John R. McNeill u.a. (Hrsg.): Companion to Global Environmental History

Cover
Titel
A Companion to Global Environmental History.


Herausgeber
McNeill, John R.; Stewart Mauldin, Erin
Reihe
Blackwell Companions to World History
Erschienen
Chichester 2012: Wiley-Blackwell
Anzahl Seiten
544 S.
Preis
€ 161,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Frank Uekötter, University of Birmingham

Vorzustellen ist eine Mischung aus Handbuch und Einführung in die globale Umweltgeschichtsforschung, die als elfter Band der „Wiley-Blackwell Companions to World History“ erschien. In 28 Kapiteln bietet das Buch eine breit angelegte Einführung, die sich gleichermaßen an Historiker mit Interesse an einschlägigen Themen und Fragestellungen wie auch an umwelthistorische Forscher richtet, die ihr Wissen verbreitern oder vertiefen wollen. John McNeill ist als Professor an der amerikanischen Georgetown University durch zahlreiche einschlägige Veröffentlichungen ausgewiesen, Erin Stewart Mauldin ist seine Doktorandin und fungiert als gleichberechtigte Mitherausgebern und Verfasserin des Kapitels zur US-amerikanischen Umweltgeschichte. Deutsche Professoren, die eine solche Zusammenarbeit vielleicht eher im Rahmen eines Vorworts gewürdigt hätten, mögen es zur Kenntnis nehmen.

Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte, die jeweils zwischen vier und elf Einzelkapitel umfassen. Am Anfang steht ein chronologischer Abriss, der durchaus eurozentrisch nach dem Schema Antike-Mittelalter-Neuzeit gegliedert ist. Die Autoren bemühen sich zwar mit durchaus unterschiedlichem Erfolg, diese Probleme dieser Periodisierung durch Exkursionen in die außereuropäische Welt auszugleichen. Es ist jedoch zu konstatieren, dass der Band damit die Möglichkeit, neue Periodisierungsentwürfe aus umwelthistorischer Perspektive zu reflektieren, ohne Not aus der Hand gibt. Dafür bietet die Gliederung John McNeill die Gelegenheit, in einem hervorragenden Kapitel das zu diskutieren, was im tradierten Kanon des Faches „Ur- und Frühgeschichte“ und hier einfach als „die ersten 150 000 Jahre“ heißt. Auch andere Autoren flirten mit der „Big History“ bis hin zur Kontinentalverschiebung, allerdings ohne dass dies konzeptionell reflektiert würde. Das manchmal zu hörende Urteil, Umweltgeschichte sei theoretisch und methodisch unterreflektiert, wird durch diesen Band nicht gerade widerlegt.

Der folgende Abschnitt bietet chronologisch weit ausgreifende Überblicke zu den geographischen Großregionen der Welt. Auch hier bleibt der Band recht konventionell, indem er sich an den vertrauten Kategorien der politischen Geographie orientiert: USA, Lateinamerika, Australien und Ozeanien, Sowjetunion. Spätestens wenn ganz Afrika in einem Beitrag abgehandelt wird, stellt sich die Frage nach Alternativen. Man hätte zum Beispiel auch Beiträge über die Sahelzone oder den Mittelmeerraum vergeben können oder noch radikaler nach den gemeinsamen Problemen von Wüsten oder Gebirgsregionen fragen können. Das hätte nicht nur mehr Mut zum Risiko dokumentiert, sondern vielleicht auch mancherlei Überlappungen mit anderen Beiträgen vermieden. David Moons Beitrag über die Graslandschaften in Nordamerika und Russland, der jedoch bezeichnenderweise erst im dritten Abschnitt steht, zeigt nachdrücklich, wie Umweltgeschichte konventionelle geographische Schemata zu sprengen vermag.

Besonders hervorzuheben sind im zweiten Abschnitt die gelungenen Kapitel über die Arktis (Liza Piper) und den Nahen Osten (Alan Mikhail), mit denen der Band Neuland betritt: Beide Regionen laufen in der Forschung bislang unter Kurs. Die Herausgeber konzedieren das Fehlen von Kapiteln über Europa und Indien (auch China wird leider nur in einem Kapitel über Südostasien tangiert), bleiben jedoch eine Erklärung schuldig. Man darf vermuten, dass sie hier Autoren schmählich im Stich gelassen haben. Bislang ist McNeill jedenfalls nicht durch eine sonst in Amerika durchaus modische Europavergessenheit aufgefallen.

Der dritte und umfangreichste Abschnitt konzentriert sich laut Titel auf „drivers of change and environmental transformation“. Hier deutet sich die Kraft umwelthistorischer Forschung an, gängige Vorstellungen von Akteuren und Akteurskategorien zu hinterfragen. Energie, Monokultur, Großstadt – es ist ein Verdienst der Umweltgeschichte, dass solche Phänomene nunmehr in ihrer eigenen Logik und Wirkungsmacht ernster genommen werden. Neben dem schon erwähnten Beitrag David Moons lässt das Kapitel über „riverine environments“ (Alan Roe) erahnen, wie sehr sich ökologische Herausforderungen in ganz unterschiedlichen Teilen der Welt ähneln. Edmund Russell zeigt in seinem Beitrag, wie sich aus der biologischen Evolutionstheorie neue Perspektiven für die Geschichtsforschung ergeben. Auch in John McNeills Forderung, den Klee als eine Art unbesungenen Helden neben die Kartoffel zu stellen (S. 445 – aufgrund seines Beitrags zur Stickstoffanreicherung im Boden), wird eine subversive Kraft der Umweltgeschichte erkennbar.

In ihrer Mehrzahl konzentrieren sich die Beiträge des dritten Abschnitts jedoch auf Themenfelder, deren Zuschnitt vor allem den bestehenden Forschungstraditionen geschuldet ist. Das muss man nicht unbedingt bedauern. Jordan Bauer und Martin V. Melosi liefern zum Beispiel einen kenntnisreichen und kritisch reflektierenden Bericht zur Umweltgeschichte der Stadt. Herausragend ist auch die konzise Einführung Sam Whites in die historische Klimaforschung, die freimütig konzediert, dass eine ausgefeilte Methodik für die Rekonstruktion historischer Klimadaten einem noch ziemlich hemdsärmeligen Vorgehen bei der historisch-situativen Verortung von Klimaereignissen gegenübersteht. Einige Beiträge, so etwa über Krieg und Umwelt (Richard P. Tucker) und Technik und Umwelt (Paul Josephson) ächzen allerdings erkennbar unter der notorischen Unschärfe ihrer beiden Leitbegriffe. Hier hätte man sich einen stärker problemorientierten Ansatz gewünscht, wie ihn zum Beispiel Meredith McKittricks schöner Beitrag über die industrieförmige Agrarproduktion prägt.

Etwas unschlüssig wirkt der vierte und letzte Abschnitt. Unter dem Obertitel „Environmental Thought and Action“ verbergen sich Beiträge zu den Umweltbewegungen in Brasilien und China, eine Diskussion von „religion and environmentalism“ und ein Beitrag über den „environmentalism of the poor“, in dem der Schöpfer dieses Konzepts, Joan Martinez-Alier, die Grenzen der legitimen wissenschaftlichen Eigenwerbung strapaziert. Während der Band sonst durch sein Bemühen um enzyklopädische Breite besticht, werden hier eher Impressionen geliefert. Man fühlt sich an McNeills Buch „Something New under the Sun“ erinnert, in dem Umweltdenken und Umweltbewegtheit ebenfalls arg knapp vorkamen. Anscheinend wird McNeill mit diesem Themenfeld nicht so richtig warm.

Die Autoren genossen offenkundig große Freiheiten, über die Grobstruktur hinaus – Text, Fußnoten, Auswahlbibliographie – gab es anscheinend kaum bindende Vorgaben. Manche Beiträge sind konzise Einführungen in Themenfelder, andere eher Literaturberichte; Autoren mit Hang zur Sprunghaftigkeit konnten ihre Neigungen ziemlich ungehemmt ausleben. So wünscht man sich manchmal eine strengere Hand der Herausgeber, etwa wenn Ausführungen zur Osterinsel länger ausfallen als jene zu Mesopotamien und zum antiken Rom. Aber vielleicht passt ein solches Laissez-Faire ja doch ganz gut zum gegenwärtigen Stand des Faches? Die globalisierte Umweltgeschichte ist ein „work in progress“ mit vielen Lücken und Desideraten der Forschung, die hier recht freimütig offengelegt werden, und so ist es keine Enzyklopädie mit Ewigkeitsanspruch, sondern eher eine Zwischenbilanz, ein Bericht von einer betriebsamen Baustelle – halt ein „Wegbegleiter“, wie ihn der Titel ja auch verspricht. Wenn der Verlag sich nun noch zu einer Taschenbuchausgabe mit vernünftiger Preisgestaltung durchringt, wird man das Werk zur Anschaffung nur empfehlen können.

Redaktion
Veröffentlicht am
13.06.2014
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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