U. Engelen: Demokratisierung der betrieblichen Sozialpolitik?

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Titel
Demokratisierung der betrieblichen Sozialpolitik?. Das Volkswagenwerk in Wolfsburg und Automobiles Peugeot in Sochaux 1944–1980


Autor(en)
Engelen, Ute
Reihe
Wirtschafts-und Sozialgeschichte des modernen Europa 2
Erschienen
Baden-Baden 2013: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
503 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Florian Triebel, BMW Group Classic, München

Der Historiker greift zum Vergleich, wenn es ihm darum geht, über die strukturierte komparative Betrachtung zweier Phänomene Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten zu destillieren, vor allem aber auch Unterschiede herauszuarbeiten. Idealerweise gelangt die Wissenschaft hierüber zu weiterreichenden Aussagen zu Handlungen, Erfahrungen, Prozessen und Strukturen im historischen Verlauf. Die große Kunst bei der Anwendung des Vergleichs als historische Methode liegt vor allem in der Auswahl der zu betrachtenden Phänomene und ihrer methodischen Behandlung: Sind sie zu unterschiedlich, verliert man sich in der Einzelbetrachtungen mit wenig Aussicht, zu generalisierbaren Thesen oder Aussagen zu gelangen; leuchtet der Historiker die auf seinem Seziertisch liegenden Objekte des Vergleichs hingegen unscharf aus, verliert er den Blick für das Spezifische und wird zu wenig tragfähigen, trivial-oberflächlichen Ergebnissen kommen.

Ute Engelen hat nun mit ihrer in an der Universität Bielefeld angenommene Dissertation den Versuch unternommen, die betriebliche Sozialpolitik zweier wichtiger Automobilwerke Europas während der ersten drei Jahrzehnte der Nachkriegszeit in vergleichender Perspektive zu untersuchen. Die Studie ist in der Nummernfolge zweiter (der Erscheinungsfolge nach jedoch erster) Band der neuen Reihe „Wirtschafts- und Sozialgeschichte des modernen Europa“. Sinnbildlich für den selbstgestellten Auftrag der Schriftenreihe fragt Engelen in ihrer Untersuchung nach Wandlungsprozessen und Trends in der betrieblichen Sozialpolitik, ihrer nationalen Prägung und schließlich den konkreten Aushandlungs- und Implementierungsprozessen auf der jeweiligen betrieblichen Ebene. Hierzu bietet sich die handlungsorientierte Mikropolitik-Konzeption an, die Engelen durch den eher Strukturen und Akteure in den Blick nehmenden embeddedness-Ansatz ergänzt. Dabei legt sie den Fokus auf die betriebsinternen Phänomene.

Als Objekte ihrer Studie wählt sie das Volkswagenwerk in Wolfsburg sowie das Stammwerk von Automobiles Peugeot in Sochaux. Diese Auswahl scheint für die Fragestellung passend getroffen zu sein, da beide Betriebe eine Reihe von Gemeinsamkeiten haben (im Wesentlichen: gleiche Branche; Aufbau respektive Wiederaufbau der Betriebsstrukturen nach 1945; große Industrieanlagen; Lage abseits von Metropolen), die als Basis für den Vergleich tragfähig erscheinen und die jeweiligen Spezifika (um die zentralen zu nennen: Akteure; innerbetriebliche Strukturen, insbesondere der Eigner und der Belegschaftsvertretung; nationale Kulturen) für die Analyse interessante Aufschlüsse erwarten lassen.

Engelen wählt ein synchron-strukturiertes Vorgehen: Sie teilt den Untersuchungszeitraum in drei zeitliche Abschnitte, deren erster vom Kriegsende bis Mitte der 1950er-Jahre reicht; der zweite nimmt die Kernzeit der äußerst dynamisch verlaufenden ökonomischen Rekonstruktion bis Mitte der 1960er-Jahre in den Blick, während der dritte schließlich die durch mehrere multikausale Krisen gekennzeichnete Phase bis Ende der 1970er-Jahre umfasst. Innerhalb dieser zeitlichen Sinnabschnitte untersucht Engelen die betriebliche Sozialpolitik in vier zentralen Themenfeldern: zunächst die materielle und finanzielle Versorgung der Beschäftigten, danach an den Erfolg des Betriebs gekoppelte Anreizsysteme, gefolgt von der Infrastrukturpolitik und schließlich betrieblichen Angeboten für die Freizeit und Urlaubsgestaltung.

Als Ergebnis ihres Vergleichs konstatiert Engelen einen „multidimensionalen Wandel“ (S. 344) in den betrieblichen Sozialmaßnahmen während des von ihr gewählten Untersuchungszeitraums. Zugleich sei ein Leistungsausbau zu verzeichnen, der parallel zu gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und der Etablierung der staatlichen Sozialpolitik erfolgte. Dabei seien trotz unterschiedlicher nationaler Kulturen sowohl in Sochaux als auch in Wolfsburg grundsätzlich ähnliche Leistungsspektren und vergleichbare Entwicklungen zu beobachten.

Bis Mitte der 1950er-Jahre richteten beide Unternehmen ihre betrieblichen Maßnahmen neu aus, die zwar auf Kontinuitäten aufbauten, jedoch das Hauptaugenmerk auf die Sicherstellung der materiellen Grundversorgung der Betriebsangehörigen und ihrer Familien legten. Gleichermaßen sollten sie somit einen Beitrag zur Stabilisierung des Betriebsablaufs und zur Steigerung der Produktivität leisten. Bis Mitte der 1960er-Jahre festigten Volkswagen in Wolfsburg und Peugeot in Sochaux die in der ersten Phase angelegten Strukturen, wobei sie die Maßnahmenpalette jeweils erweiterten. Die dynamische Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen ab Mitte der 1960er-Jahre, die mit krisenhaften wirtschaftlichen Phänomenen einherging, gab in der betrieblichen Sozialpolitik beider untersuchter Betriebe den Anstoß zur qualitativen Veränderung und zur Diversifizierung der jeweiligen Angebote. Zugleich setzte ein Ringen des Managements mit den Arbeitnehmervertretern über die Absicherung der bestehenden Leistungskataloge und über den Kreis der Anspruchsberechtigten ein. Der Gesamtcharakter der Maßnahmenpaletten veränderte sich deutlich in Richtung Wahlangebote mit Fokus auf die Monetarisierung der Leistungen, die den Beschäftigten die Möglichkeit eröffnete, sich ihren individuellen Erfordernissen und Lebenslagen entsprechend bedienen zu können.

Hieraus leitet Engelen einen grundsätzlichen Trend zur Demokratisierung der betrieblichen Sozialpolitik ab. Hierfür seien mehrere Entwicklungen maßgeblich: zunächst die Kodifizierung verbindlich festgelegter Mindeststandards für einen breiten Kreis von Anspruchsberechtigten; zudem ein schrittweiser Rückzug der Unternehmen aus der direkten Leistungserbringung über stärker monetär ausgelegte Maßnahmen mit größeren Verantwortlichkeiten der Mitarbeitervertretungen; ferner zunehmende Wahlmöglichkeiten für die Berechtigten aus unterschiedlichen Angeboten.

Neben den hier skizzierten Gemeinsamkeiten ergibt der Vergleich auch eine Reihe von spezifischen Unterschieden, deren maßgeblichster laut Engelen in der unterschiedlichen Struktur der betrieblichen Mitarbeitervertretungen zu sehen ist. Während im Volkswagenwerk der Betriebsrat maßgeblich von der IG Metall dominiert wurde, war das Comité d’Entreprise (CE) bei Automobiles Peugeot durch eine multipolare Struktur unterschiedlicher gewerkschaftlicher Kräfte gekennzeichnet. Das CE hatte als Arbeitnehmervertretung zudem Verfügungsrechte über das Sozialbudget. Hieraus entwickelte sich in Sochaux ein flexibleres und auf Aushandlungen orientiertes Vorgehen, während in Wolfsburg ein zunehmender Strukturkonservatismus zu verzeichnen war, der stärker an bestehenden Regelungen und Leistungen festhielt.

Aus der Darstellung konturiert sich ein weiterer, in der unterschiedlichen Eigentümerstruktur der beiden Unternehmen liegender Unterschied, dem von Engelen in der Analyse wenig Beachtung geschenkt wird. Während bei den betrieblichen Sozialmaßnahmen in Wolfsburg der Fokus stark auf die Betriebsangehörigen selbst gerichtet war, bezogen eine Reihe von spezifischen Maßnahmen in Sochaux die Familien der Betriebsangehörigen explizit mit ein. So gab es dort beispielsweise Weihnachtsgeschenke für Kinder oder Urlaubsangebote für Familien. Zudem konstatiert Engelen bei Automobiles Peugeot eine höhere Flexibilität bei Gratifikationen und eine geringere Verrechtlichung der Ansprüche. Dies alles deutet auf ein zumindest implizit wirkendes paternalistisches Moment hin, bei dem der patron sich einerseits keinem zu engen regulativen Korsett unterwerfen wollte, aber andererseits die Mitarbeiter und deren Angehörige als Teil der „Betriebsfamilie“ betrachtete.

Diese Anmerkung soll jedoch keineswegs Engelens Verdienste schmälern. Ihr Vergleich des niedersächsischen Apfels mit der pomme aus der Franche-Comté belegt im Gesamtergebnis die Fruchtbarkeit der strukturierten komparativen Methodik über nationale Grenzen und Kulturen hinweg. Zudem kann sie in einigen Teilbereichen den Stand der Forschung zur betrieblichen Sozialpolitik klarer umreißen, an der einen oder anderen Stelle auch mit neuen Einsichten korrigieren.