J. Wood: The Politics of Identity in Visigothic Spain

Cover
Titel
The Politics of Identity in Visigothic Spain. Religion and Power in the Histories of Isidore of Seville


Autor(en)
Wood, Jamie
Reihe
Brill’s Series on the Early Middle Ages 21
Erschienen
Anzahl Seiten
275 S.
Preis
€ 110,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Oliver Schipp, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Isidor von Sevilla ist eine unserer Hauptquellen für die Geschichte des spanischen Westgotenreiches. Seine Gotengeschichte ist zudem gleich in zwei Versionen überliefert, einer ursprünglichen und einer revidierten Fassung. Isidor korrigierte sein Werk, um eine gotische Gründungsgeschichte zu schreiben; so kann man dem Autor quasi bei der Arbeit zusehen. Er verfolgte dabei das Ziel, die gotische Herrschaft in Spanien von ihrem Ursprung herzuleiten, christlich zu begründen und das Konzept für einen gotisch-römischen Staat zu entwerfen.[1] Aber reicht all das aus, um die Politik der Identität im spanischen Westgotenreich zu untersuchen, wie es der Buchtitel von Jamie Wood verspricht? Man darf hier skeptisch sein.

Wie im Untertitel bereits angedeutet, setzt Wood das zentrale Ziel des Werkes dann auch deutlich niedriger an: Es soll nachgewiesen werden, dass Isidor durch sein Werk einen bewussten und aktiven Einfluss auf das Leben im toledanischen Westgotenreich genommen habe. Der Einfluss bestehe in einer Kombination von polemischen, didaktischen und pastoralen Zielen. Herauszustellen sei ferner die Auswirkung der religiösen und militärischen Vorherrschaft der Westgoten (S. 20). Es handelt sich also um die persönliche Auffassung des Isidor von Sevilla und die Konzeptualisierung der Politik der Identität in dessen Schriften. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Zunächst stellt Wood das Werk Isidors vor und erörtert die Möglichkeiten seiner Deutung. Die dabei genannte Forschung beschränkt sich allerdings auf einige wichtige Studien. Leider fehlt die einschlägige deutschsprachige Forschung.[2] Die Beschreibung des Forschungsstand im einleitenden Überblick kann daher nicht überzeugen. Die eigentliche Untersuchung beginnt mit einer Schilderung des politischen und religiösen Kontextes. Die Geschichte der Westgoten wird dazu knapp skizziert. Verzichtbar wäre hierbei die Vorgeschichte gewesen, die in folgende Abschnitte untergliedert wird: von den Goten zu den Westgoten (S. 25–29), das tolosanische Westgotenreich (S. 29–32), der Krieg mit den Franken (S. 32f.), spätrömisches Spanien (S. 33–39), die westgotische Eroberung Spaniens (S. 39–42) und die oströmische Rückeroberung (S. 42f.). In diesen Passagen ergibt sich weder ein Erkenntnisfortschritt, noch besteht die Notwendigkeit einer solchen Schilderung, da Wood nur Bekanntes wiederholt. Kleinschrittig wird das Kapitel mit einer Darstellung der westgotischen Geschichte zu Lebzeiten Isidors fortgeführt (S. 43–63). Dabei fehlt auch nicht ein Exkurs zur Familiengeschichte (S. 46–48). Inwiefern sich all dies auf die Weltsicht und Geschichtsschreibung Isidors auswirkte, wird aber nicht überzeugend ausgeführt. Dass sich die historischen Umstände des Kampfes um die Vorherrschaft in Spanien auf die Geschichtsschreibung Isidors ausgewirkt haben müssen, war schon vorher bekannt.

Der Rezeption und Zitation historischer und historiographischer Vorgänger ist das dritte Kapitel gewidmet. Dabei sollen Sinn und Zweck der isidorischen Historiographie geklärt werden. Wood bezieht in seine Analyse die historischen Werke Isidors, die Weltchronik und die „Historia Gothorum, Vandalorum et Suevorum“, aber auch die „Etymologiae“ und die Lebensbeschreibung „De viris illustribus“ mit ein. Außerdem wird das Verhältnis zu der von Isidor verwendeten Literatur (Orosius, Cassiodor, Augustinus usw.) erörtert. Wood arbeitet überzeugend heraus, dass Isidor die Erziehung des spanischen Klerus beabsichtigte. Besonders anschaulich und zentral für die Argumentation ist die vergleichende Darstellung der sechs Weltzeitalter (S. 121–128). Die Gegenüberstellung der Abfolge der Weltzeitalter des Augustinus („De civitate Dei“) und der entsprechenden isidorischen Gliederung in der größeren und kleineren Chronik sowie in den „Etymologiae“ zeigt, wie der spanische Bischof die Vorlage der göttlichen Ordnung des Augustinus aufnahm und gemäß seiner ideologischen Absichten umdeutete. Er wollte die pastorale Unterrichtung der Kleriker wie auch der Laien sicherstellen (S. 132). Woods entscheidende Feststellung aber, dass Isidor auch die rezipierten Werke paganer Schriftsteller in eine christliche Genealogie umdichtet, ist nicht neu und nicht das Ergebnis der vorliegenden Untersuchung (siehe die Literaturhinweise auf S. 129).

Woods Analyse der Darstellung der Geschichte der westgotischen Königsherrschaft und der Eroberung Spaniens in den historiographischen Schriften Isidors im vierten Kapitel ergibt ebenfalls, dass die tiefere Absicht des Bischofs eine pastorale Botschaft war. Wenn auch häufig politische Aussagen feststellbar sind, sei dies nur der Versuch, die führenden kirchlichen und politischen Kreise in seinem Sinne zu beeinflussen (S. 188). Die Darstellung der Hispano-Römer, der Barbaren und der spanischen Westgoten wird hierbei fast ausschließlich aus den Texten Isidors geschöpft. Dass die Forschungsliteratur hierbei kaum zitiert wird und dass eine Erörterung der theoretischen Modelle zur Erklärung der westgotischen Landnahme in Spanien bzw. der gotisch-römischen Ethnogenese ausbleibt, muss man mit Verwunderung feststellen. Die Kapitelüberschrift lässt doch zumindest eine Stellungnahme zur theoretischen Verortung des Verfassers (etwa hinsichtlich der Thesen zur Abstammungsgemeinschaft oder des Traditionskerns sowie der Ethnogenese-Modelle) und dessen Einschätzung der Rolle Isidors in diesem Zusammenhang erwarten.[3]

Der Höhepunkt der Darstellung Isidors muss nach den bisherigen Ausführungen dann folgerichtig die Konversion der Goten zum katholischen Glauben und der damit verbundene Triumph der Anhänger des nicänischen Glaubensbekenntnisses sein. Den entscheidenden Schritt vollzog Rekkared I. im Jahre 589 durch seinen Übertritt zum Katholizismus, er beendete damit den Arianismus auf der iberischen Halbinsel. Wie wäre wohl die Geschichte Spaniens verlaufen, wenn die muslimischen Eroberer Anfang des 8. Jahrhunderts auf arianische Christen gestoßen wären? Hätte es keine katholischen Kreuzzüge nach Spanien gegeben? Wäre die Reconquista ausgeblieben? Isidor jedenfalls interpretierte dieses einschneidende Ereignis für die Christen Spaniens und legte eine neue Deutung der Kirchengeschichte vor. Wood führt hierzu überzeugend aus, dass der spanische Bischof darauf bedacht war, die christliche Kirche zumindest rhetorisch vom römischen Imperium zu trennen (S. 229). Dadurch setzte er sich deutlich von christlichen Autoren wie Orosius und Eusebius ab, welche die ewige Einheit von Kirche und Imperium betonten (S. 231). Indem Isidor diese auflöste, hatte er sich eine Grundlage geschaffen, die Häretiker unter den römischen Kaisern zu schmähen. Leider erfährt der Leser in diesem fünften Kapitel nicht, wie Isidor die Klippe des arianischen Bekenntnisses einiger Westgotenkönige umschiffte. Gleichsam als Exkurs wird die jüdische Geschichte eingeschoben. Dabei sei festzustellen, dass die Juden nach dem Verschwinden des arianischen Gegners zur Zielscheibe der katholischen Polemik wurden – und dies trotz deren Loyalität gegenüber den Westgotenkönigen (S. 195–208).

Abschließend noch einige allgemeine Bemerkungen zum Werk: Störend beim Lesen ist, dass der Autor dem Leser immer wieder sagt, wo er sich gerade befindet: Kapitel enden mit dem Hinweis darauf, was wir gerade gelesen haben und was im darauf folgenden Kapitel zu lesen sein wird. Das nächste Kapitel beginnt dann mit dem Hinweis auf das, was wir jetzt gerade lesen (beispielsweise S. 62–66 u. 132–134). Auch die Systematik der verwendeten Termini erschließt sich nicht. So wird in der Einleitung eine Untersuchung der iberischen Identität angekündigt (S. 20). Im Titel wird von der „Politik der Identität“ gesprochen. Von einer solchen Identität ist im Weiteren aber dann nicht mehr die Rede. Begriffe wie Ideologie (S. 63), kommunale Identität (S. 133) und politische Identität (S. 196) wechseln einander ab. Was sie bedeuten und in welcher Beziehung sie bei Isidor zueinander stehen, wird nicht ausgeführt. Ferner ist die ausschließliche Verwendung von englischen Übersetzungen der lateinischen Originaltexte in einem wissenschaftlichen Werk einer weiteren Diskussion in der Forschung abträglich. Wenig hilfreich sind auch die Verweise auf künftig erscheinende Werke, besonders wenn Erscheinungsdatum und Paginierung unbekannt sind (so etwa S. 228, Anm. 118: „Wood forthcoming“).

Angesichts der angeführten Mängel kann das Ergebnis der Studie insgesamt nicht überzeugen. Gerne hätte man mehr darüber erfahren, ob und inwiefern sich Isidors politisch-religiöse Programmatik im Westgotenreich auswirkte. Vor allem ist aber die unzureichende Rezeption der internationalen Forschung zu kritisieren. Außerdem sind, wie eingangs zitiert, die politischen (und auch die religiösen) Absichten Isidors altbekannt und vor dem Hintergrund seiner Vita auch nicht überraschend. Das Verdienst der Arbeit liegt mehr in der Darlegung und Kontextualisierung der pastoralen Absicht Isidors, die in anderen Studien hinter den politischen Zielen verschwinden. Hier geht ein wichtiger Impuls für die weitere Diskussion aus, die dann wohl auch unter Einbeziehung der Forschungsliteratur geführt wird.

Anmerkungen:
[1] Dass diese Erkenntnis schon im populärwissenschaftlichen Bereich bekannt ist, zeigen Mischa Meier / Steffen Patzold, August 410. Ein Kampf um Rom, Stuttgart 2010, S. 114.
[2] So etwa die Arbeiten von Karl Friedrich Stroheker, Dietrich Claude, Knut Schäferdiek oder Hans Joachim Diesner; letzterer wird immerhin im Literaturverzeichnis erwähnt, und es wird einmal pauschal auf ihn verwiesen (S. 2, Anm. 2).
[3] Zur ethnischen Identität zuletzt Manuel Koch, Ethnische Identität im Entstehungsprozess des spanischen Westgotenreiches, Berlin 2012.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.07.2012
Beiträger
Redaktionell betreut durch