A. Lange: Meuten - Broadway-Cliquen - Junge Garde

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Titel
Meuten - Broadway-Cliquen - Junge Garde. Leipziger Jugendgruppen im Dritten Reich


Autor(en)
Lange, Alexander
Reihe
Geschichte und Politik in Sachsen
Erschienen
Köln 2010: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
371 S.
Preis
€ 44.90
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Isabel Carqueville, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Kassel/Hans-Böckler-Stiftung

Die bisherige Forschung zu jugendlichem Widerstand in der NS-Zeit konzentrierte sich stark auf die Gruppen der ‚Weißen Rose‘ oder der ‚Edelweißpiraten‘. Die Diskussion um mögliche kriminelle Tendenzen der ‚Edelweißpiraten‘, die sogenannte Köln-Kontroverse [1], stellte grundlegend die Frage danach, wie widerständiges Verhalten aussehen bzw. eingeordnet werden kann. Diese Forschungsfrage ist bei weitem noch nicht abgeschlossen. Weiterhin sind Untersuchungen, die sich mit Jugendgruppen während der NS-Zeit in anderen Städten beschäftigen, derzeit randständig. Solche regional angelegten Forschungen sind eine gute Möglichkeit, um die jeweiligen Rahmenbedingungen genauer zu betrachten, in denen widerständische, oppositionelle oder non-konforme Gruppen entstanden sind. Sie bieten die Möglichkeit, Vergleichshorizonte zu eröffnen und Fragen, wie sie in der Köln-Kontroverse aufgeworfen wurden, unter neuen Gesichtspunkten zu bearbeiten.

Alexander Lange legt mit seiner Dissertation „Meuten – Broadway-Cliquen – Junge Garde. Leipziger Jugendgruppen im Dritten Reich“ eine Lokalstudie zu widerständigem Verhalten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen während der NS-Diktatur vor. Als Quellenmaterial nutzt er Prozessakten und Verhörprotokolle der Gestapo und der NS-Justiz. Außerdem konnten einige zeitgenössische Flugblätter genutzt sowie Gespräche mit Zeitzeugen geführt werden.

Nach einem einleitenden Kapitel, in dem Fragestellung und Zielsetzung, Methodik und Begriffe sowie Forschungsstand, Literatur- und Quellenkritik dargestellt werden, befasst sich Lange im ersten Kapitel mit Jugendgruppen in Leipzig am Ende der Weimarer Republik. Er gibt einen Einblick in die politische Situation der Stadt Leipzig vor 1933 und stellt linkssozialistische Jugendgruppen, Jugendbünde sowie konfessionelle Jugendbünde in Leipzig vor. Lange nutzt die Darstellung der Ausgangssituation vor 1933, um in den weiteren Kapiteln die Entwicklungen der Gruppen zu betrachten und neu entstehende Gruppierungen einzuordnen.

Das zweite Kapitel beleuchtet die unmittelbare Zeit nach der sogenannten Machtergreifung, in der die verschiedenen Jugendgruppierungen verfolgt und verboten wurden. In diesem Kapitel wird sehr deutlich, wie unterschiedlich die einzelnen Zusammenschlüsse die Gefahr der sogenannten Machtergreifung Hitlers wahrgenommen und wie die Gruppen ihre Arbeit illegal weiterhin durchgeführt haben.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit dem Zeitraum 1937 bis 1939. In dieser Zeit waren in Leipzig die wilden Arbeiterjugendcliquen und die Leipziger Meuten durch ihr öffentliches widerständiges Verhalten in den Blick der Gestapo geraten. Der Autor zeichnet ein detailliertes Bild der einzelnen Gruppen, ihrer Handlungsmotivationen sowie der Konflikte, die diese mit dem NS-Staat austrugen. Die Leipziger Meuten traten oft in direkte Auseinandersetzungen mit HJ-Mitgliedern und versuchten so ihre Abgrenzung zum nationalsozialistischen Regime auszudrücken. Für einige Mitglieder konnte der Autor eine linkssozialistische Orientierung vor 1933 rekonstruieren; sie versuchten noch Ende der 1930er-Jahre Einfluss auf die politische Ausrichtung der Meuten zu nehmen. Dies war aber eher die Ausnahme. Die Abgrenzung zum NS-Regime folgte eher der Unzufriedenheit mit der HJ-Organisation und dem Wunsch nach einer autonomen Freizeitgestaltung.

Im nächsten Kapitel betrachtet Lange die linkssozialistischen Jugendgruppen, die sich ab 1936 in verschiedenen Kreisen und vor allem in der Leipziger „Kraft-durch-Freude“-Jugendgruppe organisierten. Diese nutzte den Schutz der KdF-Organisation, um ihrem eigenen Verständnis von Freizeitgestaltung nahezukommen und um widerständige, oppositionelle Positionen zu entwickeln.

Das fünfte Kapitel widmet sich der Leipziger Jugend im Krieg. Hier zeichnet Lange, sehr ausführlich und anschaulich die Aktivitäten der sogenannten Broadway-Cliquen nach, die sich stark am angloamerikanischen Lebensstil orientierten. Aber auch Bündische Jugendgruppen tauchen zahlreich in den Akten auf. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang, dass diese Gruppierungen nur noch wenig den Jugendbünden aus der Weimarer Zeit ähnelten. Vielmehr verstand sich die zeitgenössische Bezeichnung ‚Bündische Jugend’ als oppositionelle Haltung gegenüber der Hitlerjugend.

Im letzten Kapitel zur Jugend nach 1945 stellt Lange die Entwicklung nach dem Ende des Krieges dar. Die bisher illegal arbeitenden politischen Zusammenschlüsse sahen sich nun mit der Problematik konfrontiert, ihre Arbeitsweise, die aus Sicherheitsgründen während der NS-Herrschaft darin bestand, in kleinen Gruppen autonom zu arbeiten, zu verändern. Die Moskauer Exil-Führung der KPD setzte beispielsweise Linientreue durch, indem sie im Herbst 1945 eine regelrechte „Säuberungsaktion“ (S. 326) bei der Leipziger KPD-Bezirksleitung durchführte. Die Arbeit einzelner Personen in den verschiedenen illegalen Zusammenschlüssen wurde nach 1945 oft nicht anerkannt, wenn sie nicht der KPD-Parteilinie entsprach. Das hatte vor allem in der späteren DDR Folgen, wenn es um die Anerkennung als Widerständler ging. In seiner Zusammenfassung bilanziert Lange die Entwicklung der Jugendgruppen in Leipzig abschließend, indem er Kontinuitäten und Veränderungen der politischen Handlungsmotivationen der Gruppierungen, aber auch einzelner Personen, aufzeigt.

In einer Längs- sowie mehreren Querschnittuntersuchungen analysiert Lange die Leipziger Jugendgruppen vom Ende der Weimarer Zeit bis nach 1945. Im Fokus der Arbeit liegt das Arbeitermilieu, es werden aber auch bürgerliche Gruppen einbezogen. Langes Ausgangsthese lautet, dass Arbeiter-Jugendliche in Leipzig qualitativ und quantitativ stärker versuchten, sich dem NS-Regime zu widersetzen als dies Jugendliche aus dem bürgerlichen Milieu taten. Zahlenmäßig habe es mehr aktive Arbeiter-Jugendliche gegeben und diese führten öffentlichkeitswirksame Aktionen durch. Weiterhin geht Lange von Leipzig als einer Stadt aus, die „eine politisch und kulturell hoch organisierte Arbeiterschaft auf der einen Seite und ein selbstbewusstes, politisch konservatives Bürgertum auf der anderen Seite“ (S. 13) beheimatete. Lange nimmt an, dass die Hitlerjugend es nicht schaffte, die gesamte deutsche Jugend zu führen, und stellt in seiner Arbeit die Jugendgruppierungen in Leipzig als Beispiele dafür dar. Er legt seiner Studie einen kultur- und sozialgeschichtlichen Ansatz zu Grunde und nutzt das Konzept der „sozialmoralischen Milieus“ von Rainer M. Lepsius. Seine Ausführungen dazu bleiben allerdings mit etwa einer Seite sehr knapp. Außerdem operiert Lange mit den Begriffen ‚Widerstand’ und ‚Resistenz’, ordnet in der konkreten Analyse die einzelnen Jugendgruppierungen aber nicht eindeutig diesen Formen zu.

Die Studie zeichnet sich besonders durch den Detailreichtum in der Darstellung der verschiedenen Leipziger Jugendgruppen über etliche Jahre hinweg aus. Die These, dass sich vor allem die Arbeiterjugend dem NS-Regime widersetzte, belegt Lange in seiner Arbeit vor allem für die Zeit direkt nach der sogenannten Machtergreifung. Aufschlussreich ist die Erkenntnis, dass sich im Laufe der Zeit die politisch-fundierte Motivation in den widerständigen Gruppen immer stärker verwässerte. Die Broadway-Cliquen grenzten sich beispielsweise über non-konformes Verhalten vom NS-Regime ab; eine politische Handlungsmotivation konnte Lange indes nicht finden. Im Gegenteil: Bei diesen Gruppen stand der Rückzug ins Private und die von der HJ unabhängige Freizeitgestaltung im Vordergrund.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Lange mit seiner Dissertation eine detailreiche Lokalstudie vorlegt, die einen Überblick über die zahlreichen Jugendgruppen in Leipzig vom Ende der Weimarer Republik bis nach Kriegsende 1945 gibt. Zum ersten Mal werden die Leipziger Meuten in einer wissenschaftlichen Arbeit umfassend betrachtet. Damit schließt Lange eine Forschungslücke und bereitet gleichzeitig den Boden für weitere Untersuchungen. Die Prozessakten, die Hauptquelle seiner Untersuchung, ordnet Lange als „Sicht der Verfolger“ (S. 27) ein, da nur widerständiges und oppositionelles Verhalten betrachtet wird welches aktenkundig wurde. Lange reflektiert außerdem, dass die Arbeit aufgrund der Quellenlage und der damit zusammenhängenden Weltsicht der zeitgenössischen Akteure von einer männlichen Sichtweise dominiert ist. Junge Frauen spielen in den Akten nur beiläufig eine Rolle, so dass Lange zu ihren Motivationen und Verwicklungen in den Gruppierungen keine Aussagen treffen kann. Hier wäre eine stärkere Fokussierung auf Zeitzeugeninterviews mit beteiligten Frauen hilfreich, um zu dieser Thematik differenzierte Aussagen treffen zu können. Die erhobenen Zeitzeugengespräche wurden zwar einer Quellenkritik unterzogen und können als ‚Experteninterviews‘ gelten. Eine tiefergehende Auswertung der Interviews, welche die Handlungsmotivationen der einzelnen Personen präziser herausarbeiten könnte, wurde allerdings nicht vorgenommen. Hier bietet Langes Arbeit Anschlussmöglichkeiten für Untersuchungen, die sich dem Thema der Jugendgruppierungen in der NS-Zeit noch stärker aus der Akteurs- bzw. Akteurinnenperspektive widmen wollen.

Anmerkung:
[1] Bernd-A. Rusinek, Gesellschaft in der Katastrophe. Terror, Illegalität, Widerstand. Köln 1944/45, Essen 1989.

Redaktion
Veröffentlicht am
06.07.2012
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/