K. Dussel: Pressebilder in der Weimarer Republik

Cover
Titel
Pressebilder in der Weimarer Republik. Entgrenzung der Information


Autor(en)
Dussel, Konrad
Reihe
Kommunikationsgeschichte 29
Erschienen
Münster 2012: LIT Verlag
Anzahl Seiten
414 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Malte Zierenberg, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

In einer Ausgabe von Carl Dietzes Ratgeber für Pressefotografen konnten Interessierte 1931 folgende Aufstellung von Motiven lesen, die es sich angeblich zu fotografieren lohnte, wollte man als Fotograf erfolgreich sein: „Für die Presse-Illustrationsphotographie überhaupt kommen aber in Betracht: Aufnahmen aller Ereignisse und Vorgänge des öffentlichen Lebens, aktuelle Begebenheiten, […] Katastrophen, Unglücksfälle, Enthüllungen, Einweihungen, Ausstellungen, Interessantes aus fremden Erdteilen, […] Beachtliches aus dem gesamten Leben in der Natur […], Bildnisse von Persönlichkeiten, die das jeweilige öffentliche Interesse in Anspruch nehmen, ferner Abnormitäten, Kuriositäten, Merkwürdigkeiten, aus politischen Bewegungen, […] kurz alles, was viel Interesse erweckt, den Leser belehrt und ihm beachtlich erscheint“.[1] Nach der Lektüre von Konrad Dussels Buch zu den „Pressebildern in der Weimarer Republik“ kann man schließen, dass sich eine ganze Reihe von Fotografen in der Zwischenkriegszeit an Dietzes Tipps gehalten haben. Aber sollte das das einzige Ergebnis einer gut 400 Seiten umfassenden Studie sein? Dussel überträgt die Methoden der kommunikationswissenschaftlichen Inhaltsanalyse auf die Weimarer Pressebilder. Darin liegen zugleich der wichtigste Vorzug als auch das Hauptproblem seiner Analyse.

Das Buch trägt einen irreführenden Titel. Denn Dussels materialreiche Untersuchung von Pressebildern in der Weimarer Republik konzentriert sich auf die Analyse jener Bilder, die in den Tageszeitungen, Zeitungsbeilagen und Illustrierten der damaligen badischen Landeshauptstadt Karlsruhe erschienen. Auch wenn sie mit der „Berliner Illustrirten Zeitung“ und überregional erscheinenden Beilagen den Karlsruher Raum teilweise verlässt, geht es im Kern doch um die Rekonstruktion einer regionalen Pressebilderwelt und „Strukturen […] ganz alltägliche(r) Pressebildwelten“ (S. 149). Der lokale bis regionale Aspekt wird im Titel zu Unrecht unterschlagen, bildet er doch eine Stärke von Dussels Arbeit. Über die einschlägigen Groß-Publikationen der Zeit wissen wir aus den Arbeiten der presse- und fotografiegeschichtlichen Forschung der letzten dreißig Jahre bereits einiges.[2] Umso verdienstvoller ist das Vorhaben, regionalhistorisch anzusetzen und damit zugleich eine vernachlässigte Untersuchungsperspektive stark zu machen.

Dussels Wahl des Untersuchungsgegenstandes kann noch in anderer Hinsicht überzeugen. Gerade wenn es um Pressefotografien ging, neigte die Forschung zur verzerrenden Selektion. Immer wieder begegnen einem hier die gleichen Namen und Bilder von Erich Salomon bis Robert Capa. Dussel stellt zu recht fest, dass „der Blick auf das Herausragende“ der „Kenntnis des Alltäglichen und Gewöhnlichen, der Normalität und ihrer Strukturen“ bedürfe, um eine richtige Einordnung vornehmen zu können (S. 12). Der Autor und sein Team haben in diesem Sinne acht Tageszeitungen, zwei überregional verbreitete Bildbeilagen und zwei Illustrierte in einer Reihenuntersuchung „natürlicher“ Wochen ausgewertet. Indem sich die Untersuchung räumlich und zahlenmäßig beschränkt, gewinnt sie zugleich in anderer Hinsicht an Kontur. In den Blick geraten jene vielen von ihren berühmteren Geschwistern im Laufe der Zeit unsichtbar gemachten Aufnahmen, die das Gros desjenigen ausmachten, was die Leserinnen und Leser tatsächlich zu sehen bekamen, wenn sie zwischen 1924 und 1933 eines der von Dussel ausgewählten Presseorgane aufschlugen.

Was aber ist das Ziel der Untersuchung jenseits der bloßen Rekonstruktion der genannten „Strukturen“? Dussel nennt drei Ziele. Er will die Konkurrenz unterschiedlicher Publikationsformate als Faktor untersuchen, der die Bebilderung der Tagespresse mit Fotografien vorantrieb; den Wandel der Bilderwelten zwischen 1924 und 1933 in den Blick nehmen; und schließlich – hier wird die im Titel formulierte These von der „Entgrenzung der Information“ aufgegriffen – will er der Frage nachgehen, inwieweit Bilder – im Gegensatz zu Texten – eine Nivellierung von milieu- und schichtenspezifischen Medienangeboten vorantreiben konnten, die alte Klassengrenzen überwinden und eine schichtenübergreifende Massenkultur etablieren half.

In den ersten beiden Kapiteln seines Hauptteils (warum Einleitungen in manchen Reihen immer noch als 1. Kapitel geführt werden, will dem Rezensenten partout nicht einleuchten) schildert der Autor auf recht ausführlich geratenen 120 Seiten den Stand der Forschung zu Pressebildern zwischen etwa 1900 und 1933 sowie die Besonderheiten der badischen Hauptstadt und ihrer Presselandschaft seit der Barockzeit. Das mag man mit Recht etwas weitschweifig finden, zumal Dussel dazu neigt, wichtige Einzelbefunde in umfangreichen Absätzen und Unterkapiteln unterzubringen. Nichtsdestotrotz hält gerade das Kapitel zur Entwicklung der Pressefotografie wertvolle Informationen bereit – etwa mit Blick auf die weit verbreiteten illustrierten Geschäfts- und Parteizeitungsbeilagen einschließlich ihrer Verteilerstrukturen.

Den Kern des Buches bildet das dritte Kapitel des Untersuchungsteils (in der Nomenklatur des LitVerlages Kapitel 4), das den pathetisch-spannungsreichen Titel „Die Welt der Karlsruher Pressebilder“ trägt. Hier wird es empirisch. Dussel referiert akribisch die Ergebnisse der computergestützten Auswertung von 7292 Pressebildern, die das ausgewertete Sample von „natürlichen“ Untersuchungswochen umfasst. (Hochgerechnet auf die Gesamtzeit ergäbe das, so Dussel, eine Zahl von rund 125.000 Bildern.) Von diesen entfiel ein Drittel auf die Illustrierten, etwa ein Viertel auf die Beilagen und etwa zwei Fünftel entfielen auf die Tageszeitungen, deren Bilderangebot im Untersuchungszeitraum deutlich zunahm und 1931 einen Höhepunkt erreichte.

Die Darstellung und Einbettung der Sample-Auswertung nimmt knapp 200 Seiten ein und vermittelt eine Fülle von Einzelergebnissen, die hier nicht alle vorgestellt werden können. Fasst man die Ergebnisse mit Blick auf die eingangs formulierten drei Untersuchungsziele zusammen, dann kann Dussel nachvollziehbar feststellen, dass erstens die Konkurrenzsituation zwischen Illustrierten, Beilagen und Tageszeitungen die Bebilderung intensivierte und dynamisierte. Der zunächst von den Illustrierten gesetzte Authentizitätsstandard übte Druck auf die Tageszeitungen aus, die wiederum in ihrem Bemühen um Aktualität und aktuelle Bilder ihre schwerfälligeren Konkurrenten unter Zugzwang setzten, worauf diese mit innovativen Formaten antworteten. Leider geht Dussel jenem Spannungsfeld zwischen Archivbildern und aktuell angefertigten (Politiker-) Portraits nicht nach, woraus sich eine interessante Gegenüberstellung ergeben hätte: hier die auf Wiederaufrufbarkeit und kontextunempfindliche Neutralität setzenden Archivaufnahmen, dort die Aktualität verheißenden neuen Bilder des Tages und die darin liegende Verhandlung von Aktualität und Authentizität. Zweitens hält Dussel fest, dass im zeitlichen Verlauf trotz einer absoluten Zunahme „politischer Bilder“ in den Karlsruher Zeitungen ihre relative Häufigkeit und Bedeutung seit den frühen dreißiger Jahren „an den Rand gedrückt“ worden sei (S. 239). Und schließlich, nach der Darstellung umfangreicher Ähnlichkeitsanalysen der Bildangebote in den unterschiedlichen Geschäfts- und Parteizeitungen der Karlsruher Presselandschaft, formuliert Dussel auch mit Blick auf seine dritte und letzte Leitfrage ein Fazit: „Zumindest auf der Bilderebene scheint die Fragmentierung in der Weimarer Republik nicht viel größer als in der Bundesrepublik gewesen zu sein“ (S. 317).

Das erste Ergebnis ist nicht wirklich neu, wird aber durch Dussels empirische Kärrnerarbeit auf ein solides Fundament gebracht. Dass sich die Bilder in den Karlsruher Zeitungen, Zeitungsbeilagen und Illustrierten nicht sehr ähnlich waren, zum Teil nur geringe Schnittmengen aufwiesen – und damit doch nicht stark von den Vergleichswerten für die Bundesrepublik abweichen, ist ein wichtiger Befund. Allein, ob man damit den Nachweis für eine schichtenübergreifende Massenkultur erbringen kann? Dussel selbst bleibt angemessen vorsichtig.

Das Hauptproblem des Bandes liegt in jener Vereinfachung, die sich beim Blick auf Dussels These des relativen Bedeutungsverlustes „politischer Bilder“ zeigt und die das Resultat einer kommunikationswissenschaftlichen Medieninhaltsanalyse ist. Deren oberflächliche Zuordnungsmechanik mag Fachvertreter begeistern. Historikerinnen und Historikern blicken hingegen konsterniert auf die Leichtfertigkeit mit der hier historischer Sinn in aktuelle Untersuchungsraster gepresst wird, die für die Historizität ihres Gegenstandes blind bleiben. Wenn Dussel auf einer Seite seiner Untersuchung die „Zuordnung der Bilder zum Themenkreis ‚Politik‘“ als „insgesamt recht einfach“ (S. 180) bezeichnet, um auf der folgenden zu erläutern, dass ein Beitrag über den „Führer der deutschen Technik“, Hugo Junkers, nur insofern Probleme bereitet habe, als er nicht leicht einem der Themenbereiche „Technik, Wirtschaft“ oder „Wissenschaft“ (S. 181) allein zuzurechnen gewesen sei, dann werden die Grenzen des gewählten Zugriffs erkennbar. Das ließe sich auch an anderen Beispielen zeigen.[3] Politische Bilder sind hier Bilder, auf denen Politiker zu sehen sind, und nicht solche, bei denen zeitgenössische politische Semantiken eine Rolle spielen. Wenn man das in Rechnung stellt, kann man mit den Ergebnissen des Hauptkapitels etwas anfangen.

Dazu gehören nicht zuletzt jene Befunde, die Dussel für den Anteil von Fotografien aus dem Ausland erhebt. Während das Lokale und Regionale seinen Platz in der Bebilderung der Weimarer Presse erst finden musste, gehörten Bilder aus dem Ausland von Anfang an und in großer Zahl zum Bestand der rekonstruierten „Bilderwelten“. Hierin liegt ein wichtiger, aber beileibe nicht der einzige Anknüpfungspunkt, den Dussels überaus materialreiche und weitere Forschungen anregende Studie bietet.

Anmerkungen:
[1] Carl Dietze, Press-Illustrations-Photographie. Praktische und geldliche Verwertung. Mit Verzeichnis der Absatzgebiete, 7. Aufl., Leipzig 1931, S. 37f.
[2] Vgl. Anton Holzer, Nachrichten und Sensationen. Pressefotografie in Deutschland und Österreich 1890 bis 1933. Ein Literaturüberblick, in: Fotogeschichte 107 (2008), S. 60–67, hier: S. 61; vgl. Diethart Kerbs / Walter Uka / Brigitte Walz-Richter (Hrsg.), Die Gleichschaltung der Bilder. Zur Geschichte der Pressefotografie 1930–1936, Berlin 1983; Diethart Kerbs / Walter Uka (Hrsg.), Fotografie und Bildpublizistik in der Weimarer Republik, Bönen 2004, S. 29–44; Bernd Weise, Pressefotografie III. Das Geschäft mit dem Aktuellen. Fotografen, Bildagenturen, Interessenverbände, Arbeitstechnik. Die Entwicklung in Deutschland bis zum Ersten Weltkrieg, in: Fotogeschichte 37 (1990), S. 13–37.
[3] Vgl. S. 183: „Gewisse Abgrenzungsprobleme gab es dagegen auf dem Feld der Religion. Das Bild eines neu ernannten Bischofs wurde als kulturell, dasjenige der vatikanischen Eisenbahn als eher technisch, aber beides als nichtpolitisch klassifiziert“; und zum Thema „Film“: „Sicherlich hätte ein Teil der Bilder – etwa zu Fritz Langs ‚Metropolis‘ 1927 – die Zuordnung zum Segment Kunst und damit zu ‚Bildung‘ gerechtfertigt, das Meiste war jedoch eindeutig unterhaltend“ (S. 183 f.).

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29.10.2014
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