N. Löffelbein: Ehrenbürger der Nation

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Titel
Ehrenbürger der Nation. Die Kriegsbeschädigten des Ersten Weltkriegs in Politik und Propaganda des Nationalsozialismus


Autor(en)
Löffelbein, Nils
Reihe
Zeit der Weltkriege 1
Erschienen
Anzahl Seiten
494 S.
Preis
€ 34,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Benjamin Schulte, Historisches Institut, Universität zu Köln

Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 rückten die kriegsversehrten Veteranen des Ersten Weltkrieges unversehens in den Mittelpunkt des Interesses der neuen Regierung. Denn entgegen der ihnen jahrelang zuteil gewordenen Marginalisierung durch die Weimarer Öffentlichkeit, stiegen die Kriegsbeschädigten im Dritten Reich nicht nur in den Rang von Ehrenbürgern der Nation auf, sondern wurden darüber hinaus ebenso systematisch durch die Propaganda des Regimes für dessen politische Ziele instrumentalisiert.

Nachdem die historische Forschung zuletzt das Thema der Weltkriegsrezeption im Nationalsozialismus für sich entdeckt hat[1], ist Nils Löffelbeins rund 500 Seiten starke Dissertation der Versuch, eine weitere Forschungslücke auf diesem Gebiet zu schließen. Die Studie untersucht Rolle und Funktion von kriegsversehrten Veteranen in der Herrschaftspraxis des NS-Staates und fragt nach den Ursachen für das Interesse des Regimes an den Kriegsopfern. Diente es lediglich der Konsolidierung des eigenen Herrschaftssystems oder hatte das hier gezeigte Engagement „tiefere, ideologisch verankerte“ (S. 15) Gründe? So scheint es in der Tat erklärungsbedürftig, warum gerade den Kriegsversehrten im das Körperliche überbetonenden Weltbild des NS eine so große öffentliche Aufwertung und Beachtung widerfuhr. Löffelbein gliedert seine politische Kulturgeschichte in zwei chronologische Hauptkapitel, in denen er „symbolische Formen der Politik, die politische Repräsentation und Inszenierung der Weltkriegsinvaliden im öffentlichen Raum sowie die durch mediale Zeichensysteme vermittelten Wirklichkeitsentwürfe“ (S. 19) analysiert. Hierfür stützt sich der Autor vor allem auf offizielle Publikationen und Verbandszeitschriften der Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung (NSKOV), ergänzt durch – auf Grund von Kriegsschäden spärlich vorhandene – Archivalien wie etwa Parteikorrespondenzen. Zusätzlich werden Presseorgane der NSDAP als Vergleichsfolie und Indikator für die Relevanz des Themas innerhalb der NS-Bewegung herangezogen.

Zunächst widmet sich Löffelbein der Stellung der Kriegsversehrten in der Weimarer Republik. Zwar expandierten in dieser Zeit die finanziellen Versorgungsleistungen und die Wiedereingliederung in das Arbeitsleben gelang weitestgehend, dennoch blieben die Kriegsversehrten eine gesellschaftliche Randgruppe. Der ‚Kriegskrüppel‘ war ein stets sichtbares psychologisches Symbol der Niederlage, eine „Erosion alter Heldenideale“ (S. 47) und ständige leidvolle Erinnerung an die Weltkriegsjahre. Zudem fehlte es an Formen symbolischer Anerkennung oder sozialer Gratifikationen des Weimarer Staates für die kriegsversehrten Veteranen. Diese Situation vermochten auch die neu gegründeten Kriegsbeschädigtenverbände nicht zu ändern, da diese sich nie zu Interessenvertretungen mit politischem Einfluss entwickeln konnten und daher letztlich den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf ihre Mitglieder machtlos gegenüberstanden.[2]

Im Folgenden zeigt die Studie sehr eindrücklich die Ambivalenz der nationalsozialistischen Kriegsopferpolitik auf: Einerseits wurde schon vor 1933 das propagandistische Potential der Kriegsversehrten erkannt, andererseits passte der kriegsversehrte Körper nicht in das ideologische Bild des Nationalsozialismus. So wurde in der NS-Verbandspresse eine „(Re-)Modellierung des heldischen Soldatenkörpers“ (S. 200) betrieben, die durch ästhetisierte Darstellungen – etwa durch Krücken und Kopfbinden – sichtbare Kriegsfolgen zu kaschieren versuchte, starke körperliche Behinderungen hingegen komplett negierte. Zentrale Kategorien waren hierbei die Begriffe der ‚Ehre‘ und der ‚Opferbereitschaft‘, welche die Leistung der Kriegsopfer für die deutsche Gesellschaft unterstrichen und einen abstrakten Sonderstatus konstruierten, in welchem auch die Inszenierung des ‚kriegsbeschädigten‘ Adolf Hitler ihren Platz finden konnte. Gegen Ende der Republik war bei der Kriegsopferversorgung durch die Wirtschaftskrise eine angespannte Situation entstanden, welche die Nazis durch ihre Kritik am Weimarer Wohlfahrtsinterventionismus selbst befeuert und durch Reformen zu lösen versprochen hatten. Letzten Endes blieb aber auch nach der Machtübernahme die Kriegsopferversorgung weiterhin dem Reicharbeitsministerium unterstellt und somit alles – bis auf die „rechtliche Fixierung des Frontsoldaten-Mythos“ (S. 263) – weitestgehend beim Alten. Lediglich die Festlegung des Leistungsprinzips bei der Kriegsopferversorgung sowie das Projekt des sozialen Siedlungsbaus für Veteranen stellten Weiterentwicklungen des Weimarer Wohlfahrtssystems dar. Neu hingegen war der Versuch, durch ein symbolpolitisches Konglomerat die Ehre der Kriegsopfer öffentlich wiederherzustellen: Im Gegensatz zur Weimarer Republik wertete der NS-Staat den Status der Kriegsopfer maßgeblich auf und unterstrich ihre gesellschaftliche Stellung beispielsweise durch öffentlichkeitswirksame Inszenierungen (‚Tag von Potsdam‘), die Stiftung eines Ehrenkreuzes für Verwundete oder regelmäßig ausgerichtete Kriegsopfertage. Ebenso verstand es das NS-Regime, über die kriegsversehrten Veteranen den eigenen Friedensbekundungen international Nachdruck zu verleihen, wozu es transnationale Veteranenzusammenschlüsse wie die Conférence Internationale des Associations de Mutilés et Anciens Combattants (CIAMAC) und Fédération Interalliée des Aanciens Combattants (FIDAC) als Bühne nutzte. Auf dem Höhepunkt dieser Verständigungen im Jahre 1937 unterhielt die NSKOV Verbindungen mit 50 Veteranenorganisationen aus rund zwei Dutzend Ländern und organisierte bilaterale Veteranentage oder Empfänge französischer Veteranenführer bei Hitler in Berlin.

Gelang es nur unter Aufbietung höchster ideologischer Flexibilität, einen Teil der Kriegsbeschädigten in das Körperbild des Nationalsozialismus zu inkludieren, so wurden im Gegenzug manche Veteranengruppen, die dem propagandistischem Bild des arbeitswilligen, sich für die ‚Frontgemeinschaft‘ aufopfernden Soldaten nicht entsprachen, per se ausgeschlossen. So war der Status jüdischer Kriegsbeschädigter ambivalent: Sie verblieben zwar bis Kriegsende im Gegensatz zur restlichen jüdischen Bevölkerung durch die sogenannte ‚Frontkämpferklausel‘ in einem rechtlich privilegierten Sonderstatus, wurden aber spätestens ab 1942 ebenso verfolgt wie ihre zivilen Mitbürger. Von Anfang an ausgeschlossen waren psychisch kranke Veteranen, die zu keinem Zeitpunkt in das ideologische Bild des Regimes passten und die sukzessive entrechtet sowie systematisch im Rahmen des Euthanasieprogrammes getötet wurden.

Mit Kriegsausbruch verlor jedoch, da die NSKOV nun vollends damit beschäftigt war, sich um die versehrten Wehrmachtssoldaten zu kümmern, die propagandistische Instrumentalisierung der Veteranen des Ersten Weltkrieges an Bedeutung. Sie wurden lediglich noch für die Bekräftigung einer ‚generationsübergreifenden Opferbereitschaft‘ herangezogen, die durch Heldengedenktage und die Inszenierung der ‚neuen‘ Versehrten zelebriert wurde. Aber auch diese Propagandaformel büßte im Verlauf des Krieges ihre Wirkung ein: Da der Zweite Weltkrieg so viele Versehrte wie nie zuvor hervorbrachte, war die NSKOV bereits vor Kriegsende bankrott.

Löffelbeins Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die versehrten Veteranen des Ersten Weltkrieges eine wichtige Rolle bei Etablierung und Konsolidierung des NS-Regimes spielten. Spiegelte sich das Trauma der Kriegsjahre noch zur Zeit der Weimarer Republik in den Bildern der zerstörten Soldatenkörper wider, so etablierte die nationalsozialistische Propaganda ein auf mediale Repräsentationen und Konstruktionen gestütztes, öffentlichkeitswirksames Bild des Veteranen, das vollends in der NS-Ideologie aufging. Konsequenz dieses propagandistischen Erfolgs war, dass die Veteranen nach 1945 „weniger staatliche Würdigung und Repräsentation erfahren [sollten], als es selbst in der Weimarer Republik jemals vorstellbar gewesen wäre“ (S. 437).

Die Studie ist zweifelsohne elaboriert und kenntnisreich, dennoch erzeugen das einleitende Kapitel und die Schilderungen zur Situation der Kriegsversehrten in der Weimarer Republik beim kundigen Leser zuweilen das Gefühl von Redundanz; manche Passagen hätten komprimierter ausfallen können. Zudem lässt das mehr als umfangreiche Literaturverzeichnis einige erwartbare, einschlägige Titel zum verwandten Thema Volksgemeinschaft im Nationalsozialismus vermissen.[3] Abgesehen von diesen Kritikpunkten ist Nils Löffelbein mit seiner überaus quellengesättigten, keinen Themenbereich aussparenden Untersuchung eine wichtige Ergänzung der Forschung gelungen, die sicherlich zum besseren Verständnis der Bedeutung des Ersten Weltkrieges für die Geschichte des NS beitragen wird.

Anmerkungen:
[1] Siehe Gerd Krumeich (Hrsg.), Nationalsozialismus und Erster Weltkrieg, Essen 2010.
[2] Vgl. zur Geschichte der Kriegsbeschädigten in der Weimarer Republik die grundlegenden Studien unter anderem von Sabine Kienitz, Beschädigte Helden. Kriegsinvalidität und Körperbilder 1914–1923, Paderborn 2008.
[3] Exemplarisch Frank Bajohr / Michael Wildt (Hrsg.), Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 2009; Ian Kershaw, „Volksgemeinschaft“. Potenzial und Grenzen eines neuen Forschungskonzepts, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 59 (2011), S. 1–17.

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Veröffentlicht am
11.06.2015
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