C. Carl: A Bishopric Between Three Kingdoms

Cover
Titel
A Bishopric Between Three Kingdoms. Calahorra, 1045–1190


Autor(en)
Carl, Carolina
Reihe
Medieval and Early Modern Iberian World 43
Erschienen
Anzahl Seiten
292 S.
Preis
€ 136,96
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Engel, Papsturkunden des frühen und hohen Mittelalters, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Grenzen, ihre Ausbildung und ihre Überschreitung erfreuen sich in den letzten Jahren, das liegt spätestens seit dem Historikertag 2010 auf der Hand, großer Aufmerksamkeit seitens der historischen Forschung. Auch die Iberische Halbinsel im Mittelalter ist diesbezüglich keineswegs vernachlässigt worden, wobei die Begegnung der lateinischen Christenheit mit dem Islam in Konflikt und Austausch naheliegenderweise einen Interessenschwerpunkt darstellt, jedoch beispielsweise auch die Grenze zwischen den christlichen Reichen Kastilien-León und Portugal Gegenstand der neueren Forschung geworden ist.[1]

Carolina Carl, bereits 2005 in St. Andrews mit der zu besprechenden Arbeit promoviert, untersucht ebenfalls Grenzen innerhalb des christlichen Machtbereichs: Die an ein römisch-westgotisches Vorgängerbistum anschließende, 1045 im Zuge der „Reconquista“ durch den König von Navarra wiederhergestellte Diözese Calahorra in der Rioja wechselte im Untersuchungszeitraum mehrfach die Zugehörigkeit zu den Reichen Navarra, León bzw. Kastilien und Aragón. Die ersten anderthalb Jahrhunderte der Bistumsgeschichte finden in Carls Studie erstmals eine umfassende Darstellung mit analytischer Tiefe auf solider quellenkritischer Grundlage. Sie schließt sich damit neueren Forschungen zur iberischen Kirchenorganisation bzw. -reorganisation an (S. 7f.).

Carl entwickelt ihre Darstellung chronologisch ausgehend von der These, „that the location of the Bishopric of Calahorra on a succession of extremely volatile political frontiers was in fact the defining characteristic of the diocese and its development between 1045 and 1190“ (S. 2). Trotz mancher kleineren Wiederholungen ergibt sich eine insgesamt gut lesbare, klar gegliederte und stringente Monografie über die Entwicklung der kirchlichen Strukturen des Bistums einschließlich seiner Klöster und Stifte, über seine Integration in die Hierarchie der Papstkirche, über seine Besitz- und Grenzstreitigkeiten mit benachbarten Bistümern und über seine Beziehungen zu den konkurrierenden Monarchen.

Im Bistum lag mit San Millán de la Cogolla eines der bedeutendsten iberischen Klöster. Auch die reich dotierte Gründung eines Regularkanonikerstifts durch König García III. von Navarra (1035–1054) in seiner Lieblingsresidenz Nájera erfolgte im Calagurritaner Sprengel. Bald nach der Herrschaftsübernahme Alfons’ VI. von León-Kastilien in der Rioja verschenkte dieser Nájera in spektakulär-rücksichtsloser Weise an Cluny, so dass aus dem navarresischen Königsstift ein cluniazensisches Priorat wurde; er schwächte damit auch, offenbar gezielt, die Diözese Calahorra.

Bemerkenswert an diesem Bistum ist in der Tat, dass seine im äußersten Südosten des Sprengels gelegene Kathedralstadt Calahorra zunächst keine nennenswerte Mittelpunktfunktion erlangte, die ersten Bischöfe vielmehr das Stift Nájera und die Klöster San Millán sowie Albelda als Herrschaftsmittelpunkte wählten. Auch die faktische Ausdehnung des Sprengels war wechselhaft. Sind eindeutige Grenzziehungen unter hochmittelalterlichen Bedingungen ohnehin schon eher ungewöhnlich, so gilt dies erst recht für die wiedererrichteten iberischen Diözesen, in besonderem Maße[2] aber für Calahorra: Zwischen 1087 und 1090 ging das frühere Bistum Álava und damit ein großer Teil des Baskenlandes nominell im Calagurritaner Sprengel auf; andererseits war den Bischöfen eine administrative Durchdringung dieser baskischen Gebiete immer nur dann möglich, wenn das Engagement der leonesisch-kastilischen Monarchie an ihrer Nordostgrenze den baskischen Adel zu leidlicher Kooperation veranlasste. Wie Carolina Carl herausarbeitet, erzielte erst Bischof Rodrigo Cascante (1147–1190) nennenswerte Erfolge in dieser Hinsicht, musste aber auch Rückschläge hinnehmen. Alles in allem hat er seine bischöflichen Herrschaftsansprüche so erfolgreich wie keiner seiner Amtsvorgänger vorgetragen: gegenüber den Basken, gegenüber seinem Domkapitel, in dem er für klare hierarchische Verhältnisse sorgte, gegenüber den Nachbarbistümern und anderen geistlichen Institutionen. Er verstand es dabei auch, sich den neuen jurisdiktionellen Rahmenbedingungen der Papstkirche anzupassen.

Mit dem Ende von Cascantes Pontifikat, dem längsten in der Bistumsgeschichte Calahorras, endet Carls Untersuchungszeitraum. Die zeitliche Eingrenzung ist nicht nur wegen Cascantes prägender Regierungstätigkeit sinnvoll gewählt. Die Jahre um 1190 gelten auch als diejenigen, in denen die allmähliche Integration der Rioja in das Königreich Kastilien zu einem gewissen, erfolgreichen Abschluss kam (S. 12).

Die Quellengrundlage von Carls Untersuchung bilden vor allem Urkunden, in erster Linie Königs- und Privaturkunden, unter denen auch „kleinteilige“ Besitzübertragungen in großer Anzahl vertreten sind. Carl beziffert die Zahl der von ihr ausgewerteten Urkunden in der Einleitung (S. 10) mit ungefähr 600. Abgesehen von Diplomatarien zu einzelnen geistlichen Institutionen und einigen anderen Quellenwerken konnte sie insbesondere auf Ildefonso Rodríguez de Lamas große „Colección diplomática“[3] zurückgreifen.

Carolina Carl hat dieses umfangreiche und zugleich in weiten Teilen spröde Quellenmaterial durchgängig mit großer Sorgfalt und interpretatorischem Scharfsinn ausgewertet. Die Beziehungen der Calagurritaner Bischöfe zu den Monarchen León-Kastiliens, Navarras und Aragóns erschließen sich in erster Linie aus ihrer Erwähnung in den (oft umfangreichen) Konfirmantenlisten der Königsurkunden. Carl erörtert im Anschluss an Bernard Reillys Forschungen (S. 10) die Frage, ob die Anwesenheit der Prälaten wirklich mit Sicherheit hieraus gefolgert werden darf, und kommt durch den Abgleich mit anderen Quellen zu einem positiven Ergebnis.

Der im Großen und Ganzen sorgfältig lektorierte Band wird durch ein Register der Orts- und Personennamen erschlossen. Fünf Landkarten verdeutlichen die Entwicklung des Bistums in chronologischer Folge und unter besonderer Berücksichtigung der Expansion in die baskischen Gebiete. Dass die Karten angesichts der Quellenlage alles andere als fotografisch genaue Wiedergaben der mittelalterlichen Raumverhältnisse sind, wird von Carl unterstrichen (S. 12). Das Quellen- und Literaturverzeichnis des Bandes ist umfangreich und offenbar bis einschließlich 2009 aktualisiert worden.

An Carls bibliografischem Verfahren ist, außer einigen geringfügigen Versehen, allerdings zweierlei zu kritisieren. Zum einen erfährt der Leser nur aus einem kurzen Hinweis im Klappentext von Carls weiteren Arbeiten zur Diözese Calahorra.[4] Sie bräuchte sich mit den beiden Beiträgen keineswegs zu verstecken. Problematisch an diesem Vorgehen ist, dass einige längere Abschnitte der Monografie (S. 57–70 sowie verschiedene Abschnitte des vierten Kapitels) eben die Themen der beiden Aufsätze aufgreifen. Da könnte man schon einen wenigstens summarischen Hinweis erwarten.

Zum anderen fehlen einige wichtige Arbeiten aus dem deutschen Sprachraum: So hat Carl zwar einen Aufsatz Paul Kehrs in spanischer Übersetzung durchaus berücksichtigt (S. 60 mit Anm. 58), Kehrs nach wie vor maßgebliche „Papsturkunden in Spanien“[5] aber nirgends zitiert, auch nicht den Editionsteil. Freilich ist es ihr auch auf der Grundlage der spanischen Quellenwerke und der ausgewerteten Literatur gelungen, die Papstbeziehungen insbesondere Rodrigo Cascantes in den wesentlichen Zügen darzustellen. Etwas stärker macht sich wohl bemerkbar, dass auch die Arbeiten Peter Segls zu den Cluniazensern in Spanien[6] nicht berücksichtigt worden sind. Carl erörtert die Übertragung Nájeras an Cluny gründlich (S. 53–57) – allerdings unter starker Betonung der politischen bzw. kirchenpolitischen Motive. Sie hätte ihre Interpretation sicherlich präzisieren können, wenn sie Segls umfassendere Sicht auf die Ausbreitung der Cluniazenser rezipiert hätte.

Mit diesen Einwänden soll freilich nicht zu viel Wasser in den Wein gegossen werden, um es passend zum Untersuchungsraum Rioja zu sagen. Nüchterner ausgedrückt: eine kompetent geschriebene Bistumsmonografie.

Anmerkungen:
[1] Vgl. hier nur Klaus Herbers / Nikolas Jaspert (Hrsg.), Grenzräume und Grenzüberschreitungen im Vergleich. Der Osten und der Westen des mittelalterlichen Lateineuropa, Berlin 2007.
[2] Zu Vergleichen lädt nun der erste Regestenband der Iberia Pontificia für das Nachbarbistum Burgos ein: Daniel Berger (Bearb.), Iberia Pontificia I: Dioeceses exemptae. Dioecesis Burgensis, Göttingen 2012.
[3] Ildefonso Rodríguez de Lama, Colección diplomática medieval de la Rioja, 4 Bde., Logroño 1976–1992.
[4] Carolina Carl, Munio, obispo de Calahorra, 1066 a 1080, ¿defensor del rito mozárabe? Una revisión de las pruebas documentales, in: Hispania Sacra LX/122 (2008), S. 685–701; dies., The bishop and the Basques: The diocese of Calahorra and the Basque provinces of Alava and Vizcaya under Bishop Rodrigo Cascante, 1147–1190, in: Journal of Medieval History 34 (2008), S. 229–244.
[5] Paul Kehr, Papsturkunden in Spanien. Vorarbeiten zur Hispania pontificia II: Navarra und Aragon, Berlin 1928.
[6] Vgl. insbesondere Peter Segl, Königtum und Klosterreform in Spanien. Untersuchungen über die Cluniacenserklöster in Kastilien-León vom Beginn des 11. bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts, Kallmünz 1974.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.06.2012
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag