R. Pozzo u.a. (Hrsg.): Formen der Begriffsgeschichte

Cover
Titel
Eine Typologie der Formen der Begriffsgeschichte.


Herausgeber
Pozzo, Riccardo; Sgarbi, Marco
Reihe
Archiv für Begriffsgeschichte
Erschienen
Anzahl Seiten
199 S.
Preis
€ 86,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Victor Neumann, Center for Conceptual History, West University of Timisoara

Die Wiederaufnahme und Vertiefung einiger bedeutender historiographischer Werke und Ausrichtungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat Neubestimmungen von Fachrichtungen, alternative Erkenntnismethoden und begriffliche Neuerungen erzeugt. Das umfangreiche und originelle Werk von Reinhart Koselleck ermöglichte die Anerkennung der Begriffsgeschichte als äußerst ergiebigem und glaubwürdigem Ansatz der Geschichtswissenschaften im Besonderen, und der Sozial- und Geisteswissenschaften im Allgemeinen. Eine Typologie der Formen der Begriffsgeschichte behandelt die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen begriffsgeschichtlichen Studien einerseits und solchen, die sich aus verwandten Nebenfächern ergeben, andererseits. Der Band erörtert Beiträge aus Geschichtsschreibung, Philosophie, Soziologie und Philologie sowie durch alte und neue Wörterbücher, Lexika und Monographien eröffnete Blickfelder. Er verdeutlicht die Notwendigkeit der Umdeutung bisheriger Ergebnisse und verortet die Begriffsgeschichte vergleichend im Rahmen der Sozial- und Geisteswissenschaften.

Der Band ist in drei Teile gegliedert: die Geschichte der Begriffsgeschichte; Begriffsgeschichte und politische Philosophie; Begriffsgeschichte und Problemgeschichte. Trotz der Tatsache, dass die Begriffsgeschichte eine anerkannte Fachrichtung ist, war sie stets auch umstritten. Aus Forschungen zur Geschichte der Philosophie etwa gingen konkurrierende Fachrichtungen wie die Problemgeschichte und die History of Ideas hervor. Um die drei Richtungen korrekt unterscheiden zu können, müssen sie typologisch beschrieben werden, was den Schwerpunkt der Beiträge des vorliegenden Bandes ausmacht.

Matthias Kempers Beitrag “Der Problembegriff der Philosophiegeschichtsschreibung. Zum problemgeschichtlichen Geschichtsverständnis Wilhelm Windelbands” beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen der Theorie und der Geschichte der Philosophie. Die philosophischen und historisch-methodologischen Überlegungen seien Wissenschaftsformen, die nicht immer wie Strukturen im gegenseitigen Verhältnis auftreten. Kemper stellt die historiographischen Darstellungsmöglichkeiten des philosophischen Denkens dar. Die Vielfalt der Denkansätze hänge von der Behauptung und von der Bestätigung der Auffassungsmodalitäten der Geschichte ab. Die Geschichte der Kultur, die Geschichte der Biographie und die soziale Geschichte wirkten gemäß ihrer eigenen Typologien. Die Begriffsgeschichte hebe dagegen die Bedeutungen und den Charakter der Begriffe hervor und strebt ihre Fähigkeiten und ihre Transformationen an. Das Thema der methodologischen Vielfalt wird im Beitrag von Franck Beck Lassen angesprochen: „<Methaphorically Speaking> - Begriffsgeschichte and Hans Blumenbergs Metaphorologie”. Seine Neuigkeit besteht in der Unterstreichung dieser Vielfalt, die aus den Spannungen zwischen den Ansätzen Reinhart Kosellecks und Hans Blumenbergs hervorgeht und in der Betonung der möglichen Interferenzen angesichts der Entfaltung der Studien zur historischen Semantik. In dieselbe Richtung führt auch der Beitrag von Marco Sgarbi „Umriss der Theorie der Problemgeschichte”, der die Diversität der Methodologien bzw. ihre Eigentümlichkeiten systematisiert, die offene interdisziplinäre Sichtweise der Problemgeschichte hervorhebt und ihre Bedeutung für die Geschichte und die Philosophie, aber auch für viele andere Fachbereiche unterstreicht.

Indem er das Interesse für die Bestimmung der Begriffe aufruft und erklärt, wie sich das Verhältnis zwischen Erfahrung und Erkenntnis im Laufe der Geschichte verändert hat, begründet Merio Scattola, warum die politischen Begriffe erst in der Neuzeit erschienen sind. Seine Studie “Begriffsgeschichte und Geschichte der politischen Lehren” belegt, warum sich das Altertum und das Mittelalter nicht auf Begriffe stützten. Die rationalisierte politische Erfahrung innerhalb eines prozeduralen Denkens bzw. die Logik des politischen Lebens stellt eine Initiative der modernen Welt dar. Der Begriff „Staat” wurde aufgrund des Naturrechtes und des Kontraktualismus seit dem 17. Jahrhundert bestimmt und mittels eines logischen und logistischen Apparates eingesetzt, was einen erhöhten juristischen Zwang erzeugte.

Die praktischen Bereiche der Begriffsgeschichte, ihre Besonderheiten und ihre Beziehungen zur Problemgeschichte und Ideengeschichte sind in den Beiträgen von Ulrich Johannes Schneider, Carlos Spoerhase und Martin J. Burke nachzulesen. Die Studie „Dramatisierungen und Entdramatisierungen der Problemgeschichte” von Spoerhase weist darauf hin, dass die Begriffsgeschichte eine Arbeitsmethode darstellt, die man durch die Verarbeitung und die Neuorganisierung der Ergebnisse entfalten muss, indem man komplementäre oder konkurrierende Studien berücksichtigt, wie die Diskursgeschichte, die Methapherngeschichte und die historische Semantik. Die Problemgeschichte empfehle zum Beispiel eine historische und kulturelle Sichtweise, doch müsse diese ergänzend und/oder wetteifernd zur Begriffsgeschichte betrachtet werden. Daraus ergibt sich auch der Versuch, die Position der Problemgeschichte in der Erweiterung der Studien zur Begriffsgeschichte zu identifizieren. Burke verfolgt zahlreiche Publikationen der letzten Jahre nach, um darzustellen, wie sich die Begriffsgeschichten in der Gegenwart entfalten, welches die vorhandenen Hauptorientierungen im akademischen Bereich sind und wie ihr Verhältnis zur Ideengeschichte ist. In seiner Studie „Histories of Concepts and Histories of Ideas. Practices and Prospects” werden die Hauptmerkmale identifiziert, die sich aus einer komplexen Literatur ergeben. Der Autor diskutiert die Probleme und die Ausrichtungen der Begriffsgeschichte, indem er ihre Ziele ordnet. Selbstverständlich ist der Anspruch, dass die Fachleute der Begriffsgeschichte nicht nur die Entwicklung der Ideen verfolgen, sondern auch die sozial-politischen Kontexte, die Produktion und die Verbreitung von Büchern und die Beziehung zwischen Sender und Empfänger. Burke greift die Bemerkung von Keith Tribe aus dem Vorwort zur englischen Auflage des Buches von Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft (Futures Past)[1], auf, gemäß der „Begriffsgeschichte eine Form der Rezeptionsgeschichte ist” (158). Die Begriffshistoriker sind Gelehrte, die die „spezifischen Fälle der linguistischen Anwendung” untersuchen, so dass sie mehr als Historiker der abstrakten Sätze sind. Anders gesagt, findet die Theoretisierung der Geschichte nicht statt, wenn man die Materialität der Tatsachen, die eigentliche Geschichte, ignoriert. Wie Burke zudem bemerkt, erzeugen die Untersuchung der Verbreitung von Büchern und ihrer Leser kein Interesse für die Rezeptionstheorie. Dies stellt eine Unzulänglichkeit dar, die durch die Erfahrung der dokumentarischen Forschung, das Interesse für die sozial-kulturellen und politischen Gegebenheiten und die Kontextualisierung überwunden werden kann. Allerdings sei der Historiker nur selten am geistigen Leben oder an der Ideengeschichte interessiert.

Der Beitrag von Maurizio Ferrari „Social Ontology and Documentality” konzentriert sich auf den ontologischen Stand der Begriffe. Der Autor möchte zeigen, wie die sozialen Ziele entdeckt werden können und wie ihr Wesen bestimmt werden kann. Aufgrund der Tatsache, dass die Dokumentation eine immer größere Rolle spielt, stelle die Abwesenheit von Dokumenten eine große Schwachstelle dar und bedeute den Anfang eines zwecklosen Lebens. In seiner Studie “The Studium Generale Program and the Effectiveness of the History of Concepts” offenbart Riccardo Pozzo die Zweckmäßigkeit einer Begriffsgeschichte in der Herausbildung der kulturellen Richtwerte bei den Studenten und bei den Professoren und in der Übernahme und der Verbreitung der europäischen intellektuellen Identität. Das Studium Generale Program (SGP) enthalte eine Anzahl von interdisziplinären Modulen und schule die Studenten im Umgang mit Wissenschaften und Philosophie, so dass sie Lösungen zu ähnlichen Problemen finden können, welche Gesellschaften aus verschiedenen Kulturen haben. Die Rolle des SGP sei es, zur Herausbildung der europäischen polyzentrischen Identität beizutragen, für die Knotenpunkte zwischen den Kulturen von Bedeutung sind und nicht die Aneignung oder die Förderung der „spezifischen Perspektiven”. Eine problematisierte Geschichte bedeute Interesse für die Vielfalt der kulturellen Sprachen und für die Herausbildung eines sensus communis der europäischen Welt.

Begriffsgeschichte unterscheidet sich von anderen Methoden dadurch, dass sie eine Vielzahl von Ansätzen vorschlägt und vor allem Ideengeschichte, Verfassungsgeschichte und Kulturgeschichte mit der philosophischen Reflexion bzw. mit der politischen Philosophie verbindet. Die begriffsgeschichtlichen Erklärungen verfolgen weder die unabhängige und reine Evolution der geistigen Kategorien noch die Bestimmung des Ideals durch äußere und materielle Kräfte. In der Studie „Begriffsgeschichte und Geschichte der politischen Lehren” behauptet Merio Scatolla, die erwähnten Erklärungen setzten voraus, dass die Geschichte und die Geschichtsschreibung, die Wirklichkeit und ihre historiographische Nachbildung eng miteinander verbunden seien und „sich gegenseitig motivieren, ohne komplett ableitbar zu sein”.

Eine Typologie der Formen der Begriffsgeschichte erklärt Erkenntnismöglichkeiten der Begriffsgeschichte, der Ideengeschichte und der Geistesgeschichte. Jeder der Autoren schlägt Diagnosen vor, identifiziert neue Modelle der Problemgeschichte und versucht, die methodologischen Unzulänglichkeiten zu überwinden. Die Beiträge berücksichtigen die thematische Vielfalt der Begriffsgeschichte, die Beziehungen zu verwandten Fachbereichen sowie die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Forschungsrichtungen.

Anmerkung:
[1] Reinhart Koselleck, Futures Past: On the Semantics of Historical Time, Columbia 2004.