H. Schütte: Hanoi, eine nachsozialistische Moderne

Cover
Titel
Hanoi, eine nachsozialistische Moderne. Beobachtungen, Impressionen, Reflexionen


Autor(en)
Schütte, Heinz
Erschienen
Anzahl Seiten
275 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sandra Kurfürst, „Cross-cultural and Urban Communication“, Global South Studies Center, Universität zu Köln

In seinem Werk „Hanoi, eine nachsozialistische Moderne. Beobachtungen, Impressionen, Reflexionen“ zeichnet Heinz Schütte ein lebhaftes Bild der Stadt Hanoi im 21. Jahrhundert. Diese Lebhaftigkeit findet unter anderem Ausdruck im geschäftigen Treiben in den Straßen Hanois, der Symbiose alter und neuer Architektur in den Wohngebieten der Mittelklasse sowie der Entstehung einer neuen Kunstszene. Angereichert werden die gewonnenen Eindrücke mit persönlichen Lebensgeschichten von Hanoier Bewohnern. Heinz Schüttes Schilderungen basieren auf Beobachtungen und Interviews, die er während seiner häufigen Vietnamreisen gemacht hat, sowie auf Literaturrecherche. Im Unterschied zu anderen Monographien zu Hanoi, die jeweils ein bestimmtes Untersuchungsfeld zum Gegenstand haben, stellt das vorliegende Werk eine Sammlung städtischer Episoden dar. Diese Anreihung von Episoden folgt keiner historischen Chronologie, sondern ordnet sich entlang der von Heinz Schütte gesammelten Erfahrungen. Einem Flaneur gleich greift Heinz Schütte das auf, was ihm bei seinen Spaziergängen durch Hanoi ins Auge fällt. Seine Beobachtungen setzt er in einen historischen Kontext und präsentiert seine persönlichen Rückschlüsse. Durch den populärwissenschaftlichen Stil eignet sich das Buch vor allem für den aus Hanoi zurückgekehrten Leser, der den Impressionen der Reise noch einmal nachgehen und durch das Buch zur Reflexion angeregt werden will.

In der Einleitung erläutert Heinz Schütte den Modernitätsbegriff, der seiner Arbeit zu Grunde liegt. Er versteht Moderne als ein „gesellschaftspolitisches Projekt“ (S. 17) und weist auf die verschiedenen Gesellschaftsentwürfe hin, die im Vietnam des 20./21. Jahrhunderts Modernität konstituierten. Im zweiten Kapitel widmet er sich dem Wandel Hanois seit der Einführung des ökonomischen Reformprogramms Doi Moi. Wirtschaftlicher Aufschwung steht dabei der Auflösung lokaler Gemeinschaften und Nachbarschaften sowie dem Abriss historischer Bausubstanz gegenüber. Heinz Schütte weist zu Recht auf die Widersprüchlichkeiten von Modernisierung hin, seine zuweilen nostalgische Verklärung des guten Alten verstellt jedoch auch den Blick auf einen Prozess, der Veränderung nicht nur als Verlust, sondern auch als Chance begreift.

Entsprechend schildert Heinz Schütte im dritten Kapitel den Verlust von Authentizität am Beispiel des Gartencafés Vuon in der Hanoier Altstadt. Einst Treffpunkt für Dichter und Denker ist es nun zum Anlaufpunkt für Touristen geworden. Seine Begegnung mit einem Tourismus-Studierenden, der sich nicht für Politik, aber für Konsum interessiert, leitet in das vierte Kapitel über.

Darin unternimmt Heinz Schütte eine historische Annäherung an den Kapitalismus in Vietnam, indem er das Subventionssystem bao cap erläutert. Am Beispiel der Ausstellung „Hanoi Life under the Subsidy Economy 1975–1986“ demonstriert Heinz Schütte die Konstruktion von kollektiver Erinnerung. Die Ausstellung im Ethnologischen Museum in Hanoi zeigt den Alltag der Bevölkerung unter dem Subventionssystem, insbesondere die Kreativität der Stadtbewohner/innen im Umgang mit dem Mangel an Nahrungsmitteln und Konsumgütern. Heinz Schütte schließt, dass es sich dabei zwar um eine gesteuerte Erinnerung handelt, die jedoch das Potenzial hat, zum Nachdenken anzuregen und den Austausch zwischen den Generationen zu fördern – über 50 Prozent der Vietnamesinnen und Vietnamesen sind erst nach dem Zweiten Indochinakrieg geboren und haben bao cap nicht selbst erlebt.

Im fünften Kapitel schildert Heinz Schütte die persönlichen Lebensgeschichten von vier Hanoier Bewohnern. Die kurzen Biographien eines Schneiders, Antiquitätenhändlers, Professors der Sozialwissenschaften sowie eines Architekten heben Chancen und Hindernisse auf dem Lebensweg hervor. Die Lebensgeschichte einer Frau hätte das Kapitel sicher bereichert und zu einem weiteren Verständnis des persönlichen Erlebens von Modernisierung beitragen können. Dass die Interviewpartner vornehmlich Männer sind, liegt wohl am Zugang des Autors zum Feld.

Im sechsten Kapitel behandelt Heinz Schütte die Kombination von verschiedensten Architekturstilen in den Wohngebieten der neuen Mittelklasse. Diese Symbiose beschreibt er als „aneignende Indigenisierung“ (S. 149). Ohne dies weiter auszuführen, spricht er damit eine wesentliche Determinante der Gesellschaften Südostasiens an: die Übernahme und Adaption kultureller Praktiken von außen und deren Integration in die eigene Kultur.

Als prominentestes Beispiel für die Kombination von Architekturstilen führt Heinz Schütte den „Invalidendom“ von Dr. Tan, dem Besitzer einer Thüringer-Bratwurst-Fabrik im Umland von Hanoi, an, über dessen Haus bereits eine Dokumentation gedreht wurde.

Die New Urban Areas am Stadtrand von Hanoi beschreibt Heinz Schütte als abgeriegelte Villen der Vorstadt, die „die Furcht vor den classes dangereuses, den gefährlichen Klassen“ (S. 155) ausdrücken. Damit entwirft er ein negatives Bild einer aufstrebenden Mittelschicht. Eine positivere Lesart wäre, diese Wohnviertel im Hanoi des 21. Jahrhunderts als ein Ausdruck von Status und eines neuen Lebensstils, der sich weg von der Großfamilie hin zur Kernfamilie bewegt, zu verstehen. Darüber hinaus lässt diese Deutung verkennen, dass die Abschottung des privaten Raums nach außen nicht nur in den Villenvierteln Hanois zu beobachten ist, sondern auch in der dicht besiedelten Innenstadt und damit generell Ausdruck von Modernität ist.

Im siebten Kapitel macht Heinz Schütte einen Sprung über den Roten Fluss nach Gia Lam. Als architektonische Besonderheit nennt Heinz Schütte hier Pfahlbauten, die ursprünglich nur bei ethnischen Minoritäten im Hochland zu finden sind. Bei den Besitzern dieser Bauten handelt es sich zum einen um ein Künstlerehepaar und zum anderen um den Pächter des Café Goethe im Goethe-Institut Hanoi. Die Motivationen für den Bau dieser Häuser sind ganz unterschiedlich: Während Heinz Schütte die Pfahlbauten der Künstler als „eine kritisch distanzierte Haltung gegenüber der Gesellschaft“ (S. 197) interpretiert, erläutert er, dass Herr Ngoc sein Haus in erster Linie an höhergestellte Freunde „verleiht“ (S. 207). Herr Ngoc ist auch derjenige, der den Döner Kebab als erfolgreiches Geschäftsmodell in Vietnam etabliert hat. Auch hier hat wieder eine Adaption aus dem Ausland in das Alltagsleben der Hanoier stattgefunden, indem Zutaten und Gewürze an vietnamesische Verhältnisse angepasst wurden.

Im achten Kapitel beschreibt Heinz Schütte den Umzug des Goethe-Instituts in eine koloniale Villa an der Nguyen Thai Hoc Str. Im Vorfeld der Eröffnung hat hier bereits eine Ausstellung von 16 Künstler/innen stattgefunden. Heinz Schütte macht daran einen veränderten Kunstbegriff fest: „Kunst war nicht länger eine Front des kämpferischen Sozialismus im Sinne von Präsident Ho Chi Minh und neuerer Parteiverlautbarungen, sondern sie war funktionslos geworden, sie sollte nur noch individueller Ausdruck, Provokation, Spiel und Alltag sein“ (S. 211).

Im letzten Kapitel unternimmt Heinz Schütte eine Annäherung an die Hanoier Moderne. Als kennzeichnend nennt er die Synkretismen und Hybriden, die sich in der Architektur, den kulturellen Praktiken sowie in der Wirtschaft und Politik Hanois widerspiegeln. Während der Staat weiterhin eine sozialistische Moderne propagiert, bestimmt, Heinz Schütte zufolge, „der Traum von Technik, Konsum und wirtschaftlichem Wachstum“ (S. 238) den Alltag der Hanoier Bevölkerung.

Den Bewohner/innen Hanois konstatiert Heinz Schütte „Gleichgültigkeit gegenüber Personen, die nicht dem familiären, Freundeskreis oder Clan angehören“ (S. 225). Ohne dies zu benennen, beschreibt Heinz Schütte hier ein generelles Phänomen der Großstadt. Georg Simmel hat diese geistige Haltung des Großstädters bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Begriff der „Reserviertheit“ gefasst. In der Großstadt dominieren sachliche Beziehungen die persönlichen Beziehungen. Ohne soziale Distanz ist das Leben in der Metropole nicht möglich. „Reserviertheit“ gewährt dem Individuum persönliche Freiheit.[1] Somit birgt die moderne Großstadt Hanoi auch Chancen für Individualisierung und eine freie Entfaltung der Persönlichkeit; Chancen, denen Heinz Schütte in seinem Buch leider nur wenig Platz einräumt.

Anmerkung:
[1] Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben (1903), in: Rüdiger Kramme / Angela Rammstedt / Otthein Rammstedt (Hrsg.), Georg Simmel. Aufsätze und Abhandlungen 1901–1908. Band 1. Frankfurt am Main 1995, S. 116–131, bes. S. 122ff.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.11.2014
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Publikation
Sprache Beitrag