G. Papantoniou: Religion and Social Transformations in Cyprus

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Titel
Religion and Social Transformations in Cyprus. From the Cypriot Basileis to the Hellenistic Strategos


Autor(en)
Papantoniou, Giorgos
Reihe
Mnemosyne-Supplements. History and Archaeology of Classical Antiquity 347
Erschienen
Anzahl Seiten
XXVIII, 604 S.
Preis
€ 165,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Körner, Historisches Institut, Universität Bern

Im späten 4. Jahrhundert v.Chr. geht auf Zypern eine Ära zu Ende: Die verschiedenen zyprischen Königreiche werden nach und nach von Ptolemaios vernichtet. In Kition brennt der Tempel, die Stadt Marion wird dem Erdboden gleichgemacht, der königliche Palast von Amathous zerstört, Nikokles, der letzte König von Paphos, zum Selbstmord gezwungen. Damit endet die jahrhundertelange Aufteilung der Insel in Königreiche; Ptolemaios bezieht die gesamte Insel in seinen Herrschaftsbereich ein.

Giorgos Papantoniou hat mit seiner Dissertation, die 2008 am Trinity College in Dublin angenommen wurde, eine umfangreiche Untersuchung vorgelegt, in der er versucht, anhand des archäologischen Befunds die Folgen dieses politischen Übergangs für die Mentalität nachzuweisen. Neben der Frage, in welchen Formen die zyprischen Stadtkönige und später die Ptolemäer Macht und Ideologie ausdrückten, untersucht Papantoniou die Reaktionen in der breiten Bevölkerung. Damit will er erfassen, inwieweit der politische Wechsel mittel- bis längerfristig einen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel nach sich zog. Im Fokus der Untersuchung stehen Funde religiösen Charakters, die nach Papantoniou einen Ausdruck von Mentalitäten darstellen und zudem auf Zypern archäologisch verhältnismäßig gut nachweisbar sind.

Die Arbeit beginnt mit einem umfangreichen Kapitel „Setting the Scene“, das den methodischen Fragen gewidmet ist. In einem ausführlichen Forschungsüberblick zeigt Papantoniou die Problematik der eindimensionalen Annahme einer Hellenisierung einheimischer Kulturen durch eine gräco-makedonische Oberschicht. Skepsis ist auch bei dem Begriff der koine angebracht. Gerade das Beispiel Zypern, wo in Paphos noch im 1. vorchristlichen Jahrhundert die Verwendung der einheimischen Silbenschrift in einem administrativen Kontext bezeugt ist, zeigt, dass unterschiedliche kulturelle Praktiken nebeneinander existieren konnten. Papantoniou zieht daher „centre-periphery“-Modelle vor und betont die Vielgestaltigkeit von Hellenisierungsprozessen: „As it was perfectly possible for the rulers to look simultaneously to ‚Hellenism‘ and to the local environment, at the same time it was usually perfectly possible for the natives to maintain multiple identities“ (S. 51).

Ausführlich befasst sich Papantoniou auch mit den Begrifflichkeiten „ideology“ und „religion“. In ersterem Fall übernimmt er die Definition von Alcock und Morrisson, denen zufolge Ideologie „the broad overlapping spheres of religious beliefs and ritual, of power negotiations and relations, of self-definitions and self-representation, or human understanding of ‚world order‘“ umfasst.[1] Religion wiederum ist für Papantoniou kein bloßes Subsystem von Gesellschaft und Ideologie, sondern vielmehr eine übergeordnete Struktur, in die sämtliche anderen Bereiche des Lebens eingeordnet werden können. So wird Religion zwar einerseits beeinflusst von ideologischen Vorstellungen, wirkt aber ihrerseits wieder auf das politische System zurück.

Das erste Hauptkapitel befasst sich mit den „sacred landscapes“ (S. 73–162). In einer sorgfältigen Analyse der Begrifflichkeit nutzt Papantoniou Knapps und Ashmores Definition von „landscape“ als „arena in which and through which memory, identity, social order and transformation are constructed, played out, re-invented, and changed“.[2] Papantonious Untersuchung ergibt, dass die Ptolemäer keine Heiligtümer aus religiösen, sondern aus politischen Gründen zerstörten, sofern es sich nämlich um Städte handelte, deren Könige Widerstand geleistet hatten (Marion und Kition). Die übrigen Heiligtümer weisen beachtliche Kontinuitäten auf, vor allem die großen überregionalen Zentren wie Paphos.

Ausführlich setzt sich Papantoniou mit den Studien von Sabine Fourrier auseinander, die in den stilistischen Unterschieden der Weihgeschenke in den einzelnen Heiligtümern Indikatoren von Einflusssphären der verschiedenen Stadtkönigtümer zu erkennen versucht.[3] Zu Recht warnt er davor, zu rasch von stilistischen Eigenheiten auf politische Machtbereiche zu schließen. Auch lasse sich in keinem einzigen Fall für die Gründung eines Heiligtums der Versuch eines Stadtkönigs, territoriale Ansprüche zu erheben, feststellen. In leichtem Widerspruch zu dieser Aussage steht Papantonious These, die geringe Anzahl von Neugründungen von Heiligtümern durch die ptolemäischen Könige lasse sich dadurch erklären, dass nach der Einbeziehung der gesamten Insel in einen einzigen Machtbereich offensichtlich nicht mehr die Notwendigkeit bestanden habe, Grenzen zu definieren. Recht geben kann man ihm jedoch in der Beobachtung, dass durch die politische Einigung der Insel möglicherweise die lokalen Unterschiede der Kulte eine geringere Rolle spielten und ein „more unified cultic system“ resultierte (S. 138). Auch der Herrscherkult der Ptolemäer war auf der Insel von großer Bedeutung, er könnte durch das Koinon Kyprion (das allerdings nur zweimal in späthellenistischer Zeit bezeugt ist) und die Basilistai ausgeübt worden sein. Ein Ausdruck dieser graduellen Vereinheitlichung lässt sich vielleicht auch im Niedergang der extra-urbanen Heiligtümer nach 200 erkennen: Offensichtlich spielten diese zunächst nach dem Niedergang der Stadtkönigtümer noch eine gewisse Rolle für die Bevölkerung, verloren sie aber mit der Zeit und im Zuge der Vereinheitlichung der Verwaltung. Papantoniou sieht entsprechend das Jahr 217 v.Chr. als Einschnitt, weil erst mit diesem Jahr eine einheitlichere Verwaltung auf der Insel eingerichtet wurde.

Das zweite Hauptkapitel befasst sich mit zwei Fallbeispielen, dem Heiligtum von Soloi Cholades und den Palastheiligtümern von Amathous. Das Heiligtum von Soloi folgt in der Architektur noch dem zyprischen Temenos-Heiligtum, während die Skulpturenfunde klar der hellenistischen Stilrichtung zuzuweisen sind. In Amathous lässt sich feststellen, dass die Stadtkönige vor allem Astarte / Hathor verehrt hatten, während in ptolemäischer Zeit Aphrodite / Isis in den Vordergrund trat.[4] Im dritten Kapitel untersucht Papantoniou hellenistische Portraits aus zyprischen Heiligtümern unter dem Aspekt ihrer Funktion für die ptolemäische Herrschaft. Sie verdeutlichen nach Papantoniou die Bedeutung von Religion für die Legitimierung politischer Autorität.

Im Ergebnis betont Papantoniou zu Recht, dass nach der raschen und brutalen Eroberung über einen längeren Zeitraum ein neues Machtsystem geschaffen werden musste, ein Prozess, der wohl erst nach dem Ende des 3. Jahrhunderts v.Chr. abgeschlossen war. Dieser ging einher mit einer zunehmenden Durchsetzung einer „‚unifying‘ politico-religious ideology“ (S. 357), deren Träger die ptolemäischen Beamten, aber auch die Gymnasien oder die koina waren. Ein Ausdruck dieser Vereinheitlichung ist wohl der Niedergang der in archaischer und klassischer Zeit so wichtigen außerstädtischen Heiligtümer ab dem 2. Jahrhundert v.Chr. Die kulturelle Homogenität (die zum Teil bereits vorher trotz der Aufteilung Zyperns in Königtümer und Ethnien existierte) wurde zweifellos in ptolemäischer Zeit verstärkt. So entwirft Papantoniou ein differenziertes Bild, in dem Kontinuität und Wandel nebeneinander auftreten.

Papantoniou legt ein ausgesprochen detailliertes Werk vor, das sich durch ein hohes Theorienbewusstsein auszeichnet. Die starke Verpflichtung gegenüber der älteren Forschung macht aus der Arbeit auch über weite Teile einen Forschungsüberblick, in dem der eigene Beitrag angesichts der Detailfülle nicht immer ganz deutlich wird. Dennoch stellt das Werk einen gewichtigen Beitrag zu Fragen von kulturellem Kontinuität und Wandel während des Hellenismus an einem Beispiel der sogenannten Peripherie dar.

Anmerkungen:
[1] Susan E. Alcock / Kathleen D. Morrisson, Imperial Ideologies, in: Susan E. Alcock u.a. (Hrsg.), Empires. Perspectives from Archaeology and History, Cambridge 2001, S. 279–282, hier S. 279.
[2] So nach Arthur Bernard Knapp / Wendy Ashmore, Archaeological Landscapes: Constructed, Conceptualized, Ideational, in: Wendy Ashmore / Arthur Bernard Knapp (Hrsg.), Archaeologies of Landscape. Contemporary Perspectives (Social Archaeology), Oxford 1999, S. 1–30, hier S. 10.
[3] Sabine Fourrier, La coroplastie chypriote archaïque. Identités culturelles et politiques à l’époque des royaumes, Lyon 2007.
[4] Bei der Analyse des Sarkophags von Amathous (S. 263–271) vermisst man eine Auseinandersetzung mit der umfassenden (in Papantonious Bibliographie im Übrigen erwähnten) Untersuchung von Andreas Stylianou, Der Sarkophag aus Amathous als Beispiel kontaktinduzierten Wandels, in: Dynastensarkophage mit szenischen Reliefs aus Byblos und Zypern, Teil 2, Mainz am Rhein 2007, S. 1–188.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.11.2013
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