G. Koch u.a. (Hrsg.): Wissensarbeit und Arbeitswissen

Cover
Titel
Wissensarbeit und Arbeitswissen. Zur Ethnografie des kognitiven Kapitalismus


Herausgeber
Koch, Gertraud; Warneken, Bernd Jürgen
Reihe
Arbeit und Alltag 5
Erschienen
Frankfurt am Main 2012: Campus Verlag
Anzahl Seiten
424 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Ove Sutter, Wien

In der Forschung zu aktuellen Transformationen von Erwerbsarbeit werden seit einigen Jahren neben arbeits- und industriesoziologischen vermehrt wieder volkskundlich-kulturwissenschaftliche Untersuchungen wahrgenommen, deren Beitrag insbesondere in ihrer akteurszentrierten Perspektive und methodenreflexiven ethnographischen Vorgehensweise besteht. Ein Forum sowie eine Möglichkeit zum interdisziplinären Dialog finden diese Studien auf den regelmäßig stattfindenden Tagungen der Kommission Arbeitskulturen in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv). Auch die vorliegende Publikation versammelt die Ergebnisse einer Kommissionstagung, die im April 2011 an der Zeppelin Universität Friedrichshafen stattfand.

Der Untertitel des in sechs Abschnitte untergliederten Sammelbandes verleitet zunächst zu der Annahme, hier fände eine empirische Grundierung der theoretischen Debatten neomarxistisch-postoperaistischer Provenienz zum Verständnis des gegenwärtigen Stadiums kapitalistischer Vergesellschaftung statt, was jedoch (leider) nicht der Fall ist. Stattdessen versammelt die Publikation 25 Beiträge zum Thema „Wissensarbeit und Arbeitswissen“, deren verbindendes Moment vor allem die in weiten Teilen angewandte praxeologische Perspektive auf ihren jeweiligen Untersuchungsgegenstand ist. Die HerausgeberInnen Gertraud Koch und Bernd Jürgen Warneken begründen die damit zumeist verbundene ethnographische Vorgehensweise mit dem aktuellen Erkenntnisstand der sozialwissenschaftlichen und kulturanthropologischen Wissensforschung, dass „Wissensarbeit und Arbeitswissen als sozial, kulturell und situativ ‚geerdet‘ anzusehen sind“ (S. 13). Sie wollen mit dem Band den aus ihrer Sicht bisher eher vernachlässigten Fokus auf die Rolle von Praxis, Erfahrung und auch Emotionalität in Prozessen der „Wissensgenerierung, Wissensfixierung, Wissensvermittlung und Wissensnutzung“ (ebd.) stärken. Dies – so viel sei vorweggenommen – ist ihnen insbesondere bezüglich der zwei Dimensionen Praxis und Erfahrung gelungen.

Eine anregende Einleitung im ersten Abschnitt gibt Stefan Beck, in dem er sich mit dem Zusammenspiel von materiellen Aspekten von Wissensarbeit – zum Beispiel dem Verwenden von Karteikarten oder Pinnwänden und damit verbundenen Aufschreibepraktiken – und diskursiven Wahrheitsregimen – wie zum Beispiel Evaluationsverfahren oder auch Denkstilen – auseinandersetzt. Am Beispiel der Bürokratie-Studie des Organisationssoziologen Peter Michael Blau aus den 1950er-Jahren und einer ethnographischen Forschung von Dawn Nafus und Ken Anderson aus den 2000er-Jahren beim Informationstechnologiekonzern Intel schlägt Beck überzeugend vor, Zusammenhänge der Wissensproduktion als „materiell-diskursive Ökologien“ (S. 33) ethnographisch zu untersuchen.

Der zweite Abschnitt wendet sich Arbeitsverhältnissen in den so genannten „Creative Industries“ im Designbereich (Pallowski, Lange) oder auch in der Werbebranche (Krämer) zu. Entlang empirischer Fallstudien behandeln die AutorInnen Fragen nach dem Wandel von Organisationsformen und damit verbundenen Autonomiegewinnen für die MitarbeiterInnen, nach sozialen und räumlichen Aspekten kulturunternehmerischer Selbstvermarktung oder auch nach Strategien der internen Wissensstabilisierung hochflexibler Unternehmen. In diesem Kapitel findet sich auch ein Beitrag aus dem Umfeld der Chemnitzer Industrie- und Techniksoziologie, deren MitarbeiterInnen in der Vergangenheit Analyseinstrumente wie das Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“[1] oder der „Subjektivierung von Arbeit“[2] ausarbeiteten. Diese Konzepte kamen insbesondere auch in der Arbeitskulturenforschung zahlreich und produktiv zur Anwendung. Wenngleich der hier vorliegende Beitrag von Christian Eismann und Sabine Hornung keine derartigen konzeptionellen Vorschläge enthält, ist ihre qualitative Forschung zu „Konsumentenarbeit“ dennoch aufschlussreich. Die AutorInnen zeigen, wie IT-Unternehmen sich bei ihrer Abschöpfung von Kundenwissen durch Web-2.0-Kommunikation ihren Usern gegenüber nicht nur öffnen, sondern vielmehr mit hierarchisch strukturierten Öffnungs- und Schließungsverfahren operieren. Als Ergebnis ihrer Untersuchung schlagen sie vertiefende Forschungen zur neuen Figur des „Web-2.0-Grenzstellenmanagers“ (S. 115) vor, der die Grenze zwischen Unternehmen und Usern managt und zwischen beiden Seiten kommunikativ vermittelt. Diese „Front-Line-Worker“ (S. 112) sind dabei mit neuen Formen der Entgrenzung ihres Arbeitsverhältnisses konfrontiert und müssen über spezifische Fähigkeiten internetbasierter Moderation von Kommunikationsprozessen verfügen.

Die AutorInnen des dritten Abschnitts fragen nach dem Körpereinsatz von Erwerbstätigen, nach der Arbeit am Körper anderer sowie nach der Strukturierung von Körperpraktiken durch diskursive Wissensregime. Dabei richten sie ihren Fokus auf Felder wie die Arbeit im Friseursalon, Altenpflege (Schweiger) und unbezahlte Care-Arbeit von Müttern (Schmidt) – Tätigkeiten, die klassischerweise nicht als Wissensarbeit untersucht werden. So analysiert zum Beispiel Sarah Braun in ihrem Beitrag die Arbeit in einem Friseursalon und den damit verbundenen Einsatz inkorporierten Wissens. An ihrem Artikel überzeugt insbesondere, wie sie die praktische „Gefühlsarbeit“ (S. 128) an der interaktiven Herstellung einer „Wellness-Atmosphäre“ (S. 131) durch Friseurin und KundInnen nicht nur in ethnographischen mikroskopischen Beschreibungen darstellt, sondern gleichzeitig auch theoretisch gesättigt analysiert und damit einhergehend die Notwendigkeit einer praxeologischen Perspektive auf Arbeitswissen unterstreicht.

Der vierte Abschnitt setzt sich mit dem Umgang mit Erfahrungswissen in unterschiedlichen Berufsfeldern, in Verwaltung (Schultheis), Softwareindustrie (Sauer/Pfeiffer), Landwirtschaft (Huber), in neuen Ausbildungsformen der Metall- und Elektroindustrie (Bahl) und in medizinischen Arbeitsfeldern (Amelang, Langemeyer) auseinander. In ihrer Studie zum Wandel von Arbeitswissen und Tätigkeiten in der Landwirtschaft zeigt Birgit Huber auf, wie Prozesse der Informatisierung von Arbeit sich nicht nur im tertiären und sekundären Sektor, sondern ebenso in der Agrarproduktion niederschlagen. Sie eröffnet damit zum einen zeitgemäße Perspektiven auf einen originären Forschungsgegenstand der Volkskunde. Darüber hinaus vermag Huber hier auch die postoperaistische These von der gegenwärtigen Hegemonie der immateriellen Arbeit empirisch zu unterfüttern. Diese zeigt sich eben weniger durch die quantitative Dominanz der Dienstleistungsarbeit als vielmehr dadurch, dass sie auch die industrielle und die landwirtschaftliche Produktion grundlegend neu strukturiert.[3]

Die Relevanz einer ethnologischen Perspektive auf hochspezialisierte Felder der Wissensproduktion und -anwendung verdeutlicht insbesondere der Beitrag von Katrin Amelang. Ihre ethnographische Studie zum Stellenwert von Smalltalk zwischen PatientInnen und Personal einer Transplantationsambulanz für das medizinische Arbeitswissen beeindruckt nicht nur durch die Dichte der ethnographischen Beschreibungen. Amelang zeigt vor allem in überzeugender Weise, dass medizinisches Wissen ein „instabile Ressource“ ist, deren Produktion sich nur durch die Berücksichtigung ihrer sozialen Seite – in diesem Fall die kommunikativen Prozesse der Ambulanz zwischen PatientInnen, Pflegepersonal und ÄrztInnen – verstehen lässt. Damit schafft Amelang auch eine fundierte kritische Perspektive auf die negativen Folgen wirtschaftlicher Rationalisierungsprozesse, welche die Zeit für persönliche Gespräche am Krankenbett und damit auch wertvolles Wissen zunehmend einschränken.

Die inhaltliche Klammer der sieben Beiträge des fünften Abschnitts bildet die teils eher theoretisch, teils empirische argumentierende Untersuchung von „Wissensregimes“ und ihren sozialen Aushandlungen, wobei hiermit ebenso betriebswirtschaftliche Strategien der Unternehmensführung (Porschen, Schlager), diskursiv-programmatische Momente von Arbeits- und Unternehmenskulturen (Müller, Fendos), gesellschaftliche Leitbilder wie das „unternehmerische Selbst“ (Glauser) oder auch Archive (Müske) gemeint sind. Hier sticht insbesondere der Beitrag von Johannes Müske heraus, der die Veränderungen der Arbeitswelt von MedienarchivarInnen durch den technischen Wandel der Digitalisierung untersucht. Müske begreift das institutionelle Archiv als Ort, „an dem die Auswirkungen der gegenwärtigen ‚digitalen industriellen Revolution‘ verhandelt werden“ (S. 322). Er zeigt auf Basis seiner Feldforschungen, wie zwar einerseits die bisherigen archivarischen Aufgaben der Recherche und Beratung, der Dokumentation wie auch das physische Bewegen von Datenträgern an Relevanz verlieren. Gleichzeitig rücken aber die Archive unter anderem durch die umfassenderen und zugänglicheren Zugriffsmöglichkeiten auf ihre Bestände selbst stärker ins Zentrum der Medienproduktion. Hieraus erwachsen auch für die ArchivarInnen neue und umfangreiche Aufgabengebiete, so zum Beispiel die angesichts der großen Materialfülle zunehmend bedeutende Tätigkeit der Klassifizierung von Archivalien. Müske leitet aus seinen Forschungen aber auch den Appell an die historisch forschenden Kulturwissenschaften selbst ab, die digitalisierten Medienarchivalien, insbesondere die Bestände von Audio-Archiven, verstärkt zu nutzen und neben schriftlichen Dokumenten als Quellen in die Forschung miteinzubeziehen.

Orvar Löfgren stellt an den Anfang seines Beitrags, der zugleich den sechsten und letzten Abschnitt bildet, die Frage nach der alltäglichen Routinisierung von Wissen. Hierbei erscheinen ihm soziale Krisensituationen, in denen Routinen nicht mehr greifen, als fruchtbare Forschungssettings. Im weiteren Verlauf drehen sich seine Gedanken jedoch eher um eigene und fremde Forschungsarbeiten sowie persönliche Erfahrungen und setzen sich mit alltäglichen Praktiken des Umgangs mit Wissen in Situationen des Überflusses an Informationen, Wissensanforderungen und Materialien auseinander. Genauer geht es um Strategien des Nichtwissens wie zum Beispiel Vergessen, Übersehen oder Entsorgen, die ihm zufolge ein noch wenig systematisches Forschungsfeld darstellen.

Mit Blick auf den vorliegenden Sammelband erscheint insbesondere Löfgrens Anmerkung relevant, bei der Untersuchung von Wissenspraktiken und -ordnungen auch die historische Perspektive stärker zu berücksichtigen. Dies lässt sich auch als kritische Anmerkung zur Publikation lesen, insofern hier die historische Perspektive auf das Thema Wissensarbeit und Arbeitswissen eher kurz geraten ist. Dabei kann gerade eine gleichzeitig ethnographische wie historisch argumentierende Perspektive als Alleinstellungsmerkmal der Arbeitskulturenforschung in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Arbeitsforschung fungieren.

Insgesamt zeichnet sich der Band insbesondere durch jene Aspekte aus, die auch am ehesten dessen roten Faden bilden: Die AutorInnen verdeutlichen in weiten Teilen den Mehrwert einer praxeologischen Perspektive auf das Themenfeld Arbeitswissen und Wissensarbeit, aus der heraus Praktiken, Akteure und Diskurse in ethnographischen Settings fokussiert werden. Dies ermöglicht, die prozessualen Momente der Wissensproduktion und die sie bedingenden sozialen Situationen zu analysieren. Damit verbunden verdeutlichen die Beiträge am Beispiel unterschiedlicher Erwerbsfelder die Notwendigkeit, die analytische Kategorie der Erfahrung und des Erfahrungswissens und damit die subjektiven Anteile der Wissensarbeit stärker zu berücksichtigen. Zumeist erfreulich ist auch, wie einige der AutorInnen den gesellschaftlichen Nutzen ihrer Untersuchungen ableiten, da sie zum Beispiel hieraus mögliche Konsequenzen für gewerkschaftliche Arbeit oder Sozialpolitik aufzeigen oder auch einfach die sozialen Folgen von Einsparungsmaßnahmen kritisch hinterfragen.

Anmerkungen:
[1] Hans J. Pongratz / G. Günter Voß, Arbeitskraftunternehmer. Erwerbsorientierungen in entgrenzten Arbeitsformen, Berlin 2003.
[2] Vgl. Manfred Moldaschl / G. Günter Voß (Hrsg.), Subjektivierung von Arbeit, München 2002.
[3] Vgl. Michael Hardt / Antonio Negri, Multitude. Krieg und Demokratie im Empire, Frankfurt am Main 2004, S. 125.

Redaktion
Veröffentlicht am
18.11.2013
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/