H. Duchhardt u.a. (Hrsg.): Schlözer in Europa

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Titel
August Ludwig (von) Schlözer in Europa.


Herausgeber
Duchhardt, Heinz; Espenhorst, Martin
Reihe
Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz, Beiheft 86
Erschienen
Göttingen 2012: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
VIII, 272 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Horst-Walter Blanke, Bielefeld

August Ludwig (seit 1804: von) Schlözer (1735–1809) war einer der profiliertesten Fachwissenschaftler und zugleich politischen Publizisten seiner Zeit. Seine Briefwechsel und seine StatsAnzeigen galten als „Der Spiegel“ der Aufklärung, und seine fachwissenschaftliche Kompetenz beschränkte sich nicht auf eine einzelne (womöglich im Entstehen begriffene) Disziplin, sondern umfasste ein breites Spektrum. In dem von Heinz Duchhardt und Martin Espenhorst (geb. Peters) herausgegeben Sammelband, der auf eine anlässlich Schlözers 200. Todestages im Frühherbst 2009 stattgefundene internationale interdisziplinäre Tagung zurückgeht, wird dieser Vielfalt Rechnung zu tragen versucht.

Die Beiträge über Schlözers Leben und Werk sind jeweils dreifacher Art: Zum einen werden die räumlich-geographischen Dimensionen herausgearbeitet, zum anderen seine wissenschaftshistorischen Leistungen analysiert und schließlich die biographischen Motive erschlossen. Gemessen an seinen Forschungsschwerpunkten wird Schlözer erstens als Slawist und Osteuropahistoriker, zweitens als Staatsrechtler und Politologe und drittens als Publizist und politischer Schriftsteller untersucht. Das Hauptaugenmerk liegt auf Russland und Ungarn, auf dem Deutschen Reich und seiner Verfassung sowie auf Frankreich, der Schweiz und einzelnen deutschen Fürstentümern. In diesem Zusammenhang werden die große Bedeutung der Philologie und russischen Sprache, der politischen Theorie und der medientheoretischen Fundamente in Schlözers Leben und Werk herausgearbeitet. Damit nicht genug: Weitere Aufsätze behandeln den theologischen Hintergrund seines Schaffens, seine Konstruktionen der Vorgeschichte und des Europäers sowie Ergänzungen zu seiner Biographie.[1] Wie Espenhorst in seiner Einleitung selbstbewusst hervorhebt, berühre damit „die Dokumentation den ,ganzen‘ Schlözer“ (wie er einführend von Ulrich Muhlack[2] vorgestellt werde) – „es fehl[t]en allenfalls zwei Themenkomplexe, nämlich der Schweden- und Skandinavien-Experte Schlözer und der Kinderbuchautor“ (S. 5).

Die einzelnen Beiträge verdeutlichen anschaulich die Mannigfaltigkeit der Schlözerschen Betätigungsfelder. So sind drei Studien seiner Arbeit als Osteuropahistoriker gewidmet; er hatte einige Jahre in St. Petersburg verbracht. Diese biographischen Bezüge und seine vielfältigen slawistischen Arbeiten – etwa die Nestor-Chronik – untersucht Reinhard Lauer. Dass Schlözer viele Kenntnisse über Frankreich besaß, die er nicht zuletzt auf seiner Frankreichreise 1773/74 erworben hatte, zeigt Jürgen Voss in seinem Aufsatz. Die Vorgänge vom Sommer 1789 betrachtete Schlözer „als eine Befreiung von Unterdrückung“ (S. 239). Erst mit der Jakobinerherrschaft ab 1792 stand er der Französischen Revolution ablehnend gegenüber. Der Beitrag von Merio Scattola stellt Schlözer als Staatswissenschaftler vor. Zu Recht betont der Verfasser, dass Schlözer vor allem das allgemeine Staatsrecht und die Statistik durch seine Arbeiten gefördert habe. Dessen Vorstellungen von der Verfassung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation geht Wolfgang Burgdorf nach: Schlözer besaß klare Vorstellungen von einer Verfassung. Leitend waren dabei für ihn die „Deutsche Freiheit“ und die Toleranz – zum Beispiel zwischen den einzelnen Konfessionen. Die Monarchie war für ihn also nicht durch Gottes Gnade, sondern durch das Naturrecht begründet. Espenhorst, der mit seiner richtungsweisenden Dissertation neue Akzente in der Schlözer-Forschung gesetzt hat, untersucht in seinem Beitrag das Bild des europäischen Menschen bei Schlözer. Den Europäern weist Schlözer die Aufgabe zu, „die einstmals verlorene – paradiesische – Einheit auf einer anderen Ebene wieder zusammenzuführen“; sie sind für ihn „Kultur-Mittler und Kultur-Translateure, die neue Transfers und Zusammenhänge schaffen“ (S. 211). Mit einem bislang nur wenig beachteten Thema beschäftigt sich Rainer Vinke: nämlich den religiösen Vorstellungen Schlözers. Zu Recht hebt er das positive Gottesbild und die „optimistische Sicht des Menschen“ bei Schlözer hervor (S. 219). Unstrittig ist, dass dieser ein aufgeklärter Christ war.

Der vorliegende Sammelband – das dürfte aus den knappen Bemerkungen deutlich geworden sein – beinhaltet eine Fülle von verschiedenartigen Gesichtspunkten, viele neue Aspekte. Schon könnte man meinen, es sei ein kluges Buch. Dagegen steht allerdings das oben erwähnte „Fehlen“ des Kinderbuchautors. Der aufmerksame Leser ist in zweifacher Weise verwundert. Denn Schlözers Vorbereitung zur WeltGeschichte für Kinder. Ein Buch für Kinderlehrer liegt seit Ende 2010 in einer Neuedition vor; es enthält eine Menge Erläuterungen und Forschungsmaterial.[3] Es ist dasjenige zentrale Werk, in dem Schlözer seine geschichtstheoretischen, -didaktischen und pädagogischen Ansichten aufeinander bezog und zu einer neuen Einheit formte. Die jüngst erschienene Edition hat ein gefälligeres Layout, als es die Frakturschrift ermöglicht, und – wichtiger noch – sie enthält instruktive kommentierende Anmerkungen unterschiedlicher Art: unter anderem Erläuterungen, Schlözers Bezugstexte und zahlreiche Abbildungen, die aus anderen zeitgenössischen Werken entnommen sind. Darüber hinaus haben die beiden Herausgeber der Neuedition mit ihrer Einleitung (sowie ihren Anmerkungen) eben dieses Werk sowohl wissenschaftshistorisch als auch sozialgeschichtlich eindrucksvoll verortet.[4] Man kann zwar mit Recht davon sprechen, dass in dem vorliegenden Sammelband der Themenkomplex ‚Schlözer als Kinderbuchautor‘ nicht vorkommt, muss aber konstatieren, dass es, wie gezeigt, zu eben dieser Thematik bereits vorzügliche Literatur gibt.

Ein, wie ich finde, wichtiger Themenkomplex sind Schlözers geschichtstheoretische Werke, die an verschiedenen Stellen wieder erschienen sind, sei es als Faksimile-Nachdruck sei es als Neuedition.[5] Es ist kein Geheimnis, dass der Rezensent an den Nach- und Neudrucken der Schlözerschen Werke mitgearbeitet hat; er interpretiert Schlözer als einen Historiker der Spätaufklärung, das heißt einer Epoche, in der sich die Geschichte von ihren vorwissenschaftlichen Vorbildern emanzipierte und allmählich wissenschaftliche Formen annahm. Schlözer habe ich als typischen „Aufklärungshistoriker“ interpretiert. Diese meine These ist nicht unwidersprochen geblieben, namentlich Otto Gerhard Oexle und Ulrich Muhlack, um nur diese zu nennen, haben Fundamentalverrisse veröffentlicht.[6] Im vorliegenden Sammelband wird – sieht man von Helmut Zedelmaier einmal ab[7] – die Historik-Thematik entweder gänzlich ignoriert oder als gefährliche Scharlatanerie abgetan (Ulrich Muhlack).[8]

Anmerkungen:
[1] Der vorliegende Sammelband enthält neben dem Vorwort und der Einleitung insgesamt 13 Beiträge gegliedert in fünf Kapitel.
[2] Ulrich Muhlack, Der Vermittler der Welt. Ein Zugang zum Verständnis des „ganzen“ Schlözer, S. 7–20.
[3] August Ludwig von Schlözer, Vorbereitung zur Weltgeschichte für Kinder. Ein Buch für Kinderlehrer, hrsg. v. Marko Demantowsky / Susanne Popp, Göttingen 2011. Der Band erschien gleichfalls im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.
[4] Marko Demantowsky / Susanne Popp, Einleitung, in: ebd., S. 7–24; dies., Erläuterungen, in: ebd., S. 171–241.
[5] August Ludwig Schlözer, Vorstellung seiner Universal-Historie (1772/73). Mit Beilagen. Neu hrsg., eingeleitet u. kommentiert v. Horst Walter Blanke, Hagen 1990 (2. Aufl., Waltrop 1997); August Ludwig Schlözer, Systema politices (1771), in: Horst Walter Blanke / Dirk Fleischer (Hrsg.), Theoretiker der deutschen Aufklärungshistorie, Bd.2, Stuttgart 1990, S. 558–561, 575f; ders., Über die Geschichtsverfassung (1784), in: ebd., S. 590–599, 762; ders., Von der Handlungsgeschichte (1761), in: ebd., S. 705–711, 768f.
[6] Siehe hier nur Otto Gerhard Oexle, Einmal Göttingen – Bielefeld einfach. Auch eine Geschichte der deutschen Geschichtswissenschaft, in: Rechtshistorisches Journal 11 (1992), S. 54–66.
[7] Vgl. Helmut Zedelmaier, Schlözer und die Vorgeschichte, S. 179–195.
[8] Siehe bes. S. 9, 93, 199.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.02.2014
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