Vieles, was die Freiheit im Westen relativiert, kommt erst jetzt ans Tageslicht: die Missbräuche von Kindern in vielen Erziehungseinrichtungen und Heimen (nicht nur kirchlich, sondern auch kommunal, staatlich, in privater Trägerschaft), die Diskriminierung von Kindern von Besatzungssoldaten, die andauernde Diskriminierung vieler Opfer des Nationalsozialismus und der Faschismen in Europa, alles dies existierte seit dem Kriegsende, zum Teil bis in die jüngste Zeit. Nimmt man die feinanalytische Gesellschaftskritik eines Marcuse in „Der eindimensionale Mensch“ (zuerst 1964) ernst [2] – und das sollte nach der Aufarbeitung von „1968“ leichter möglich sein –, dann war die westliche Freiheit eine relative und sozial sehr ungleich verteilte. Nur eine kritisch ausdifferenzierende, nicht mythisch verklärende Sicht der Freiheit im „Westen“ kann den Weg für einen Gedächtnisraum öffnen, der die in dem Band herausgestellten Ungleichgewichte zwischen West und Ost/Ost und West austariert.

Anmerkungen:
[1] Ulrike Ackermann, Juri Andruchowytsch, Anne Applebaum, Władysław Bartoszewski, Marianne Birthler, Zsuzsa Breier, Stéphane Courtois, Joachim Gauck, Tamara Griesser-Pečar, Sandra Kalniete, Eckart von Klaeden, Ivan Krastev, Mart Laar, Mark Leonard, Edward Lucas, Markus Meckel, Horst Möller, Adolf Muschg, Germina Nagat, Iveta Radičová, Valters Nollendorfs, Marek Prawda, Hans-Gert Pöttering, Martin Sabrow, Wolfgang Schäuble, Mária Schmidt, Joachim Scholtyseck, Karl Schlögel, Richard Schröder, Karel Schwarzenberg, Radoslaw Sikorski, Krisztián Ungváry, Virgis Valentinavičius, Andreja Valič, Vaira Vīķe-Freiberga, Andreas Wirsching, Milan Zver.
[2] Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, Frankfurt am Main 1967.

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Veröffentlicht am
10.05.2012
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