P. Clarke u.a. (Hrsg.): Pope Alexander III

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Titel
Pope Alexander III (1159–81). The Art of Survival


Herausgeber
Clarke, Peter D.; Duggan, Anne J.
Reihe
Church, Faith and Culture in the Medieval West
Erschienen
Farnham 2012: Ashgate
Anzahl Seiten
XX, 427 S.
Preis
€ 92,20
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Isabel Blumenroth, Historisches Institut, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

Konsolidierung des spirituellen und jurisdiktionellen päpstlichen Primats, päpstlicher Machtzuwachs über Rom und die die Stadt umgebenden Gebiete, durch Kreuzzüge und Missionstätigkeit bedingter Ausgriff apostolischer Autorität nach Spanien, Nordeuropa und ins Heilige Land. Obwohl die Forschung Alexander III. (1159–1181) in diesen Entwicklungen einen Platz zugewiesen hat, blieb Ullmanns Urteil vom mittelmäßigen pontifex ohne Hauch von „Originalität, Weitblick oder wahre[r] Staatskunst“ [1] prägend. Alexander III. galt als Übergangsfigur, die durch Fortführung der Politik ihrer Vorgänger den Boden für bedeutendere Nachfolger bereitete.

Die Behauptung um seinen eigenen Platz als legitimer Inhaber der Cathedra Petri gegenüber Kaiser Friedrich I. Barbarossa und dessen Prätendenten im Schisma von 1159–1177 sowie der Konflikt Heinrichs II. von England mit dem Erzbischof von Canterbury, Thomas Becket, bestimmten lange die akademische Beschäftigung mit Alexander III. [2] Daneben stand die Würdigung seiner Leistungen als Dekretalist, die im Umfeld der Feiern anlässlich seines Todestages erneut zum Fokus der Forschung wurde.[3]

Zu Alexanders Biographie und Geschichte war man lange auf Reuters Referenzwerk aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, Baldwins unzureichend annotierte und überholte Monographie oder Pacauts mentalitätsgeschichtliche Analyse der ideologischen Basis alexandrinischer Politik gegenüber Friedrich Barbarossa angewiesen. [4] Die vorliegende Publikation will sich als umfassender, für das breite Allgemein- wie das akademische Fachpublikum gleichermaßen zugänglicher Überblick und eine Neubewertung des Pontifikats Alexanders III. verstehen. Der bisherige Forschungsfokus auf den apostolischen Beziehungen zu den Laienmächten wird durch den Einbezug der Lokalkirchen erweitert, deren Parteilichkeiten durchaus mit denen der jeweiligen Herrscher kollidieren konnten und die Alexander III. durch jurisdiktionelle Intervention an sich zu binden wusste. Auch im Bereich der Quellenbasis richtet der Band den Blick stärker auf die lokale Ebene. So können die oberitalienischen Landeschroniken ein willkommenes Korrektiv zu Bosos übermächtiger Alexandervita bilden.

Neubewertungen erfolgen auf traditionellen Forschungsgebieten wie dem Verhältnis des Papstes zu Heinrich II. von England, dem Charakter seiner Entscheidungen im Becketkonflikt oder der konzeptionellen Bedeutung seiner Dekretalen. Inhaltliche Desiderate werden durch eine detailliertere Beschäftigung mit vernachlässigten Themen wie der Rolle des Byzantinischen Reiches, Venedigs und Spaniens in der alexandrinischen Politik oder der Originalität seiner Kreuzzugsidee geschlossen. Dabei reflektieren die Blöcke der Beiträge die dominierenden Hauptthemen der bisherigen Forschung.

Einführend rehabilitiert Anne Duggan (S. 13–49) die in der Vergangenheit als wankelmütig beurteilte Politik Alexanders als weitsichtige Strategie der kleinen Zugeständnisse an Heinrich II. Auch wenn keine Behandlung der Papst-Kaiser-Beziehungen als Gegengewicht zur Analyse des Becketkonflikts erfolgt, sind Duggans Ausführungen zum kirchlichen Tagesgeschäft, etwa der diplomatischer Finesse im Umgang mit Bischöfen und monastischen Orden oder Alexanders Selbstverständnis als eines im kurialen Verbund wirkenden Amtsinhabers, neu.

Gemäß der Folge der Beträge auf einer geographischen West-Ost-Achse (Abendland, Byzanz, Kreuzzüge) beleuchtet der erste Komplex das alexandrinische Schisma im Kontext Roms, des Heiligen Römischen Reiches und seiner italienischen Territorien. Die ambivalente Beziehung Alexanders III. zu Stadt, Volk, Senat und Klerus Roms fokussiert John Doran (S. 51–98) mit Schwerpunkt auf den Obödienzen der römischen Stadt- und Lokalkirchen, deren propagandistische Natur nach 1159, der Instrumentalisierung der Römer im Sinne päpstlicher Interessen (z.B. der Vernichtung der Grafendynastie von Tusculum) sowie Bosos ungewöhnlicher Darstellung des Senats als Repräsentant des römischen Volkswillens.

Jochen Johrendt (S. 99–126) zeigt in diachroner Perspektive die in päpstlichen Dokumenten belegte Diskrepanz zwischen der Parteinahme einzelner regionaler Kirchen und der ihrer Metropoliten und wie Friedrich Barbarossas zunehmend striktere Bemühungen um die Etablierung einer einheitlichen Obödienz der Reichskirche letztlich zu Isolation und Flexibilitätsverlust der kaiserlichen Position führten.
Bosos Alexandervita und die lombardischen Stadtchroniken gegenüberstellend, entkleidet Edward Coleman (S. 127–152) die Gründung Alessandrias von ihrem Nimbus als Epitom päpstlich-lombardischer Allianz gegen den staufischen Invasor. Eher aus bestehenden Strukturen entstanden als neu gegründet, fand Alessandria nur begrenzt Schutz des Lombardenbundes oder Anteil in der päpstlichen Schismapolitik.

Die zweite Sektion thematisiert die Beziehungen Alexanders III. zu und sein Wirken in einzelnen westeuropäischen Landeskirchen sowie seine Beziehung zum englischen König und seiner Kirchenpolitik. Brenda Boltons (S. 153–180) Entlarvung der Meistererzählung vom abwesenden Territorialherrn im Patrimonium Petri zeigt auf Basis der zeitgenössischen Annales Ceccanenses wie Alexander III. durch Einflussnahme auf Bischofswahlen oder Aufwertung einzelner Städte die Rückgewinnung päpstlicher Territorien vorantrieb und moralisch-karitativ im Sinne des Reformpapsttums wirkte.

Beispielorientierter legt Myriam Soria (S. 181–202) dar, wie der Sieneser den französischen Episkopat, teils auf Kosten der Freiheiten und Privilegien der jeweiligen Lokalkirchen, als Propagandisten, als Bindungsglieder zu den weltlichen Autoritäten und finanzielle Stütze während seines Exils einspannte.

Damian J. Smith (S. 203–242) verortet die Bedeutung von Alexanders Pontifikat für die von der Reconquista stark destabilisierte iberische Kirche in der päpstlichen Unterstützung der jungen Militärorden, seiner Stellungnahme zur Primatialfrage Toledos sowie der Steigerung seiner Regierungspraxis in innerkirchlichen Konflikten, an deren Ende eine Intensivierung der päpstlichen Autorität vor Ort stand.

Katherine Christensen (S. 243–256) liest den singulären Bericht der Übergabe des Becketschen Palliums an der Exilkurie von Montpellier im volkssprachlichen Versepos des Guernes de Pont-Ste-Maxence als einen aus mündlich überlieferter Augenzeugenschaft entstandenen Beleg für das Missbehagen Alexanders III. bezüglich der Erhebung des damaligen englischen Kanzlers.

Gegen die Wertung des Becketkonflikts als Scheidepunkt englischer Kirchenpolitik richtet sich Nicholas Vincent (S. 257–300), der ausführt, wie Heinrich II. und Alexander III. die König-Papst-Beziehung deuteten und davon zu profitieren suchten. Auch vor 1162 und nach 1170, so Vincent, suchte Heinrich II. durch kompromissorientierte Politik die Ausübung päpstlicher Jurisdiktionsgewalt zwar einzudämmen, aber nicht zu verhindern.

Der dritte thematische Block öffnet den Blick nach Osten. Jonathan Harris und Dmitri Tolstoy (S. 301–314) zeigen, dass der alexandrinische Umgang mit Manuel I. Komnenos fruchtbarer und weniger halbherzig war als bisher angenommen. Der byzantinische Kaiser wusste Alexanders schwache Position zu nutzen, um alte Streitpunkte der päpstlich-byzantinischen Beziehungen (römischer Kaisertitel, Kirchenunion, Besitz Antiochias) zeitweise zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Ähnlich verhält es sich nach Thomas F. Madden (S. 315–340) mit der Lagunenstadt Venedig, die nach Bereitstellung finanzieller und organisatorischer Unterstützung für Papst und Lombarden als Zuflucht für vertriebene lombardische Kleriker und Schauplatz des großen päpstlichen Triumphs im Juli 1177 von Alexander mit der Lösung jahrhundertealter Konflikte der Patriarchen von Grado und Aquileia (Jurisdiktion auf dem Festland, Zuständigkeiten für Diözesen in Istrien und so weiter) belohnt wurde.

Die Frage nach Kontinuität der Politik seiner Vorgänger bezüglich päpstlich autorisierter Bußkampagnen bestellt Iben Fonnesberg-Schmidt (S. 341–364). Unter allmählicher Lösung von der Kreuzzugsrhetorik Eugens III. formuliert Alexander III. seine eigenständige Idee der Kampagnen als Verteidigung der Wirkungsstätten Christi zur eher folgenlos gebliebenen Rekrutierung professioneller Kampftruppen. Das Fehlen dieses christuszentrierten Elements führt zur Abstufung der Estland-Missionierung und des Kampfs gegen die Muslime auf der iberischen Halbinsel, einem Bruch mit der bisherigen päpstlichen Politik.

Abschließend deutet Anne J. Duggan (S. 365–417) Alexanders III. beachtlichen Beitrag zur Rechtsgeschichte als Folge der damaligen Appellations- und Konsultationskultur. Die Inkorporation alexandrinischer Dekretalen und Konzilsdekrete in bedeutende systematische Kompilationen wie den Liber Extra habe zu deren Weiterentwicklung in der Lehr- und Diskussionspraxis der Rechtsschulen geführt. Am Beispiel des Eherechts dekonstruiert Duggan die Theorie einer konsistenten Entwicklung der alexandrinischen Doktrin: Statt eines rechtstheoretischen Entwurfs habe er bestehende kanonistische Prinzipien durch Reskripte und pragmatisch orientierte responsa auf brennende zeitgenössische Probleme bestätigt.

Obgleich der Band am Ende die vom Titel in Aussicht gestellte Einführung in die „Kunst des Überlebens“ schuldig bleibt und trotz des überschaubaren, orts- und personenzentrierten Registers gelingt den konzisen Beiträgen der Spagat zwischen fachlicher Detailfülle und eingängiger Überblickdarstellung. Besonders die geographisch orientierten Untersuchungen öffnen so auf hohem Niveau einen guten Zugang zu innovativen Themenkomplexen. Statt die traditionellen Forschungsgebiete zu scheuen, werden diese fruchtbar aus neuer Perspektive beleuchtet. Insgesamt eine erhellende Rekapitulation der aktuellen Alexanderforschung, die dem akademischen Diskurs neue Impulse liefert.

Anmerkungen:
[1] Walter Ullmann, A Short History of the Papacy in the Middle Ages, London 1972, S. 198.
[2] Johannes Laudage, Alexander III. und Friedrich Barbarossa, Köln 1997.
[3] Filippo Liotta (Hrsg.), Miscellanea Rolando Bandinelli, Papa Alessandro III, Siena 1986.
[4] Hermann Reuter, Geschichte Alexanders des Dritten und seiner Zeit, 3 Bde., Leipzig 1860–1864; Marshall W. Baldwin, Alexander III and the Twelfth Century, New York 1968; Michel Pacaut, Alexandre III. Étude sur la conception du pouvoir pontifical dans sa pensée et dans son œuvre, Paris 1956.

Redaktion
Veröffentlicht am
28.11.2012
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