U. Brunnbauer u.a. (Hrsg.): Sociology and Ethnography

Cover
Titel
Sociology and Ethnography in East-Central and South-East Europe. Scientific Self-description in State Socialist Countries


Herausgeber
Brunnbauer, Ulf; Kraft, Claudia; Schulze Wessel, Martin
Reihe
Bad Wiesseer Tagungen des Collegium Carolinum 31
Erschienen
München 2011: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
305 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Nenad Stefanov, Humboldt-Universität zu Berlin

Bei den Stichwörtern Staatssozialismus und Gesellschaftswissenschaften entstehen oftmals spontan Assoziationen von der Reduktion von Wissenschaft auf eine dem Staat dienende Produktivkraft. Wie in allen andern Produktions-„Sparten“ auch, schien dann Wissenschaft vor allem daraus zu bestehen, die wachsende Zahl der gehaltenen Vorträge, geschriebenen Aufsätze und organisierten Konferenzen in fünf Jahres-Abständen zu vermerken. Das sich natürlich – gerade bei dem Blick auf Soziologie und Ethnologie ganz anderes und weit mehr dahinter verbirgt, vermag ein anderes Stichwort anzudeuten: „Volksrepublik“. „Volks“kunde, sowie materialistisch-dialektische Gesellschaftswissenschaft, die die „bürgerliche“ Soziologie überflüssig werden lassen sollte, fand hier scheinbar ihr originäres Betätigungsfeld. Darin deutet sich der Stellenwert beider Fächer aus der Perspektive der neuen Machthaber an. Wie vieles dabei überhaupt zu entdecken und zu analysieren ist im Hinblick auf die Geschichte von Wissensordnungen im real existierenden Sozialismus, wie viel umgekehrt sich vermittels der Auseinandersetzung mit Wissenschaftsinstitutionen, Forschungspraktiken und Reflexionsformen über die Gesellschaften des Realsozialismus lernen lässt, zeigt dieser Sammelband. Die Beiträge vermitteln ein komplexes Bild der unterschiedlichen Konstellationen von Herrschaft und Wissenschaft in den einzelnen Phasen in jenen Gesellschaften hinter dem „Eisernen Vorhang“, einschließlich der spezifischen Situation in Jugoslawien und Albanien.

Für die Herausgeber/innen liegt die Bedeutung dieses Gegenstandes, wie angedeutet, darin, dass beide Disziplinen schließlich mit dem wesentlichen Moment der Legitimation befasst waren: „Ethnography and Sociology worked on ‚the people‘, in whose name the party ruled“ (S. 2). Der Band zielt auf die Untersuchung der Wechselbeziehungen zwischen kommunistischer Herrschaft und den Sozialwissenschaften sowie die Entwicklung dieser Disziplinen unter diesen Bedingungen. Dieser Fokus wird aus der Überzeugung heraus gewählt, dass sich vermittels der Auseinandersetzung mit Wissenschaft und staatssozialistischer Ordnung, ein breites Spektrum Handlungsformen von Wissenschaftlern im Spannungsfeld zwischen autoritärem Staat und Gesellschaft erschließt: „strict control and vocal opposition, active support and duplicity, subversion and manipulation, pragmatic confomity and unaknowledged complicity“. (S. 3) Damit wird die akteurszentrierte Ausrichtung des Bandes sichtbar: es geht nicht ausschließlich um die Prozesse von Theoriebildung. Diese werden vielmehr eingebunden in die skizzierten Strategien der einzelnen Akteure. Gleichwohl wird Theoriebildung nicht darauf reduziert, sondern wird zunächst zum Handeln der Akteure, der Parteifunktionäre und Wissenschaftler in Beziehung gesetzt. Den einzelnen Beiträgen ist eine Einleitung der Herausgeber/innen vorangestellt, in der einerseits diese Kernfragen formuliert werden, die Motive für diesen Ansatz vermittelt, sowie ein knapper Überblick über die Entwicklung in beiden Fächern gegeben wird, der einen guten Einstieg in die folgenden Texte bietet, die sich mit den jeweils spezifischen Kontexten befassen.

Gerade die Auseinandersetzung mit diesen zwei Disziplinen, wie sie in der Einleitung diskutiert wird, erscheint vielversprechend für eine solche akteurszentrierte Darstellung. Die Ethnologie gehört gleichsam zum Basisinventar nationaler Sinnstiftung und war damit zumeist seit der Staatsgründung etabliert. Die Soziologie entwickelte sich in unterschiedlicher Intensität zumeist seit der Zwischenkriegszeit als universitäres Fach und hatte die Herausforderung der ideologischen Einhegung in einen dialektischen Materialismus in nahezu allen hier behandelten Gesellschaften in den 1950er-Jahren zu bestehen. Gerade der an die Einleitung anschließende vergleichend angelegte Überblick von Michael Voříšek zeigt die Transformation der Restbestände einer unabhängigen Soziologie in der Epoche der alleinigen Geltung des Diamat in eine soziologische Kybernetik, der Lehre von gesellschaftlicher Steuerung. Doch dass eine solche Transformation nicht vollständig gelingen konnte, vermittelt sich in dem immer wieder aufkommenden Vorwurf wissenschaftlicher „Subversion“ gegen unbotmäßige Theoretiker.

Der Überblicksbeitrag von Voříšek zeigt, wie bedeutend der Einschnitt des real existierenden Sozialismus für die wissenschaftliche Praxis in den jeweils spezifischen gesellschaftlichen Konstellationen war. Der Vergleich der Kontinuität unterschiedlicher Vorkriegstraditionen verdeutlicht dies: Während in Polen an die Vorkriegstradition in der Soziologie angeknüpft werden konnte, gelang dies in Rumänien bei gleichen Voraussetzungen nicht, und in Jugoslawien, dass in den Augen des Autors kaum über nennenswerte fachliche Entwicklung in der Zwischenkriegszeit verfügte, kam es zu einer intensiven Entfaltung dieser Disziplin seit Mitte der 1950er-Jahre. Voříšek betont, dass nicht die Vergangenheit als Voraussetzung für die weitere Entwicklung eines Faches ausschlaggebend war, vielmehr welche Spielräume für soziologische Forschung unter realsozialistischen Bedingungen geschaffen wurden (S. 35).

Anregend für eine intensivere komparative und auch beziehungsgeschichtliche Auseinandersetzung, sind auch die Thesen die auf einem komprimierten Vergleich der Entwicklung von Soziologie auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs beruhen. Die oft angenommene systematische institutionelle Rückständigkeit der einzelnen Fächer wird hier auf den Prüfstand gestellt. Ebenso zeigt der Beitrag von Mladen Lazić zu Jugoslawien, dass die Gleichung Orientierung an westlichen nichtmarxistischen Modellen von Forschung bzw. funktionalistische Soziologie gleich modern und aufgeklärt, und auf der anderen Seite marxistische (gleichwohl in Opposition zum doktrinären ML) Soziologie gleich rückständig und borniert, kaum aufgehen kann. Im Gegenteil waren es vor allem die an einem undogmatischen Marxismus orientierten Soziologen, die etwa der Dynamik des Ethnonationalismus Ende der 1980er-Jahre entgegentraten, während viele der „funktionalistischen Kollegen“ kein Problem damit hatten, „alte Nationen“ und Nationalismus neu für sich zu entdecken (S. 88).

Nicht nur in dem Beitrag von Voříšek wird deutlich, dass nicht aus den Augen verloren werden darf, dass im damaligen Ostblock systematische Repression das wesentliche Strukturmerkmal bildete (S. 54). Diese habe letztlich auch zur Stagnation des Faches zwischen 1968 und 1975 geführt (S. 56.) Man denke nur an die Ausweisung von Zygmunt Bauman, den Parteiausschluss von Agnes Heller 1973, sowie die Einstellung der Zeitschrift „Praxis“ in Jugoslawien 1974, und die Entlassung der „grupa profesora“ 1975 in Belgrad. Dennoch sieht Voříšek das Bild der Rückständigkeit für überzeichnet und den Bedarf an weiterer vor allem komparativer Forschung groß. Auch Michał Buchowski betont in seinem Beitrag über Ethnologie in Polen im „frühen“ sowie im „späten“ Sozialismus, dass eine inhaltliche Veränderung und Neuorientierung nicht erst mit der politischen Zäsur von 1989 zusammenfällt (S. 172). Schon zu Beginn der 1980er-Jahre öffneten sich einige der Ethnologen für theoretische und methodische Innovationen, die sich dann noch in diesem Jahrzehnt vollziehen.

Buchowski prägt dabei einen Begriff, der für die Transformation der Ethnologie unter der neuen Bedingungen aufschlussreich sein kann: Ethnographismus. Im Unterschied zur doktrinären Inkorporation der Soziologie, zeigt sich im Hinblick auf Ethnographie eine etwas andere Akzentuierung. Schließlich gehörte in den meisten dieser Gesellschaften Volkskunde auch vor 1945 neben Historiographie und Philologie zu den „nationalen Leitwissenschaften“. Die in der Einleitung schon betonte Beziehung zwischen Nationalismus und Ethnologie im Hinblick auf wissenschaftliche Legitimation des ersteren wird von Buchowski für Polen anschaulich dargestellt. Zwar verschwindet der Methoden-Pluralismus der Vorkriegszeit, allerdings bleibt als wesentliches Element ein deskriptiver Positivismus als erkenntnistheoretischer Zugang erhalten (S. 147). Buchowski spricht von einem theoretischen Eklektizismus der tief in den „positivist ideals of cognition and empiricism of 19th century ethnology“ verwurzelt war (S. 159). Die Verwandlung der alten Volkskunde vermittels einer Revitalisierung des positivistischen Erbes in eine neue nationalistische Legitimationswissenschaft lässt sich in den einzelnen Beiträgen, etwa zu Ungarn (Klára Kuti), oder auch zu den „neu-besiedelten Grenzgebieten“ in der ČSSR (Jana Nosková) anschaulich nachvollziehen (S. 224). Gerade auch in Bulgarien kam es seit Mitte der 1960er-Jahre zu einer Verschränkung von klassischer realsozialistischer und traditionell nationalistischer Legitimation von Herrschaft. Vor diesem Hintergrund ist es interessant wie seitens jener Wissenschaftler, die zugleich in 1980er-Jahren Protagonisten eines neuen bulgarischen Nationalismus sein konnten, in den 1970er- und 1980er-Jahren, sich prinzipiell für Theoriebildung interessierten: etwa die Reflexion über die kategorialen Voraussetzungen ethnographischer Forschung im Hinblick auf die Begriffe Gemeinschaft und Kollektiv. Die beiden Aufsätze (Nikolai Vukov, Ilia Iliev) die sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Wirken des Ethnologen Todor Ivanov Živkov befassen, vermitteln dem Leser die spannungsvolle Beziehung zwischen scheinbar entlegenen „epistemologischen“ Überlegungen und nationalistischer Praxis. Hier wie auch schon von Mladen Lazić herausgearbeitet, wird deutlich, dass das Bedürfnis nach wissenschaftlicher Innovation und nationalistische Gesinnung sich nicht notwendig gegenseitig ausschließen.

Die Beiträge beschäftigen sich ebenso mit der Spannbreite möglicher „Ausweichstrategien“ gegenüber den doktrinären Vorgaben unter den jeweils unterschiedlichen Bedingungen. Entgegen der in den 1950er-Jahren regelmäßig proklamierten Ausrichtung der empirischen Forschung auf den Wandel der Dorfkultur durch Kollektivierung oder auf die entstehende Arbeiterschaft (S. 192), zeigen die einzelnen Studien zur Ethnologie in Ostmitteleuropa den Rückzug vieler Wissenschaftler auf klassische rurale Themen, die einerseits als Form des alltäglichen Widerstandes gedeutet werden, oder als mehr oder weniger bewusster Versuch, vor der nun dominanten Zukunftsideologie die in ihren Augen bedrohte Vergangenheit zu retten.

Andererseits wurde bei vielen Ethnolog/innen zunächst auch eine Neugier und Offenheit für Impulse aus der sowjetischen Ethnographie sichtbar, wie dies Blanka Koffer für die ČSSR thematisiert. Sowjetisierung ist dabei der Begriff, vermittels dessen hier die Ideentransfers verhandelt werden (S. 176). Zugleich deutet Koffer auch auf die Ambivalenz solcher Sowjetisierung hin, die einmal für einen Innovationsschub stehen kann, wie sie ihn etwa in den 1950er-Jahren am Werk sieht, andererseits sich vermittels Sowjetisierung auch Stagnation manifestiert, wie es in den 1970er-Jahren geschieht. In der Anfangszeit ermöglichte die Neugier für die sowjetische Ethnographie die Entwicklung neuer Fragestellungen. Jana Nosková weißt in ihrem Beitrag darauf hin, dass in den 1970er-Jahren in der Forschung zu den „neubesiedelten Grenzregionen“ die sowjetische Literatur nur in den internen Sitzungen eine Rolle spielte, dagegen aber vor allem bevorzugt polnische Untersuchungen in den eigenen Arbeiten zitiert wurden (S. 223), was zugleich auf weiteren wichtigen Gegenstand hinweist, der mehr oder weniger explizit in einzelnen Beiträgen anklingt: Ideen bzw. Theorie-Transfers zwischen den einzelnen Gesellschaften.

Ein ebenso wichtiger Aspekt wurde eingangs kurz angedeutet: Ethnologie konnte nicht nur Legitimationswissenschaft sein. Feldforschung bot aus der Perspektive der Partei auch eine Möglichkeit, Einstellungen, Stimmungen und Orientierungen in bestimmten gesellschaftlichen Segmenten zu sondieren (so im Hinblick auf Forschungen zur Kollektivierung und deren Folgen) (S. 230). Die Volkskundler mögen ihrem Selbstverständnis nach zwar als Wissenschaftler aufgetreten sein, dennoch ist aber die Frage von großer Bedeutung, was diese in den Augen ihrer „Forschungsobjekte“ vom lokalen Funktionär unterscheiden sollte, der ebenso viele Fragen stellte, wenngleich wahrscheinlich keinen Fragebogen dabei hatte? In diesen Zusammenhang gehört (für Albanien von Stéphane Voell in diesem Band beschrieben) ebenso die „korrektive“ Mission von Volkskunde: aus unübersichtlichen und tendenziell nonkonformen, „antisozialistischen Brauchtum“ das „richtige“ sozialistische Volkswesen zu destillieren. Beide Aspekte sind für einen systematischen Vergleich von Bedeutung, wenn es um das Handeln von Wissenschaftlern unter staatssozialistischen Bedingungen geht.

Ein solcher Vergleich innerhalb der Region drängt sich auch im Hinblick auf die oben angesprochene Rezeption und Zirkulation zwischen den einzelnen nationalen Wissenschafts-Traditionen auf, da er immer wieder in den einzelnen Beiträgen angesprochen wird. Die in dem Band dominierende Perspektive der Sowjetisierung könnte so durch den Blick auf innerregionale Ideentransfers erweitert werden.

Es wird deutlich, dass von diesem Band für ein bisher kaum bearbeitetes Forschungsfeld zahlreiche Impulse ausgehen können. Die einzelnen Beiträge liefern dabei einen guten Einstieg in die jeweils von Staat zu Staat besonderen Konstellationen, die hier allenfalls nur angedeutet werden konnten, sei es der verschiedenen Orientierungen in den beiden Fächern, sei es auf die jeweils spezifischen Bedingungen in den einzelnen Gesellschaften. Zugleich sind solche Beiträge eine gute Voraussetzung über die thematischen Richtungen nachzudenken, in denen die Auseinandersetzung mit Transfers und Verflechtungen in Ostmittel- und Südosteuropa intensiviert werden kann.