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Titel
Südafrika. Geschichte und Gegenwart


Autor(en)
Marx, Christoph
Reihe
Ländergeschichten
Erschienen
Stuttgart 2012: Kohlhammer Verlag
Anzahl Seiten
326 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Tischler, IGK Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive, Humboldt-Universität zu Berlin

Von einer von Christoph Marx verfassten Überblicksdarstellung der Geschichte Südafrikas dürfen Leserinnen und Leser viel erwarten, schließlich ist der an der Universität Duisburg-Essen lehrende Historiker einer der renommiertesten deutschsprachigen Experten für dieses Land. Die jüngst publizierte Publikation „Südafrika. Geschichte und Gegenwart“ enttäuscht diese Erwartungen nicht und dürfte mit großer Sicherheit ein Standardwerk im deutschsprachigen Raum werden. Nicht nur mangelt es an aktuelleren deutschen Überblicksdarstellungen südafrikanischer Geschichte insgesamt, Christoph Marx‘ Studie zeichnet sich zudem durch eine größere Informationsdichte und besonders tiefgründige Analysen gegenüber vergleichbaren Werken in deutscher oder englischer Sprache aus.[1] Dabei bietet sie sich als Grundlage für Lehrveranstaltungen ebenso an wie für Interessierte außerhalb der Seminarräume.

Der Autor gliedert die jahrtausendealte Geschichte Südafrikas in 13 Großkapitel und mehrere Unterkapitel mit klaren, informativen Überschriften. Gleichzeitig macht das Inhaltsverzeichnis deutlich, dass der Untertitel des Buches „Geschichte und Gegenwart“ kein gleichberechtigtes Verhältnis von vergangenheits- und gegenwartsbezogenen Abschnitten bezeichnet – der Zeit nach 1994 sind nur 25 von insgesamt 316 Seiten gewidmet. Zweitens verweist die Kapitelübersicht auf eine chronologische Abhandlung, die sich nach politik- und ereignisgeschichtlichen Zäsuren richtet. Dies ist einerseits eine – durchaus berechtigte – pragmatische Entscheidung, spiegelt aber auch eine thematische Schwerpunktlegung wider, die im Folgenden noch kritisch hinterfragt wird.

Im ersten Kapitel über die Frühzeit wird Südafrika als „Wiege der Menschheit“ (S. 10) vorgestellt. Verknüpft mit einer konzisen Darstellung der ökologischen Rahmenbedingungen schildert Marx frühe Arbeits-, Wirtschafts- und Sozialformen der San und Khoikhoi ebenso wie der unterschiedlichen bantusprachigen Bevölkerungsgruppen. Das Kapitel endet mit dem ersten Erscheinen von Europäern, als das Kap Ende des 15. Jahrhunderts in portugiesische Seewege eingebunden wurde. Kennzeichnend für die strukturierte, aber stets differenzierte Herangehensweise des Autors ist seine Einführung von „langen Konstanten“ der Geschichte Südafrikas (wie etwa die Arbeitsteilung nach Geschlecht, Lineage-Familienstrukturen oder die personenbezogene politische Ordnung über Chiefs), ohne diese als Ausdruck einer „statische[n] und traditionsverhaftet[en]“ (S. 15) Gesellschaftsordnung zu interpretieren. Auf ähnliche Weise wird im zweiten Kapitel die Gründung der Kapkolonie durch die Vereinigte Ostindische Kompanie (VOC) mit einer Analyse der entstehenden „Sklavereigesellschaft“ (S. 36) und „Gewaltkultur“ (S. 41) verknüpft. Die auf Kosten der Khoikhoi vordringenden Farm-Gemeinschaften im Hinterland identifiziert der Verfasser als „Nukleus … der Kolonialgesellschaft“: Hier bildete sich „die rassische Ordnung heraus, die das Land bis zum Ende des 20. Jahrhunderts prägen sollte“ (S. 50).

Die Darstellung des Zusammenbruchs der VOC und des Beginns der dauerhaften britischen Herrschaft im frühen 19. Jahrhundert bildet das dritte Kapitel. Mit der anschaulichen Beschreibung der Frontier im Norden und Osten der Kolonie in ihren grundlegenden Sozialstrukturen und -dynamiken wird ein weiterer roter Faden eingeführt, der Orientierung für die folgende Darstellung bietet. Das vierte Kapitel beschreibt tiefgreifende Neuordnungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – Ergebnisse des „intensivierten Austauschs und der allmählichen Integration unterschiedlicher Gesellschaften, Kulturen und Wirtschaftsformen in eine gemeinsame Gesellschaft“ (S. 100). Darunter fallen die gewaltsamen Umbrüche an der Nord- und Ostgrenze der Kolonie, die aus den divergierenden Interessenlagen und wechselnden Allianzen der verschiedenen Gruppen – Siedler, Missionare, San, Xhosa, Griqua, Kolonialverwalter – hervorgingen. Die Entstehung des Zulu-Reiches und weitere Zentralisierungen von afrikanischen Chiefdoms verbindet Marx mit einer kritischen Diskussion des Mfecane in der Forschung – eine sinnvolle beispielhafte Vertiefung angesichts der sonst knappen Literaturverweise (die der Publikationsform geschuldet sind). Weiterhin fallen die unter britischem Einfluss stehende „Modernisierung“ (S. 101) von Verwaltung, Wirtschaft und Justiz in der Kapkolonie, der „Große Trek“ und die Gründung der Burenrepubliken in diese Transformationszeit.

Die Mitte des 19. Jahrhunderts wird im fünften Kapitel als Zeit des „Freihandelsimperialismus“ (S. 114) unter wachsender Siedlerverantwortung und administrativer Zurückhaltung Großbritanniens vorgestellt. Wirtschaftliche Umbrüche, insbesondere im Zusammenhang mit der Diamantenförderung und dem Goldabbau, griffen in den vier jeweils sehr unterschiedlichen Gebieten – der britisch geprägten Kapkolonie und Natal sowie den Burenrepubliken Oranje-Freistaat und Transvaal – um sich und sorgten dafür, dass der „vollentwickelte Industriekapitalismus“ fast „über Nacht“ (S. 138) in Südafrika einbrach. Die Zeit ab den 1870er-Jahren interpretiert der Autor als eine Phase der staatlichen Konsolidierung und der Vereinheitlichung von Politik, Kultur und Territorium, die sich zum einen in der weiteren Unterwerfung afrikanischer Chiefdoms äußerte, zum anderen im Südafrikanischen Krieg zwischen Buren und der Kolonialmacht Großbritannien entlud (Kapitel 6). Auf diese Periode folgt in Marx‘ Chronologie eine Übergangszeit (Kapitel 7), eine Phase des Aushandelns von britisch-imperialen und burischen Interessen, aus der 1910 die Vereinigung aller vier Kolonien zur Union von Südafrika hervorging.

Die Zeitspanne zwischen der Union bis zum Sieg der Nationalen Partei 1948 betrachtet der Verfasser aus dem Blickwinkel der „Konkurrenz nationalistischer Identitätsangebote“ (S. 189) und präsentiert im achten Kapitel eine prägnante Analyse der verschiedenen schwarzen und weißen Nationalismen, ihre Inklusions- und Exklusionsmechanismen, ideologischen Hintergründe und zentralen Akteure. Nach der Schilderung dieser Dekaden, in denen „Rassentrennung zur dominanten Form des Umgangs mit den sozialen Problemen in Südafrika“ (S. 221) wurde, steht die Apartheid im Zentrum des neunten und zehnten Kapitels. Entlang der Amtszeiten der Premierminister werden die Einführung der Apartheid, grundlegende Gesetze, die Auswirkungen der Rassentrennung auf sämtliche Lebensbereiche, der wachsende Protest und auch die Zerwürfnisse innerhalb der schwarzen Bevölkerung erläutert. Anschließend an die Phase der Homeland-Politik H.F. Verwoerds, als Schwarze in die angeblichen Heimatgebiete ihrer jeweiligen „Stämme“ ausgegliedert wurden, entwickelte sich Südafrika unter B.J. Vorster und seinem Nachfolger P.W. Botha zu einem „Sicherheitsstaat“ (S. 254), in dem die Apartheid brutal verteidigt wurde. Marx schildert die eskalierende Konfrontation ab den späten 1960er-Jahren, den erstarkenden Widerstand vor allem der Schüler und Studenten bei anhaltender Reformunfähigkeit der Regierung und einer sich stetig verschlechternden Wirtschaftslage. Die vertrackten, von blutigen Unruhen begleiteten Verhandlungen und die Maßnahmen, die ab den späten 1980er-Jahren der Demokratie den Weg ebneten, sind Gegenstand des elften Kapitels. Das demokratische Südafrika ab 1994 wird in den letzten beiden Kapiteln beschrieben, die sich neben den zentralen politischen Protagonisten auch mit der Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission, der Wirtschaftspolitik und dem staatlichen Umgang mit HIV/Aids beschäftigen und das Buch mit einem skeptischen Ausblick abschließen.

Neben der sehr anschaulichen Darstellung der hochkomplexen Geschichte Südafrikas zeichnet sich die Publikation vor allem durch ihre scharfsichtigen analytischen Passagen aus. Dem Autor gelingt es, in bewundernswerter Kürze und Präzision zentrale Charakteristika der südafrikanischen Gesellschaft zu erläutern, ihre weiterreichende Bedeutung herauszustellen und die Vergangenheit dieses Landes somit verstehbarer zu machen. Dafür greift er sich bestimmte Leitthemen heraus – wie etwa Rassismus, Gewalt, Arbeit, Staatlichkeit oder Nationalismus – die das Erzählte gliedern, aber nicht zu einem starren Interpretationsmuster verdichtet werden. Diese Form von Erklären ist stets kritisch-reflexiv, nie monokausal oder rückwärts interpretierend. Geschichte wird hier als das Handeln und Aushandeln von Akteuren dargestellt, die zwar mit unterschiedlichen Einflussmöglichkeiten ausgestattet, aber weder völlig machtlos noch allmächtig sind. Marx versetzt sich in die verschiedenen Perspektiven hinein und sieht von moralisierenden Aussagen ab. Holzschnittartige Täter-Opfer-Erzählungen werden vermieden zugunsten einer nuancierten, tiefgründigen Darstellung der verschiedenen Motivationen und Konflikte, ohne dass die entstandenen und fortdauernden Ungleichheiten und das der Bevölkerungsmehrheit widerfahrene Unrecht dabei aus dem Blick geraten.

Während der Autor politik-, wirtschafts- und sozialgeschichtliche Themen überzeugend verwebt, wird bestimmten Feldern – insbesondere hinsichtlich der Alltags- und Kulturgeschichte – erstaunlich wenig Raum gegeben. „Tote Winkel“ sind in einer solchen Kurzdarstellung einerseits unvermeidbar; andererseits enthält das Buch einige eher kleinschrittige ereignisgeschichtliche Passagen, deren Bedeutung für die Gesamtdarstellung nicht immer erkennbar ist und die zugunsten einer noch größeren Themenvielfalt verzichtbar gewesen wären. Beispielhaft hierfür sind die letzten beiden Kapitel, in denen die Leserinnen und Leser viel über die Präsidenten Mandela, Mbeki und Zuma erfahren, aber wenig darüber, wie es sich heute im Südafrika der Nach-Apartheid lebt. Kurzportraits oder Exkurse zu Querschnittsthemen (etwa zur Essens- und Trinkkultur, zu Sexualität, Sport, Literatur, Konsumverhalten, Gesundheitswesen) in der Art, wie sie in der Concise History von Robert Ross ebenso wie in Christoph Marx‘ einschlägiger Geschichte Afrikas[2] zu finden sind, wären eine Möglichkeit gewesen, diese Lücken zu füllen und die vom Autor selbst abgelehnte Erzählweise von Geschichte „als das Werk großer Männer“ (S. 95) noch konsequenter zu vermeiden. Auch der didaktische Wert des Buches – dank des verständlichen Schreibstils sowie der weiterführenden Literaturhinweise durchaus gegeben – hätte durch eine etwas aufgelockerte Präsentationsform noch gesteigert werden können. Aus diesem Blickwinkel wären außerdem mehr Kartenmaterial, vor allem im ersten Teil des Buches, und – noch viel wichtiger – ein Index wünschenswert gewesen. Diese Einschränkungen mindern jedoch keineswegs den großen Wert dieses Buches und die beeindruckende Leistung des Autors, eine der wohl komplexesten Nationalgeschichten Afrikas auf rund 300 Seiten verständlich gemacht zu haben.

Anmerkungen:
[1] So beispielsweise: Robert Ross, A Concise History of South Africa, 2. Aufl., Cambridge 2008 (1. Aufl. 1997); Albrecht Hagemann, Kleine Geschichte Südafrikas, 2. Aufl., Beck’sche Reihe, München 2003 (1. Aufl. 2001).
[2] Christoph Marx, Geschichte Afrikas. Von 1800 bis zur Gegenwart, Paderborn 2004.

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Veröffentlicht am
04.09.2012
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