A. Drost u.a. (Hrsg.): Die Neuerfindung des Raumes

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Titel
Die Neuerfindung des Raumes. Grenzüberschreitungen und Neuordnungen


Herausgeber
Drost, Alexander; North, Michael
Erschienen
Köln 2013: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
256 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Wenke Krestin, Center for Area Studies, Universität Leipzig

Die soziale Konstruktion von Raum erlangt auch für geschichtswissenschaftliche Fragestellungen immer größere Bedeutung.[1] Anknüpfend an diese Integration einer räumlichen Dimension in historische Studien, welche nicht gegeben ist, sondern durch raumwirksames Handeln entsteht, werden auch nationalstaatliche Untersuchungsrahmen vermehrt in Frage gestellt. So begreift auch das interdisziplinäre DFG-Graduiertenkolleg 1540 „Baltic Borderlands: Shifting Boundaries of Mind and Culture in the Borderlands of the Baltic Sea Region“ der Universitäten Greifswald, Lund (Schweden) und Tartu (Estland) den Ostsee-Raum als Region mit sich verschiebenden Grenzen, welche nicht mit den heutigen Nationalgrenzen deckungsgleich sind. In dem 2013 von Dorst und North herausgegebenen Sammelband werden erstmals zehn Studien aus diesem internationalen Forschungsumfeld präsentiert.

In ihrer Einleitung zeigen Drost und North auf, dass Räume und somit auch Grenzen je nach den Interessen der involvierten Akteure konstruiert und rekonstruiert werden. Vor allem im Rahmen aktiver Austausch- und Interaktionsprozesse vollziehen sich diese Raumproduktionen und Grenzziehungen. Folglich ist ein Ort durch verschiedene, sich überlappende Raumvorstellungen und fluide Grenzen geprägt. Diese „permanente Neuerfindung eines Raumes“ (S. 11) wird historisch aus verschiedenen kulturellen Blickwinkeln – handelsökonomischen, künstlerischen, theologischen, linguistischen, wissenschaftlichen und erinnerungspolitischen – exemplarisch für die Ostseeregion untersucht.

Ingo Take konzipiert im ersten Beitrag des Sammelbandes den Ostseeraum als Handelsraum der sich außerhalb politischer Grenzen aufgrund handelspolitischer Interessen entwickelte. Bereits im Spätmittelalter entwickelte die Hanse Mechanismen und Strategien um ihr grenzüberschreitendes Handeln zu gewährleisten und zu legitimieren. Wenn auch nicht konfliktfrei oder paritätisch, so gelang es der Hanse doch sich an die verändernden Gegebenheiten und Interessenlagen in ihrer 500-jährigen Geschichte anzupassen und dadurch ihr langes Fortbestehen zu sichern.

Michael North nimmt die Kunstproduktion im Ostseeraum im Spätmittelalter in den Blick. Aufgrund der Mobilität von Menschen, Ideen und Kunstgegenständen entstand ein Kommunikationsraum indem ein eigenständiger Bau- und Kunststil florieren und ausgetauscht werden konnte. Diese Kunstproduktion sei weder statisch noch hierarchisch oder zentralistisch gewesen. Vielmehr trugen verschiedene Kommunikations- und Austauschnetzwerke einzelner Akteursgruppen, die sowohl geographisch als auch sozial unterschiedlich verortet waren, zu einer polyzentrischen Kunstproduktion im Ostseeraum bei.

Ebenfalls als vielschichtige und dynamische Kulturlandschaft, welche am besten durch den Blickwinkel der unierten Kirche greifbar ist, beschreibt Mathias Niendorf das Großfürstentum Litauen. Vor allem durch die Abgrenzung des „wir“ von dem „Anderen“ wurden politische und mentale Grenzen entsprechend der Interessenlagen von handlungsmächtigen Akteuren verschoben um die eigene Machtposition legitimiert. Dieser Prozess des Otherness[2] war ebenfalls dynamisch und so konnte was „fremd“ war durchaus über die Zeit zum Bestandteil der eigenen Identität werden. Begünstigt wurde dieser Prozess durch die vielfältigen Mobilitätsnetzwerke in die das Großfürstentum Litauen eingebunden war. In der Region Litauens bleibend, untersucht Stephan Kessler linguistische Grenzerscheinungen und Grenzziehungen im Ober- und Niederlitauischen. Zwischen zwei sprachlichen Varianten entstehen linguistische Grenzräume, in denen eine sprachliche Verschiebung in mehreren Etappen – jeweils nur um ein sprachliches Merkmal – erfolgt. Die auf diese Weise entstehenden sprachlichen Grenzen, erlauben dabei sowohl eine geografische als auch eine soziale Verortung der Sprecher.

Gleichermaßen stellt Livland eine Grenzregion dar, deren Charakteristika und Beschaffenheit sich nicht durch eine nationalstaatliche Perspektive auf Estland und Lettland erschließt. Vielmehr prägen einzelne politische, kulturelle und soziale Schichten diese Region. Diese sich überlagernden Ordnungsmuster sind historisch gewachsen und bestimmen sowohl die Partikularität dieser vielschichtigen Grenzregion als auch ihre Einheit. Alexander Drost legt diese einzelnen Lagen frei und zeigt auf, dass auch Livland ein Interaktions- und Kommunikationsraum war, der durch die Mobilität und Netzwerke handlungsmächtiger Akteure geformt wurde. Diese Vielschichtigkeit und dieser Grenzcharakter der Region formen auch die wissenschaftlichen Diskurse vor Ort. Anti Selart verdeutlicht, dass auch Wissenschaftler Grenzen und Zugehörigkeiten konstituieren, aushandeln und umdeuten. Voranging in Abgrenzung zur eurozentristischen Wahrnehmung, dass Estland kulturell zum Westen gehöre, ordnete der estnische Volkskundler Oskar Loorits (1900-1961) Estland dem Osten zu. Dabei löste Loorits den Dualismus zwischen Ost und West nicht auf, sondern benutze ihn und definierte neu, was typisch „westlich“ und „östlich“ sei.

Für die deutsch-dänische Grenzregion betrachtet Jens E. Olesen anhand von Denkmälern den Bedeutungswandel der Erinnerungs- und Gedenkpolitik vom 19. Jahrhundert bis heute. Durch verschiedene kriegerische Auseinandersetzungen geprägt, waren sowohl die politischen Grenzen als auch die Denkmäler innerhalb dieses Erinnerungsortes ständigen geografischen Verschiebungen und politischen sowie emotionalen Umdeutungen ausgesetzt. Die Rückführung des Idstedt-Löwens nach Flensburg im Jahr 2011 wird dabei als Wechsel von einer nationalstaatlichen zu einer transnationalen Erinnerungskultur gewertet.

Heinrich Assel setzt sich aus theologischer Sicht mit der Ostseeregion auseinander. Anhand eines Vergleichs der theologischen Diskussion in Dänemark, Norddeutschland und Schweden im 20. Jahrhundert verdeutlicht Assel, dass Luther und seiner Schriften in den einzelnen nationalen Kontexten unterschiedliche rezipiert wird. Eine Beschreibung dieser konfessionellen und ökumenischen Vielfältigkeit entlang der nationalstaatlichen Grenzen greift jedoch zu kurz. Genauer kann diese Ostseeregion als ein Religionsraum beschrieben werden, der durch eine lutherische Konfessionskultur geprägt ist.

Alexander Wöll widmet sich der sprachlichen Wahrnehmung des „östlichen“ und des „Ostens“. So war im 19. Jahrhundert die Nord-Süd-Teilung Europas durch eine Ost-West-Dichotomie abgelöst. Diese mentale Grenzziehung „west“europäischer Akteure war von einem West-Eurozentrismus und einem Prozess des Otherness geprägt. Ausgehend von dieser mentalen Teilung Europas, illustriert Wöll anhand des Verspoems „Máj“ von Karel Máchas, das auch die Gattung der romantischen Ironie Grenzen überschreitet und verwischt; eine klare Abgrenzung von „Ernst und Spiel“ (S. 210) ist nicht mehr möglich.

Auf einer Metaebene, die Ostseeregion als konkretes Fallbeispiel verlassend, präsentiert Manfred Bornewasser im Abschlusskapitel theoretische sozialwissenschaftliche Überlegung zu der Fragestellung, wie sich Innovationen ausbreiten und Räume verändern. Die Mobilität der Neuerung ist dabei auch für Bornewasser sowohl eng mit der Mobilität von Menschen als auch mit deren Kommunikations- und Austauschnetzwerken verbunden. Dieser Prozess ist folglich zeitlich dynamisch und räumlich polyzentrisch. Durch die Institutionalisierung der Innovation verschiebt sich der Ausbreitungsprozess letztlich von einem interpersonellem zu einem strukturierten, der nicht mehr durch den Kontakt von Menschen, sondern durch die „Durchsetzung von normativen Handlungsmustern“ (S. 239) geprägt ist.

Die einzelnen vorgestellten Studien zeigen auf produktive Weise, wie die geographischen Konzepte Grenze, Raum und Borderlands für die Geschichtswissenschaften fruchtbar gemacht werden können. Der Sammelband bietet sowohl für geschichts- als auch geografische Fragestellungen eine neue Perspektive und trägt damit aktiv zur „sukzessive[n] Wiederannäherung von Geografie und Geschichte“ (S. 9) bei. Jedoch hätte der Sammelband davon profitiert, wenn sich die Autoren nicht nur die Konzepte der Geografie, sondern auch ihre Fähigkeit der Visualisierung zu Nutzen gemacht hätten. Es werden nur wenige Fallbeispiele illustriert und die angebotenen Grafiken sind verschwommen und schwer lesbar, was ihren Erklärungswert minimiert. Dieser Sammelband ist allerdings nicht nur für Experten der Ostseeregion interessant. Er sei sowohl allen Geografen empfohlen, die ihre Forschung durch eine historische Perspektive erweitern wollen, als auch allen Geschichtswissenschaftlern ans Herz gelegt, die die soziale Konstruktion von Raum und Grenzen berücksichtigen wollen. Diese Zielgruppen würden von einer vermehrten und verbesserten Visualisierung der einzelnen vorgestellten Räume profitiert.

Nichtsdestotrotz werden durch die handlungs- und akteurszentrierte Perspektive die in die jeweiligen Raumproduktionen und Grenzziehungen involvierten Akteursgruppen und Machtkämpfe sichtbar. Dabei widersprechen alle Fallbeispiele dem in der Einleitung angedeutetem Neuheitsdiskurs von einem kürzlichen Aufbrechen nationalstaatlicher Ordnungsmuster. Wenn dies doch für die Forschungsperspektive wahr ist, so ist doch nach Lektüre des Sammelbandes klar, dass Grenzen vielfältige Räume schaffen, aber diese eben nicht „nicht mehr in kultureller, sozialer, politischer und ökonomischer Hinsicht kongruent sind“ (S. 9), sondern es vielmehr nie waren. Darüber hinaus versäumt der Sammelband seine Verortung in der Geschichtswissenschaft, wenn auf dem Klappentext behauptet wird, er würde „neue Räume“ analysieren. Vielmehr nimmt er doch „alte Räume“ neu in den Blick und trägt damit auf produktive und innovative Weise zur „Neuerfindung des Raumes“ – aber eben in der Wissenschaft und nicht im Alltag – bei.

Anmerkungen:
[1] Jörg Döring / Tristan Thielmann, Einleitung: Was lesen wir im Raume? Der Spatial Turn und das geheime Wissen der Geographen, in: diess. (Hrsg.), Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Bielefeld 2008, S. 19-24.
[2] Der Prozess des Otherness, die Konstruktion des „Anderen“ in Abgrenzung zum „Eigenen“, ist vor allem in den Postcolonial-Studies vielfältig untersucht. Siehe als einen Vordenker in diesem Kontext exemplarisch: Edward Said, Orientalism, London 2003.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.05.2014
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/