Cover
Titel
Der Xantener Knabe. Technologie, Ikonographie, Funktion und Datierung


Herausgeber
Schalles, Hans-Joachim; Peltz, Uwe
Reihe
Xantener Berichte, Band 22
Erschienen
Anzahl Seiten
188 S.
Preis
59,00 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Sarge, Institut für Archäologische Wissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Die Monographie "Der Xantener Knabe" gliedert sich in zehn große Abschnitte. Den Auftakt bildet eine umfangreiche Darstellung der „Fund- und Sammlungsgeschichte“ (S. 1-36).

Hans-Joachim Schalles skizziert zunächst Auffindung und Erwerb durch die Preußische Krone (S. 1-6). Auf die verschiedenen Stationen und den Umgang mit dem Xantener Knaben selbst geht in seinem Beitrag Martin Maischberger ausführlich ein (S. 7-31). Er schafft es dabei, minutiös die Präsentations- und Interpretationsgeschichte des Xantener Knaben nachzuvollziehen und beeindruckend wieder zu geben. Maischberger unterteilt den zu betrachtenden Zeitstrang in vier Abschnitte. 1. Die frühen Jahre in Berlin: 1859-1907; 2. Die Neuaufstellung und Bewertung: 1907-1939, in deren Zeit die Ansprache des Xantener Knaben als Stummer Diener fällt; 3. Krieg und Nachkriegszeit: 1939-1958 und 1959-1990 und schlussendlich die Zeit von 1990 bis heute.

Im Anschluss zeichnet Uwe Peltz eine kurze Geschichte der verschiedenen restauratorischen Maßnahmen am Xantener Knaben von der Vergangenheit bis heute (S. 31-36).

Mit „Befund“ ist der zweite große Abschnitt des Buches betitelt (S. 37-78). Darin stellt Peltz die verschiedenen herstellungstechnischen Merkmale vor. Als Einstieg in das Thema geht er auf die goldfarbig glänzende Oberfläche des Xantener Knaben ein und weist die in der Vergangenheit mitunter geäußerten Vorwürfe, diese seien auf eine massive Reinigung zurückzuführen, vollkommen berechtigt zurück (S.37). Peltz legt dar, dass diese Oberflächenfarbe und -struktur im Zusammenhang mit der Lagerung im Wasser steht.

Danach befasst er sich mit den herstellungstechnischen Abläufen des als „Gerät- Skulptur“ eingruppierten Xantener Knaben. Angefangen von Hilfsnegativ und Wachsmodell bis hin zur Verbindung der Einzelgüsse, den Nacharbeiten und der Aufstellung auf einer Basis, veranschaulicht er die einzelnen Arbeitsgänge. Die Ausführungen werden durch Bildmaterial wie Radiografieaufnahmen, Zeichnungen mit eingetragenen technologischen Details oder Detailfotos illustriert.

Peltz erklärt und veranschaulicht hervorragend die einzelnen technischen Besonderheiten und wie man deren Merkmale erkennen kann.

Eine Kontroverse zwischen den beiden Autoren besteht bezüglich der Aufstellungsart. Schalles schließt zwar eine runde Basis nicht aus, gibt jedoch einer eckigen Basis den Vorzug und stellt in diesem Zusammenhang eine mögliche Wandmontage zur Diskussion (S. 109f.) Peltz hingegen bevorzugt eine runde Basis. Er sieht in einer Versockelung mit Weichlot keine Einschränkung, um den „Stummen Diener“ bedarfsgerecht im Raum bewegen zu können (S. 62 Anm. 84 und S. 135-137).

Einzigartig ist der Fund eines Meißels im Inneren des Xantener Knaben (S. 62-64). Schalles nennt insgesamt fünf grundsätzliche Möglichkeiten wie das Objekt in den Innenraum der Statue gelangen konnte. Einige davon kann er aufgrund ihrer geringen Wahrscheinlichkeit ausschließen. Die mutmaßlichen Verlustzeitpunkte reduziert er auf die Nachbearbeitung der Statue oder ihre Entfernung vom Aufstellungsort.[1]

Abschließend folgt in diesem Kapitel eine genaue Beschreibung des Xantener Knaben inklusive einer detaillierten Erst- bzw. Neubenennung der einzelnen Bestandteile des Haarkranzes (S. 64-78).

Ergänzungen, wie der rechte Arm und das Tablett stehen im Mittelpunkt des dritten Abschnittes und werden von Schalles vorgestellt (S. 79-83). Der Autor lenkt das Augenmerk unter anderem auf das bisher nicht beachtete Detail der Quetschfalte in der linken Achsel, welche am rechten Arm nicht vorhanden ist. Dies könnte dafür sprechen, dass der rechte zu ergänzende Arm „…um ein Geringes weiter nach außen genommen und weniger weit vorgestreckt“ war und weiter, „dass das Tablett unmerklich in Blickrichtung gedreht gewesen ist…“(S. 79). Zu Recht weist er darauf hin, dass auch wenn die exakte Haltung des originalen Arms unbekannt ist, aufgrund des Gesamtaufbaus der Figur von einer Armspanne zwischen 0,85-0,90 cm auszugehen ist (S. 79f.). Nach verschiedenen Berechnungen über die möglichen Tablettgrößen und Proportionen sowie den Vergleich mit anderen Tablettträgern und archäologisch überlieferten Tabletts spricht sich der Autor für ein rechteckiges Tablett aus, welches einst zum Xantener Knaben gehörte (S. 81).

Schalles widmet sich im folgenden Abschnitt der „Motivischen und stilistischen Ableitungen“ der Gerät- Skulptur (S. 85-101). Dazu referiert er zunächst die verschiedenen Objekte, die in der Vergangenheit mit dem „Stummen Diener“ verglichen wurden, bildet unterschiedliche Gruppen aus und stellt Überlegungen zu Genese und Entwicklung des Bewegungsablaufes an. Er sieht eine „…motivische Nähe zu den hellenistischen Gerät-Skulpturen…“ (S. 96) und spricht sich damit gegen früher genannte Einordnungen der Entstehungszeit wie beispielsweise die frühe Kaiserzeit aus.[2]

Detailliert werden im fünften Abschnitt von Schalles die „ikonographischen und funktionalen Aspekte“ dargelegt (S. 103-110). Dabei weist er unter anderem noch einmal auf die Parallelen des Xantener Knaben im Bewegungsmotiv zu dem Typus des laufenden Hypnos bzw. Somnus hin. (S. 86ff. u. 103f).

Im Anschluss vergleicht Peltz den Tablettträger unter technischen Gesichtspunkten mit anderen Statuen (S. 111-139). Auf diesen Vergleich hatte er bereits verschiedentlich im Kapitel „Befund“ verwiesen. Von all den sehr eingängigen Erläuterungen zur Technik soll an dieser Stelle besonders positiv die Erklärung zum Verfahren des Angussschweißens erwähnt werden. Eine Methode, die bisher vielmals mit dem Überfangguss bzw. der Hartlötung verwechselt wird, was nach den vorbildlichen Auslegungen durch Peltz hoffnungsvoll zukünftig vermieden wird (S. 123-125). Schalles zeitliche Einordnung aufgrund stilistischer Merkmale findet Unterstützung in der technischen Analyse von Peltz. Unter anderem aufgrund der Legierungszusammensetzung (mehr als 10 Prozent Zinn und weniger als 1 Prozent Blei), der Ausgestaltung des Haarreifes, der später vom üppigen Kranz überdeckt wurde, der abgewinkelten Halsnaht oder der Tatsache, dass trotz der weiten Schrittstellung Oberkörper und Beine gemeinsam gegossen wurden (eine Vorgehensweise, die im 1. Jahrhundert immer weniger Anwendung fand), spricht Peltz sich gegen eine Produktion in römischer Zeit aus (S. 130-139).

Im siebenten Kapitel werden durch verschiedene Autoren die am Xantener Knaben durchgeführten naturwissenschaftlichen Untersuchungen und deren Ergebnisse vorgestellt (S. 141-172). Unter den gewählten Analysemethoden befanden sich die PIXE-Messung, die AAS-Messung oder auch die Analyse der Bleiisotopen. Besonders erwähnenswert sind die interessanten „Experimente zu antiken Reparatur- und Schweißtechniken“, referiert von Felix Lehner und Sebastian Rossmann (S. 155-165). Beachtenswerterweise gelang in der Kunstgießerei in St. Gallen ohne Vorwärmen des Werkstückes eine erfolgreiche Verschweißung verschiedener Gussteile. Dies zeigt einen sehr praktikablen Lösungsansatz für die in der Forschung seit langem diskutierte Frage der möglichen Verfahren für die Verbindung der einzelnen Statuenteile in der Antike auf.

Die wichtige Frage der Datierung behandelt Schalles im achten Kapitel noch einmal detaillierter (S. 173-178). Zunächst stellt er die bisher große Bandbreite der genannten Datierungsvorschläge vor, bevor er diese aus stilistischen und technischen Gründen in ihrer Wahrscheinlichkeit weiter eingrenzt. Er weist darauf hin dass „...die Beobachtungen zur Technik, zum Motiv und zum Stil...“ keine absoluten Aussagen ermöglichen, gleichwohl jedoch Tendenzen zeigen (S. 175). Demnach spricht er sich für eine hellenistische Entstehungszeit aus, bzw. erwägt noch eine Datierung im späten 1. Jh. v. Chr.

Die beiden letzten Abschnitte beinhalten einen Anhang mit dem Auffindungsbericht, Meurser Kreisblatt vom 18. Februar 1858 (S. 179f.) sowie einem Auszug aus dem allgemeinen Preußischen Landrecht von 1794 (S. 181), gefolgt von den Verzeichnissen zu Literatur, Abbildungen und Autoren.

Mit den detaillierten Erläuterungen, Betrachtungen sowie zahlreichen und hervorragenden Abbildungen erfüllt das Werk in jeder Hinsicht die im Vorfeld geweckten Erwartungen.

Gemeinhin sind die Auslegungen gut nachvollziehbar und durch Anmerkungen und Vergleiche belegt und unterstützt. Zwischen den einzelnen Kapiteln sind zahlreiche Querverweise angeführt, die es dem Leser ermöglichen, bei Bedarf sofort die einzelnen Punkte zu vertiefen. Der Nachteil, wenn man ihn überhaupt als solchen bezeichnen möchte, dieses Systems liegt darin, dass dadurch der Lesefluss unterbrochen wird und gelegentlich mit Ergebnissen im Vorfeld gearbeitet und argumentiert wird, bevor sie weiter unten im Werk erarbeitet werden. Die vorliegende Monographie liefert mit ihren neuen Erkenntnissen nicht nur einen wichtigen Forschungsbeitrag, sondern wird sicher Anstoß geben zu zahlreichen weiterführenden Diskussionen im Fach.

Anmerkungen:
[1] Peltz hingegen spricht sich gegen die Möglichkeit des Meißelverlustes zum Zeitpunkt der Demontage aus. Er sieht es als wahrscheinlicher an, dass er während des Herstellungsprozesses verloren ging, siehe dazu S. 59 Anm. 73.
[2] Eine Datierung in claudische Zeit bevorzugt Hilde Hiller, Zum Xantener Bronzeknaben. In: Akten der 10. Internationalen Tagung über antike Bronzen, Freiburg 1988. Forsch. u. Ber. Vor- u. Frühgesch. Baden-Württemberg 45, Stuttgart 1994, S. 205.

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Veröffentlicht am
06.07.2012
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